Unsere Studie „Vielfaltsbarometer“ zeigt eine hohe Ablehnung gegenüber Muslim:innen und Islam in der Gesellschaft in Deutschland. Volker Nüske aus unserem Demokratie-Team setzt sich dafür ein, muslimisches Engagement als Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.
Wer den Ramadan einmal erlebt hat, weiß: Es ist nicht nur ein spiritueller Zeitraum, sondern auch einer, der von Gastfreundschaft und Begegnung geprägt ist. Muslim:innen scheinen in dieser Zeit 48-Stunden-Tage zu haben, wenn man die Fülle an privaten und öffentlichen Aktivitäten betrachtet, in die sie dann zusätzlich zu Arbeit und Familie eingebunden sind. Dabei scheint der Islam, scheinen die Muslim:innen immer noch nicht in unserer Mitte angekommen zu sein. Stattdessen erfahren muslimische Menschen viel Ablehnung. Und das kann nicht im Interesse derer sein, die sich für mehr Zusammenhalt und gegen Polarisierung einsetzen.
Das Vielfaltsbarometer 2025 der Robert Bosch Stiftung, mit dem die Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber sieben Vielfaltsdimensionen gemessen wurde, zeigt: Die deutsche Gesamtbevölkerung lehnt Religion überwiegend ab. Religion hat einen Akzeptanzwert von 34 auf einer Skala von 0 bis 100. Damit ist Religion die Vielfaltsdimension, die von allen erhobenen am wenigsten akzeptiert wird.
Zum Vergleich: Sehr gut fällt beispielsweise die Akzeptanz von Behinderung (82) oder von Geschlecht (74) aus, am hinteren Ende steht „sozioökonomische Schwäche“ (52). Dennoch wird Armut immer noch deutlich mehr akzeptiert als Religion – und das ist eng mit dem Islam verbunden. So lehnt ein Großteil der Menschen gläubige Muslim:innen als Nachbar:innen ab, als Familienmitglieder erst recht. Gläubige Christ:innen und praktizierende Jüd:innen hingegen werden weitestgehend in Nachbarschaft und Familie akzeptiert.
Deutschland ist ein Einwanderungsland und damit geprägt von ethnischer und religiöser Vielfalt. Die Akzeptanz von unterschiedlichen ethnischen Herkünften und Religionen hat in den letzten Jahren jedoch stark abgenommen, wie das Vielfaltsbarometer 2025 zeigt. Wie lassen sich unter diesen Voraussetzungen Teilhabe und Zugehörigkeit in der Einwanderungsgesellschaft für möglichst viele ermöglichen? Wie schauen die in Deutschland lebenden Menschen – solche ohne und solche mit Migrationshintergrund – auf unterschiedliche Aspekte von Vielfalt? Und was sind die Grundlagen für ein gutes Miteinander? Antworten auf diese Fragen liefert die Publikation Teilhabe und Zugehörigkeit in der Einwanderungsgesellschaft, eine Sonderauswertung unserer Studie Vielfaltsbarometer 2025.
Eine Sonderauswertung des Vielfaltsbarometers fügt diesem negativen Bild eine positive Facette hinzu, die gleichzeitig eine Lösung bietet: 70 Prozent der befragten Muslim:innen sind überzeugt, dass Religionsgemeinschaften einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten.
Der Glaube motiviert viele Muslim:innen, sich gesellschaftlich zu engagieren. Das bestätigt unsere Erfahrung aus rund 20 Jahren Förderung.
Aus diesem Antrieb heraus entstehen zum Beispiel Blutspende- oder Putzaktionen am Neujahrstag von der Ahmadiyya Gemeinde, Pflegeangebote und Umweltschutzmaßnahmen durch den Sozialdienst muslimischer Frauen, politische Bildung an Schulen durch die muslimische Jugendorganisation Juma oder hörsaalfüllende Diskussionsreihen zum Feminismus, organisiert durch muslimische Hochschulgruppen. Muslim:innen bringen sich in unserer Gesellschaft ein: nicht trotz, sondern gerade wegen ihres Glaubens.
Hierin liegt eine Chance. Meinen wir es ernst, dass wir einen stärkeren Zusammenhalt wollen, um gemeinsam zu wachsen und zu bestehen angesichts sozialer, politischer und wirtschaftlicher Herausforderungen? Dann dürfen wir nicht ausgrenzen. Wir sollten uns als Gesellschaft begreifen, die die Kraft aufbringt, alle Menschen einzubeziehen. Muslim:innen zeigen seit vielen Jahren mit ihrem Engagement, dass sie genau das wollen.
Der beste Ort, um muslimisches Engagement für unser demokratisches Gemeinwesen zu fördern, ist die Kommune. Nirgends sonst können sich lokale Verantwortungsträger:innen und muslimische Organisationen so direkt begegnen, um gemeinsame Themen wie Jugendarbeit, Moscheebau oder die Einrichtung von Gräberfeldern zu bearbeiten und darüber Vertrauen aufzubauen. Weil das auch kompliziert sein kann und Zeit sowie Wissen braucht, haben wir von der Robert Bosch Stiftung die fachlich-neutrale Islamberatung entwickelt, die mittlerweile auf Deutschland, Österreich und die Schweiz ausgeweitet wurde.
Das Modell zeigt: Wer sich kennt und gegenseitig vertraut, kann nicht nur gut zusammenarbeiten, sondern auch kritische Themen angehen. Und davon gibt es beim Thema Islam auf allen Seiten genug, wie beispielweise antimuslimischen Rassismus oder die Auseinandersetzung mit Geschlechterverhältnissen und Rollenbildern. Kritische Themen bearbeiten: Das funktioniert im persönlichen Miteinander besser als auf dem Podium oder in Sozialen Medien – und welcher Anlass wäre besser geeignet, um den ersten Schritt zum persönlichen Kennenlernen und Vertrauensaufbau zu gehen als der Ramadan? Los geht’s, Ramadan Kareem!