Mit Fakten gegen historische Fake News

Netztrolle von historischen Tatsachen überzeugen – ein Kampf gegen Windmühlen? Nicht für den Historiker Theo Müller. Mit dem Projekt GeschichtsCheck.de setzt er auf die Kraft der Wahrheit.

Protokoll: Jan Abele | Juni 2020
Theo Müllers Ziel: Nutzern ein Werkzeug an die Hand zu geben, um historische Tatsachen von Lügen zu unterscheiden.
Anne-Sophie Stolz

Theo Müllers Ziel: Nutzern ein Werkzeug an die Hand zu geben, um historische Tatsachen von Lügen zu unterscheiden.

Es war auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise vor etwa vier Jahren. In den sozialen Medien registrierten wir eine neue Qualität an offenem Rassismus, Hassreden und Agitationen. Viele der Verfasser untermauerten ihre menschenverachtenden Argumentationen dabei mit vermeintlich historischen Zusammenhängen. Das gab ihnen einen gefährlichen Anstrich von Seriosität. So begründete ein User seine ablehnende Haltung gegenüber der Zuwanderung damit, dass Deutschland sein Wirtschaftswunder in den 50er-Jahren schließlich auch ohne Migranten verwirklicht habe. Das ist nur ein Beispiel für viel historischen Unsinn, der in dieser Zeit im Netz auftauchte und den wir als HistorikerInnen so nicht stehen lassen konnten. Aber was sollten wir tun? 

„Wir“, das sind die Mitglieder des Vereins Open History, ein Netzwerk von Menschen, die an unterschiedlichen Orten an und mit Geschichte arbeiten. Wir wollen zeigen, dass HistorikerInnen nicht nur in Archiven sitzen und Bücher schreiben, die niemand liest, sondern ganz im Gegenteil einen wichtigen Beitrag für ein besseres Diskussionsklima in unserer Gesellschaft leisten können. Mit einigem Eifer begannen wir auf allen Kanälen mit unserer Mission. Wir kommentierten, erklärten, rückten Dinge zurecht. Ich begann ein langes Streitgespräch auf Twitter mit eben jenem User, der die These vom zuwanderungsfreien Wirtschaftswunder vertrat, und stieß schnell an Grenzen. Sobald ich seine Argumentation widerlegt hatte, konfrontierte er mich mit neuen haarsträubenden Behauptungen. Am Ende gab ich mit der ernüchternden Erkenntnis auf, dass es aussichtslos ist, die Netztrolle selbst mit Argumenten zu überzeugen.

Wenn die Fakten nicht zu den Verschwörungstheoretikern und Hetzern dringen, dann müssen wir eben das mitlesende Publikum zu den Fakten holen.

Aber wenn die Fakten nicht zu den Verschwörungstheoretikern und Hetzern dringen, dann müssen wir eben das mitlesende Publikum zu den Fakten holen. Auf GeschichtsCheck.de stellen wir Faktenwissen für all jene zur Verfügung, die im Netz mit historischen Behauptungen konfrontiert werden und wissen wollen, was wirklich dran ist. 

Theo Müller
Anne-Sophie Stolz

Zur Person

Theo Müller durchforstet als Wissenschaftler nicht nur das Netz nach historischen Unwahrheiten – mit der gebotenen Faktentreue treibt der 28-Jährige gerade seine Dissertation an der Universität Heidelberg und an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris voran. 
 

Die Webseite ist über Schlagworte bei Suchmaschinen leicht zu finden und gibt den NutzerInnen ein Werkzeug an die Hand, das sie befähigt, historische Tatsachen von Lügen zu unterscheiden. Wir durchleuchten regelmäßig das Netz, um zu sehen, welche historischen Verdrehungen gerade verbreitet werden, und schreiben entsprechende Artikel, die dann auf GeschichtsCheck.de erscheinen. Häufig geht es da um ganz grundlegende Fragen: ob Deutschland ein souveräner Staat ist, warum die Europäische Union gegründet wurde oder was der Begriff „rassistisch“ eigentlich genau meint. 

Manchmal wird es aber auch schwieriger. So verspüre ich gerade in der letzten Zeit eine deutliche Zunahme bei antisemitischen Inhalten. Wir versuchen, den oft aggressiven Verunglimpfungen mit Sachlichkeit zu begegnen, indem wir ihnen eine faktengesicherte Antwort entgegenstellen. Wir werden das Fake-News-Problem nämlich nur dann wirksam bekämpfen, wenn wir dafür sorgen, dass denjenigen, die Unwahrheiten im Netz verbreiten, der Nährboden entzogen wird – weil die breite Öffentlichkeit einfach zu schlau für sie ist.