„Wir stehen das durch“

Mehr Beatmungsgeräte, mehr Betten und mehr Intensivplätze für Covid-19-Patienten: Das Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart hat sich auf die zweite Corona-Welle vorbereitet. Dabei profitiert das Stiftungskrankenhaus von den Erfahrungen aus dem Frühjahr, der Teilnahme an Studien und neuen Test-Möglichkeiten.

Alexandra Wolters | Oktober 2020
Robert-Bosch-Krankenhaus/Christoph Schmidt

Vor dem Haupteingang des Robert-Bosch-Krankenhauses: Gemessen werden die Körpertemperatur und weitere Vitalfunktionen einer Besucherin.

Im Frühjahr 2020 musste das Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) seinen gesamten Betrieb sehr schnell umorganisieren. Für die steigende Zahl an Covid-19-Patienten wurden damals im Eiltempo eine Isolierstation, Schleusen für Corona-Erkrankte und eine Fieberambulanz eingerichtet. Die Zahl der Intensivbetten wurde von 38 auf 67 aufgestockt. Trotz Lieferengpässen bei Schutzkleidung, Masken und Desinfektionsmitteln, schlugen sich sowohl das Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart als auch sein Standort in Gerlingen, die Klinik Schillerhöhe, wacker. Jetzt blicken Mark Dominik Alscher, der medizinische Geschäftsführer des Robert-Bosch-Krankenhauses, und seine Kollegen aufgrund steigender Zahlen an Covid-19-Patienten wieder gespannt, aber auch vorbereitet in die Zukunft: „Wir haben Erfahrungen gesammelt, viel gelernt, uns weiterentwickelt und uns gut aufgestellt.“

Lehren und Erfahrungen

Schnelle Entscheidungen, zügige Umsetzung und regelmäßige Kommunikation auf digitalen Wegen – das waren die Bestandteile des Eskalationskonzeptes des Krankenhauses im Frühjahr. Darauf setzt das Haus auch jetzt wieder. „Wir haben unsere Entscheidungsstrukturen so aufgebaut, dass wir innerhalb von einem Tag zu sehr schnellen Entscheidungen kommen können“, erklärt Alscher. Dabei helfe der hohe Digitalisierungsgrad im Haus. „Wir bringen die Akteure regelmäßig in Videokonferenzen zusammen – und haben dadurch, in Verbindung mit unserer vollständigen Digitalisierung aller Dokumente, eine hohe Schlagkraft.“ Vor einigen Wochen wurden wieder die täglichen Konferenzen der Task Force Corona mit etwa 40 Teilnehmern aufgenommen, darunter Chefärzte, leitende Pflegekräfte, Mitarbeiter aus den Bereichen Hygiene, Labor und Apotheke. 
 

Robert-Bosch-Krankenhaus/Christoph Schmidt

Briefing der Mitarbeiter im Hörsaal des RBK, vorne steht Prof. Dr. med. Mark Dominik Alscher, Medizinischer Geschäftsführer des Krankenhauses.

Vorbereitungen auf die zweite Welle

„Wir können noch so viel planen, aber leider gibt einem der Markt nicht immer alles, was man braucht“, weiß Alscher. So gab es im Frühjahr bundesweit teilweise dramatische Engpässe bei den Schutzausrüstungen, die das Robert-Bosch-Krankenhaus durch kontinuierliche Kommunikation mit vielen verschiedenen Anbietern auffangen konnte – sowie durch Spenden aus China, die über Kontakte des Unternehmens Bosch zustande kamen. Aktuell mangelt es hingegen an Reagenzien für die PCR-Tests. Und auch bei dem Corona-Medikament Remdesivir gibt es derzeit Engpässe. Dafür konnten die bestehenden Lager sowie zusätzliche Räume mit Schutzkleidung und Masken gut gefüllt werden. „Da haben wir derzeit ausreichend Bestände für etwa ein halbes Jahr“, sagt Alscher. Die Zahl der Beatmungsmöglichkeiten wurde von 43 auf 82 nahezu verdoppelt. In den Lagern stehen weitere 74 Beatmungsgeräte bereit, das Haus kann derzeit personell maximal 82 Geräte betreiben.

Wir haben derzeit ausreichend Bestände für etwa ein halbes Jahr

Im Frühjahr gab es vom Staat für die Krankenhäuser eine Leerstandspauschale für Betten, die für potenzielle Covid-19-Patienten vorgehalten wurden. So hatten die Einrichtungen genügend finanzielle Mittel. Diese Pauschale gibt es nun nicht mehr, bedauert Alscher. „Dafür haben wir nun einen Stufenplan, mit dem wir sehr schnell und agil handeln und Räume umnutzen können – bis hin zu einer kompletten Umstellung auf das Thema Covid 19, was wir uns aber nicht wünschen.“ Das Haus müsse aus betriebswirtschaftlicher Sicht schauen, dass es auch weiterhin genügend andere Patienten behandle. 

Robert-Bosch-Krankenhaus/Christoph Schmidt

Der Eingang zur Fieberambulanz.

Für die Entwicklung des Stufenplans ist das Robert-Bosch-Krankenhaus verschiedene Szenarien durchgegangen. Realistisch sei dabei leider aktuell auch der schlimmste Fall: „Wir bekommen mehr als 100 Patienten, die wir beatmen müssen.“ Dann müsste jeder Mitarbeiter deutlich mehr Patienten versorgen und die Rollenverteilung zwischen Ärzten und Pflege müsste aufgegeben werden. Das könne zu Lasten der Qualität gehen und würde eine erhebliche Belastung des Personals bedeuten. Wenn dieses dann auch noch erkrankt, wird der Fall nicht umsetzbar sein. 

Wir stehen das als Team durch und können uns aufeinander verlassen

Dieses Szenario ist auch Kathi Kimmich nicht fremd, die als Krankenpflegerin auf einer Covid-19-Station im Einsatz ist. Dennoch bleibt sie zuversichtlich. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir das als Team durchstehen und uns aufeinander verlassen können. Und daran glauben wir auch jetzt, wo wir das Krankheitsbild besser kennen.“ Als Vorbereitung auf den erneuten Anstieg an Corona-Patienten wurden der Einsatz von Personal überdacht und die Kohorten verkleinert. Ein festes Team versorge nun nicht mehr eine ganze Station, sondern momentan vier Patienten. Gleichzeitig wurden Isolierbereiche so gestaltet, dass sie nach Bedarf erweitert werden können. Und es gab Weiterbildungen im Umgang mit der Überwachung von Patienten und Beatmungsgeräten. 

Um die potenzielle Menge an Corona-Patienten so gut wie möglich behandeln zu können, hat das Robert-Bosch-Krankenhaus an seinem Standort Klinik Schillerhöhe in den vergangenen Wochen eine Normal-Station geschaffen, die perspektivisch bis zu 40 Covid-19-Patienten aufnehmen soll. Parallel dazu ist gerade am Standort Stuttgart eine neue Aufnahmestation in Betrieb gegangen, in der auch Covid-Verdachtsfälle versorgt und überwacht werden können. 
 

Robert-Bosch-Krankenhaus/Christoph Schmidt

Auswertung eines Covid-19-Tests im Zentrallabor des RBK.

Neue Kenntnisse über Corona und die Spätfolgen

„Wir haben jetzt mehr Wissen über Covid-19 und können damit etwas anders umgehen“, berichtet der Lungenfacharzt Claus Neurohr, der die Abteilung für Pneumologie und Beatmungsmedizin an der Klinik Schillerhöhe leitet. Wie auch das Robert-Bosch-Krankenhaus hat die Klinik in den vergangenen Monaten an Studien zum Thema Covid 19 teilgenommen und bietet inzwischen Therapien mit dem antiviralen Medikament Remdesivir und dem entzündungshemmenden Wirkstoff Dexamethason an. „Wir beobachten gerade intensiv, wie sich diese Therapien auf die Entwicklung vor allem bei schweren Verläufen auswirken“, sagt Neurohr, der in den vergangenen Wochen immer mehr Corona-Spätfolgen gesehen hat. Es gebe Covid-19-Patienten, die sich – auch wenn sie virenfrei sind – nicht wieder komplett erholen, darunter auch jüngere Menschen. Sie haben diffuse Beschwerdebilder wie Abgeschlagenheit, Müdigkeit und anhaltende Atemnot. Einige leiden unter dem Verlust wichtiger Funktionen des zentralen Nervensystems. Ihre Gedächtnisleistung nimmt ab, sie können sich Dinge schlechter einprägen und merken.

Das Virus ist genauso gefährlich wie im Frühjahr

Die Klinik Schillerhöhe bietet bereits eine therapeutische Nachsorge an, vor allem für Patienten mit anhaltender Luftnot und jene, die lange beatmet werden mussten. „Wir hatten Patienten, die etwa vier Monate an Beatmungsgeräten lagen. Die müssen das eigenständige Atmen wieder richtiggehend lernen.“ 
Auch wenn Neurohr das neue Wissen um Covid 19 begrüßt, mahnt er: „Es ist dem Virus egal, wie gut wir es kennen. Es macht seinen Job – und ist genauso gefährlich wie im Frühjahr.“

Robert-Bosch-Krankenhaus/Christoph Schmidt

Im Zentrallabor des RBK: Dr. Jens Schmid, Wissenschaftlicher Assistent (links) und Prof. Dr. med. Michael Torzewski, Chefarzt der Abteilung für Laboratoriumsmedizin und Krankenhaushygiene (rechts).

Tests testen

Jeden Tag testet das Robert-Bosch-Krankenhaus derzeit etwa 300 Menschen. Sowohl Patienten als auch Mitarbeiter, bei denen das Haus seit Mitte Oktober Antigen-Schnelltests einsetzt. Diese weisen innerhalb von 30 Minuten – ganz ohne Labor – das Eiweiß des Virus nach. Im Prinzip brauche man nur für den Abstrich jemanden mit medizinischer Erfahrung, erklärt Christoph Wasser, Leiter der Notaufnahme und der Covid-19-Stationen am Robert-Bosch-Krankenhaus. „Das Ablesen ist so einfach wie bei einem Schwangerschaftstest.“ 

Nach wie vor kommen im Robert-Bosch-Krankenhaus aber auch PCR-Tests zum Einsatz, die im Labor das Erbmaterial des Virus nachweisen. Die gängigen Geräte schaffen pro Laufgang eine Auswertung von maximal 96 Tests und können dreimal am Tag gestartet werden. „Derzeit testen wir alle Patienten bei der Aufnahme mit PCR-Tests“, erklärt Michael Torzewski, Leiter der Abteilung für Laboratoriumsmedizin und Krankenhaushygiene am Robert-Bosch-Krankenhaus. Der Vorteil dieser Testverfahren sei ihre Genauigkeit und Zuverlässigkeit. Nachteile seien die hohen Kosten, die längere Testdauer bis zum Ergebnis und die Engpässe beim Material, wie aktuell bei den Reagenzien. Daher können die PCR-Tests nicht beliebig oft wiederholt werden. Der Laborleiter erklärt: „Derzeit testen wir die Patienten ein- oder zweimal in der Woche. Im schlechtesten Fall stoßen wir dabei zu spät auf das Virus. Den Antigentest, der etwa zehn Euro kostet, können wir häufiger machen – und das infektiöse Intervall rechtzeitiger identifizieren.“

Aktuell nimmt das Robert-Bosch-Krankenhaus an einer Studie im Auftrag des baden-württembergischen Sozialministeriums teil, bei der PCR- und Antigen-Tests miteinander verglichen werden. „Ich denke, dass die Antigentests in den kommenden Monaten in ihrer Genauigkeit weiter verbessert werden, sodass sie – wenn es bei dem Massenaufkommen an Tests bleiben soll – das Mittel der Wahl sind“, ist Torzewski überzeugt. 

Die dritte Testmöglichkeit im Robert-Bosch-Krankenhaus ist der PCR-Test von Bosch, der sehr zuverlässig ein schnelles Ergebnis innerhalb von 40 Minuten liefert. Das dazugehörige Gerät kann aber immer nur einen Test auslesen. „Der Bosch-Test kommt bei uns zum Beispiel zum Einsatz, wenn ein Patient ohne Testergebnis in den OP geliefert wird und wir schnell Sicherheit haben möchten.“ 
 

Hoffnungen und Befürchtungen

„Wir gehen nicht davon aus, dass die zweite Corona-Welle, die deutlich größer ist, schnell auslaufen wird“, sagt der medizinische Geschäftsführer Alscher. „Ab einer bestimmten Länge und Intensität werden auch wir dann nicht weiter so gut funktionieren können.“ Es komme auf die Maßnahmen an, die jetzt getroffen werden, und wie gut die Gesellschaft diese in den kommenden fünf oder sechs sicherlich fordernden Monaten umsetze. „Bleiben die Maßnahmen unwirksam, werden wir meiner Einschätzung nach das Gesundheitssystem erschöpfen.“

Licht am Horizont sehe er aber für das Frühjahr – da sich das Virus als klimatisch beeinflussbar gezeigt habe und die Infektiosität im Winter höher sei. Zudem hofft Alscher wie all seine Mitarbeiter auf sichere und wirksame Impfstoffe im kommenden Jahr.
 

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