„Die Europäische Union war die schönste Antwort auf die Tragödie des Zweiten Weltkriegs“

Am 17. November ist in Deutschland Volkstrauertag. Der Gedenktag erinnert an Opfer von Kriegen und Gewalt aller Nationen. Dieses Jahr sprach Rafał Dutkiewicz im Deutschen Bundestag. In unserem Interview erklärt der ehemalige Stadtpräsident von Breslau, welche Rolle Städte bei der europäischen Integration spielen.

Ronja Nayeri | November 2019
Maciej Kulczynski

Zur Person

Rafał Dutkiewicz ist Politiker, Unternehmer, Universitätsdozent und Aktivist. Von 2002 bis 2018 war Dutkiewicz Bürgermeister der Stadt Breslau. Vor seiner Amtszeit war Dutkiewicz über zehn Jahre als Dozent tätig und lehrte Logik sowie Mathematik. Während der Zeit des Kriegsrechts war er in der Untergrundbewegung „Solidarność“ in Breslau aktiv. In seiner Amtszeit hat Breslau die höchsten öffentlichen Investitionen in der Nachkriegsgeschichte verzeichnet.

Herr Dutkiewicz, als Stadtpräsident von Wrocław/Breslau haben Sie 2008 ein „Denkmal des gemeinsamen Gedenkens“ errichten lassen. Was ist darunter zu verstehen?

Während der kommunistischen Zeit wurden in Breslau alte Friedhöfe beseitigt – mitsamt ihren Grabmalen von Breslauern: Deutschen, Juden, Tschechen, ….  Zu Anfang dieses Jahrhunderts gab es die Idee, Steinmetzen in Breslau und Umgebung alle noch existierenden Grabsteine abzukaufen und daraus ein „Denkmal des gemeinsamen Gedächtnisses“ zu errichten. Mir war es wichtig, dass die Verwandten von Menschen, die dort beerdigt waren, einen Ort haben, wo sie hingehen können, um Kerzen anzuzünden. Schon 2008, als das Denkmal errichtet wurde, sind auch Breslauer hingegangen und haben dort ebenfalls Kerzen angezündet. Das geschieht seitdem jedes Jahr.

Gibt es also eine gemeinsame Erinnerungskultur?

Was die Erinnerungskultur anbelangt: Im Fall von Breslau gibt es sie wirklich. Wir haben sozusagen doppelte Wurzeln. Als die Deutschen am Ende und nach dem Ende des Krieges aus Breslau vertrieben wurden und die teilweise vertriebenen Polen nach Breslau kamen, fand ein vollständiger „Austausch“ der Bevölkerung statt. Die Geschichte der Stadt ist jedoch auch heute noch von Bedeutung. Ein junger Breslauer würde sagen, „Wir hatten in Breslau 10 Nobelpreisträger“ – das ist ein Teil Breslauer Geschichte, nicht aber der polnischen. Trotzdem würde ein junger Breslauer betonen, dass es „unsere“ Nobelpreisträger sind. Dieses Phänomen scheint mir europäisch zu sein, in dem Sinne, dass wir die komplexe Geschichte der Stadt angenommen haben.

Joerg Glaescher

Sie stammen aus einem kleinen Ort und kamen in den sechziger Jahren zum ersten Mal nach Wrocław/Breslau, wo Sie 16 Jahre Stadtpräsident waren. Als Fellow der Robert Bosch Academy leben Sie nun in Berlin. Was verbindet diese Städte für Sie?

Vor dem Krieg sagte Kurt Tucholsky: „Jeder anständige Berliner kommt aus Breslau.“ Wenn ich aus dem Fenster meines Büros hier schaue, sehe ich die Hedwigs-Kathedrale – St. Hedwig ist eine Heilige Niederschlesiens – und bis zum Jahr 1939 war Berlin ein Teil des Erzbistums Breslau. Geschichtlich gesehen sind die Städte also sehr eng verbunden. Heute bleibt eine kulturelle Verbundenheit. 2016 war Breslau Kulturhauptstadt Europas und im Zuge dessen führten wir in beiden Städten Projekte durch. Luneta/Fernrohr war eine multimediale Installation vor dem Berliner Bahnhof Friedrichstraße und dem Hauptbahnhof in Breslau. Menschen konnten über Bildschirme und Mikrofone sehen und hören, was in der jeweils anderen Stadt passierte, und Schulklassen oder Künstler konnten miteinander diskutieren. Das hat toll funktioniert. Es sind also nicht nur Geschichte und Verwaltung beider Städte, die in Kontakt treten, es sind auch Bürger und Künstler.

Am Volkstrauertag gedenken wir Opfern von Kriegen und Gewalt aller Nationen. Was kann uns die Erinnerung an die Vergangenheit für unsere Gegenwart lehren?

Vor 80 Jahren begann der zweite Weltkrieg. Man könnte also sagen: Das ist schon so lange her! Wir denken vielleicht, dass uns Frieden und Demokratie für immer gegeben sind. Das ist aber nicht der Fall, man muss sich um sie bemühen. Heutzutage gibt es in Europa, auch in meinem Land, deutliche Probleme mit der liberalen Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit. Es ist unsere Aufgabe daran zu denken, dass Frieden eben nicht für immer gegeben ist und die Europäische Union die schönste Antwort unseres Kontinents auf die Tragödie des Zweiten Weltkriegs war. Der Volkstrauertag ist also eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Wir denken, dass uns Frieden und Demokratie für immer gegeben sind. Das ist nicht der Fall

Sie sind Richard von Weizsäcker Fellow an der Robert Bosch Academy. Was beschäftigt Sie an der Academy?

Ich beschäftige mich an der Academy mit zwei Themen. Erstens: Mit der Vertiefung der europäischen Integration und der Frage, ob Städte oder Kommunen hierbei eine wichtigere Rolle spielen könnten. Und zweitens beschäftige ich mich mit dem Thema Ukraine und der ukrainischen Integration. In Breslau leben momentan mehr als 100.000 Ukrainer, die aus wirtschaftlichen Gründen nach Polen emigriert sind.

Unser tägliches Leben läuft heutzutage vor allem in Städten ab. Und das Nationale spielt zwar immer noch eine Rolle, kann aber nur in einem internationalen Rahmen verwirklicht werden. In unserem Falle heißt das: mithilfe der Europäische Union. Wir beobachten derzeit zwei Phänomene. Die europäische Integration befindet sich in einer Krise, wie das Beispiel des Brexit zeigt. Auf der anderen Seite war die Beteiligung an den Europawahlen viel höher als früher und eine deutliche Mehrheit der Europäer sagte: Wir wollen uns für Europa einsetzen.

Wenn also die Bürger sagen, Europa ist für uns von Bedeutung, dann sollte sich die kommunale Politik auch hier immer stärker engagieren. Mir geht es dabei hauptsächlich um Austausch, menschlich, persönlich und gedanklich – also darum, dass man von der kulturellen Komplexität Europas profitiert – und das passiert häufig in den Städten.

Über Breslau

Breslau/ Wrocław im Südwesten von Polen hat eine bewegte Vergangenheit. Als Folge der Schlesischen Kriege ab 1741 fiel die Stadt erst unter preußische und später unter deutsche Herrschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die deutsche Bevölkerung fast vollständig umgesiedelt und Breslau wieder an Polen angegliedert. Mit dem deutsch-polnischen Grenzvertrag von November 1990 erkannte die Bundesrepublik Deutschland Breslau wieder offiziell als Teil von Polen an.

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