Schüler:innen berichten

So wird Bildungsgerechtigkeit an einer bayerischen Mittelschule gelebt

Wird uns unser Schulabschluss bereits in die Wiege gelegt? Bildung ist auch in Deutschland ein Privileg und wird immer noch von sozialer, wirtschaftlicher oder kultureller Herkunft mitbestimmt. Was muss eine Schule tun, um für mehr Bildungsgerechtigkeit zu sorgen? Zwei Schüler:innen erzählen.

Text
Sandra Hermes
Bilder
Vera Loitzsch; Eichendorffschule Erlangen
Datum
01. März 2024
Lesezeit
5 Minuten

Fast 400 Kinder und Jugendliche lernen an der bayerischen Eichendorffschule in Erlangen. Der Migrationsanteil der Mittelschule liegt bei etwa 70 Prozent, viele Schüler:innen stammen aus sozial benachteiligten Verhältnissen. Kein einfaches Umfeld für Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit, könnte man denken. Daniela (15) und Hadi (16) vermitteln uns da ein ganz anderes Bild. An ihrer Schule steht der Bildungserfolg jeder einzelnen Person unabhängig von der Herkunft im Mittelpunkt, finden sie.

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Bildung

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Im Fördergebiet Bildung macht sich die Robert Bosch Stiftung für zukunftsfähige Kitas und Schulen in Deutschland stark. Mit eigenen Projekten und im Rahmen ihrer Förderung hebt sie Wissen und erprobt Lösungen, von denen das ganze Bildungssystem profitiert. Dafür arbeitet sie eng mit Akteur:innen aus Bildungseinrichtungen, Verwaltung, Forschung und Politik zusammen.

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Dafür wurde die Schule 2023 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Diesen verleiht die Robert Bosch Stiftung gemeinsam mit der Heidehof Stiftung bereits seit 2006. Die Auszeichnung rückt Schulen und ihren Einsatz für die Bildungschancen ihrer Schüler:innen in den Fokus, so auch die Schule in Erlangen: „Der Eichendorffschule gelingt es, den Schülerinnen und Schülern, die von der Grundschule oftmals nur das Gefühl des Scheiterns kennen, die Angst vor Fehlern zu nehmen und ihnen wieder Freude am Lernen zu vermitteln“, sagte Thorsten Bohl, Jury-Sprecher des Deutschen Schulpreises und Direktor der Tübingen School of Education. Wie die Schule das genau macht, erzählen uns Daniela und Hadi.

Bildung

Der Deutsche Schulpreis

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Der Deutsche Schulpreis wird jährlich von der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof Stiftung an herausragende Schulen verliehen, die sich durch innovative pädagogische Konzepte, erfolgreiche Schulentwicklung und eine hohe Qualität der Bildung auszeichnen. Die Konzepte der Preisträgerschulen werden anschließend ausgewertet, aufbereitet und über Fortbildungen, Publikationen und die Onlineplattform Deutsches Schulportal allen Schulen zugänglich gemacht. Ein Kreislauf, in dem sich gute Schulpraxis verstärkt und verbreitet.

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Daniela ist 15 Jahre und geht in die 9. Klasse der Eichendorffschule. Sie strebt den Mittleren Schulabschluss an.

„In unserer Schule werden alle unterstützt. Das finde ich richtig toll. Alle haben die Chance, einen passenden Schulabschluss zu machen. Und dabei wird niemand allein gelassen. In der 8. Klasse waren sich viele noch unschlüssig, ob sie den EMA (Anm. d. Red.: Erfolgreicher Mittelschulabschluss; mit der 9. Jahrgangsstufe abzulegen) oder den höheren MSA (Anm. d. Red.: Mittlerer Schulabschluss mit Bestehen der 10. Jahrgangsstufe, Übertritt zur weiterführenden Schule möglich) machen sollen. Dann gab es eine Eltern- und Schülerversammlung, auf der wir beraten wurden, welche Vor- und Nachteile die beiden Abschlüsse haben, und einen Lerndialog zwischen meinen Eltern, der Lehrkraft und mir. Am Ende kamen alle Schüler:innen raus und wussten, was ihre Ziele sind. Das fand ich wirklich sehr gut, und für mich war es eine Erleichterung, zu wissen, wo es hingeht.

„Wenn man zu Hause eine Frage hat, kann man die Lehrkräfte gerne über Teams oder so anschreiben, und die antworten dann ganz schnell.“

Zitat vonDaniela (15). Sie geht in die 9. Klasse der Eichendorffschule und erklärt uns im Protokoll ihre Sicht auf Bildungsgerechtigkeit.

Auch beim Lernen bekommen alle Schülerinnen und Schüler Unterstützung. Nachhilfe ist nicht nötig, weil alle Lehrkräfte immer gerne helfen. Im Lernbüro kann jede und jeder zur Lehrkraft kommen und sich alles erklären lassen, was sie oder er nicht versteht. Und danach versteht man es meistens richtig gut. Das ist auch nach der Schule so. Wenn man zu Hause eine Frage hat, kann man die Lehrkräfte gerne über Teams oder so anschreiben, und die antworten dann ganz schnell. Das finde ich wirklich schön. Das gilt auch für die Technik. Es ist toll, dass alle Schüler:innen an der Eichendorffschule ein iPad geliehen bekommen und es nicht selbst kaufen müssen. Denn dann könnte es richtig teuer werden, und nicht jede Familie könnte das bezahlen.

Außerdem werden wir hier gut auf das Leben und den Beruf vorbereitet. Neben den normalen Schulfächern gibt es auch das Fach ‚Herausforderungen‘. Da haben wir uns in einem Team selbstständig ein Ziel ausgesucht, das wir erreichen wollten. In meiner Gruppe haben wir uns die Herausforderung gesetzt, mit dem Fahrrad von Nürnberg bis nach Passau zu fahren. Auch wenn wir es am Ende nicht ganz geschafft haben, haben wir extrem viel gelernt. Zum Beispiel uns gegenseitig zu unterstützen und mit Geld umzugehen. Jede Person hatte 100 Euro, und diese 100 Euro mussten wir für zehn Tage managen. Wir haben gelernt, dass man nicht zu viel für unwichtige Sachen ausgeben darf, da man ja auch noch die Campingplätze und das Essen bezahlen muss. Ich finde es schön, dass unsere Schule uns die Chance gibt, auch im echten Leben zu lernen.“

Muhammad, von allen Hadi genannt, ist 16 Jahre und besucht die 10. Klasse der Eichendorffschule. In diesem Jahr wird er den MSA machen und möchte danach auf ein Gymnasium wechseln.

„Ich finde es gut, dass wir an unserer Schule als Schülerschaft ernst genommen werden. Ich vertrete als 2. Bezirksschulsprecher die Mittelschulen, und da besuche ich auch öfter andere Schulen. Da haben die Schülerinnen und Schüler oft kein Rederecht, sie werden einfach nicht so ernst genommen von der Schulleitung und von den Lehrkräften und dürfen nicht mitentscheiden, was sie in der Schule verändern wollen. Das ist bei uns an der Eichendorffschule zum Glück ganz anders. Wir können jederzeit ein Schüler-Eltern-Lehrer-Forum einberufen. Da setzt man sich zusammen hin, und dann kann man sagen, was unsere Schule braucht und was wir ändern möchten. Unsere Sorgen und unsere Anmerkungen werden wirklich ernst genommen.

„Wenn man sich für ein Praktikum bewerben möchte oder für eine Ausbildung, kann man einen Termin machen, und die Lehrkräfte schreiben dann gemeinsam mit uns eine Bewerbung.“

Zitat vonMuhammad, von allen Hadi genannt (16). Was es für gleiche Bildungschancen für alle braucht erklärt der Zehntklässler der Eichendorffschule.

An unserer Schule haben wir außerdem ein modernes Lernsystem. Das Lernbüro-System hilft uns auch bei der Vorbereitung auf den Abschluss. Wir können in Deutsch, Mathe und Englisch selbstständig arbeiten, ohne dass wir auf eine Lehrkraft angewiesen sind. Wir dürfen selbst entscheiden, an welchem Thema wir arbeiten und wann wir bereit sind, die Prüfung darüber zu schreiben. Das macht alles flexibler, und wir werden dadurch selbstständiger und lernen uns zu organisieren. Stärkere Schülerinnen und Schüler helfen den schwächeren. Ich bin zum Beispiel schon mit Mathe in der 10. Klasse durch und kann jetzt anderen helfen, die mit einer Frage zu mir kommen.

In unserer Schule helfen uns die Lehrkräfte und der Rektor, uns weiterzuentwickeln. Sie möchten wirklich, dass wir etwas in unserem Leben erreichen. Wir haben auch unsere eigene Berufsberatung. Wenn man sich für ein Praktikum bewerben möchte oder für eine Ausbildung, kann man einen Termin machen, und die Lehrkräfte schreiben dann gemeinsam mit uns eine Bewerbung.

Wenn ich unsere Ausstattung mit Realschulen oder Gymnasien vergleiche, geht es aber nicht immer gerecht zu. Unsere Schule ist noch nicht saniert und unser Physikraum veraltet. Ich wünsche mir hier mehr Wertschätzung für Mittelschulen. Jede Schülerin und jeder Schüler hat das Recht auf eine angemessene Bildung, und auch das Umfeld hat Einfluss auf das Lernen. Nur mit einer guten Bildung bekommt man später einen guten Beruf.“

viele Menschen auf einer Demonstration, eine Frau im Vordergrund hält ein Pappschild in die Höhe
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