Reportage

Bürger­beteiligung: Der Weg ist auch das Ziel

Mitten im Rhein, auf Höhe des deutschen Landkreises Emmendingen, liegt die seit Jahren vergessene Rheininsel. Durch das deutsch-französische Gemeinschaftsprojekt „R(h)einverbindlich“ soll dort nun ein Paradies für Pflanzen, Vögel und Menschen in der Grenzregion entstehen. Wie viel Spaß Bürgerbeteiligung macht, zeigt der gemeinsame Fahrradausflug zur Rheininsel.

Text
Joshua Kocher
Bilder
Alexander Scheuber
Datum
11. August 2023

Acht Uhr morgens auf dem Damm der Elz, einem Fluss im Landkreis Emmendingen, tief im Südwesten Deutschlands. Auf der einen Seite rauscht das Wasser, auf der anderen weiden Kühe im kniehohen Gras. Und dazwischen: eine große Gruppe Fahrradfahrer:innen. Ihr Ziel: die Rheininsel zwischen Sasbach und Marckolsheim.

Angeführt wird die Gruppe von Silke Tebel-Haas auf ihrem E-Bike, ihr Shirt ist mit einem Steinkauz beflockt. Ein Flügel in Schwarz, Rot und Gold, der andere in Blau, Weiß und Rot. Deutschland trifft Frankreich. Es ist das Logo des Projektes „R(h)einverbindlich“.

Silke Tebel-Haas ist eine der Initiator:innen, sie arbeitet als Europabeauftragte beim Landkreis Emmendingen. Dieser wird gemeinsam mit dem spiegelbildlich auf der anderen Rheinseite liegenden Planungsverband PETR Sélestat Alsace-Centrale von der Robert Bosch Stiftung im Rahmen des Projekts „Common Ground“ unterstützt. Bundesweit fördert die Stiftung acht solcher Initiativen. Sie alle sollen eine Bürgerbeteiligung über Grenzen hinaus anregen und den Bürger:innen ermöglichen, ihre Regionen mitzugestalten. Das große Ziel des „Common Ground“-Projekts ist es, die gemeinsame Weiterentwicklung von Grenzregionen zu fördern und somit einen Beitrag zur Stärkung des grenzübergreifenden Miteinanders und der Demokratie zu leisten.

Radeln für den Klimaschutz – das verbindet und bringt Spaß

Durch gezielte Maßnahmen und Projekte in den beteiligten Regionen bekommen die Anwohner:innen die Möglichkeit, direkten Einfluss auf die Gestaltung ihrer Gegend zu nehmen – und zwar bei so wichtigen Themen wie Integration, Bildung, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit. Dabei geht es immer darum, den Dialog zwischen den Gemeinschaften anzuregen und eine offene und vielfältige Gesellschaft zu schaffen.

Heute gibt es also eine Fahrradtour: Neben der Pflege der deutsch-französischen Freundschaft und der Schaffung gemeinsamer Erlebnisse steht hierbei das große Thema Klimaschutz im Vordergrund. Und natürlich auch das Vergnügen, denn das soll im Rahmen der Bürgerbeteiligung nicht zu kurz kommen. „Wir wollen zeigen, dass sich politisch einzubringen auch Spaß machen kann“, sagt Silke Tebel-Haas. „Und wie geht das besser als gemeinsam auf dem Fahrrad?“

Zu sehen sind Fahradfahrer:innen, die im Wald eine Pause machen
Das Bild zeigt einen Fahrradlenker, auf dem ein kleines Navigationsgerät und eine Karte befestigt sind
Für insgesamt 50 Bürger:innen organisierte das Projektteam R(h)einverbindlich eine Fahrrad-Tour, ausgehend von der Gemeinde Denzlingen über die Kreisstadt Emmendingen Richtung Rhein. Auf der Rheininsel traf man dann auf die französischen Partner:innen.

Silke Tebel-Haas und ihre Kolleg:innen haben die Tour gemeinsam geplant. Sie wollen mit 50 Bürger:innen von der rund 14.000 Einwohnende zählenden Gemeinde Denzlingen aus in die Kreisstadt Emmendingen fahren, dann entlang des Kaiserstuhls hinüber in Richtung Rhein. Das Ziel, die Rheininsel, liegt allen am Herzen: Gelegen zwischen Sasbach in Südbaden und Marckolsheim im französischen Elsass, markiert sie genau die Mitte zwischen den beiden Städten. Früher kontrollierte hier der Zoll die Passant:innen, heute ist die Insel, abgesehen von einem Wasserkraftwerk des französischen Energieversorgers EDF, verlassen. Bewahrt und gefördert werden soll an dieser Stelle, genau auf der Grenze, ein Paradies für Pflanzen, Vögel und Menschen.

Die deutschen Radler:innen wollen auf der Rheininsel noch einmal so viele Menschen aus dem Elsass treffen. Denn am heutigen Sonntag radeln auch die französischen Projektpartner:innen Richtung Rhein – nur eben auf der anderen Flussseite.

Es geht um die langfristige Zusammenarbeit

Drei Ziele verfolge das Projekt, erläutert Silke Tebel-Haas, während sie ihr Rad unter einer Brücke hindurchlenkt. „Wir wollen etwas für den Klima- und Naturschutz tun, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen den Bürger:innen stärken und diese Zusammenarbeit langfristig etablieren.“ Mit der Radtour wollen sie und ihre Kolleg:innen noch mehr Menschen für das Projekt R(h)einverbindlich ansprechen – und das Miteinander fördern.

Radfahrer:innen auf ihren Fahrrädern
Beteiligung macht Spaß! Mit der Radtour sollen noch mehr Menschen für das Projekt R(h)einverbindlich begeistert werden.

Die Gruppe hält im Städtchen Riegel an. Dort machen sich unter anderem Vanessa Dinkel und Armin Braun für die Abfahrt bereit. Sie ziehen sich gelbe Westen an, auf deren Rücken der Schriftzug „Klimanetzwerk Riegel“ gedruckt ist. Vanessa Dinkel hat diese Bürgerinitiative vor einigen Jahren gegründet und in Armin Braun einen Mitstreiter gefunden.

Die beiden wünschen sich, über das Projekt R(h)einverbindlich weitere Verbündete zu gewinnen, auch in Frankreich. „Es ist schön zu erleben, dass man nicht alleine ist mit seinen Bemühungen“, sagt Armin Braun.

„Wir wollen zeigen, dass sich politisch einzubringen auch Spaß machen kann. Und wie geht das besser als gemeinsam auf dem Fahrrad?“

Zitat vonSilke Tebel-Haas, Europabeauftragte des Landkreises Emmendingen
Zitat vonSilke Tebel-Haas, Europabeauftragte des Landkreises Emmendingen

Das Projekt R(h)einverbindlich startete im November 2022 und hat bereits zwei Meilensteine hinter sich: Im Januar 2023 trafen sich zum ersten Mal Vereine, Initiativen und Einzelpersonen aus beiden teilnehmenden Regionen, um sich über das Projekt zu informieren. Außerdem sammelten sie schon konkrete Vorschläge, die sie gemeinsam umsetzen möchten. Eine grenzüberschreitende Bürger:innen-Energie-Genossenschaft zum Beispiel, eine Strategie für nachhaltigen Rad- und Fährverkehr und deutsch-französische Gemeinschaftsgärten. Ideen aus der Gesellschaft für die Gesellschaft.

Im Mai fand dann ein zweites Treffen statt, ein Bürgerforum, zu dem mehr als 100 Menschen kamen, um Wünsche und Ziele für die Zusammenarbeit zu erarbeiten. Unterteilt in vier Arbeitskreise sollen diese nun künftig ihre Ideen einbringen: in den Feldern erneuerbare Energien, Biodiversität, Ernährung und nachhaltige Mobilität.

Thema

Demokratie

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Die Robert Bosch Stiftung fördert Demokratiekompetenzen für eine konstruktive Debattenkultur, politische Teilhabe und innovative Beteiligung. Besonders in Grenzregionen Deutschlands werden Chancen zur Mitgestaltung für die Menschen vor Ort geschaffen.

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Die Fördergelder, die das Projekt bis zum Sommer 2025 von der Robert Bosch Stiftung erhalten wird, werden für den Beteiligungsprozess verwendet und schaffen so einen Rahmen, in dem neue Ideen auch in die Tat umgesetzt werden können. So leistet die Stiftung einen aktiven Beitrag zu Demokratieförderung und Regionalentwicklung. Zusätzlich unterstützt sie die acht  ausgewählten „Common Ground“-Regionen mit regelmäßigen Beratungen und Weiterbildungen. Bei Workshops und Jahrestreffen können sich die Beteiligten aller Grenzregionen kennenlernen, sich miteinander vernetzen und austauschen – ein zentrales Element für den Erfolg des Programms.

Gemeinsam auf das Erreichte stolz sein

Der nächste Stopp, es ist kurz vor halb zehn Uhr: Endingen. In der urigen Altstadt wartet im Schatten bereits eine Gruppe, schwingt sich auf den Sattel und reiht sich in die wachsende Fahrradgruppe mit ein. Auch der Bürgermeister Tobias Metz ist mit von der Partie.

Langsam bewegt sich der jetzt sehr eindrucksvolle Pulk über das Kopfsteinpflaster hinaus aus der Stadt. Die letzte Etappe führt an Obstbäumen vorbei, durch die Dörfer am Rande des Kaiserstuhls.

Zum Projekt

Common Ground

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Das Projekt „Common Ground“, seit 2022 gefördert durch die Robert Bosch Stiftung, zielt darauf ab, Zusammenarbeit und Austausch in Grenzregionen zu fördern. Die Arbeit konzentriert sich auf Gebiete, in denen unterschiedliche Kulturen, Sprachen und Traditionen aufeinandertreffen. Ziel des Projekts ist es, durch Dialog und Kooperation ein besseres Verständnis zwischen den Bürger:innen zu schaffen und die Herausforderungen in der Grenzregion gemeinsam zu bewältigen.

Durch das Miteinander sollen nachhaltige Lösungen entstehen und durch ein gleiches Fundament eine gemeinsame Zukunft und eine stärkere Demokratie. Seit seiner Einführung hat Common Ground erfolgreich acht Grenzregionen miteinander verbunden und damit zu einem stärkeren Zusammenwachsen der Regionen beigetragen.

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Ebenfalls dazugestoßen ist Christa Schmidt, die vor vielen Jahren eine Energiegenossenschaft in Endingen gegründet hat und nun hofft, weitere Partner:innen auf der anderen Rheinseite zu finden. Oder Gerlinde Schwab, die jahrelang gegen den Weiterbetrieb des Atomkraftwerks Fessenheim demonstrierte und im Liegerad mitfährt.

Zwei Stunden und 35 Kilometer nach der Abfahrt in Denzlingen erreicht die Gruppe bei Sasbach den Rhein. Das Wasser glitzert im Sonnenlicht, auf der gegenüberliegenden Rheininsel sticht das satte Grün der Auen ins Auge. Dorthin führt eine breite Brücke. Armin Braun, der Mann in der gelben Weste, regelt den Verkehr, die Fahrradkolonne rollt auf die Insel.

Auf einem Parkplatz finden die beiden Gruppen zusammen: hier die deutschen, dort die französischen Radler:innen. Viele verschwitzte, aber glückliche Gesichter. Wasserflaschen werden ausgepackt. Man begrüßt sich heiter. Patrick Barbier, der Präsident des PETR Sélestat Alsace-Centrale, hat ebenfalls gut 50 Bürger:innen mitgebracht und empfängt die deutsche Gruppe.

Klingt der Tag jetzt schon aus? Bei Weitem nicht: Denn die Radsportler:innen sind auch hier, um etwas über Umweltschutz zu lernen und sich gemeinsamer Erfolge zu versichern. Und so lauschen wenig später alle zusammen am Ufer den Worten von Eric Brunissen, einem Ornithologen aus dem Elsass. Er erzählt vom Steinkauz, der sich dank grenzüberschreitender Zusammenarbeit hier auf der Rheininsel wieder eingenistet habe, vom Fischadler, der langsam, aber sicher zurückkehre, genauso wie der Steinadler. „Das sind gute Zeichen“, sagt er. „Ich habe große Hoffnung, dass wir gemeinsam einige Tierarten besser schützen können.“ Er freut sich auf den Austausch mit Kolleg:innen aus Deutschland, von ihnen will er noch viel lernen. Gemeinsam sei einiges möglich, mit der Kraft von vielen. Ein Satz, der Mut macht.

Ein Teilnehmer zeigt den restlichen Teilnehmer:innen eine Karte
Ornithologe Eric Brunissen hält eine Landkarte hoch
Auf der Rheininsel steht das Thema Klimaschutz im Vordergrund. Ornithologe Eric Brunissen erklärt die Ziele für die nächsten Jahre.

Und dann teilt er noch eine Vision: Wenn er an die Rheininsel denke, wie sie in ein paar Jahrzehnten aussehen könnte, dann denke er an Auerochsen, an Wasserbüffel und Wisente, die auf den Stoppelwiesen grasen. An Auen voller Kormorane.

Silke Tebel-Haas und Patrick Barbier verteilen Einladungen und Informationen für die nächsten Veranstaltungen von Common Ground und informieren die Teilnehmer:innen darüber, wie sie sich beim Bürgerbeteiligungsprojekt einbringen können. „Wir hoffen, dass sich einige, die an diesen Mitmachaktionen Spaß haben, auch an den Diskussionen und Projekten beteiligen möchten. Und dass sie weitere Menschen ansprechen.“

Personen unterschiedlichen Geschlechts und Herkunft in Sitzreihen, von der Seite betrachtet, stimmen mit hochgehaltenen Karten über etwas ab
Das Dossier zum Thema

Bürgerbeteiligung

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Bürgerbeteiligung spielt eine entscheidende Rolle für die heutige Demokratie. Um noch mehr Bürger:innen zu erreichen, sind besonders innovative Formate wichtig. Lesen Sie hier, wie wir uns die Förderung von Bürgerbeteiligung zur Aufgabe machen.

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Das Schneeballprinzip sei ein wichtiger Hebel dafür, dass die Gruppe immer weiterwachse. Auch bei der heutigen Fahrradtour waren einige Personen zum ersten Mal dabei. „Viele Teilnehmende haben mir mitgeteilt, wie sehr sie sich darüber freuen, dass Menschen aus Deutschland und aus Frankreich gemeinsam am Klimaschutz arbeiten möchten“, gibt Silke Tebel-Haas die Rückmeldungen wieder. „So manche waren außerdem positiv von der Menge der Teilnehmenden auf beiden Seiten überrascht. Mit so vielen Personen, die sich für den Klimaschutz engagieren wollen, hatten sie nicht gerechnet. Es ist für alle schön zu sehen, dass man nicht alleine ist mit seinen Bemühungen.“

Nach einem Vesper vor einem Segelheim geht die Radtour gegen Mittag zu Ende. Einige der Teilnehmenden fahren noch ein paar Kilometer auf der Rheininsel entlang. Es geht eine Ruhe von dieser Insel aus.

Doch ganz unten im Süden scheppern die Lautsprecherboxen. Dort läuft eine Veranstaltung, die man als Symbol für diesen Tag betrachten kann: Vertreter:innen des benachbarten Landkreises weihen eine neue Fahrradbrücke über den Rhein ein. Deutschland und Frankreich rücken noch näher zusammen.

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