In Sachen Ernährung zeigt sich: Gerade im ländlichen Raum werden vermeintlich kleine Angebote zum Auslöser für aktives Engagement. Ein Blick in unsere „Zukunft aufgetischt!“-Projekte zeigt, wie sich Ernährungssysteme langfristig verändern lassen.
Ernährung geht uns alle an: Was zuhause auf den Teller kommt, ist für viele Menschen ein sensibles Thema. Dabei hat die Art und Weise, wie wir uns ernähren, durchaus globale Dimensionen – zum Beispiel für den Klimawandel. Aktuell sind unsere Ernährungssysteme für 37 Prozent der jährlichen globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich.
Um das nachhaltig zu verändern, ist es wichtig, Menschen mitzunehmen. Von der gemeinsamen Kräuterwanderung bis hin zur mobilen Küche auf dem Marktplatz: Vor Ort zeigt sich, dass mit mutigen Gesprächen und niederschwelligen Angeboten viele Steine ins Rollen gebracht werden können. Im letzten Jahr haben die Kommunen einiges bewegt.
Die Ernährungswende startet vor Ort: Unser Programm „Zukunft aufgetischt!“ unterstützt Kommunen im ländlichen Raum dabei, ihre Ernährungssysteme kooperativ und konstruktiv zu verändern. Über zwei Jahre werden sie dabei begleitet, gemeinsam mit der organisierten Zivilgesellschaft, (Land-)Wirtschaft und engagierten Bürger:innen Maßnahmen zu entwickeln, die zu einem zukunftsfähigen Ernährungssystem führen können – von Bildungsangeboten bis hin zu Impulsen für gesunde Ernährung. Menschen vor Ort in solche Prozesse einzubinden, führt zu einer großen gesellschaftlichen Akzeptanz und macht langfristigen Wandel greifbar.
Für Kommunen im ländlichen Raum gibt es viele gute Gründe, sich mit Ernährung zu beschäftigten. Schließlich wird Nahrung häufig regional produziert, verarbeitet und konsumiert. Ernährungssysteme so zu verändern, dass sie gesund, fair und nachhaltig für alle sind, ist ein wichtiger Schritt. Doch damit der auch funktioniert, müssen Kommunen Wege finden, ihren Umgang mit Ernährung auf die Bedürfnisse vor Ort abzustimmen – und gerade die Stimmen hören, die von kommunal gesteuerten Ernährungsumgebungen besonders betroffen sind.
Im brandenburgischen Amt Temnitz gab ein Brief den Startschuss für das Umdenken in Sachen Ernährung. „Wir sind mit unserem Schulessen nicht zufrieden“, schrieben die Schülerinnen und Schüler einer Grundschule an die Verwaltung. „Uns stört, dass es zu wenig Auswahl gibt. Manche Kinder mögen kein Fleisch oder wünschen sich frischeres, gesünderes und leckereres Essen. […] Wir hoffen, Sie nehmen unsere Wünsche ernst.“
Das ließ man sich nicht zweimal sagen. Mit Online-Umfragen sowie bei Beteiligungswerkstätten machte das Projektteam sich ein Bild, wie man die Ernährung in Schulen verbessern könnte. „Wir hörten unsere Kinder, sahen die Kommunikationspotentiale zwischen Schule, Kita und Eltern und entwickelten ein Feingefühl, was den stillen Kern der Dörfer bewegt“, sagt das Team heute rückblickend.
Um Ernährungssysteme so zu verändern, dass sie fair, gesund und nachhaltig sind, müssen gerade die Stimmen gehört werden, die besonders betroffen sind.
Inzwischen sind die Kernthemen ausgearbeitet und die Beteiligten machen sich daran, Ideen zu entwickeln, wie diese im Alltag der Menschen ankommen können – von neuen Küchen und Hochbeeten in Schulen bis hin zu einem Rezeptbuch, das dem Temnitzer Geschmack auf die Spur kommen will.
Wie wichtig dieser direkte Kontakt zwischen Bürgerschaft und Politik ist, um lebendiges Engagement zu schaffen, zeigt auch die Stadt Papenburg in Niedersachsen. Bei einem gut organisierten Beteiligungsprozess kam das Projektteam hier intensiv in den Austausch mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Gezielt lud man dafür Menschen, die sonst eher schwer erreichbar sind, zu gemeinsamen Kochkursen ein. In jeder Runde wurde ein Fokusthema diskutiert, etwa wie eine gesunde Ernährung für Senior:innen aussehen kann.
So entstand nicht nur ein reger Austausch zwischen den Beteiligten, sondern auch der Auftakt für langfristiges Engagement - bis heute entstehen zahlreiche Initiativen vor Ort. Beim Projekt „Open Kitchen“ zum Beispiel werden regelmäßige Begegnungsorte geschaffen, an denen sich Bürger:innen zum Kochen treffen können. Verschiedene Kurse, unter anderem zum „Meal Prepping“, sollen außerdem das Bewusstsein für das Thema weiter schärfen.
Besonders in Regionen, in denen die Skepsis gegenüber öffentlichen Institutionen teils groß ist, braucht es Infrastruktur und Räume, in denen Menschen sich begegnen und Gestaltungsmöglichkeiten ausarbeiten können. Braunichswalde in Thüringen zeigt, wie das gelingen kann: In der 600-Einwohner-Gemeinde schafft das Thema „gesunde Ernährung“ Verbindung statt Abgrenzung. Damit das funktioniert, setzt das Projektteam vor Ort auf direkte Gespräche mit den Bürgerinnen und Bürgern und zahlreiche gemeinsame Erlebnisse. Ob auf Kräuterwanderungen, bei Probierworkshops oder Koch- und Cocktailkursen: Hier schafft Ernährung nicht nur ein Gemeinschaftsgefühl, sondern wird auch zum Anliegen aller Beteiligten.
Auch in der Einheitsgemeinde Tangerhütte in Sachsen-Anhalt ist die Ausgangssituation herausfordernd: Sie besteht aus 19 Ortschaften und 32 Ortsteilen, die sich über fast 300 Quadratkilometer verteilen. Ein übergreifendes Gemeinschaftsgefühl zu schaffen, ist hier eine strukturelle Aufgabe. Mit dem Projekt „Zukunftsküche“ geht man diese gezielt an. Das Team möchte langfristig die Wertschätzung für regionale Lebensmittel erhöhen und einen Dialog zwischen Bürger:innen, Kitas/Schulen und Landwirt:innen eröffnen.
Maßnahmen, die demokratische Werte stärken und die Menschen vor Ort mit einbinden, versprechen langfristigen Wandel.
Nach einem Jahr zeigt sich: Partizipative Ansätze lösen oft eine positive Kettenreaktion aus und machen eine strukturelle Ernährungswende greifbar. „Köpfe, Herzen und Bäuche wirken gemeinsam, das Netzwerk wird gestärkt, die Teilnehmenden wirken im Nachgang als Multiplikatoren“, resümiert das Team.
Wie groß die Strahlkraft vermeintlich kleiner Angebote sein kann, zeigt sich in Oberhavel. Hier haben sich drei Gemeinden (Fürstenberg, Gransee und Zehdenick) gemeinsam daran gemacht, zukunftsfähige Ernährungsformen erlebbar zu machen. Dabei wurden kleine Projekte zum Auslöser für langfristige Zusammenarbeit: Im Rahmen des Projekts wurde zum Beispiel sechs Wochen lang frisches Frühstück in Kitas zubereitet, statt Brotdosen von zuhause mitzubringen – eine Initiative, die inzwischen auf Eigeninitiative der Elternschaft weitergeführt wird. Zuvor gab es in den städtischen Kitas keine gemeinsame Frühstücks- und Vesperverpflegung.
Dazu kam eine ganze Reihe weiterer Anstöße: In allen drei Gemeinden entstanden im vergangenen Jahr Ackerprojekte, eine Regio-App für Büger:innen, die regionale Anbieter:innen kartiert und die Wertschöpfung vor Ort stärken soll, sowie Mitmachaktionen wie dem „Suppenclub“, bei dem gemeinsam gekocht wurde. In Summe formen diese Aktionen ein Gesamtbild, das die Gemeinden inzwischen zum Leuchtturm für nachhaltige Ernährung in der Region macht. In Nachbargemeinden wird das Projektteam aktiv als Wissensträger für den Betrieb von Schulküchen wahrgenommen, im benachbarten Kreis Barnim entstehen als Reaktion auf das Engagement in Oberhavel jetzt sogar fünf Frischeküchen.