Gegen Hass und Hetze im Netz – Was Unternehmen wie ALBA dagegen tun

Fake News, Hate Speech und Verschwörungsmythen zirkulieren nicht erst seit der Corona-Pandemie im Internet. Doch Corona war für viele dieser Phänomene ein Brandbeschleuniger und hat gesellschaftliche Risse nochmal vergrößert. Wie können wir uns dagegen wehren und als Gesellschaft wieder näher zusammenrücken? Der „Business Council for Democracy“ (BC4D) ist eine Initiative der Gemeinnützigen Hertie Stiftung, der Robert Bosch Stiftung und des Institute for Strategic Dialogue Deutschland, die gemeinsam mit Unternehmen die Demokratie im digitalen Zeitalter stärken will. ALBA aus Braunschweig ist eines der Pilotunternehmen. 

Magnus Petz | August 2021
Eine Frau in Arbeitskleidung blickt auf ihr Smartphone.
Adobe Stock/Gorodenkoff

Eine Frau in Arbeitskleidung blickt auf ihr Smartphone.

Andreas Lauenstein ist besorgt. Das merkt man ihm an, als er in seinem knallgelben Arbeitsoutfit in einem schlichten Konferenzraum sitzt. Seine Stimme wird lauter, die Armbewegungen ausschweifender, als er zu erzählen beginnt: „Wie du mit Fake-Nachrichten Leute fangen kannst, das wundert mich immer wieder. Zum Beispiel Vermisstenanzeigen von Kindern, das sehe ich jeden Tag. Und hinterher stellt sich heraus, dass es ein Fake gewesen ist. Das macht mich ratlos und enttäuscht.“ 

„Die Netiquette ist nicht mehr da“

Lauenstein ist Kehrmaschinenfahrer bei ALBA, einem Recycling- und Entsorgungsunternehmen in Braunschweig. Der 58-Jährige ist ein echtes Urgestein: Seit fast dreißig Jahren arbeitet er für das Unternehmen. Als eines von sechs Pilotunternehmen der BC4D-Initiative will ALBA ein Zeichen gegen Polarisierung im Internet setzen. Neben ALBA sind Evonik, die Kion Group, Volkswagen, NOMOS Glashütte und UFA an dem Projekt beteiligt. Mitarbeiter:innen dieser Unternehmen haben die Möglichkeit, in Schulungen mehr über Hate Speech, Fake News und Verschwörungsmythen im Internet zu erfahren und zu lernen, was sie dagegen tun können. 

Lauenstein und sein Kollege Dominique Bächler haben an diesen Schulungen teilgenommen. Bächler, der neben Lauenstein im Konferenzraum sitzt und an seinem Kaffee nippt, arbeitet im Vertrieb von ALBA und ist mittlerweile in sozialen Netzwerken nicht mehr aktiv. Trotzdem glaubt der 46-Jährige, dass Corona negative Trends in den sozialen Medien nochmals verstärkt hat. „Die Netiquette ist einfach nicht mehr da und Beleidigungen werden immer mehr. Man kann sich hinter irgendeinem Nutzernamen verstecken und die Sau rauslassen“, sagt er. „Das ist gefährlich, weil Leute dadurch Gedankengut verbreiten können, das überhaupt nicht in Ordnung ist.“

Ein Mitarbeiter der ALBA Group sitzt vor einem Tablet.
©ALBA Group

Aufgrund der Corona-Pandemie mussten die Seminare virtuell durchgeführt werden.

Hate Speech und Fake News nehmen weiter zu

Diskriminierung im Internet ist ein wachsender Trend. Das belegen auch die Zahlen: 39 Prozent der Deutschen geben an, dass ihnen Hate Speech häufig bis sehr häufig im Internet begegnet. Das geht aus einer aktuellen Forsa-Umfrage hervor. Nur 22 Prozent der Befragten sind Hasskommentare noch nie aufgefallen – acht Prozent weniger als bei der letzten Umfrage 2017. Beim Thema Fake News zeichnet sich ebenfalls eine Entwicklung ab, die Sorgen bereitet: Viele Falschmeldungen, die uns in den sozialen Medien angezeigt werden, erkennen wir gar nicht als solche. Das bestätigt eine Studie der Stiftung Neue Verantwortung, die im Herbst vergangenen Jahres durchgeführt wurde. Viele Befragte taten sich schwer, wahre Nachrichten und Falschinformationen voneinander zu unterscheiden und Inhalte als Werbung zu identifizieren. Anna-Katharina Meßmer, Projektleiterin bei der Stiftung Neue Verantwortung, sieht mangelnde Medienkompetenz als eine mögliche Ursache: „Die Studie macht deutlich, dass es ein enormes Bildungsproblem gibt. Hier muss nachgesteuert werden.“

Herkunft und Kultur spielen bei ALBA keine Rolle

Auch Matthias Fricke, 48 Jahre alt und seit 2012 Geschäftsführer von Alba Braunschweig, sieht in dieser negativen gesellschaftlichen Entwicklung einen Antrieb, sich am BC4D zu beteiligen. Zum Start des Projekts sprach er gezielt Mitarbeiter:innen an, die als Multiplikator:innen im Kollegenkreis Werbung für die Schulungen machen sollten. Diese fanden zwar außerhalb der regulären Arbeitszeit statt, die Teilnahme wurde aber vergütet. Über einen Zeitraum von zwei Monaten gab ein erfahrener Coach den Teilnehmenden zunächst eine theoretische Einführung. Die Sitzungen mussten aufgrund der Corona-Pandemie als Webinare stattfinden. Im Mittelpunkt standen Fragen wie: Was kann ich tun, wenn ich selbst Hassattacken ausgesetzt bin? Wie funktioniert digitale Gegenrede und welche Folgen hat die digitale Polarisierung für unsere Gesellschaft? Anschließend hat die Gruppe offen über das Gelernte anhand von Praxisbeispielen diskutiert. So wurde gezeigt, wie Bilder relativ einfach mit Photoshop manipuliert werden können. Zur Resonanz der Teilnehmenden meint Fricke: „Ich habe überwiegend positives Feedback bekommen und ich glaube, dass der eine oder andere für sich etwas als Handwerkszeug mitnehmen kann.“

Mir haben die Schulungen echt was gebracht.

Sollten sich Unternehmen generell stärker gegen Hass und Hetze einsetzen und eine klare Haltung zeigen? Fricke bejaht und sieht in der Stadtreinigung sogar einen „Garanten für Integration“. Fast liebevoll spricht er von „seiner Truppe“, in der elf Nationen zusammenarbeiten und Herkunft und Kultur keine Rolle spielen würden. Der Geschäftsführer ist überzeugt: „Wenn einer integrieren kann, dann ist das definitiv die Stadtreinigung.“ ALBA will auch in Zukunft für eine offene und tolerante Gesellschaft eintreten und wird nach der Pilotphase weiter Teil des Projekts BC4D bleiben, wie Ende Juni bekannt wurde. Andreas Lauenstein wird sich freuen. Sein Fazit: „Mir haben die Schulungen echt was gebracht.“