Die Kraft von Bildung

Die Zeit als Schüler am UWC Robert Bosch College in Freiburg beschreibt Jeremias Thiel als eine seiner schönsten. Auf seinem Weg dorthin musste er einige Hindernisse überwinden, denn seine Kindheit war geprägt von Armut. Inzwischen studiert Jeremias in den USA. Der 19-Jährige spricht über seinen Werdegang und die Kraft, die er aus der Bildung gewonnen hat: Sie habe ihm gezeigt, was ihn als Mensch ausmacht.

Protokoll: Tatina Trakis | August 2020
Jeremias Thiel
Alexej Braitmayer

Bildung spielt in meinem Leben eine wichtige Rolle – wenn nicht sogar eine der wichtigsten. In meiner Kindheit war Schule für mich primär ein Ort abseits der Familie. In dem Sinne war das auch ein Stück weit Zuflucht und in meinen Grundschuljahren habe ich Schule nicht unbedingt mit Lernen verbunden. Es war vielmehr ein Ort, an dem ich Menschen meines Gleichen getroffen habe, also andere Kinder und Jugendliche. Ich war damals nicht gut darin, mich zu fokussieren. Denn es gab noch viele ganz andere Dinge und Aufgaben in meinem Leben, um die ich mich kümmern musste.

In der zweiten Klasse ist dann einer Lehrerin aufgefallen, dass ich Unterstützung brauche. Sie hat dafür gesorgt, dass ich in eine Tagesgruppe kam. Dort gab es Strukturen wie beispielsweise feste Hausaufgabenzeiten. Diese waren für mich nötig und hilfreich, damit mein Leben ein bisschen in geordnete Bahnen kommen konnte. Am Ende der Grundschule habe ich dann aber keine Gymnasialempfehlung bekommen, obwohl meine Noten gut waren. Dieses eine fehlende Kreuz auf dem Empfehlungsschreiben – das war ein heftiger Schlag ins Gesicht. Ich bin überzeugt, dass Menschen, vor allem junge Menschen, die in Armut aufwachsen, immer zwei, drei Extrameilen gehen müssen, um im Prinzip genau das Gleiche zu erreichen.

Lehrer, die fordern und fördern

Im Anschluss an meinen Realschulabschluss auf der Gesamtschule habe ich das UWC Robert Bosch College in Freiburg besucht. Das war eine ganz andere Dimension von Bildung, denn die Förderung des Einzelnen dort hatte eine ganz andere Qualität. Am UWC habe ich das International Baccalaureate gemacht, das sehr renommiert und anerkannt ist. Um ein wirklich gutes IB zu machen, muss man aber schon einen gewissen Bildungshintergrund mitbringen und zuvor das Lernen an sich erlernt haben. Und das hat in der Regel nur, wer gewisse Strukturen vermittelt bekommen hat. Da habe ich schnell gemerkt, dass ich zuvor auf einer Gesamtschule war. Das gleiche IB wie alle anderen zu machen, das war eine Herausforderung, die ich angenommen habe.

UWC Freiburg
Nicolai Schmidt

Zwei Jahre lang hat Jeremias Thiel am UWC Robert Bosch College in Freiburg gelernt und gelebt und dort vielfältige Erfahrungen gemacht.

Auch Lehrerinnen und Lehrern kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Mal stehen sie für Hoffnung und manchmal auch für Hoffnungslosigkeit. An der Gesamtschule in Kaiserslautern und auch später am UWC hatte ich Lehrer, die ihre Aufgabe mit viel Engagement und Verantwortungsbewusstsein gelebt hatten. Das sind kleine Diamanten. Ich glaube aber auch, dass es viele Lehrer gibt, die einen besseren Job machen könnten. Wenn Lehrer ihre Schüler und Schülerinnen fördern und fordern – dann kann das tatsächlich Leben verändern. Davon bin ich überzeugt.

Bildung ist mehr als Noten

Ich habe am UWC aber nicht nur das rein akademische Lernen kennengelernt – also das Lernen nach Noten. Bildung macht viel mehr aus. Wenn man zum Beispiel mit Mitschülern abends noch zwei, drei Stunden im Gemeinschaftsraum sitzt und ins Gespräch kommt und dieses Gespräch sich dann in alle Richtungen bewegt und man einfach merkt, wie unglaublich interessiert jeder einzelne ist. Oder wenn man mit den Zimmernachbarn eine Dokumentation über die amerikanische Intervention in Afghanistan schaut und ein Mitschüler erzählt, wie es damals wirklich im Irakkrieg war.

Alexej Braitmayer

Die Zeit am UWC Robert Bosch College beschreibt Jeremias (rechts im Bild) als eine seiner schönsten. Auch dank der Menschen, die er dort kennengelernt hat.

Dank der Menschen, die ich dort kennengelernt habe, war das UWC wahrscheinlich die schönste Zeit meines Lebens. Ich habe mich dort auch selbst in Toleranz und Vielfalt üben müssen und festgestellt: Auch bei mir gibt es innerlich noch viele Barrieren. Ich hatte zuvor kaum Berührungspunkte zu Menschen ganz verschiedener Religionen oder der LGBTQ-Community. Das war eine ganz wunderbare Erfahrung. Was ich von meiner Zeit am UWC mitgenommen habe ist, dass man grundsätzlich fürs Leben lernt.

Mehr Vielfalt in Schulen

Es wäre gut, wenn wir mehr Schulen dieser Art hätten, in der eine solche Vielfalt herrscht. Ich bin aber ein Realist und kein Idealist und weiß, dass es schwierig wird, das für alle Kinder in Deutschland umzusetzen. Aber ein bisschen mehr Vielfalt in die Klassenräume zu bringen, das wäre ein guter Weg. Damit meine ich nicht nur, dass verschiedene Nationen oder Religionen aufeinandertreffen, sondern auch Menschen mit unterschiedlichen sozialen oder kulturellen Hintergründen. Bildung sollte vor allem auch darauf abzielen, ein Verständnis dafür zu schaffen, was Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit ausmacht.

Bildung ist für mich die konstante Reflexion und Auseinandersetzung mit sich selbst.

Deshalb muss man sich ernsthaft fragen, auf was Bildung basiert und was uns Bildung fürs Leben lehrt. Ich glaube, dass ein großer Teil Selbstdisziplin ist. Selbstorganisation, strukturiertes Arbeiten und all die Dinge, die sich darum herum abspielen. Ich habe schon früh erkennen können, dass diese Eigenschaften notwendig sind, weshalb ich auch die Notwendigkeit von Bildung erkennen konnte. Wenn ich mir meinen Bildungsweg anschaue, dann hat mir beispielsweise die Gesamtschule Einblicke in die Lebensverhältnisse vieler verschiedener Menschen gegeben. Das war das Positive, was ich daraus ziehen konnte.

Bildung ist für mich die konstante Reflexion und Auseinandersetzung mit sich selbst. Und dann auch die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Und natürlich ist Bildung auch Zugang zu weiteren Ressourcen im Leben. Zum Beispiel, um ein gutes Studium zu erhalten, Netzwerke zu knüpfen und Jobs zu bekommen. All das erzeugt Bildung und Bildung ist eben immer noch der Motor Nummer eins für sozialen Aufstieg. In meiner Schulzeit habe ich gelernt, was mich als Mensch ausmacht.

Thiel Jeremias Bildung / Bildnachweis: Foto: Andreas Hornoff
Foto: Andreas Hornoff

Aufgewachsen ist Jeremias Thiel in ökonomisch schwachen Verhältnissen. Beide Elternteile waren nicht in der Lage für ihn ausreichend zu Sorgen. Mit elf Jahren hat er deshalb beschlossen, dass er nicht mehr bei seinen Eltern leben möchte und ist zum Jugendamt gegangen. Von da an lebte er in einem SOS Kinder- und Jugenddorf in Kaiserslautern. Nach seinem Realschulabschluss hat er das UWC Robert Bosch College in Freiburg besucht und dort sein Internationales Baccalaureate gemacht. Seitdem studiert er am St. Olaf College im Bundesstaat Minnesota in den USA. Um über seine Erfahrungen zu sprechen, hat er das im Frühjahr 2020 veröffentlichte Buch „Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance“ geschrieben.

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