Einst setzten Integrationsgipfel und Nationaler Integrationsplan im Kanzleramt den Kurs, heute herrscht hier Leere. Doch die Herausforderungen beim Thema Integration sind geblieben. Unser Migrationsexperte Hannes Einsporn und unsere Demokratieexpertin Antje Scheidler pochen darauf: Gerade jetzt brauchen wir neue Ansätze in der Integrationspolitik. Denn es steht viel auf dem Spiel.
„Vereint in Vielfalt“ ist das Motto der diesjährigen Integrationsministerkonferenz. Welche Lösungen müsste diese Konferenz bringen für ein Land, das, wenn es um Vielfalt geht, eher auseinanderdriftet als vereint ist?
Die Akzeptanz für Vielfalt hat in den vergangenen Jahren abgenommen, das belegt das Vielfaltsbarometer der Robert Bosch Stiftung 2025. Während 2019 noch 78 Prozent der Befragten sagten, dass sie immer etwas Neues lernen, wenn sie mit Menschen aus anderen Ländern zusammen sind, sind es 2025 nur noch 54 Prozent. Zudem sind aktuell 59 Prozent der Ansicht, dass man heute „wegen jeder Kleinigkeit als Rassist abgestempelt“ werde.
Doch auf der Rangliste der politischen Prioritäten ist das Thema Integrationspolitik nach unten gerutscht. Wo einst Integrationsgipfel und Nationaler Integrationsplan im Kanzleramt den Kurs setzten, herrscht heute Leere. Geblieben sind, trotz Rückgang der Zuwanderung insgesamt, die Herausforderungen vor Ort. Beispiel Integration von Geflüchteten: Diese ist für eine überwiegende Mehrheit von Kommunen in Deutschland weiterhin herausfordernd, so die Ergebnisse einer von uns geförderten Befragung unter 900 Kommunen (Quelle: Mediendienst Integration und Universität Hildesheim).
Unsere Partner, die Integration vor Ort unterstützen – wie Kommunen und lokale, zivilgesellschaftliche Initiativen –, stehen im Regen. Die Mittel für Integrationskurse werden gekürzt und Orte der Begegnung zwischen Zugewanderten und Einheimischen verlieren ihre Förderung. Dort, wo Mittel vorhanden sind, werden diese von kommunalen Akteur:innen aufgrund bürokratischer Hürden teilweise gar nicht erst beantragt. Dabei ist die Infrastruktur auf lokaler Ebene zentral, denn sie fördert, was für viele Menschen bei der Akzeptanz von Vielfalt zählt. Laut Vielfaltsbarometer sind dies Aspekte wie Gesetzestreue (91 Prozent), Deutschkenntnisse (86 Prozent), Arbeitsmarktintegration (78 Prozent) und soziales Engagement (53 Prozent).
Aus unserer Sicht gehören zur kommunalen Infrastruktur auch Begegnungsorte, wo Menschen niedrigschwellig und ohne Konsumzwang zusammenkommen können. So kann ein tieferes Verständnis für die Lebenswelt anderer Menschen entstehen, so kann Vertrauen und letztlich gesellschaftlicher Zusammenhalt wachsen. Als Partner der Initiative Dritte Orte arbeiten wir daran mit, solche Begegnungsorte zu stärken.
Es geht um nichts Geringeres als die Basis für eine lebendige Demokratie. Wo der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt, finden rechtspopulistische Hetze und gezielte Desinformation fruchtbaren Boden. Für viele unserer Partner, die sich auf lokaler Ebene für eine offene Gesellschaft, Vielfalt und Integration engagieren, gehören Bedrohungen inzwischen zum Arbeitsalltag. Zu diesem Ergebnis kam bereits 2022 eine Pilotstudie unter den Modellprojekten im Handlungsfeld „Vielfaltgestaltung“ des Bundesprogramms „Demokratie leben“. Eine Entwicklung, auf die beispielsweise das von uns geförderte Projekt „Schutz und Prävention im Ehrenamt“ reagiert.
Davon abgesehen gibt es Aspekte wie die Demographie: Wir können es uns nicht leisten, Arbeits- und Fachkräfte zu verlieren – weder diejenigen, die kommen wollen, noch die, die längst hier sind und dem Land den Rücken kehren könnten. Doch schon jetzt bremst Fremdenfeindlichkeit den Zuzug von Arbeitskräften, vor allem in Regionen, wo der demographische Wandel weit fortgeschritten ist.
Möglichkeiten, wie Länder und Bund es anders und besser machen könnten gibt es viele. Zum Beispiel
Integration ist eine langfristige Aufgabe, die von Engagement, aber auch Planbarkeit lebt. Wir werden uns weiterhin zu diesen Themen einbringen und Akteur:innen vor Ort unterstützen. Wo sich gesellschaftliche Gräben auftun, Haushalte unter Druck stehen und diejenigen, die sich vor Ort engagieren, Bedrohungen erleben, ist die Arbeit an einer besseren, resilienteren Integrationsinfrastruktur dringend geboten.
Zu den Autor:innen dieses Beitrags
Hannes Einsporn leitet das Migrationsprogramm unserer Stiftung und verantwortet damit unser Engagement für zukunftsgerichtete und menschenwürdige Migration und Einwanderung.
Antje Scheidler leitet das Team Demokratie unserer Stiftung, das sich auf Teilhabe, demokratische Räume und eine starke Zivilgesellschaft fokussiert.