In der rheinland-pfälzischen Stadt Ingelheim macht ein Kochprojekt sichtbar, wie kommunale Integrationsarbeit gelingt – und was Integrationsbeauftragte heute brauchen, um nicht aufzugeben.
Immer am letzten Dienstag im Monat verzichtet Dominique Gillebeert auf die Kantine. Dann öffnet in dem rheinland-pfälzischen Städtchen Ingelheim ein Pop-up-Restaurant, das eine kleine Weltreise verspricht: Afghanisch, Türkisch, gambisches Seafood. Was es heute wohl gibt? Um 16 Uhr fährt die Leiterin der Stabsstelle für Vielfalt und Chancengleichheit ihren Computer herunter und macht sich auf den Weg. Nicht, weil sie sonst keinen Tisch bekäme – in der „Weltküche“ ist für alle Platz. Sie will das gemeinsame Schnippeln, Köcheln und Erzählen nicht verpassen.
Der große Raum im Erdgeschoss des halbrunden Diakonie-Gebäudes, das Café Dia, ist schon gut gefüllt. Eine bunte Gruppe – ja, wirklich, acht bis achtzig – schneidet Zutaten klein und unterhält sich. An diesem Abend haben Ferouz und Nawal das Kommando, zwei Frauen, die aus Syrien nach Ingelheim gekommen sind. Es gibt ein Hühnchengericht mit Nüssen, Kräutern und Rosinen. Auf dem Herd blubbert es.
In der „Weltküche“ kochen einmal im Monat Neubürger:innen und Alteingesessene gemeinsam. Für Gillebeert ist es ein besonderer Ort. Wegen der Wärme, der Neugier, des Austauschs. Wegen der Selbstverständlichkeit, mit der hier Dinge gelingen, an denen sie sich beruflich oft abarbeitet. „Wir wissen, wie Integration geht“, sagt sie an diesem Abend zwischen zwei Handgriffen. „Wir setzen es in Deutschland nur gerade nicht überall konsequent um.“ Es fehlen Mittel, es fehlt Geduld, es fehlt politischer Rückenwind. Umso mehr brauche es Orte wie diesen.
Im Raum herrscht ein buntes Durcheinander, aber bald merkt man, dass ein stiller Mann, der am Rand steht, eigentlich das Zentrum des Ganzen ist. „Ahmet, wo finden wir noch Stühle?“ „Ahmet, wir brauchen ein Pflaster.“ Der 37-jährige Ahmet Disci hat die Weltküche Ende 2024 mitgegründet. „In der Türkei sagt man: Wer Hunger hat, kann nicht richtig denken“, sagt er.
Disci kam 2023 nach Deutschland. „Ich frage mich heute noch regelmäßig: Warum bin ich hier gelandet?“, erzählt er. Der Berufssoldat musste nach zwanzig Jahren Dienst in der türkischen Armee fliehen, weil er wegen angeblich verdächtiger Kontakte zu einer NGO ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten war. Ein halbes Jahr saß er in Haft. Über einen Sprachkurs kam er nach Ingelheim, später folgten seine Frau und sein Sohn. Mit seinem Freund Ibrahim wollte er einen Ort schaffen, an dem man soziale Kontakte knüpfen und nebenbei noch besser Deutsch lernen kann. „Ich habe vom Engagement in Deutschland profitiert“, sagt er. „Ich will etwas zurückgeben.“
Kurze Ruhe in der Küche. Alle Zutaten sind im Topf. Ferouz und Nawal bereiten den Salat zu: Zitrone, Kräuter. Frischer Duft in der Luft.
Dominique Gillebeert stammt aus Belgien, hat in Deutschland und Finnland Moralphilosophie studiert und in ihrer Promotion über „Philosophieren mit Kindern“ geschrieben. Ihre Erkenntnis: Man sollte Inhalte nicht mit der Holzhammer-Methode kommunizieren, sondern lieber ein „Umfeld für den Austausch schaffen“. Und das gilt natürlich auch für den Umgang mit Erwachsenen oder in der Ingelheimer Integrationsarbeit. „Es geht darum, Menschen mit gemeinsamen Interessen zusammenzubringen“, sagt sie. „Essen, Nähen, Social Media – das alles öffnet Türen.“
2009 übernahm Gillebeert die Leitung des neu eingerichteten Migrations- und Integrationsbüros in Ingelheim. „Wir sind erste Ansprechpartner für alle alten und neuen Bürgerinnen und Bürger und koordinieren die Integrationsarbeit.“ Die 35.000-Einwohner-Stadt hat eine große Bandbreite an Projekten – vom Freundschaftsfest IngelHEIMAT bis zu interkulturellen Stadtrundgängen. Weil Gillebeert auf Amtsleitungsebene agiert, kann sie sicherstellen, dass Integration, Vielfalt und Teilhabe überall mitgedacht werden. Auch deshalb wurde Ingelheim mit dem Impact of Diversity Award der EU-Kommission ausgezeichnet. „Wir sehen uns als Möglich-Macher“, sagt sie. „Manchmal klappt es, manchmal nicht. Wichtig ist, dass wir es versuchen.“
Die harmonische, fast familiäre Stimmung im Café Dia ist ein Kontrast zu der aktuellen Debatte um Zuwanderung, Integration und Stadtbilder. „Das ausschließlich negative Narrativ ist schon belastend“, sagt Gillebeert. „Wir gehen Schritte zurück, die wir mühsam errungen haben.“ Die 46-Jährige hat eine Mehrfachperspektive auf das Thema Integration: Neben der täglichen Arbeit vor Ort ist sie auch im Kommunalen Qualitätszirkel zur Integrationspolitik aktiv, dem 34 Kommunen aus ganz Deutschland angehören.
Der Kommunale Qualitätszirkel zur Integrationspolitik ist ein Zusammenschluss kommunaler Expert:innen aus dem ganzen Bundesgebiet, die seit 2006 im kontinuierlichen Austausch mit Vertreter:innen aus Wissenschaft, Stiftungen, Verbänden und Bundesbehörden zentrale Gelingensbedingungen und Qualitätsstandards für die kommunale Integrationspolitik entwickeln. Wir von der Robert Bosch Stiftung haben den Arbeitskreis mit initiiert. In den 20 Jahren seiner Arbeit hat der Qualitätszirkel mehrere Expertisen mit breiter Resonanz veröffentlicht.
Deshalb sind ihr die aktuellen Herausforderungen sehr bewusst: „Bei Reformen wird die kommunale Praxis oft nicht mitgedacht“, sagt Gillebeert. Als im Februar 2026 das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Zulassung zu freiwilligen Integrationskursen abschaffte – betroffen sind 130.000 Menschen, darunter Ukrainerinnen, Geduldete, EU-Bürger – „hatte man nicht im Blick, was das für uns vor Ort bedeutet“.
Am meisten aber mache ihr das Lagerdenken in der Integrationsdebatte zu schaffen, sagt Gillebeert. „Ich habe kein Problem damit, dass manche Menschen kritisch gegenüber Migration eingestellt sind“, sagt sie. „Aber wir brauchen eine ehrliche Streitkultur.“ Stattdessen würden hochemotionale Schulddebatten geführt, Menschen unter Generalverdacht gestellt und Symbolpolitik gemacht. „Nur wenn wir ehrlich und offen reden, finden wir langfristige Strategien, die der komplexen Herausforderung gewachsen sind.“
Im vergangenen Jahr nahm sie deshalb am Changemaker-Programm teil: ein Angebot innerhalb des Projekts Integrationsmacher:innen der Robert Bosch Stiftung, in dem es um Methodenkompetenz und Resilienz für Führungskräfte aus dem Bereich kommunale Integrationsarbeit geht. „Es war extrem wertvoll, immer wieder die Perspektive zu wechseln, voneinander zu lernen, sich gegenseitig zu unterstützen“, sagt sie. In den Workshops hat sie viele Impulse erhalten, wie sie ihr Büro so aufstellt, „dass wir unserer vielfältigen Kundschaft gerecht werden – und gleichzeitig die Kolleginnen und Kollegen in den Ämtern mitnehmen“. Die Erzählungen von Kolleginnen aus Sachsen-Anhalt über die aufgeladene Stimmung dort führten dazu, dass ihr die Herausforderungen in Ingelheim beherrschbarer erschienen.
„Das Programm war ein echter Energiespender“, so Gillebeert. Man müsse öfter den Kopf aus dem Alltag heben: „Die Herausforderungen sind real“, sagt Gillebeert. „Aber wir schaffen dank des Engagements vieler Menschen sehr viel. Das muss man sich gerade jetzt klarmachen.“
Um 18 Uhr sind die Teller leer gegessen, aber die Gäste und die Köchinnen sitzen noch beisammen. Das Mandi-Reisgericht ist komplett verputzt. Es gibt Nachtisch mit Dattelmus.
Am Tisch neben dem Eingang sitzt Ahmet Disci und unterhält sich angeregt mit einer Frau in einer 59-jährigen Dame. Petra Zimmer war Discis erster Kontakt in Ingelheim. Sie bildeten ein Sprachtandem: Engagierte Bürgerinnen und Bürger werden mit Zugewanderten gekoppelt, um im Alltag regelmäßig Deutsch zu über, oft auf langen Spaziergängen. „Sie hat so deutlich gesprochen, das war wichtig für mich“, sagt Disci. Er legte die Prüfungen ab, B1, B2, C1. „Ahmet hat jede bestanden“, sagt Zimmer und klingt ehrlich stolz.
Inzwischen unterstützen Petra und ihr Mann regelmäßig Discis Familie bei Dingen wie Schulanmeldung und Wohnungssuche, und Disci hat die Hochzeitsrede redigiert, als Zimmers Sohn in eine türkische Familie einheiratete. „Wir sind Freunde geworden“, sagt sie. Natürlich ist nicht alles rosarot. Zimmer ärgert sich über grammatiklastige Sprachprüfungen, die im Alltag wenig helfen. Disci wundert sich, dass Regeln von Landratsamt zu Landratsamt verschieden sind.
Aber Schimpfen, sagen beide, hilft nicht. Aus dem Sprachtandem ging ein wöchentlicher Sprachtreff für mehrere Paare hervor, aus dem Sprachtreff die „Weltküche“. Für Dominique Gillebeert ist es ein gutes Beispiel dafür, dass Integration vor allem dann gelingt, wenn sich viele unterschiedliche Menschen vor Ort einbringen – und aus einem Projekt ein ganzer Kosmos entsteht. „Deutschland ist ein Einwanderungsland“, sagt Gillebeert. „Erst wenn man das akzeptiert, kann man es auch gestalten und zukunftsfähig machen.“
Demnächst soll ein Kalligrafie-Kurs im Café Dia starten. Jedes Mal eine neue Idee, sagt Ahmet Disci.
Draußen fahren Kinder mit pinken Rollern über die leere Straße. Rote Ziegel vor blauem Himmel, eine Ahnung von Sommer. Nur aus dem Café Dia dringt noch lange Gemurmel. Wer eintritt, ist fast überwältigt: In dem Raum, der für Austausch geschaffen wurde, wird so laut und leidenschaftlich geredet, dass man kaum sein eigenes Wort versteht.