„Terroristen mögen keinen Strom“

Der Klimawandel gefährdet die Sicherheit und Stabilität aller Länder. Besonders betroffen sind fragile Regionen. Hier sind die Auswirkungen des Klimawandels ein zusätzlicher Spannungstreiber und erschweren die friedliche Lösung von Konflikten. Wie geht Mali, eines der fragilsten Länder der Welt, damit um? Ein Interview mit Hussein Nafo, Sonderberater des malischen Präsidenten, über Friedensprozesse und Nachhaltigkeit.

Robert Bosch Stiftung | Februar 2020
MSC/Görlich

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz erklärte Hussein Nafo am Beispiel Malis, wie es gelingen kann, Konflikte zu entschärfen.

Ihr Heimatland Mali gehört zu den ärmsten und fragilsten Ländern der Welt, mit zahlreichen gewalttätigen Konflikten. Welche Bedeutung hat der Klimawandel in dieser Situation?

Hussein Nafo: Mali liegt mitten in der Sahelzone, einer der trockensten Regionen der Erde. Das Land besteht zu zwei Dritteln aus Wüste. Der größte Wirtschaftssektor ist die Landwirtschaft. Der Klimawandel hat die Temperaturen ansteigen lassen, gleichzeitig nimmt die Bodenfruchtbarkeit ab. Große Schwankungen des Niederschlags erschweren es den Bauern zusätzlich, den Anbau entsprechend anzupassen. Das hat bereits innerhalb von Mali zu Migration geführt. Dazu kommen Herausforderungen wie Armut, Unsicherheit und in den letzten Jahren Konflikte. So ist ein Teufelskreis entstanden, in dem sich die Auswirkungen des Klimawandels und Konflikte sowie weitere Herausforderungen wie in einer Rückkopplungsschleife verstärken. Der Klimawandel verkompliziert und verschärft also die bestehende Situation: Die Armut führt zu Wanderungsbewegungen, die Verknappung natürlicher Ressourcen zu steigendem Druck auf die verbliebenen Ressourcen – und damit zu potentiellen Konflikten zwischen Bauern und Viehhirten.

Was bedeutet das mit Blick auf die Friedensbemühungen im Land und in der gesamten Region?

Jede erfolgreiche Friedensmission muss auf Stabilität ausgerichtet und nachhaltig sein. Der Klimawandel untergräbt den Kern von Friedensbildung, indem er die Stabilität nimmt. Gleichzeitig stellt er eine neue Anforderung an das, was Friedensprozesse üblicherweise leisten müssen. Bisher geht es dabei im Wesentlichen um die Lösung humanitärer oder militärischer Krisen. Die wirtschaftliche Entwicklung ist ein zusätzlicher Gewinn, der aber weniger im Vordergrund steht. Im Fall von Mali und der Sahelzone heißt das: Wenn man das Klima nicht in die Friedensbemühungen einbezieht, riskiert man, alle Zwischenschritte und deren gesamten Erfolg zu ruinieren. Das ist etwas völlig Neues. Meiner Meinung nach ist das per se eine Neuheit in Friedensprozessen. Die Einsatzkräfte vor Ort haben bisher kein makroökonomisches Wissen oder Verständnis für das Zusammenspiel der Effekte des Klimawandels in bestimmten Sektoren und Gebieten. Das ist aus konzeptioneller Sicht eine Herausforderung. Operativ stellt sich die Aufgabe, die verschiedenen Stakeholder auf nationaler und internationaler Ebene zu koordinieren. Wir müssen Friedensbildung künftig mit einem systematischen ganzheitlichen Ansatz verfolgen.

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Hussein Seyni Nafo

Zur Person

Hussein Nafo ist Sonderberater des malischen Präsidenten und vertritt die Anliegen Afrikas im Kampf gegen den Klimawandel. Als Sprecher der African Group of Negotiators bei den UN-Klimakonferenzen arbeitet er mit an der Entwicklung der Africa Renewable Energy Initiative (AREI). Die Initiative setzt sich für eine beschleunigte Nutzung erneuerbarer Energien auf dem afrikanischen Kontinent ein.

Können Sie mit Blick auf Ihre Heimatregion Beispiele dafür geben, wie die Anpassung an den Klimawandel dabei helfen kann, Spannungen zu vermeiden?

Da gibt es viele. Noch einmal: Der Klimawandel führt zu einer Verknappung natürlicher Ressourcen. Erfolgreiche konkrete Maßnahmen zielen darauf ab, auf lokaler Ebene den Zugang zu bzw. die Verfügbarkeit von Technologie, Geld und Kapazität zu steigern, um das zu produzieren, was man zum Leben braucht. In einem Dorf beispielsweise kann das alles umfassen, was die Energieproduktion oder die nachhaltige Energiegewinnung zu Produktionszwecken steigert. Das kann ein System bestehend aus Solar- oder Batterieenergie sein, das ein ganzes Dorf mit Strom versorgt. Es gibt dieses Zitat von Präsident Keita angesichts der Elektrifizierung vieler Dörfer: „Terroristen mögen keinen Strom.“ Durch den Strom gibt es nicht nur Licht, sondern auch mehr Produktion. Dadurch gibt es die Möglichkeit eines nachhaltigen Wassermanagements, zum Beispiel in Form von Tröpfchenbewässerung, die dafür sorgt, dass die in der Regel weiblichen Landwirtschaftskooperativen die für den Anbau nötige Menge Wasser zur Verfügung haben. Damit steigert man die Ernte. Man ermöglicht bestimmte Finanzierungsformen durch beispielsweise Mikrokredite. Kleine und Mikrodarlehen ergänzen Instrumente zur Risikovermeidung in der Landwirtschaft und helfen, sich gegen die Niederschlagsschwankungen abzusichern. Das bringt ebenso etwas wie digitale Dienstleistungen, zum Beispiel Wetterinformationen im Internet. Wenn es gelingt, einem Dorf in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten all diese Dinge in einem Technologiepaket, einem Finanzpaket zur Verfügung zu stellen, kann man eine Region zum Positiven zu verändern. Aber dazu braucht es – und das ist die größte Herausforderung - die Koordination aller Beteiligten auf lokalem, nationalem, regionalem Level sowie der internationalen, der technischen Partner und Geldgeber.

 Um signifikante Veränderungen zu erreichen, müssen wir die globalen Emissionen deutlich reduzieren.

Sie haben gerade schon die verschiedenen Ebenen angesprochen: Was kann man Ihrer Meinung nach auf internationaler Ebene tun, um Länder wie Mali in ökologischer wie politischer Hinsicht zu stabilisieren?

In ökologischer Hinsicht ist das einfach. Mali und ganz Afrika zusammen verursachen weniger als vier Prozent der globalen Treibhausgase. Um signifikante Veränderungen zu erreichen, müssen wir die globalen Emissionen deutlich reduzieren. Deshalb sind wir an den Verhandlungen der UN und anderer Stellen beteiligt. Leider sind wir hier, und das ist wirklich unglücklich, abhängig von anderen. Der Fall liegt anders als in der Aids-Krise. Da haben viele afrikanische Länder in den vergangenen zehn Jahren große Fortschritte gemacht und es geschafft, dass Aids zwar weiterhin ein sehr ernstes Gesundheitsthema ist, aber nicht mehr die Existenz ganzer Staaten gefährdet. Beim Klimawandel ist das leider nicht so, denn die Treibhausgasemissionen müssen jenseits unserer Grenzen sinken. Im Pariser Klimaschutzabkommen, dem 53 von 54 afrikanischen Staaten zugestimmt haben, hat Mali seine Klimaziele noch einmal überarbeitet. Für die Umsetzung dieser Klimaschutzpläne brauchen wir auf internationaler Ebene Unterstützung bei der Finanzierung, in Technologie und beim Kapazitätenaufbau. Auf nationaler Ebene ist es zentral, die staatlichen Prozesse und den Antrieb eines Landes, sich für Klimaschutz zu engagieren, zu unterstützen.

Das Magazin (02/2019)

Dieses Magazin stellt die vier neuen Themen der internationalen Arbeit der Robert Bosch Stiftung vor und gibt einen...