Die Politik rudert beim Klimaschutz immer mehr zurück – mit dem Argument, er bremse das Wirtschaftswachstum. Stattdessen rücken Klima-Anpassungsmaßnahmen verstärkt in den Fokus. Doch wenn wir Klimaschutz jetzt vernachlässigen, sind wirtschaftliche und auch gesellschaftliche Entwicklung erst recht in Gefahr, sagt unsere Klimaexpertin Tabea Lissner. Sie erklärt, warum Klimaschutz, Anpassung und wirtschaftliche Entwicklung zusammen gedacht werden müssen.
Das Jahr 2025 hat erneut Temperatur- und Wetterextremrekorde aufgestellt. Und der Großteil der zerstörerischsten Feuer- und Flutkatastrophen, Hitzewellen, Dürreperioden und Stürme des Jahres steht in klarem Zusammenhang zum Klimawandel (Quelle: World Weather Attribution – Annual Report 2025). Allein die zehn größten Klimaextreme haben Schäden von über 120 Milliarden US-Dollar verursacht (Quelle: Earth Org).
Mit einer Erderwärmung von inzwischen rund 1,3 Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Werten (Quelle: World Meteorological Organization – State of the Global Climate 2024) zwingt der Klimawandel längst zu Investitionen in Anpassungsmaßnahmen, um Schäden und Verluste zu minimieren. Klimaanpassung umfasst Maßnahmen wie das Pflanzen von Bäumen zum Hitzeschutz, die Renaturierung von Flächen zum Hochwasserschutz oder bessere Frühwarnsysteme für Katastrophenfälle. Die zunehmende Relevanz von Anpassung wurde auch in den Debatten bei der vergangenen Klimakonferenz in Belém sichtbar.
Dass Anpassung stärker in den Fokus rückt, liegt einerseits an den längst spürbaren Auswirkungen des Klimawandels, die Handlungsdruck erzeugen. Außerdem wird es aufgrund mangelnder Ambition beim Klimaschutz immer wahrscheinlicher, dass wir die Grenze einer Erderwärmung von maximal 1,5 Grad, vereinbart im Pariser Klimaabkommen, überschreiten werden. Nach aktuellem Stand steuert die Welt auf eine globale Erwärmung von 2,6 bis bis 3,1 Grad bis zum Ende dieses Jahrhunderts zu (Quelle: United Nations – Emissions Gap Report 2024). Die damit verbundenen Risiken sind immens, wie der Bericht des Weltklimarats IPCC regelmäßig und in zunehmendem Detailgrad aufzeigt (Quelle: IPCC – Climate Change 2022 Report).
Die Forschung zeigt jedoch klar: Je stärker die globale Temperatur steigt, desto weniger können Klimaanpassungsmaßnahmen ausrichten und die Folgen mildern. So könnte wasserbezogene Anpassung bis zu einer Erwärmung von 1,5 Grad im Durchschnitt etwa 90 Prozent der Auswirkungen abfedern. Bei einer Erwärmung von 3 Grad sinkt diese Wirkung auf 60 Prozent (Quelle: Carbon Brief). Dann kommen Maßnahmen wie Wassermanagement an ihre Grenzen, was beispielsweise akuten Wassermangel für die Menschen in Südeuropa bedeuten würde (Quelle: Imperial College London – Grantham Institute).
Wohlstand erhalten und Lebensbedingungen verbessern: Da ist nur möglich, wenn auch in ambitionierten Klimaschutz investiert wird. Kurz: Wir brauchen klimaresiliente Entwicklungspfade, die Synergien zwischen Anpassung, wirtschaftlicher Innovation, Entwicklung und Klimaschutz vorantreiben und diese Bereiche zusammen denken – anstatt sie gegeneinander auszuspielen.
Statt verstärkter Ambition in Sachen Klimaschutz gab es zuletzt an vielen Stellen Rückschritte: Auf EU-Ebene wurden beispielsweise mit der Anpassung des Klimagesetzes und dem Aufweichen des Null-Emissionsziels für Neufahrzeuge wichtige Rahmenbedingungen verändert. Solche Einschnitte werden im Kern damit begründet, dass viele Klimaschutzmaßnahmen wirtschaftliches Wachstum bremsten.
Investitionen in die wirtschaftliche Entwicklung sind jedoch nur kurzfristig wirksam, wenn Klimaschutz und die Einhaltung der Pariser Klimaziele zur Temperaturstabilisierung dabei außen vor bleiben – denn sie werden dann durch die Folgen der fortschreitenden Erwärmung zunichtegemacht. Zukunftsfähige wirtschaftliche Entwicklung und Klimaschutz sind also kein Gegensatz, sondern müssen unbedingt zusammen gedacht werden.
Der immense Handlungsdruck betrifft Entwicklung, Anpassung, wirtschaftliche Innovation und Klimaschutz gleichermaßen, weshalb Investitionen in einem Bereich nicht zulasten eines anderen gehen dürfen. Stattdessen müssen sie gleichzeitig erfolgen und zusammenwirken. Grüne Technologien sind bereits in vielen Bereichen überlegen: die Stromproduktion aus Wind und Solar ist beispielsweise mittlerweile günstiger als die aus Kohle, Gas und Öl und trägt zu einer Senkung der Strompreise bei (Quelle: International Renewable Energy Agency). Gleichzeitig erhöhen solche dezentralen Energiesysteme die Widerstandsfähigkeit gegenüber Wetterextremen – und schaffen zudem Unabhängigkeit in einem international zunehmend brüchigen Umfeld.
Oft wird im Kontext von Klimaprojektionen von fearmongering, also Angstmacherei, gesprochen. Kürzungen beim Klimaschutz werden mit möglichen wirtschaftlichen Einbußen begründet, die die Umstellung mit sich bringt. Die Faktenlage zeigt aber deutlich: die Schäden sind bereits heute massiv – und Angst ist eher angebracht, wenn man auf die Szenarien blickt, die bei fortschreitender Erderwärmung eintreten könnten.
Angstmacherei kann man also durchaus denjenigen vorwerfen, die immer wieder einen ökonomischen Abstieg aufgrund von ambitioniertem Klimaschutz herbeireden. Fossile Energieträger werden massiv subventioniert, um wettbewerbsfähig zu bleiben, obwohl die Kosten für erneuerbare Energien immer weiter sinken. Die beeindruckenden Fortschritte bei grünen Technologien zeigen, dass das Festhalten an fossilen Technologien aus rein marktwirtschaftlicher Sicht keinen Sinn mehr ergibt. Grüne Innovationen sind bereits heute Treiber von Wachstum, wohingegen die Kosten, die der Klimawandel verursacht, zu Wachstumseinbußen führen.
Die Angst vor dem vermeintlichen Verlust von Wirtschaftskraft durch Klimaschutz führt also in eine völlig falsche Richtung – nämlich zu tatsächlichen wirtschaftlichen Verlusten durch Klimaschäden, und zu stagnierender Innovation.
Der alleinige Fokus auf wirtschaftliche Größen verstellt aber den Blick auf die vielen Dimensionen, die eine lebenswerte Zukunft ausmachen. Hier sollten wir auch die Chancen sehen, die eine klimaresiliente Entwicklung global bieten kann. Echte Lebensqualität und Stabilität von Gesellschaften gründen auf weit mehr als wirtschaftlichem Wachstum: Dazu gehört die Gesundheit ihrer Bürger, der Qualität ihrer Bildung, der Integrität ihrer Ökosysteme und die Stärke ihrer sozialen Gefüge.
Eine lebenswerte Zukunft ist auch das Fundament stabiler Demokratien. Wenn das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates schwindet, wenn soziale Ungleichheit durch Umweltzerstörung verstärkt wird und sich die junge Generation ihrer Zukunft beraubt sieht, erodieren die Werte, die unsere freien Gesellschaften tragen. Klimaschutz ist somit auch mit der Stärkung der Demokratie verbunden.
Sowohl auf der Weltbühne als auch auf nationaler und kommunaler Ebene rücken Klimafragen zunehmend in den Hintergrund. Studien zeigen aber deutlich, dass Menschen in allen Weltregionen mehr Klimaschutz von ihren Regierungen erwarten: So sind laut dem aktuellen Klimafaktenpapier 69 Prozent der Befragten bereit, ein Prozent ihres Einkommens für den Klimaschutz auszugeben. 89 Prozent erwarten ein stärkeres politisches Engagement ihrer Regierungen für den Klimaschutz.
Gleichzeitig zeigt das Papier aber auch: Die Menschen wähnen sich mit ihrer Haltung – trotz dieser globalen Mehrheit – in der Minderheit. Initiativen wie das 89 Percent Project , die diese Mehrheitsmeinung sichtbar machen, sind ein wichtiger Baustein, um dem Innovationspotential von Klimaschutz wieder Momentum zu geben und Regierungshandeln zu stützen. Mutiges politisches Handeln ist heute nicht nur notwendig, sondern auch gesellschaftlich mehrheitsfähig. In ihm liegen große Chancen für eine gerechte, resiliente Zukunft auf einem stabilen Planeten.