„Bürgermeister können Teil der Lösung sein“

Seit 2018 ist Yvonne Aki-Sawyerr Bürgermeisterin der sierra-leonischen Hauptstadt Freetown. In unserem Interview spricht sie über Verlust als zentrales Thema in Migrationsdebatten – und über ein Schlüsselerlebnis, das sie dazu brachte, sich als Mitglied im Mayors Migration Council international dafür einzusetzen, dass Städte in Migrationsfragen Gehör finden.

Julia Rommel | September 2020

Yvonne Aki-Sawyerr ist seit 2018 Bürgermeisterin von Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones, und Mitglied im Mayors Migration Council, einem globalen Zusammenschluss von Bürgermeistern. Nach ihrem Masterstudium an der London School of Economics and Political Science arbeitete sie 25 Jahre lang als Beraterin u.a. im Finanzsektor in Großbritannien, bevor sie angesichts der Ebola-Krise Ende 2014 nach Freetown zurückkehrte. Für ihre Verdienste im Kampf gegen Ebola wurde sie im Januar 2016 von der Queen mit dem britischen Offizierskreuz ausgezeichnet (OBE).

Warum wird in vielen Ländern so kontrovers über Migration diskutiert?

Yvonne Aki-Sawyerr: Das liegt vor allem an einer Erzählweise, einem Narrativ, das Migranten grundsätzlich als Abhängige beschreibt – von der angesteuerten Umgebung, vom Staat, der Stadt – die damit denen etwas wegnehmen, die dort bereits leben. Die Kontroverse wurzelt oftmals in Verlustängsten, in der Sorge, ausgenutzt zu werden, und daher in Feindseligkeit. Doch so muss die Realität nicht aussehen. Wie Studien belegen, spielen Migranten in der Wirtschaft oftmals eine bedeutende Rolle. Gerade jetzt, während der Corona-Pandemie, gibt es viele Beispiele, in denen Migranten als diejenigen hervorgehoben wurden, die in den Städten an vorderster Front ihren Beitrag leisten – sei es im Gesundheitswesen, in Supermärkten oder Lebensmittelgeschäften.

Worin liegen aus Ihrer Sicht als Bürgermeisterin die größten Herausforderungen der Migration und wie kann man ihnen begegnen?
 
Ich sehe die Herausforderung aus der Perspektive einer Herkunftsstadt. Die Migrationsbewegungen, die in anderen Teilen der Welt so große Ängste auslösen, sollten eher denen Sorgen bereiten, die junge und kluge Köpfe verlieren, die das Potenzial hätten, ihr eigenes Land voranzubringen. Wir kennen so viele Fälle, in denen Menschen mit einem Doktortitel im Ausland als Taxifahrer arbeiten. In meinem Fall gilt: Wir wollen diese Menschen hier in unserer Stadt, wir wollen, dass sie zu unserer Entwicklung beitragen.

Es gibt Expats, es gibt Reisende, es gibt Auswanderer. Wer sind dann eigentlich die Migranten?

Zudem wird über Migranten häufig wie über Räuber oder Parasiten gesprochen. Dabei sind sie oft Beitragende. Ich finde es ganz schön zynisch, wenn ein Land sich zwar grundsätzlich gegen Migration ausspricht, dann aber plötzlich, wenn zum Beispiel qualifizierte Arbeitskräfte im Gesundheitswesen fehlen, die Grenze für diese Personengruppe öffnet und sie mit einem Visum lockt – genau diesen Brain Drain erleben wir hier. Die Zahl der Fachkräfte im Gesundheitswesen ist in Sierra Leone ohnehin sehr niedrig. Und genau diese Fachkräfte werden einerseits angeworben, und andererseits zu einer Art Parasit auf fremdem Boden erklärt. Aus Sicht ihrer Herkunftsländer und Heimatstädte jedenfalls ist der Verlust dieser Menschen kapital.

Interessant ist auch, wie selektiv der Begriff Migrant verwendet wird. Es gibt Expats, es gibt Reisende, es gibt Auswanderer. Wer sind dann eigentlich die „Migranten“? Was macht einen zum Migranten, anstatt zu jemandem, der zur Wirtschaft des Landes beiträgt, in dem er sich niederlässt und das er als Ort seiner persönlichen und individuellen Entwicklung ausgewählt hat? Und warum ist, wer von Italien nach Sierra Leone auswandert, ein Expat und kein Migrant? Wie können wir das zurechtrücken, wie Migration zu der positiven Erfahrung machen, die sie für beide Seiten sein kann? Diese Frage wird übersehen, sie wird heruntergespielt, und ist dabei doch entscheidend.

Alfred Fornah/IOM Sierra Leone

Yvonne Aki-Sawyerr in Freetown.

Freetown war eines der Gründungsmitglieder des Mayors Migration Council MMC im Jahr 2018. Warum haben Sie persönlich sich dafür entschieden, sich auf internationaler Ebene für Migrationsmanagement und Diplomatie zu engagieren?

Die Einladung in den Vorstand des MMC kam gleich nach meiner Wahl zur Bürgermeisterin und kurz nach einem Treffen mit jungen Leuten, die gerade das versucht hatten, was man in Sierra Leone „Temple Run“ nennt. Eigentlich ist Temple Run ein Videospiel, in dem der Spieler die ganze Zeit vor einem bedrohlich aussehenden Affen davonläuft, und es ist der Name für die Reise auf den illegalen Fluchtrouten aus Sierra Leone. Mir haben vier junge Leute von ihren Erlebnissen berichtet, von Überfällen, dem Weg zu Fuß durch die libysche Wüste, davon, wie sie Reisegefährten im Sand sterben sahen, ins Gefängnis geworfen wurden, sie zusehen mussten, wie Menschen in die Sklaverei verkauft wurden, von Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch. Mir kamen die Tränen und ich konnte mich nur noch fragen: Warum? Warum musste es so weit kommen? Warum solltet ihr die Chancen, die ihr euch wünscht, nicht in eurer Heimat bekommen? Ich war wild entschlossen, etwas zu verändern, in und für Freetown.

Wenn Sie sich den Globalen Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration anschauen, besagt Ziel Nummer zwei, dass die strukturellen Faktoren, die zu Migration führen, angegangen werden müssen. Dabei geht es im Wesentlichen um Ungleichheit, sei es bei Handelsabkommen oder internationaler Finanzierung, interne Misswirtschaft und schlechte Regierungsführung bis hin zum Klimawandel – also um all die Faktoren, die Menschen dazu bewegen, ihre Heimatländer zu verlassen, weil sie glauben, dass ihnen gar nichts anderes übrigbleibt.

Geht es um Migration, stehen die Bürgermeister beider Seiten an vorderster Front. Dennoch finden wir in den Gesprächen auf nationaler Ebene kaum Gehör. Deshalb haben wir es uns im MMC zum Ziel gesetzt, unseren Städten auf internationaler Ebene Gehör zu verschaffen. Diejenigen, die über Migrationspolitik und Ursachenbekämpfung entscheiden, sollen auf diese Weise etwas über die Perspektive derjenigen erfahren, die Tag für Tag damit zu tun haben – das sind wir Bürgermeister.

Wie hat Freetown bisher vom Netzwerk des MMC profitiert?

Der Mayors Migration Council bietet die Gelegenheit zum Netzwerken außerhalb vorgegebener Strukturen. Ein praktisches Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit dem Kollegen aus Mailand, Giuseppe Sala, im Rahmen des Bürgermeisterdialogs. Gemeinsam führen wir Gespräche mit Bürgermeistern auf beiden Seiten der Migrationsrouten, also Kollegen in Ziel- und Herkunftsländern. Unser Ziel ist es, innovative Ansätze zu finden, die Migration für beide Seiten nutzbringend macht. Dazu gehört einerseits, den Wert von Migration zu erkennen und Vorbehalten entgegenzuwirken und andererseits, an den strukturellen Faktoren zu arbeiten. Auch hier öffnet der MMC Wege abseits ausgetretener Pfade. Gemeinsam mit unseren Teams loten die Züricher Bürgermeisterin und ich zum Beispiel gerade aus, wie das Know-how der Schweizer im Bereich Wasserwirtschaft mit dem Ziel der städtischen Regenerierung in Freetown zum Tragen kommen kann. All das geschieht aber keineswegs nur aus der Perspektive einer kleinen Gruppe von Bürgermeistern – wir überlegen genauso, wie wir unsere Erfolge skalieren, also auf einen größeren Maßstab übertragen können.

Mehr über den Mayors Migration Council

Der Mayors Migration Council stärkt und befähigt Städte darin, Migrationspolitik auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene mitzugestalten. Ziel ist es, verschiedene Instrumente der Migrationspolitik besser auf die Realitäten vor Ort abzustimmen, sodass Neuankömmlinge und aufnehmende Kommunen gleichermaßen davon profitieren.

Wie sieht es bei Ihnen in Freetown aus? Was sind dort mit Blick auf Migration die größten Herausforderungen?

Bei uns in Freetown findet viel Binnenmigration statt. In den letzten 50 Jahren ist unsere Stadt um das Zweieinhalbfache gewachsen. Die meisten Menschen kamen vor etwa zwanzig Jahren, gegen Ende des Bürgerkriegs. Mittlerweile ist Freetown eine der am dichtesten besiedelten Städte mit 8450 Menschen pro Quadratkilometer. Angesichts mangelhafter Planung und städtebaulichen Entwicklung – wie es bei uns leider der Fall war –  führte die große Zahl von Menschen auf engem Raum zur Entstehung informeller Siedlungen. Damit einher gehen Gesundheitsgefahren, Abwasserprobleme und natürlich die hohe Arbeitslosigkeit, da es für die schnell wachsende Zahl der Bewohner nicht genügend Jobs gibt. All das, was man auf internationaler Ebene beobachten kann, kann man auch auf lokaler Ebene sehen. Gelingt es hier nicht, die Herausforderungen zu meistern, führt dies am Ende auch auf internationaler Ebene zur bereits erwähnten Verzweiflung. Dieser Prozess verläuft natürlich nicht linear, und nicht jeder geht diesen Weg, aber man kann die Zusammenhänge klar erkennen. Es ist ein Mechanismus: „Wenn es mir auf dem Land schlecht geht, ziehe ich in die Stadt. Wenn es dort nicht besser wird, riskiere ich den Temple Run in einen anderen Teil der Welt.“ Diese Kettenreaktion muss dringend unterbrochen werden.

Ich möchte ihnen eine Perspektive geben. Wir brauchen Menschen, die an eine Zukunft in ihrer Heimatstadt glauben.

Gibt es in Freetown Initiativen, mit denen Sie diese Probleme bereits erfolgreich bekämpft haben?

Wir gehen ganzheitlich an das Thema Stadtentwicklung heran und konzentrieren uns dabei auf vier Cluster: Widerstandsfähigkeit, persönliche Entwicklung, gesunde Stadt und städtische Mobilität. Innerhalb dieser Cluster reichen die Schwerpunkte vom Umweltmanagement über Städte- und Wohnungsplanung bis hin zur beruflichen Weiterbildung und der Schaffung von Arbeitsplätzen. Auch Mobilität und Kanalisation stehen ganz oben auf der Prioritätenliste. Es geht also um alles, was eine Stadt braucht, um zu funktionieren und zu florieren. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Eines der größten Probleme unserer Stadt ist der Müll – Müll und Umwelt waren übrigens auch die Hauptgründe für meine Kandidatur als Bürgermeisterin. Für die Verbesserung der Müllentsorgung haben wir uns für ein System entschieden, das dem informellen Siedlungscharakter Rechnung trägt: Wir versuchen, die Bewohner – vor allem junge Leute – zu Dienstleistern im Bereich der Müllentsorgung zu machen. Mithilfe von Fördergeldern hat die Stadt Trikes für die Müllsammlung angeschafft und ein eigenes Verwaltungssystem aufgebaut, sie hat Fahrtrainings angeboten und Mentoren gefunden, die die jungen Leute unterstützten: bei der Eröffnung eines Bankkontos, im erfolgreichen Führen ihres Müllentsorgungsunternehmens und so weiter. Das ist ein praktisches Beispiel dafür, wie es gelingt, mit lokalen Initiativen Chancen zu schaffen. Wir sind an einem digitalen Alphabetisierungsprogramm beteiligt, an dem in Freetown fünfhundert Menschen teilnehmen werden – nicht nur, um Lesen und Schreiben zu lernen, sondern um generell ihre Kompetenzen zu entwickeln. Die Maßnahmen sind also vielseitig – aber eines haben alle gemeinsam: Es geht immer darum, den jungen Leuten echte Angebote zu machen. Ich möchte ihnen einfach eine Perspektive geben. Natürlich wird man nicht gleich jedem einen Job verschaffen können. Aber wir brauchen Menschen, die an eine Zukunft in ihrer Heimatstadt glauben.

Alfred Fornah/IOM Sierra Leone

Eines der größten Probleme in Freetown: Müll. Mithilfe von Fördergeldern hat die Stadt Trikes für die Müllsammlung angeschafft und ein eigenes Verwaltungssystem aufgebaut.

Wenn Sie noch einmal auf die Zusammenarbeit zwischen Afrika und Europa im Bereich Migration schauen: Was können Städte besser machen als Staaten oder die bestehenden zwischenstaatlichen Foren?

Unser Beitrag ist wohl die Erfahrung aus unserer Arbeit an vorderster Front. Als Bürgermeister ist man mit Herausforderungen wie Müllbeseitigung, Wasserversorgung und Jugendarbeitslosigkeit direkt konfrontiert. Die kommunale Verwaltung ist dicht am Geschehen – man bekommt mit, was um einen herum passiert und kann viel schneller eingreifen und Lösungen finden. Natürlich spielen Staatsregierungen eine sehr wichtige Rolle – wenn es darum geht, die politischen Rahmenbedingungen zu schaffen, Dinge zu ermöglichen und oft schlicht, wenn es um Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung geht. Aber erst die dezentralen Strukturen bis in die einzelnen Stadtviertel hinein verschaffen die notwendigen Einblicke, um Diskussionen realitätsnah führen zu können. Erinnern Sie sich noch an das berühmte Bild aus Griechenland, als vor ein paar Jahren die Diskussion um Migration begann? Es war der Bürgermeister, der am Ufer stand, als die Boote auf Lesbos anlegten.

Eine neue Rolle für Städte in globaler und regionaler Migrationsgovernance?

Immer mehr Städte ergreifen die Initiative, in Partnerschaft mit Staaten, internationalen Organisationen,...