Wie auf der Hamburger Insel Veddel Gesundheit neu gedacht wird

Das Team der Poliklinik Veddel bietet zwar eine gute medizinische Versorgung in einem der benachteiligten Stadtteile Hamburgs an – aber es geht noch um viel mehr: gesundheitliche Chancengleichheit. Und die fängt bereits bei den Lebensbedingungen an.

Tatina Trakis | November 2020
Besprechung zwischen zwei Personen
Oliver Hardt

Das Team um die Poliklinik versteht Gesundheit als eine soziale Frage und möchte das Gesundheitssystem gerechter gestalten.

Tobias Filmar sitzt zurückgelehnt auf seinem Stuhl, das eine Bein über das andere geschlagen. Auf seinen grauen Kapuzenpullover ist „Poli“ gedruckt, das Logo der Poliklinik Veddel. Der 41-Jährige schaut in die Runde seiner Kolleginnen und Kollegen im Dachgeschoss des Gesundheitszentrums im Hamburger Südosten und beginnt, vom Fall einer Klientin zu berichten. „Im vergangenen November war sie bei mir in der psychologischen Beratung. Danach sind wir zwar in Kontakt geblieben, sie hat aber keinen weiteren Termin eingehalten“, sagt er.

Immer wieder habe sie ihm telefonisch und bei anderen Begegnungen von ihrer permanenten Müdigkeit erzählt. Jahrelange Sucht habe eine große Rolle im Leben der Frau gespielt. Allerdings sei sie seit vier bis fünf Jahren clean. Er beschreibt sie als sympathische und reflektierte Person. „Ich glaube, dass es gut passen würde, wenn wir verschiedene Bereiche der Poliklinik in ihre Behandlung miteinbeziehen“, sagt er. Was die anderen davon hielten, fragt er in die Runde.
 

Austausch im multiprofessionellen Team

An der „MuZu“-Sitzung, was für Multiprofessionelle Zusammenarbeit steht, nehmen an diesem Dienstagmittag neben dem Diplompsychologen Filmar noch eine Diplomsozialpädagogin, zwei Allgemeinmediziner, eine Hebamme, ein Mitarbeiter der Arztpraxis sowie eine Stadtteilarbeiterin teil. Alle sind Teil des Teams der Poliklinik. Während des Treffens tauschen sie sich über ihre Patientinnen und Patienten, Klientinnen und Klienten aus. Letztere nennen sie so, da sie nicht alle in medizinischer Behandlung sind, sondern beispielsweise in der psychologischen oder Sozialberatung. 

Menschen sitzen an einem Tisch
Oliver Hardt

Rund 25 Personen aus verschiedenen Bereichen arbeiten gemeinsam in dem Gesundheitszentrum. Viele weitere engagieren sich  ehrenamtlich.

Es geht bei der Teamsitzung darum, sich Feedback und Anregungen für das weitere Vorgehen von den Kolleginnen und Kollegen einzuholen und über die Grenzen des eigenen Bereichs hinauszuschauen. Denn Fälle wie der der Frau sind bei ihnen keine Ausnahme. Für das Team der Poliklinik umfasst Gesundheit alles, was zum Wohlergehen und zur Lebensentfaltung der Menschen dazugehört. Entsprechend geht auch die Versorgung deutlich über medizinische Behandlungen hinaus und berücksichtigt auch soziale Faktoren. Beispielsweise haben viele Menschen auf der Veddel Probleme mit Schimmel in der Wohnung. In der Arbeit der Poliklinik geht es auch darum, den Bewohnerinnen und Bewohnern Wege aufzuzeigen, wie sie in solchen Situationen selbstbestimmt handeln können und beispielsweise Kontakt mit dem Vermieter aufnehmen. 

Man wird betriebsblind

Ole Bonnemeier, der als Allgemeinmediziner die Stadtteilpraxis in der Poliklinik Veddel leitet, kennt die Patientin ebenfalls. Zu ihm kommt sie weiterhin in die Praxis. Er berichtet seinen Kolleginnen und Kollegen, was der Frau gesundheitlich fehlt und dass die Zusammenarbeit mit ihr für ihn mühsam sei. Der Erfahrungsbericht von Filmar ist hilfreich für ihn: „Ich fühle mich in meiner Routine mit ihr angekratzt, und das finde ich gut. Denn man wird andernfalls betriebsblind.“ 

Ortswechsel. Filmar sitzt auf einer Bank hinter der Poliklinik in der Herbstsonne. Seit viereinhalb Jahren ist er Teil des Teams. Seine Hauptaufgabe ist die Koordination der multiprofessionellen Zusammenarbeit. Der Austausch ist ein zentrales Element des Gesundheitszentrums auf der Veddel – einem Stadtteil, in dem rund 70 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner ausländische Wurzeln haben und der als einer der ärmsten Hamburgs gilt. Was macht die Arbeit für ihn aus? „Der politische Aktivismus trifft hier auf die konkrete Versorgung, die wir täglich vor Ort leisten. Das ist sehr sinnstiftend“, fasst er zusammen. 

Wie soll das Gesundheitssystem aussehen?

Milli Schroeder ist eine der Mitbegründerinnen des Gesundheitszentrums. Die Idee für eine Poliklinik, wie es sie heute auf der Elb-Insel gibt, entstand im Jahr 2012 unabhängig vom jetzigen Standort in Hamburg. Am Anfang habe die Frage gestanden: Wie soll ein Gesundheitssystem aussehen, das wir sinnvoll finden und in dem wir arbeiten wollen? Der Grundgedanke: Mit einem Stadtteil-Gesundheitszentrum können wir vor Ort das umsetzen, was wir politisch fordern. Ein gerechteres und umfassenderes Gesundheitssystem. Dafür arbeiten in dem Klinkersteinhaus in zweiter Reihe die verschiedenen Professionen Hand in Hand.

Die Leute wollten uns hier

Warum ist die Entscheidung am Ende auf die Veddel als Standort gefallen? „Die Leute wollten uns hier. Die Hamburger Gesellschaft für Sozialmanagement und Projekte „ProQuartier“ ist auf uns zugekommen, als sie von unserer Idee erfahren haben“, erinnert sich Schroeder. Mit nur einer Hausärztin für rund 4500 Einwohner war der Stadtteil medizinisch stark unterversorgt. 

Schild an Hauswand
Oliver Hardt

Die Poliklinik Veddel ist ein Gesundheitszentrum im Hamburger Stadtteil Veddel.

Zwar habe sich das seit der Eröffnung der Poliklinik im Jahr 2017 verbessert, aber von einer ausreichenden gesundheitlichen Versorgung ist die Veddel trotzdem noch weit entfernt. Dabei sind die Lebensumstände vieler Menschen vor Ort besonders ungünstig: Sie wohnen in kleinen Wohnungen, sie sind Umwelt- und Lärmbelastungen auf der Veddel durch die Nähe zu Hafen und Autobahn ausgeliefert, viele arbeiten in körperlich anstrengenden Berufen. Außerdem sorgen häufig die Lebensumstände für hohen Stress: Viele erleben regelmäßig rassistische Diskriminierungen, etwa auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt oder in der Schule. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitslosigkeit erzeugen einen hohen finanziellen Druck. Außerdem ist der Kontakt mit Behörden für viele nervenaufreibend, wenn es um existenzielle Themen wie Aufenthaltstitel oder Arbeitslosengeld geht.

Daher versteht das Team um die Poliklinik Gesundheit auch als ein soziales Thema. Viele der Bewohnerinnen und Bewohner seien total engagiert, zudem gebe es eine gute Nachbarschaft, sagt Schroeder über das Leben auf der Veddel. „Wir wollen, dass sich der Gesundheitszustand der Leute hier verbessert.“ Dabei geht es dem Team auch darum, die Menschen zu ermutigen und zu befähigen, für sich selbst und ihre Gesundheit einzustehen. 
 

Menschen sitzen in einem Raum
Oliver Hardt

Ein Ziel ist es, die Menschen zu ermutigen und zu befähigen, für sich selbst und ihre Gesundheit einzustehen. 

Was brauchen die Menschen vor Ort?

Eine zentrale Rolle nimmt dabei die sogenannte Community Health Nurse ein, die als Pflegefachkraft auf die Bedarfe in einen Stadtteil spezialisiert ist und sich – das ist das Besondere – ambulant um die Primärversorgung kümmert. Prävention und Gesundheitsförderung spielen dabei eine große Rolle. Damit soll eine spätere Pflegebedürftigkeit verhindert oder zumindest hinausgezögert werden. Mit dieser Grundpflege ist die Arbeit der Community Health Nurse eine Ergänzung zu klassischen Pflegediensten. Sie dient darüber hinaus als Schnittstelle zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern der Veddel und der Poliklinik und ist Ansprechpartner in allen Gesundheits- und Krankheitsfragen. „Pflegerinnen und Pfleger sind häufig gut ausgebildet und haben sehr viel Potenzial, das zu wenig genutzt wird“, sagt Lukas Waidhas. Er ist seit April dieses Jahres als Community Health Nurse im Stadtteil Veddel unterwegs. Seine Aufgabe ist es, der Poliklinik vor Ort ein Gesicht zu geben, Menschen in ihrem eigenen Umfeld aufzusuchen und Angebote bereitzuhalten. „Ich saß eine Zeit lang öfter mit einem Patienten am Kiosk. Auch das zähle ich zu meinen Aufgaben“, sagt Waidhas. So könne er herauszufinden, was die Menschen vor Ort brauchen. 

Mann sitzt in einem Büro
Oliver Hardt

Die Poliklinik setzt sich aus dem Trägerverein „Gruppe für Stadtteilgesundheit und Verhältnisprävention e.V.“, der Beratungsleistungen anbietet, einer Allgemeinarztpraxis und einer Hebammenpraxis zusammen.

Um dieses Aufgabenfeld auch wissenschaftlich zu fundieren, arbeitet Waidhas seit Oktober mit seinen zwei Kolleginnen Annicke Nock und Linda Iversen zusammen, die ebenfalls aus der Pflege kommen. Zusammen mit ihnen wird er in den kommenden drei Jahren die Rolle der Community Health Nurse auf der Veddel nicht nur in der Praxis erproben, sondern auch wissenschaftlich untersuchen. „Wir schaffen hier eine Grundlage“, sagen die drei. 

Im Kleinen und im Großen

Die Arbeit der Menschen rund um die Poliklinik trägt bereits Früchte. Im Kleinen, wie am Ende der „MuZu“-Sitzung deutlich wird: Das Team kommt zum Schluss, dass ein Mitarbeiter beim nächsten Besuch der Frau aus Filmars Bericht noch einmal mit ihr über weitere Angebote spricht, die für sie in Fragen kommen. Und im Großen, denn Filmar berichtet, dass sich die Stadt Hamburg ein Beispiel am Modell der Veddeler Poliklinik genommen hat. In den kommenden Jahren will sie verschiedene gemeinnützige Träger unterstützen, sodass auch in weiteren Stadtteilen ähnliche Gesundheitszentren entstehen können.

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