Plötzlich fehlen dir die Worte

Jedes Jahr wächst die Zahl der Demenzkranken in Deutschland. Auch unter den Menschen mit Migrationshintergrund. Sie haben mit der Krankheit ganz besondere Schwierigkeiten: Viele vergessen ihre Deutschkenntnisse, nehmen keine Unterstützungsangebote wahr. Das Projekt „DeMigranz“, das von der Robert Bosch Stiftung gefördert wird, möchte sensibilisieren und vermitteln.

Alexandra Wolters | September 2018
Blick in den Garten einer Senioren-WG
Kai Loges / die arge lola

Blick in den Garten einer Wohngemeinschaft für demente Menschen mit türkischen Wurzeln in Stuttgart. Im Sommer sitzen hier Familie und Freunde gerne auch noch abends mit einem Glas schwarzen Tee oder einer Tasse Mocca auf der Terrasse. „Das sind viele so gewohnt“, sagt Ergun Can (re.), der in der WG häufig nach dem Rechten schaut.

Wenn Amalia Stachera in der Bäckerei steht, fehlen ihr die Worte. Die 85-jährige zeigt vorsichtig auf die Brötchen und hebt dann zwei Finger. „Dwie bułki“, murmelt sie dabei ganz leise. Auf Polnisch weiß sie, was „zwei Brötchen“ heißt. Bis vor ein paar Jahren konnte sie das auch auf Deutsch sagen. Denn diese Sprache hat die Polin gelernt, als sie vor etwa 30 Jahren nach Stuttgart kam, um hier zu arbeiten und ihre Familie in Krakau finanziell zu unterstützen. 2009 begannen die demenziellen Veränderungen bei Amalia Stachera. Zuerst vergaß sie häufiger ihren Schlüssel, dann das Geld und vor ein paar Jahren die deutsche Sprache. Wenn sie sich sehr anstrengt, fallen ihr noch ein paar Worte ein. Aber „zwei Brötchen“? Darauf kommt sie einfach nicht. Deshalb geht die Seniorin nicht mehr gerne alleine einkaufen. Sie kann sich auch nicht mit dem Pflegepersonal verständigen, dass sie in ihrer Wohnung täglich versorgt. Und sie nimmt auch keine Therapie-Angebote für Demenzkranke war, weil dort nur deutsch gesprochen wird. Und weil sie sich irgendwie schämt krank zu sein und nichts mehr zu verstehen. 

In Deutschland leben nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft derzeit rund 1,7 Millionen Menschen mit Demenz. Davon hatten im Jahr 2015 etwa 108.000 Menschen einen Migrationshintergrund. Die Zahlen werden in den nächsten Jahren steigen, Experten rechnen mit jährlich insgesamt etwa 300.000 Neuerkrankungen in Deutschland.

„Menschen mit Demenz und Migrationshintergrund verlieren häufig im Verlauf der Krankheit ihre als Fremdsprache erlernten Deutschkennnisse“, sagt Sümeyra Öztürk von Demenz Support Stuttgart. Die gemeinnützige Einrichtung möchte die Situation von Menschen mit Demenz verbessern und versteht sich als Verbindungsstelle zwischen Wissenschaft und Praxis.

Verlust von Erinnerungen, Sprache, Heimat

Bei einer Demenz verwischen die Gedächtnisspuren aus kürzer zurückliegenden Lebensabschnitten rascher als jene aus Kindheit, Jugend und frühem Erwachsenenalter. Daher verlieren Demenzkranke, die erst später nach Deutschland gekommen sind, oft die Erinnerungen an ihr Leben in Deutschland. Die daraus entstehenden Verständigungsprobleme mit deutschen Ärzten und Pflegepersonal führen häufig zu einer Fehlversorgung in Therapie- und Unterstützungsangeboten.

„Dazu kommen viele weitere Schwierigkeiten“, weiß die Sozialarbeiterin Öztürk. „Je nach Kultur gehen die betroffenen Familien anders mit den kognitiven Veränderungen um. Sie werden zum Beispiel tabuisiert oder als nicht so gravierend dargestellt.“ Für manche sei es absolut unvorstellbar, das erkrankte Familienmitglied nicht selber zu pflegen oder in ein Heim zu geben. Auch weil in vielen deutschen Pflegeeinrichtung nicht immer auf die kulturellen Ansprüche und Gewohnheiten der Patienten mit Migrationshintergrund eingegangen werden könne.

Ergun Can
Kai Loges / die arge lola

Ergun Can, ehemaliger Stadtrat und engagierter Demenzbetreuer, unterstützte mit einem Verein die Umsetzung der Senioren-WG für demente Menschen mit türkischen Wurzeln. „In der WG arbeiten ausschließlich türkischsprechende Pflegekräfte. Sie kochen zusammen mit den Bewohnern, versorgen sie bei Bedarf mit Medikamenten und helfen bei der Körperpflege.“

Bessere Vermittlung von mehrsprachigen Angeboten

Um die Situation von demenzkranken Menschen mit Migrationshintergrund zu verbessern, führt Demenz Support seit 2017 das von der Robert Bosch Stiftung geförderte Projekt DeMigranz durch, das bundesweit Akteure und Netzwerke aus Politik und Praxis zusammenbringt. „Es gibt vereinzelt Angebote für Demenzkranke mit Migrationshintergrund“, sagt Öztürk. Aber bislang fehle ein Dialog zwischen Betroffenen und Vertretern des Gesundheitswesens. Auf der einen Seite wissen die Erkrankten und deren Familien viel zu wenig über die Möglichkeiten, Demenzkranke gut zu begleiten und zu pflegen. Auf der anderen Seite wissen die Gesundheits-Experten zu wenig über die Bedürfnisse von Demenzkranken mit Migrationshintergrund.  

„Wir möchten einen Dialog schaffen und vermitteln. In Deutschland lebende Betroffene und ihre Familien sollen besser über das Thema Demenz informiert werden, Zugang zu fachlicher Unterstützung finden – und diese dann auch nutzen“, erklärt Öztürk. Derzeit macht sie mit ihren Kollegen eine Art Bestandsaufnahme: Welche Angebote und welches  Informationsmaterial für Demenzkranke mit Migrationshintergrund gibt es in welchen Sprachen, wer sind die Akteure, wen kann man vernetzen, wer kann von wem lernen und profitieren?

Demenz-WG auf Türkisch

Einer, der von Demenz Support sofort im Rahmen von DeMigranz einbezogen wurde, ist Ergun Can. Der ursprünglich aus der Türkei stammende Vertriebsingenieur ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Fördervereins Emin Eller, der in Stuttgart-Zuffenhausen eine Senioren-Wohngemeinschaft für demente Menschen mit türkischen Wurzeln unterstützt. Gebaut wurde die WG von der Stadt und der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft SWSG. „Die Stadt sagte damals, wir können das bauen und einrichten, aber wie erreichen wir mit dem Angebot die bedürftigen Personen“, erzählt Sümeyra Öztürk. „Also wurde nach Multiplikatoren gesucht, denen die türkischsprachigen Bürger vertrauen und zuhören.“

Die Stadt sagte, wir können das bauen, aber wie erreichen wir die bedürftigen Personen?

So kam Ergun Can ins Spiel, der als ehemaliger Stadtrat, Mitglied in diversen Vereinen und engagierter Demenzbetreuer über viele Erfahrungen und Netzwerke verfügt. Er gründete einen Förderverein und stellte das Projekt vielen Menschen mit türkischen Wurzeln vor. 2016 startete die Wohngemeinschaft im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses. Zuerst waren es fünf Bewohner, heute sind es acht – und die Nachfrage ist groß. „In der WG arbeiten ausschließlich türkischsprechende Pflegekräfte. Sie kochen zusammen mit den Bewohnern, versorgen sie bei Bedarf mit Medikamenten und helfen bei der Körperpflege“, erzählt Can. Das Besondere sei aber vor allem, dass in der WG versucht werde, den bislang gelebten Alltag der Bewohner so gut es geht beizubehalten. 

Im Sommer sitzen sie mit ihren Familien und Freunden gerne auch noch abends mit einem Glas schwarzen Tee oder einer Tasse Mocca auf der Terrasse. Ihr kleines Rasenstück hat die Gemeinschaft zu einem Beet umfunktioniert. Hier wachsen Tomaten, Peperoni und Bohnen. Die Pflanzen werden von den Bewohnern liebevoll gepflegt und geerntet. Gegessen wird gerne auch mal spät am Abend. „Das sind viele so gewohnt“, sagt Ergun Can lachend, der in der WG häufig nach dem Rechten schaut – ob alle zufrieden sind, oder ob neue Stühle gebraucht werden.

Gute Vermittler statt Hochglanzbroschüren

„Es gibt schon viele tolle Unterstützung für Demenzkranke mit Migrationshintergrund“, findet Can. Das Problem sei nur, dass die Bedürftigen davon oft nichts wüssten. Sie würden nicht unbedingt auf Hochglanzbroschüren in irgendwelchen Ämtern schauen. Da brauche es schon gut vernetzte, angesehene Vermittler, die zu den Betroffenen gehen und sie informieren. Und Akteure, die miteinander reden. 

So hat auch Amalia Stachera Unterstützung bekommen. Die 85-Jährige lebt in einem Seniorenzentrum der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Baden-Württemberg. Deren Mitarbeiter schilderten ihren Fall der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva), die im Rahmen einer ambulanten Hilfe eine muttersprachliche Betreuung (ProMi) anbietet und ebenfalls Teil des DeMigranz-Netzwerkes ist. Die Einrichtung konnte ihre ehrenamtliche Helferin Eva Krupski dafür gewinnen, zweimal die Woche für zwei Stunden zu Amalia Stachera zu fahren. Sie unterhält sich mit der 85-Jährigen auf Polnisch, übersetzt Briefe, prüft, ob der Kühlschrank gut gefüllt ist, geht mir ihr einkaufen, spazieren und Eis essen. Das Bestellen übernimmt Eva Krupski, das Eis genießen sie dann gemeinsam.