Städte benötigen finanzielle Mittel, um die klimabedingte Migration in den Griff zu bekommen

Die UN-Klimakonferenz COP26 muss dem größtenteils vernachlässigten Zusammenhang von Klimawandel und Migration mehr Aufmerksamkeit schenken und diejenigen Akteure stärker unterstützen, die sich damit befassen – vor allem die kommunalen Verwaltungen. Ein Standpunkt von Raphaela Schweiger, Teamleiterin Migration der Robert Bosch Stiftung.

Robert Bosch Stiftung | November 2021
Migration in afrikanische Städte
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Die Verantwortlichen in Städten sind beim Aufbau inklusiver Stadtgesellschaften mit zahlreichen Problemen konfrontiert. Eine weitere Herausforderung ist, mit den Realitäten umzugehen, die aus der Verknüpfung von Klimawandel und Migration entstehen. So gilt es etwa, die Resilienz der Stadtbewohner:innen gegen Klimarisiken zu stärken und alle Menschen, die aufgrund der klimabedingten Veränderungen in die Städte ziehen, zu schützen und zu integrieren. Darüber hinaus müssen die Städte für einen ökologischen und gerechten Aufschwung nach Covid-19 sorgen und die Anpassung an den Klimawandel für und in Zusammenarbeit mit Migrant:innen und betroffenen Gemeinden begleiten – wahrlich keine einfache Aufgabe.

Glücklicherweise schreiten Bürgermeister:innen und lokale Interessengruppen mit guten Ideen, funktionierenden Verfahren und konkreten Politikempfehlungen voran. Städte beweisen, dass sie auf lokaler Ebene inklusive Lösungen entwickeln und zu einer nachhaltigen Politik auf internationaler Ebene beitragen können. Angeführt werden diese Bemühungen im Rahmen der internationalen Städtediplomatie vom Mayors Migration Council (MMC), einer von Bürgermeister:innen getragenen Initiative, die globale Lösungen für Migration und Vertreibung mitentwickeln möchte. Der MMC kooperiert mit dem Städtenetzwerk C40 Cities, das 96 Städte (die 700 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern repräsentieren) umfasst und sich dem drängenden Kampf gegen den Klimawandel verschrieben hat.

Raphaela Schweiger, Teamleiterin Migration Robert Bosch Stiftung
Michael Fuchs

Zur Person

Raphaela Schweiger ist Teamleiterin Migration der Robert Bosch Stiftung. Die Stiftung möchte durch zukunftsgerichtete und inklusive Lösungsansätze einen Beitrag zu einer langfristigen, an Menschenwürde orientierten Gestaltung von Migration zu leisten.

Im Juni 2021 haben MMC und C40 die „C40-MMC Global Mayors Task Force on Climate and Migration“ gegründet, aufgrund der Notwendigkeit, praktisches Wissen zu diesem Politikfeld aufzubauen. Die Task Force wird von den Bürgermeister:innen von Barcelona, Bristol, Dakar, Dhaka North, Freetown, Houston, Los Angeles, Lima und Mailand geleitet und hat kürzlich zehn Grundsätze veröffentlicht. Auf der COP26 kündigte die C40-MMC-Arbeitsgruppe nun ein in die Zukunft gerichtetes Handlungsprogramm dazu an. Weil sich die Klimakrise überproportional auf Migrant:innen, Vertriebene und andere gefährdete und marginalisierte Gruppen auswirkt, zielen ihre Grundsätze darauf ab, inklusive und gerechte Klimaschutzmaßnahmen zu entwickeln, Städte zu ermutigen, als Beispiel voranzugehen, und plädieren für die direkte Förderung von Städten.

Um diese Vision zu unterstützen, hat die Robert Bosch Stiftung heute auf der COP26 die Einrichtung eines neuen Fördertopfs des Global Cities Fund (GCF) mit einem Betrag von 1 Million US-Dollar angekündigt. 2022 wird der „Global Cities Fund for Inclusive Climate Action in African Cities“, initiiert von der Robert Bosch Stiftung und dem MMC in Kooperation mit dem Städtenetzwerk C40, von Städten konzipierte Projekte unterstützen, die sich für inklusive Klimaschutzmaßnahmen einsetzen und mit Betroffenen in afrikanischen Städten zusammenarbeiten.

Wir hoffen, dass diese Initiative Regierungen und philanthropische Akteure ermutigen wird, sich uns anzuschließen und mehr für Städte, ihre Bewohner:innen und alle diejenigen zu tun, die vom Klimawandel betroffen sind. Es gibt keine schnellen und einheitlichen Musterlösungen, nur mehrgleisige Ansätze, die Menschen in den Mittelpunkt der Klimaschutzmaßnahmen stellen. Es ist an der Zeit, Städten die erforderliche Aufmerksamkeit und die finanziellen Mittel an die Hand zu geben, die sie benötigen, um klimabedingte Migration menschenwürdig und nachhaltig zu gestalten.

Dies wird sich nicht zuletzt deshalb auszahlen, weil Städte einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leisten können. Die Städte bauen Wissen über inklusive Klimaanpassungsmechanismen auf. Sie sind Innovatoren auf der Suche nach neuen Lösungen, und sie sind bereit und fähig, gemeinsam über Regionen und Kontinente hinweg zusammenzuarbeiten.

In Dakar (Senegal) möchte die Stadtverwaltung beispielsweise eine städtische Migrationspolitik umsetzen und mit Migranten- und Jugendgruppen zusammenarbeiten, um eine inklusivere und ökologischere Wirtschaft in der Stadt voranzutreiben. Und die Stadtverwaltung von Lagos in Nigeria hat vor, ein neues Lagos Social Support Office zu gründen, um die klimabedingt aus den ländlichen Gebieten Westafrikas migrierten Menschen in bereits bestehende städtische Fürsorge- und Sozialprogrammen aufzunehmen. Die Verantwortlichen in den Städten sind durchaus bereits aktiv, um ihren am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen zu helfen. Sie müssen sich den Problemen aber nicht allein entgegenstellen.