Der Klimawandel prägt bereits heute Migration und Vertreibung maßgeblich. Dennoch bleibt klimabedingte Migration bislang wenig beachtet. Jassin Irscheid aus unserem Team Migration erklärt, warum es dringend eine kohärente Politik für dieses Thema braucht.
Migration wird oft als grenzüberschreitendes Problem dargestellt, doch ein Großteil der klimabedingten Migration findet innerhalb nationaler Grenzen statt. Wetterbedingte Katastrophen haben bis Ende 2025 etwa 27,2 Millionen Binnenvertreibungen ausgelöst (Quelle: Global Report on Internal Displacement 2026). Dabei kratzt diese Zahl nur an der Oberfläche einer größeren, sich langsamer vollziehenden Entwicklung. Prognosen für 2050 gehen davon aus, dass bis zu 113 Millionen Menschen auf dem afrikanischen Kontinent innerhalb ihrer eigenen Länder vertrieben worden sein könnten (Quelle: Global Centre for Climate Mobility/Africa Climate Mobility Initiative). In der Karibik werden voraussichtlich bis zu 8,2 Millionen Menschen dauerhaft umsiedeln (Quelle: Global Centre for Climate Mobility/Greater Caribbean Climate Mobility Initiative). Und bei dieser Krise geht es nicht nur um diejenigen, die migrieren, sondern auch um diejenigen, die dazu nicht in der Lage sind. Allein in der Karibik könnten fast 6 Millionen Menschen durch zunehmende Armut in klimabedrohten Gebieten festsitzen: Weil sie es sich nicht leisten können, zu gehen.
Für die meisten jedoch ist das Verlassen der Heimat ein letzter Ausweg. Der Klimawandel verstärkt andere Migrationsfaktoren immer mehr, etwa die Suche nach Bildung und Arbeit. Dies führt zu Herausforderungen in den Regionen, in die die Menschen ziehen – und auch zu neuen Möglichkeiten. Die Notwendigkeit, die betroffenen Gesellschaften zu stärken, liegt auf der Hand. Das schiere Ausmaß und die Komplexität klimabedingter Migration machen sie zu einer prägenden Herausforderung unserer Zeit, die eine vorausschauende Politik und wirksame internationale Solidarität erfordert.
Der Handlungsbedarf im Bereich der klimabedingten Migration wird in internationalen Foren zwar zunehmend anerkannt. Doch konkrete Maßnahmen sind fragmentiert und vor allem unterfinanziert. Das Globale Anpassungsziel der UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) nimmt klimabedingte Migration kaum in den Blick, und obwohl diese in den nationalen Anpassungsplänen häufig erwähnt wird, gibt es kaum kohärente Maßnahmen. Große Klimafonds wie der Green Climate Fund (GCF) behandeln Migration als ein sekundäres Thema; oft ist es ein Nebenaspekt von Klimaanpassungs- und Resilienzprojekten.
Der neue Fonds zum Umgang mit Verlusten und Schäden (Fund for Responding Loss and Damage, FRLD) ist der erste, der klimabedingte Mobilität ausdrücklich einbezieht – doch seine anfänglichen Zusagen decken nur einen Bruchteil dessen, was nötig wäre, um die Herausforderung in angemessenem Maßstab anzugehen. Ähnlich verknüpfen multilaterale Entwicklungsbanken ihre Klima- und Migrationsportfolios selten, was zu einer Landschaft ad-hoc-basierter Reaktionen führt.
Insgesamt ist die internationale Klimafinanzierung dort nach wie vor unzureichend, wo sie am dringendsten benötigt wird: auf lokaler Ebene. So werden beispielsweise in der IGAD-Region, einer regionalen Wirtschaftsgemeinschaft ostafrikanischer Länder, 81 Prozent der Mittel für Klimaanpassungsmaßnahmen von nationalen Regierungen und multilateralen Organisationen implementiert, sodass für Organisationen auf lokaler Ebene nur ein minimaler Anteil übrigbleibt. Lokal geführte Projekte können jedoch weitaus kontextsensiblere und effektivere Maßnahmen zur Klimaanpassung hervorbringen, wie etwa eine Studie der IIED Climate Change Group zeigt. Obwohl es Versuche gab, den Zugang zu Mitteln für die lokale Ebene zu verbessern, waren die Fortschritte bisher begrenzt.
Um diese Lücke zu schließen, gibt es inzwischen neue Finanzierungsmodelle. Der Global Cities Fund unserer Partnerorganisation Mayors Migration Council unterstützt Städte dabei, direkt auf Ressourcen zuzugreifen. So ermöglichte er beispielsweise Beira in Mosambik die freiwillige und menschenwürdige Umsiedlung von Familien, die in Hochrisikogebieten lebten, indem die Stadt Wohnraum und Infrastruktur bereitstellte. Initiativen wie die Communities Climate Adaptation Facility (C-CAF) unseres Partners Global Centre for Climate Mobility zielen darauf ab, Klimafinanzierung so zu verbessern, dass sie sich an den lokalen Bedürfnissen orientiert und die Gemeinden schnell erreicht. In Fidschi erhalten die Gemeinden Macuata-i-Wai, Narata und Vuniniudrovu jeweils Mittel für dringende Anpassungsmaßnahmen – von der Erhöhung von Häusern und der Wiederherstellung von Mangroven bis hin zur Umsiedlung von Haushalten, die von Überschwemmungen und Uferabrissen bedroht sind.
Mit dem Berlin Climate Mobility Forum (BCMF) wollen wir von der Robert Bosch Stiftung gemeinsam mit dem Global Centre for Climate Mobility die bisherigen Fortschritte in Bezug auf klimabedingte Migration zu einer einheitlichen internationalen Agenda bündeln, um zu einem entschlosseneren politischen Handeln beitragen. Das diesjährige Forum bringt 14 Staats- und Regierungschefs sowie mehr als 60 Minister:innen und weitere Führungspersönlichkeiten aus rund 80 Ländern sowie internationale Organisationen und lokale Vorreiter:innen zusammen. Ziel ist es, die „Global Principles for Addressing Climate Mobility“ zu verabschieden und wichtige Impulse für die Ausgestaltung der Climate Mobility Adaptation Agenda zu setzen.
Die Gestaltung von Klimamobilität erfordert einen Wandel von reaktivem Krisenmanagement hin zu proaktiver internationaler Zusammenarbeit. Das BCMF treibt diesen Wandel voran, indem es die Grundlagen für eine koordinierte globale Antwort schafft, die den Gemeinschaften hilft, sich anzupassen, ihre Heimat, wo möglich, zu erhalten und bei Bedarf in Würde umzusiedeln.
Deutschland hat durch sein bisheriges Engagement – etwa in der Platform on Disaster Displacement oder an der Seite kleiner Inselstaaten bei den Vereinten Nationen – wertvolles politisches Kapital aufgebaut und leistet wichtige Beiträge zu großen internationalen Fonds. Diese Erfahrung und die damit verbundene Positionierung könnten proaktiv genutzt werden, um finanzielle Unterstützungsmaßnahmen systematischer und für lokale Akteure zugänglicher auszurichten. In einer sich wandelnden globalen Ordnung kann dieses Engagement internationale Partnerschaften festigen und einen wesentlichen Beitrag zur langfristigen regionalen Stabilität leisten.
Der Autor dieses Beitrags, Jassin Irscheid, ist Projektmanager in unserem Team Migration. Er arbeitet an den Schwerpunkten Klimawandel und digitale Technologien im Kontext von Flucht und Migration.