Stress, Mobbing und fehlende Mitbestimmung – laut aktuellem Deutschem Schulbarometer trägt Schule dazu bei, dass es einem Teil der Schüler:innen nicht gut geht. Unsere Bildungsexpertin Anna Gronostaj ordnet die Ergebnisse ein und zeigt auf, wie Schulen aussehen sollten, damit Kinder und Jugendliche sich dort wohlfühlen.
Es geht wieder mehr Kindern und Jugendlichen psychisch nicht gut: Im aktuellen Deutschen Schulbarometer mit der Befragung von Schüler:innen steigt erstmals seit dem Ende der Corona-Pandemie der Anteil an Schüler:innen mit psychischen Auffälligkeiten wieder an, und liegt nun bei 25 Prozent. Etwa genauso viele Schüler:innen berichten von einer geringen Lebensqualität (26 Prozent) und 16 Prozent geben an, sich in der Schule nur wenig wohlzufühlen. Nochmal deutlich schlechter sieht es aus bei Kindern und Jugendlichen aus finanziell schlechter gestellten Familien; hier berichtet jeweils ein noch größerer Anteil über psychische Auffälligkeiten, geringe Lebensqualität und geringes schulisches Wohlbefinden.
Im Schulbarometer Schüler:innen 2024 hatten wir Kinder und Jugendliche gefragt, worüber sie sich Sorgen machen. Am häufigsten genannt wurden Kriege, gefolgt von Sorgen um die Schule und um Umweltzerstörung. In der aktuellen Befragung berichtet fast die Hälfte der Kinder und Jugendlichen von hohem Leistungsdruck und dass sie auch am Wochenende lernen müssen. Darüber hinaus sind 30 Prozent der Schüler:innen mindestens einmal im Monat von Mobbing betroffen. Sie werden von Mitschüler:innen beschimpft, bedroht oder absichtlich ausgeschlossen, sowohl online als auch offline. Hier entsteht also das Bild, dass Schule durchaus dazu beiträgt, dass es einem Teil der Kinder und Jugendlichen nicht gut geht. Wie aber sehen Schulen aus, in denen Kinder und Jugendliche sich wohl fühlen? Auch hierfür liefert das Schulbarometer wichtige Anhaltspunkte.
Wir haben die Kinder und Jugendlichen dazu befragt, wie sie ihren Unterricht wahrnehmen. Und es zeigt sich, dass verschiedene Aspekte, die als Merkmale guten Unterrichts gelten, eng mit dem schulischen Wohlbefinden zusammenhängen. Am bedeutsamsten ist die von den Schüler:innen wahrgenommene Unterstützung durch die Lehrkraft. Je unterstützender und wertschätzender Lehrkräfte erlebt werden, desto wohler fühlen sich die Schüler:innen in der Schule. Auch Langeweile und Überforderung hängen mit dem schulischen Wohlbefinden zusammen. Sowohl zu niedrige als auch zu hohe Anforderungen gehen mit einem geringeren Wohlbefinden einher. Das unterstreicht, wie wichtig ein angemessenes Anforderungsniveau für positive schulische Erfahrungen ist. Ebenfalls bedeutsam für das schulische Wohlbefinden ist das Klassenklima.
Diese Ergebnisse sind für Lehrkräfte insofern gute Nachrichten, als dass die Förderung von Lernleistungen und die Förderung des schulischen Wohlbefindens nicht miteinander in Konkurrenz stehen. Im Gegenteil: Das, was seit Jahrzehnten als Kern guten Unterrichts bekannt ist, hat nicht nur das Potenzial, die Lernleistungen der Schüler:innen positiv zu beeinflussen. Tiefenmerkmale der Unterrichtsqualität wie konstruktive Unterstützung und Passung hängen darüber hinaus auch positiv mit dem schulischen Wohlbefinden zusammen.
Neben den genannten Aspekten der Unterrichtsqualität stehen auch Partizipation und Mitbestimmungsmöglichkeiten in einem Zusammenhang mit dem schulischen Wohlbefinden. Schüler:innen, die über mehr Mitbestimmung in Schule und Unterricht berichten, zeigen nicht nur ein höheres schulisches Wohlbefinden, sondern geben insgesamt auch eine höhere Lebenszufriedenheit an. Schulen sind gemäß der UN-Kinderrechtskonvention verpflichtet, Schüler:innen als Expert:innen für ihre eigenen Anliegen anzuerkennen und ihre Meinungen aktiv einzubeziehen, sodass sie Unterricht und Schulalltag mitgestalten können. Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Schule von den Schüler:innen insgesamt als gering eingeschätzt werden.
Auch das Schulbarometer Lehrkräfte 2025 hat gezeigt, dass ein Großteil der befragten Lehrkräfte die Möglichkeit für Schüler:innen, Schule und Unterricht inhaltlich mitzugestalten, als eher begrenzt einschätzt. Partizipation beschränkt sich aus Sicht vieler Lehrkräfte vor allem auf die Gestaltung von Klassenregeln und auf formale Strukturen wie Konferenzen, in denen die Beteiligung der Schüler:innen ohnehin gesetzlich geregelt ist. Dennoch hält die Mehrheit der Lehrkräfte die bestehenden Partizipationsmöglichkeiten für Schüler:innen für ausreichend. So sind sich Lehrkräfte und Schüler:innen zwar in ihrer Einschätzung einig, dass die Mitbestimmungsmöglichkeiten eher gering sind. Doch während Schüler:innen sich deutlich mehr Partizipation wünschen, bewertet die Mehrheit der Lehrkräfte die bestehenden Mitbestimmungsmöglichkeiten bereits als ausreichend.
Hieraus ergibt sich ein weiterer klarer Handlungsansatz: Schulen müssen ihr Selbstverständnis als demokratische Orte (weiter-)entwickeln. Kinder, Jugendliche und Lehrkräfte verbringen einen großen Teil ihrer Lebenszeit in der Schule. Sie sollten diesen Ort und das Miteinander dort gemeinsam so gestalten, dass es für alle ein guter Ort ist. Schüler:innen und Lehrkräfte sollten sich in Schulen wohlfühlen und durch ein positives menschliches Miteinander auch psychisch gestärkt werden. Dazu gehört neben hoher Unterrichtsqualität ganz klar auch eine demokratische Schulkultur, in der Kinder und Jugendliche selbstverständlich mitbestimmen und mitgestalten können. Dass das möglich ist – und zwar ohne zusätzliche Ressourcen – zeigen die Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises.
Für die Ausgabe 25/26 des „Deutschen Schulbarometers Schüler:innen“ befragte die Robert Bosch Stiftung Kinder, Jugendliche und jeweils einen Elternteil zu ihrer Lebensqualität, ihrem schulischen Wohlbefinden, der Unterrichtsqualität sowie zu Möglichkeiten der Mitbestimmung in Schule und Unterricht. Die Studie wurde in Kooperation mit Prof. Dr. Julian Schmitz von der Universität Leipzig und in enger Zusammenarbeit mit einem interdisziplinären Forschungsteam entwickelt.
Das Deutsche Schulbarometer ist eine repräsentative Umfrage an allgemein- und berufsbildenden Schulen in Deutschland. Das Deutsche Schulbarometer ermöglicht es, frühzeitig Entwicklungen zu beschreiben, indem Beobachtungen und Einschätzungen von Personen erfasst und untersucht werden, die Schulen täglich mitgestalten und erleben.