Wer nicht reisen darf, kann auch nicht mitgestalten. Visa-Ungleichheit betrifft Millionen Menschen – und bleibt doch oft unsichtbar. Neue Daten zeigen, wie strukturell verzerrt globale Mobilität ist.
Kürzlich nahmen wir an einer internationalen Konferenz teil, an der eine Partnerin aus einem Land des Globalen Südens nicht teilnehmen konnte. Die häufigste Reaktion unserer Gesprächspartner:innen darauf war: „Es tut mir sehr leid, dass sie kein Visum bekommen hat.“ Ironischerweise hatte unsere Partnerin schlicht die Grippe. Doch diese Reaktion zeigt, wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, dass viele Akteur:innen nicht reisen und an internationalen Treffen teilnehmen können – schlicht, weil ihnen der Zugang verwehrt bleibt.
Als sich die internationale Entwicklungs-Community zuletzt zur COP 30 und dem G20-Gipfel traf, wurde wieder sichtbar, dass Mobilität ein Spiegel globaler Ungleichheiten ist – ausgerechnet in Momenten, in denen so viele Menschen zusammenkommen, um über internationale Kooperation zu sprechen.
Aktuelle Daten der Europäischen Kommission zu Schengen-Visa zeigen, dass besonders die ärmsten Länder der Welt von Ablehnungen kurzfristiger EU-Einreisevisa betroffen sind: Sie tragen die größte Last der globalen Visa-Ungleichheit. Ablehnungen von Kurzzeit-Schengen-Visa führten 2024 zu 145 Millionen US-Dollar an nicht erstattungsfähigen Gebühren – ein Anstieg von 11 Prozent gegenüber 2023. 90 Prozent dieser finanziellen Verluste gingen zulasten von Antragstellenden aus Afrika und Asien.
Die Geschichten darüber, wer sich bewegen kann und wie, prägen politische Entscheidungen. Wenn wir andere Geschichten hören würden, hätten wir die Möglichkeit, politische Maßnahmen, Technologien und die ihnen zugrunde liegenden Werte neu zu gestalten. Wird Mobilität jedoch weiterhin vor allem als etwas betrachtet, das kontrolliert und eingeschränkt werden muss, verengt sich unser kollektiver Blick darauf, wie Verbindungen besser gestaltet werden können.
Was wäre, wenn globale Mobilität als öffentliches Gut verstanden würde – ein „Mobility Commons“, dessen Pflege eine gemeinsame Verantwortung ist? Dann wäre das Recht, Grenzen zu überqueren, einander zu begegnen und gemeinsam etwas zu schaffen, kein Privileg, sondern eine globale Verpflichtung.
Natürlich besitzt jeder Staat die souveräne Autorität, Einreise zu regulieren und Kriterien festzulegen. Visa dienen legitimen Zwecken wie Sicherheit, Migrationssteuerung und öffentlicher Ordnung. Doch die Daten zeigen ein durchgängiges Muster von Ungleichheit – ein Hinweis darauf, dass das System strukturell verzerrt ist. Visa-Regime sind nicht bloß Verwaltungsprozesse; sie sind Ausdruck von Wertentscheidungen. Wenn wir eine gerechtere Welt wollen, müssen wir die Prinzipien hinter diesen Systemen neu denken.
Die Folgen globaler Visa-Ungleichheit reichen weit über die individuelle Belastung abgelehnter Antragsteller:innen hinaus. Die politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen sind tiefgreifend: Wenn Menschen systematisch von internationalem Austausch ausgeschlossen werden, fehlt es globalen Entscheidungen an Kontext, Perspektiven und einem breiten Verständnis gemeinsamer Herausforderungen. Dieses Ungleichgewicht kann Ungleichheiten verfestigen und Fortschritte auf dem Weg zu inklusiven Lösungen behindern.
Wie lässt sich Visa-Ungleichheit bekämpfen, ohne das souveräne Recht von Staaten zu missachten, über Einreise selbst zu entscheiden? Bewusstsein zu schaffen ist ein entscheidender Schritt, um Veränderungen im politischen Handeln und in administrativen Verfahren anzustoßen – mit dem Ziel, Visa-Ungleichheit zu verringern und gerechtere globale Mobilitätssysteme zu schaffen. In einer zweijährigen Partnerschaft mit der Robert Bosch Stiftung wird LAGO Collective Daten, qualitative Forschung, kreative Formate und strategische Kommunikation kombinieren, um die Auswirkungen ungleicher Visa-Regime sichtbar zu machen – insbesondere für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen – und konstruktivere politische Narrative zu Talent und menschlicher Mobilität zu fördern.
Wir können die individuellen Geschichten hinter der globalen Visa-Ungleichheit erzählen. Und wir können anerkennen, dass es neben diesen Einzelfällen eine systemische Dimension gibt – und dass das Visasystem, wie die Daten belegen, inhärente Verzerrungen enthält.
Technologie allein wird diese strukturellen Ungleichheiten nicht beheben. Aber sie kann helfen, sie sichtbar zu machen – und zu verändern. Auf dem afrikanischen Kontinent arbeiten Plattformen wie das Africa Lawyers Hub in Nairobi mit Expertinnen und Experten aus Recht, Politik und Technologie daran, wie digitale Transformation veraltete Visa-Systeme aufbricht und neue Ansätze für Mobilität auf kontinentaler Ebene ermöglicht. Algorithmen, biometrische Datenbanken und digitale Identitätssysteme prägen längst – oft unsichtbar – die Frage, wer sich bewegen darf. Doch dieselben Technologien könnten, anders gestaltet, auch Instrumente für mehr Gerechtigkeit sein: offene Daten für Transparenz und Rechenschaft, Blockchain-basierte Nachverfolgung von Anträgen ohne Vorurteile, digitale Visa-Systeme, die kulturelle, kreative und gemeinschaftliche Beiträge als legitime Formen von Wert anerkennen.
Hinter jeder Grenzpolitik und jedem digitalen Werkzeug steht letztlich die Frage: Wem trauen wir zu, sich zu bewegen, zu arbeiten, zu gestalten? Systemveränderung beginnt, wenn wir Vertrauen nicht als Ausschlusskriterium, sondern als gemeinsamen Wert neu denken. Das verstehen wir unter mobility by design – eine bewusste Neugestaltung globaler Bewegungsfreiheit im Sinne von Fairness, Vertrauen und Teilhabe. Die Vorstellungskraft in Fragen der Mobilität zurückzugewinnen bedeutet, die rechtlichen, digitalen und kulturellen Voraussetzungen für gerechte Bewegungsfreiheit real zu schaffen.