Fremd durch Migration und Demenz

Überall in Europa leben Menschen mit Migrationshintergrund, die an Demenz erkranken – und besondere Bedürfnisse haben. Aber ist die Situation in Europa überall gleich? Das haben Experten mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung erforscht. Ein Ergebnis ist der „EU-Atlas: Demenz & Migration“. 

Alexandra Wolters | Juni 2021
Zwei Männer spielen Schach.
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2030 könnten in Europa bis zu 14 Millionen Menschen mit Demenz leben.

Europaweit gab es im Jahr 2010 etwa zehn Millionen Menschen mit Demenz. Für das Jahr 2030 erwarten Expertinnen und Experten einen Anstieg um etwa 40 Prozent auf 14 Millionen Menschen mit Demenz, die in Europa leben. Aufgrund der vielen Migrationsbewegungen innerhalb Europas und von außerhalb in die Länder Europas betrifft diese Erkrankung auch immer mehr ältere Menschen mit Migrationshintergrund. Das stellt die Betroffenen und ihre Familien oft vor große Herausforderungen. 

Kindheit und Jugend bleiben in Erinnerung

Viele Menschen mit Migrationshintergrund, die an Demenz erkranken, vergessen die Sprache, die sie in ihrer neuen Heimat dazugelernt haben. Oftmals können sie sich nur noch in ihrer Muttersprache verständigen. Hinzu kommt, dass ihnen häufig ihre Umgebung immer fremder vorkommt, da sich Menschen mit Demenz vor allem an ihre Kindheit und Jugend erinnern. Und die haben viele Betroffene mit Migrationshintergrund in ihrer ursprünglichen Heimat verbracht. Daher fühlen sie sich in ihrem kulturellen Umfeld besonders fremd.

Diese Menschen finden kaum Zugang zu medizinischen Informationen, ärztlicher Betreuung und Therapie- und Versorgungsangeboten. Denn eine kultursensible und mehrsprachige medizinische Versorgung für Menschen mit Demenz ist in Europa nicht selbstverständlich. Das ist ein Ergebnis der Forschungen des Deutschen Zentrums für neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Zusammenarbeit mit Alzheimer Europe.

Zahlen und Daten aus 35 Ländern

Um die Situation für Menschen mit Migrationshintergrund und Demenz und deren Familien zu verbessern, muss man zum einen die Prävalenz in den einzelnen Ländern kennen – und wissen, woher die Betroffenen ursprünglich kommen. Dazu gab es bislang aber keine Erhebungen und Untersuchungen. Daher hat die Robert Bosch Stiftung ein Forschungsprojekt angestoßen, das das DZNE unter Leitung von Dr. Jochen René Thyrian 2019 startete. Zwei Jahre lang haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Zahlen, Daten und Dokumente aus 35 Ländern Europas gesammelt, Schätzungen angestellt und Interviews mit Experten geführt. Die Ergebnisse haben sie mit einem multiprofessionellen Team auf mehr als 500 Seiten und in 248 Karten im „EU-Atlas: Demenz & Migration“ festgehalten.

Viele Betroffene in Deutschland und Frankreich

2019 lebten Schätzungen zufolge etwa 475.000 Menschen mit Migrationshintergrund und Demenz in den Ländern der Europäischen Union (EU) und der Europäischen Freihandelszone (EFTA). Der Atlas zeigt die Verteilung der Prävalenz auf die einzelnen Länder. So leben besonders viele Betroffene in Deutschland (137.300) und Frankreich (99.400), im Verhältnis pro 100.000 Einwohner liegen die Schweiz und Luxemburg vorn. Das Forscherteam des DZNE hat sich auch die nationalen Demenzpläne angeschaut, die es inzwischen in den meisten europäischen Ländern gibt. Die wenigsten beinhalten aber Hinweise auf spezielle Versorgungsangebote für Menschen mit Migrationshintergrund. Von den untersuchten Ländern sticht Norwegen hervor, das zum Beispiel Untersuchungsmethoden für Menschen mit Demenz mehrsprachig anbietet. 

Der Atlas schließt eine Wissenslücke

Der „EU-Atlas: Demenz & Migration“ bietet einen Überblick über die Verteilung von Menschen mit Migrationshintergrund und Demenz in Europa, wie das Thema in den Demenzplänen der Länder berücksichtigt wird und welche Angebote es für Betroffene gibt. „Der Atlas schließt eine Wissenslücke“, sagte Dr. Bernadette Klapper zur Veröffentlichung der Publikation am 29. Juni. Er biete eine Grundlage für einen länderübergreifenden Austausch zwischen Vertretern aus den Bereichen Politik, Wissenschaft und der Gesundheitspraxis. Mit dem Ziel, dass gute Beispiele Schule machen, um die Situation von Menschen mit Migrationshintergrund und Demenz und ihrer Familien in Europa zu verbessern. 

EU-Atlas: Demenz & Migration

Für Menschen mit Migrationshintergrund, die von Demenz betroffen sind, kann sich der Zugang zu medizinischen...