Wenn sich jede:r Zweite von der Politik nicht repräsentiert fühlt, wird es Zeit etwas zu ändern. Auf Grundlage des Vielfaltbarometers 2025 rät unser Demokratie-Experte Dr. Gordian Haas zu einer Weiterentwicklung unserer Demokratie.
Deutschland ist vielfältig. Egal ob man dies begrüßt oder eher kritisch sieht, die Vielfalt unserer Gesellschaft ist ein Fakt. Das betont das Vielfaltsbarometer 2025 der Robert Bosch Stiftung. Für die repräsentative Erhebung wurden bundesweit 4.761 Personen befragt. Sie gaben ihre Meinung zu unterschiedlichen Vielfaltsdimensionen wie Lebensalter, Geschlecht, Behinderung, sexuelle Orientierung, sozio-ökonomische Situation, ethnische Herkunft und Religion an.
Die Ergebnisse zeigen deutlich: Fast jeder Zweite fühlt sich in der Politik unterrepräsentiert. Konkret sind 48 % der Befragten der Meinung, dass Menschen wie sie in der Politik unterrepräsentiert sind.
Dieses Gefühl kommt nicht von ungefähr. Tatsächlich sind große Bevölkerungsgruppen in der Politik systematisch unterrepräsentiert. Ein Blick auf die Zusammensetzung des Deutschen Bundestags verdeutlicht dies: Der „typische“ Abgeordnete ist männlich, 47 Jahre alt und Jurist.
Der Frauenanteil im Bundestag beträgt aktuell lediglich 32,4 %, obwohl Frauen 50,7 % der Gesamtbevölkerung ausmachen. Der Akademikeranteil im Bundestag ist über die Jahrzehnte kontinuierlich auf mittlerweile über 80 % gestiegen, während er in der Gesamtbevölkerung nur etwa 14 % beträgt; Menschen ohne Hochschulabschluss sind im Bundestag also stark unterrepräsentiert. Noch augenfälliger wird die Diskrepanz bei einzelnen Berufsgruppen: Während nur 0,5 % der deutschen Bevölkerung Juristen sind, stellen sie im Bundestag einen beachtlichen Anteil von 15,9 %.
Die Daten zum Thema Vertrauen in die Demokratie finden sich in der Sonderauswertung des Vielfaltsbarometers, veröffentlicht im Dezember 2025.
Auch beim Einkommen zeigen sich gravierende Unterschiede. Das durchschnittliche Bruttogehalt von Vollzeitbeschäftigten lag 2025 in Deutschland bei 4.784 Euro. Das Grundgehalt von Bundestagsabgeordneten hat im selben Jahr hingegen 11.833 Euro betragen, zuzüglich einer monatlichen Aufwandspauschale von 5.467 Euro. Außerdem hat fast die Hälfte der Abgeordneten Nebeneinkünfte, die teilweise sogar erheblich über den Diäten liegen.
Abgeordnete sind älter, männlicher, höher gebildet und verfügen über erheblich mehr Einkommen als die meisten Deutschen. Weniger privilegierte Gruppen sind im Parlament hingegen gravierend unterrepräsentiert. Der Bundestag stellt also keinen Querschnitt der Bevölkerung dar.
Wie repräsentativ ist die repräsentative Demokratie also tatsächlich, wenn Parlamente die Vielfalt unseres Landes so unzureichend widerspiegeln? Um diese Frage beantworten zu können, ist es essenziell, die unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes „repräsentativ“ zu betrachten.
Wenn wir von einer repräsentativen Demokratie sprechen, beziehen wir uns meist auf das Prinzip der Repräsentation, nach dem gewählte Volksvertreter und -vertreterinnen (Repräsentanten) die Bevölkerung vertreten und deren Interessen im Parlament wahrnehmen.
Sprechen wir hingegen von einer repräsentativen Umfrage, meinen wir das Prinzip der Repräsentativität (seltener auch: Repräsentanz). Hier spiegelt eine Stichprobe von Befragten eine Gesamtpopulation, über die eine Aussage getroffen werden soll, hinsichtlich bestimmter Merkmale möglichst präzise wider.
Im Sinne der Repräsentation ist unsere Demokratie selbstverständlich repräsentativ. Im Sinne der Repräsentativität ist sie es jedoch nicht. Obwohl in Debatten diese beiden Bedeutungen oft vermischt werden, sind beide Prinzipien für das Funktionieren einer Demokratie von großer Bedeutung.
Nur wenn die Vielfalt der Perspektiven und Bedürfnisse aller in den demokratischen Willensbildungsprozess einbezogen werden, können ausgewogene Entscheidungen getroffen werden, die breite Akzeptanz finden und niemanden ausschließen. Darüber hinaus fördert eine vielfältige Beteiligung durch den Austausch unterschiedlicher Ideen Innovationen und beugt der Dominanz einzelner Interessengruppen vor.
Wenn man das Problem steigender Energie- und Lebenshaltungskosten diskutiert, wird es einen Unterschied machen, ob im Raum nur wohlsituierte Akademiker anwesend sind oder ob auch Krankenpflegerinnen, Lieferdienstfahrer und Frisörinnen ihre gelebten Erfahrungen und ihr Wissen einbringen und Lösungen mit erarbeiten.
Obwohl der Frauenanteil im Bundestag im Laufe der Geschichte von sehr niedrigen 6,8 % deutlich gesteigert wurde, ist bei anderen Vielfaltsdimensionen aus verschiedenen Gründen davon auszugehen, dass unsere Parlamente die gesellschaftliche Vielfalt auch zukünftig nicht vollständig im Sinne des Prinzips der Repräsentativität widerspiegeln werden.
Umso wichtiger ist es, unsere parlamentarische Demokratie weiterzuentwickeln und sie um Gremien zu ergänzen, welche die gesellschaftliche Vielfalt besser abbilden. Losbasierte Dialogformate wie Bürgerräte, Bürgerforen, Wahlkreistage und Planungszellen haben sich hierfür bewährt. Über die zufällige Auswahl der Teilnehmenden kann in einem zweistufigen Verfahren sichergestellt werden, dass tatsächlich eine repräsentative Stichprobe von Bürgerinnen und Bürgern miteinander beraten. Ähnlich wie eine Expertenkommission haben solche Gremien eine beratende Funktion, die Entscheidungen werden aber weiterhin von demokratisch legitimierten Institutionen getroffen. Sie stehen also nicht in Konkurrenz zum Parlament, sondern sind eine bereichernde Ergänzung.
Die Robert Bosch Stiftung fördert seit Langem Projekte, die eine breitere Beteiligung der Bevölkerung am demokratischen Willensbildungsprozess ermöglichen. Aktuell unterstützen wir unter anderem die Projekte Hallo Bundestag und Klima trifft Kommune.
PD Dr. Gordian Haas ist Senior Experte im Team Demokratie bei der Robert Bosch Stiftung und Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Erfurt. Er legt Wert auf die Feststellung, dass er männlich, 56 Jahre und Akademiker ist und somit genau zu jener Gruppe gehört, von der er meint, dass sie im Parlament weniger stark repräsentiert sein sollte.