Kultur zwischen Nil und Oase

Sie haben mit Kindern neue Welten erkundet, mit Jugendlichen Comics gezeichnet und mit Menschen jeden Alters über aktuelle Themen diskutiert. Im Rahmen des Programms „Robert Bosch Kulturmanager in der arabischen Welt“ organisierten Stipendiatinnen und Stipendiaten in den vergangenen 15 Jahren die unterschiedlichsten Kulturprojekte in den ägyptischen Provinzen. Vier Kulturmanagerinnen haben uns von den kleinen und großen Abenteuern berichtet, die sie vor Ort erlebt haben.

Tatina Trakis | Mai 2020
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Busse reisen vollgepackt mit Neugierigen aus den umliegenden Dörfern an, auf freier Fläche sind auf dem Boden Teppiche ausgebreitet, eine Artistin steht auf einer pyramidenähnlichen Konstruktion und führt Kunststücke vor. Hélène Aury erinnert sich gut an die Szene im ägyptischen Dorf Abu Mangog - sie ist ihr im Gedächtnis geblieben. „Es waren rund 3000 Besucher da. So viele hatten wir nicht erwartet“, sagt die 30-Jährige.Als Kulturmanagerin der Robert Bosch Stiftung hat sie im Jahr 2016 das Zirkusprojekt im Nildelta mit auf die Beine gestellt. Clowns, Gymnastik, Musik und sogar Feuerkünstler begeisterten das Publikum. „Sehr schön war bei dem Projekt der Austausch, der auf allen Ebenen stattgefunden hat“, sagt sie. Unter den Artisten aus verschiedenen Ländern sowie mit den Besuchern und den Kindern, die in Workshops die Arbeit der Zirkusdarsteller kennenlernen durften.

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Zur Person

Hélène Aury, 30, lebt derzeit in Paris und arbeitet dort für das Musée de l’Histoire vivante. Sie war von 2015 bis 2017 als Kulturmanagerin im Nildelta tätig. Zuvor hat sie Politikwissenschaften, Internationale Beziehungen und Neue Medien studiert und ein Praktikum bei einem journalistischen Blog in Tunesien gemacht. Sie hat mit ihren Projekten beispielsweise Jazzmusik in das Opernhaus von Damanhur gebracht oder ist mit Zirkusakrobaten durch ägyptische Dörfer und Städte getourt.

Der Austausch zwischen den Kulturen spielte beim Programm „Kulturmanager in der arabischen Welt“ der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit dem Goethe Institut eine zentrale Rolle. Die 21 Stipendiaten und Stipendiatinnen, die seit 2005 in Ägypten Teil des Programms waren, haben nicht nur Netzwerke und Kooperationen ins Leben gerufen, sondern auch verschiedene Kultur-Formate auf die Beine gestellt und mit den Menschen in den ägyptischen Provinzen eng zusammengearbeitet.

Sie haben beispielsweise Filmvorführungen organisiert oder auf dem Fahrrad mit Frauen den öffentlichen Raum erkundet, mit Kindern in der Oase Siwa aus Plastikmüll bunte Kunst gebastelt oder zum ersten Mal ein Jazzkonzert ins Opernhaus von Damanhur gebracht. Bis vor zwei Jahren kamen die Kulturmanager dabei vor allem aus Deutschland, seitdem sind sie in ägyptisch-deutschen Tandems unterwegs. Der Fokus ihrer Arbeit und der Projekte lag seit Beginn an vor allem auf den ägyptischen Provinzen. So waren sie insbesondere im Nildelta sowie im südlichen und im nördlichen Oberägypten aktiv.

Mostafa Abdel Aty

Beim Zirkusprojekt der Kulturmanagerinnen der Robert Bosch Stiftung standen die Artisten auch mal Kopf.

Kulturelles Leben konzentriert sich auf die Zentren

Denn in Ägypten konzentriert sich das kulturelle Leben in weiten Teilen auf die Zentren – wie Kairo und Alexandria. Dort versammelt sich ein Großteil der ägyptischen Kulturschaffenden. „Für uns war es wichtig, das umzukehren“, sagt Laura Stauth. Zusammen mit ihrer Tandempartnerin Asmaa Ghareeb war die 30-Jährige in den vergangenen zwei Jahren für die Region nördliches Oberägypten zuständig. Die Menschen vor Ort sollten nicht mehr sechs Stunden mit dem Zug fahren müssen, um Kultur erleben zu können, sagt sie.

Zudem gebe es auch in den Provinzen engagierte Menschen, die es nicht in die Großstädte zieht und die etwas für ihre Community aufbauen möchten. „Sie gehen die Sache mit großem Engagement an. Das beeindruckt mich“, sagt Laura Stauth, die mit einigen von ihnen zusammengearbeitet hat. Für sie ist Ägypten ein vielfältiges Land: „So viele Realitäten, so viele Städte, so viele Erfahrungen. Wenn man einmal die Tür aufmacht, da sind so viele Welten, die man noch erkunden kann“, sagt sie.

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Zur Person

Laura Stauth, 30, hat Entwicklungssoziologie und Globale Anthropologie sowie Visuelle Anthropologie studiert. Als Kulturmanagerin war sie vor allem in der Region nördliches Oberägypten tätig. Sie war Stipendiatin von 2018 bis 2020. Ihre Schwerpunkte lagen vor allem in den Bereichen Film, Gender, Oral History und Urban Heritage. Über Ägypten sagt sie: „So viele Realitäten, so viele Städte, so viele Erfahrungen. Wenn man einmal die Tür aufmacht, da sind so viele Welten, die man noch erkunden kann.“

Mit ihrer Tandempartnerin Asmaa Ghareeb hat Laura Stauth unter anderem Projekte im Bereich Film umgesetzt, da beide die Leidenschaft für diese Kunstform teilen. Sie haben beispielsweise Filme von jungen ägyptischen Filmemachern gesammelt und die Filmschaffenden miteinander vernetzt. Für die Arbeit in den Provinzen gelte, den Menschen vor Ort zuzuhören und darauf basierend Projekte zu gestalten.

Sich zu fragen: Wie kann man Kulturarbeit angehen? Wie sieht die Infrastruktur aus? In welchem Umfeld bewege ich mich? „Manchmal bedeutet das umzudenken. Es ist ein Geben und ein Nehmen“, fasst Laura Stauth ihre Erfahrungen bei der Projektarbeit zusammen. Es gehe auch darum, näher an den Menschen dran zu sein. „Im Rahmen des Stipendiums wird man gezwungen frei zu denken, aber auch neu zu denken“, sagt sie.

Goethe Institut Kairo

In der Oase Siwa erkundeten die Kinder zusammen mit den Kulturmanagerinnen die Umgebung - und sammelten dabei Müll.

Projekte von Anfang bis Ende begleiten

Bei dem Kulturmanager-Programm ging es von Beginn an aber auch darum, dass sich die Stipendiaten selbst weiterentwickeln und durch ihre Arbeit in den Regionen verschiedenste Erfahrungen sammeln, die sie auf die Arbeit im Kulturbereich vorbereiten. Yasmin Ouberri beschreibt ihre Zeit als Kulturmanagerin in Ägypten als wertvollste und prägendste Berufserfahrung, die sie sammeln konnte. „Wenn man einmal Robert Bosch Kulturmanager war, dann steht einem die Welt offen“, zieht die 32-Jährige als Fazit aus ihrer Zeit als Stipendiatin. Sie war von 2016 bis 2018 im südlichen Oberägypten tätig und hat dort Kulturarbeit mitgestaltet.

Goethe Institut Kairo
Goethe Institut Kairo

Zur Person

Yasmin Ouberri, 32, arbeitet als Netzwerkmanagerin für The Candid Foundation in Berlin. Als Kulturmanagerin war sie von 2016 bis 2018 im südlichen Oberägypten tätig. Zuvor hat sie Islamwissenschaften und Germanistik studiert. Begeistert hat sie vor allem ein Projekt in der Oase Siwa. Dort hat sie zusammen mit Kindern Plastikmüll gesammelt und daraus bunte Kunst geschaffen. Über das Stipendien-Programm sagt sie: „Wenn man Robert Bosch Kulturmanager war, dann steht einem die Welt offen“.

Auch kleinere und größere Hindernisse mussten bei der Planung und Durchführung von Projekten immer wieder überwunden werden. „Zu meiner Zeit gab es viele Straßensperren“, erinnert sie sich. Solche Gegebenheiten müsse man bei der Projektplanung immer mitdenken. „Oder man plant ein Projekt und dann kommt der Ramadan dazwischen“, ergänzt die 32-Jährige. Schnelles Umdenken, neue Wege finden und Flexibilität sind dabei zentrale Eigenschaften, die im Alltag nötig sind.

Denn für die Kulturmanagerinnen galt stets: Projekte werden von ihnen von Anfang bis Ende geplant und betreut – von der Idee bis zur Durchführung und Nachbereitung. Viel von dem, was Yasmin Ouberri während ihrer Zeit als Kulturmanagerin in Ägypten gelernt habe, sei auch für ihre heutige Arbeit weiterhin hilfreich. „Man lernt super viel dazu – und kann die Erfahrungen auch von Ägypten auf andere Länder übertragen“, sagt sie.

Goethe Institut Kairo

Unter freiem Himmel den Zeichenstift zücken: Die Teilnehmer der Projekte durften immer wieder auch selbst kreativ werden.

Goethe Institut führt Programm in anderer Form weiter

„Insgesamt haben wir zehn bis zwölf Projekte in ganz verschiedenen Bereichen gemacht“, sagt Doaa Ahmed über ihre Zeit als Kulturmanagerin in den vergangenen zwei Jahren. Sie war im Duo mit ihrer Tandempartnerin Katharina Karpa im südlichen Oberägypten unterwegs. Wo die Stipendiatinnen und Stipendiaten ihren thematischen Schwerpunkt setzen, stand ihnen von Anfang an frei. Es ging auch darum, etwas auszuprobieren und neue Wege zu beschreiten. „Ein Vorteil des Stipendiums war zudem, dass man nicht unter Zeitdruck arbeiten muss“, sagt Doaa Ahmed über die Projektarbeit im Rahmen des Programms. Was sie gelernt hat? „Man muss offen und kompromissbereit sein. Und vor allem muss man flexibel sein“, zieht sie als Fazit aus den vergangenen zwei Jahren.

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Zur Person

Doaa Ahmed, 30, ist in Kairo aufgewachsen und lebt dort. Bevor sie 2018 das Stipendium für das Kulturmanager-Programm erhielt, arbeitete sie als Deutschlehrerin. Einen dreimonatigen Aufenthalt in Berlin am Theater Ballhaus Ost beschreibt sie als Wendepunkt. Die Theaterarbeit gefiel ihr so gut, dass sie sich für den Wechsel in den Kulturbereich entschieden hat. In den zwei vergangenen Jahren hat sie mit ihrer Tandempartnerin verschiedene Kulturprojekte im südlichen Oberägypten umgesetzt. Ab Juni 2020 wird sie als Koordinatorin das Kulturmanager-Programm am Goethe Institut in Kairo in einer neuen Form weiterführen.

Für die 30-Jährige endet mit ihrer Zeit als Kulturmanagerin in Ägypten im Mai dieses Jahres eine aufregende Zeit. Gleichzeitig beginnt für die Ägypterin aber auch ein spannender neuer Lebensabschnitt. Denn sie wird das Kulturmanager-Programm ab Juni 2020 als Koordinatorin am Goethe Institut in Kairo in anderer Form weiterführen. Nach fünfzehn Jahren übergibt die Robert Bosch Stiftung die weitere Entwicklung des Programms in die alleinige Verantwortung des Goethe Instituts.

MeMo@Artfrompeople

Bunt waren nicht nur die Farben, mit denen sich die Kinder bei verschiedenen Projekten austoben durften. Bunt waren auch die vielen Erfahrungen, die die Kulturmanager und Kulturmanagerinnen sammeln durften.

Dort wird es verändert weitergeführt, mit einem noch stärkeren Fokus auf die Partner in den Provinzen. „Mir war es wichtig, dass es einer von uns sechs aktuellen Kulturmanagern weiterhin begleitet“, sagt Doaa Ahmed. Denn so gehe das Wissen und die Kontakte, die die Stipendiaten und Stipendiatinnen in den vergangenen Jahren aufgebaut haben, nicht verloren und man könne direkt am bereits Erreichten anknüpfen. „Es ist schade, dass etwas aufhört, aber es ist auch schön, dass etwas Neues beginnt“, sagt sie.

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