Wissenschaft spielerisch verstehen

Wissenschaft allen in der Gesellschaft nahe bringen – vor allem den Menschen, die bisher kaum Zugang zur Wissenschaft haben. Für dieses Ziel setzen sich weltweit bereits einige engagierte Menschen ein. Damit es noch mehr werden, präsentiert das Forum „Falling Walls Engage“ in Berlin ausgewählte Projekte und Organisationen – wie Ekoli aus Belgien.

Alexandra Wolters | November 2018

Spielerische Experimente wecken die Neugier: Kinder lernen mit Pipetten umzugehen, indem sie die DNA aus Früchten isolieren. Wissenschaftliche Zusammenhänge zu verstehen stärkt das Selbstwertgefühl.

Auf den Schultischen liegen weiße Papierservietten mit dünn geschnittenen Apfelschnitzen. Die Kinder, die um die Tische herumstehen oder auf bunten Hockern knien, sind zwischen sieben und acht Jahre alt und tragen rote Malkittel. Sie basteln oder malen aber nicht, sie experimentieren: Zuerst haben die Kinder mit großen Pipetten einige ihrer Apfelscheiben mit Wasser, mit Essig und einige mit Zitronensaft beträufelt. Und gewartet. Nun schauen sie sich an, was mit den Apfelschnitzen passiert ist. „Sie sind braun geworden“, sehen die Kinder. Aber nicht gleich stark. „Bei den Äpfeln mit Zitronensaft ist kaum etwas zu erkennen“, stellen die jungen Forscher erstaunt fest. Aber warum ist das so – und warum werden Äpfel nach dem Anschneiden überhaupt braun?

Solche Fragen kommen nach diesem einfachen Experiment ganz automatisch. Das weiß der Belgier Niek D’Hondt aus Erfahrung. Der Biotechniker und Wissenschaftspädagoge ist Mitbegründer und Koordinator von Ekoli, einer belgischen Organisation, die Wissenschaft auf neue Art und Weise vermitteln möchte. „Wir sind überzeugt davon, dass Wissenschaft am besten durch spielerische Experimente verstanden wird, wenn Neugierde zu Erkenntnissen und Wissen führt“, erklärt D’Hondt. Deshalb veranstaltet Ekoli etwa zweistündige Workshops mit einfachen, aber nachhaltigen und verblüffenden Experimenten. Diese Workshops richten sich sowohl an Lehrkräfte, als auch an Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren.

Aus Reagenzgläsern, Pipetten, Farben, Wattestäbchen, Gummibändern, Plastikschalen und Alltagsgegenständen erschafft Ekoli eine einfache und kostengünstige Laborwelt, in der zum Beispiel Pflanzensamen unter Einfluss verschiedener Chemikalien keimen oder Frucht-DNA isoliert werden kann. So versucht das Team von Ekoli neugierig zu machen und Hemmschwellen gegenüber der Wissenschaft abzubauen. „Zu Beginn eines Workshops gibt es eine möglichst kurze Einführung. Und gerade mal so viel Theorie wie unbedingt nötig.“ D’Hondt und seine Kollegen von Ekoli setzen eher auf die Praxis – und trauen auch Kindern zu, mit Feuer und Labor-Equipment zu arbeiten. „Meist sind sie darüber so dankbar, dass sie ganz besonders verantwortungsvoll und gut zusammenarbeiten.“

Warum werden Äpfel nach dem Anschneiden überhaupt braun? In aufgeschnittenen Äpfeln reagiert das Enzym Phenolase mit dem Sauerstoff in der Luft und sorgt so dafür, dass sich die Scheiben braun färben. Durch die Nutzung von Antioxidantien wie Vitamin C wird das Enzym gehemmt - und somit auch die braune Verfärbung.

Umdenken in der Wissenschaftskommunikation gefordert

Ekoli richtet sich vor allem an benachteiligte Gruppen, die nicht oder nur selten mit Wissenschaft in Berührung kommen. Wie Kinder aus bildungsfernen Familien, aus einem sozial oder ökonomisch schwierigem Umfeld oder geistig behinderte Menschen. „Diesem Teil der Gesellschaft wird leider viel zu oft nicht zugetraut, sich für Wissenschaft zu interessieren oder wissenschaftliche Dinge zu verstehen“, musste D’Hondt feststellen. Das wiederum führe zu einem niedrigen Selbstwertgefühl. Die Kinder würden ihre Intelligenz in Frage stellen und sich gar nicht erst an wissenschaftliche Themen herantrauen. Von einer Berufswahl in diesem Bereich ganz zu schweigen.“

Dabei sind die Reaktionen aller Teilnehmer nach den Ekoli-Workshops meist sehr positiv – vielleicht weil sie Wissenschaft noch nie so erfahren haben. „Normalerweise bin ich nicht wirklich an Wissenschaft interessiert, aber das hier hat echt viel Spaß gemacht.“ Solche Aussagen von Schülerinnen und Schülern bekommt das Ekoli-Team häufig zu hören. Auch Lehrer erzählen positiv von ihren Erfahrungen, wenn sie Inhalte und Experimente aus den Workshops in ihren Klassen anwenden. „Gerade aus Schulen in schwierigem Umfeld hören wir, dass Kinder plötzlich begeistert mitmachen und besser mitarbeiten.“ Ekoli versucht sich an einem sehr neuen und in der Wissenschaftskommunikation ungewöhnlichen Ansatz. Die positiven Erfahrungen aus dem Projekt sprechen dafür, die Wissenschaftskommunikation zum Umdenken zu bewegen und Mut für neue Ansätze und Ideen zu zeigen.

Ekoli schafft mit Alltagsgegenständen eine einfache und kostengünstige Laborwelt.

Ausgezeichnete Vermittlungsprojekte zum Nachahmen

Die Erfolge und der innovative Vermittlungsansatz sind auch Gründe dafür, warum die Robert Bosch Stiftung und die Falling Walls Foundation die gemeinnützige Organisation Ekoli als Teilnehmer des Forums „Falling Walls Engage“ ausgewählt haben. Auf der Veranstaltung am 8. November in Berlin möchten die beiden Stiftungen erfolgreiche und innovative Vermittlungsprojekte aus dem Bereich der Wissenschaft zusammenbringen, als Vorbilder bekannt machen und ein Netzwerk schaffen.

Im Vorfeld der Veranstaltung gab es eine internationale Ausschreibung für Vermittlungsprojekte, die besonders wirksam, sparsam und mit neuen Ansätzen arbeiten – und die ihren Fokus auf wissenschaftsferne Zielgruppen legen. Eine Auswahl von 20 Projekten wird sich auf dem Forum in Berlin einer interdisziplinären Jury aus Spitzenforschern, Museumsdirektoren und Journalisten stellen, die den gelungensten Ansatz als „Best of Science Engagement“ küren werden. Alle ausgewählten Projekte werden der weltweiten Science Engagement Community und der Öffentlichkeit in Videoform auf einer Website vorgestellt, um zur Nachahmung einzuladen.

„Wir sind unheimlich stolz, dort eingeladen zu sein und freuen uns auf einen regen Austausch mit anderen Projekten“, erzählt Niek D’Hondt. Er hoffe auch darauf, in Berlin die richtigen Leute zu treffen, die Ekoli unterstützen möchten – finanziell und kooperativ. Denn um möglichst vielen Menschen Wissenschaft nahe zu bringen, braucht es viele Helfer und Workshops, in denen Kinder zum Beispiel mit Äpfeln experimentieren. Dabei erfahren sie übrigens, dass in den aufgeschnittenen Zellen Substanzen wie Enzyme stecken, die mit der Luft reagieren und den Apfel braun färben. Das Vitamin C aus den Zitronen kann diese Verfärbung als Antioxidans hemmen.

An Ideen mangelt es Ekoli nicht. Die Organsiation würde gerne einen Science Truck mit Wissenschaft zum Anfassen und Ausprobieren voll packen und damit durch das Land fahren. So könnten sie auch Menschen in ihren Vierteln erreichen, die sonst keinen Weg zur Wissenschaft finden.

Warum die Robert Bosch Stiftung auf eine innovative Wissenschaftsvermittlung setzt

Wir fördern vielfältige Formate zur Vermittlung von Wissenschaft und wollen Wissenschaftler ermutigen, ihre Werte und Methoden zu erklären und zu vermitteln - und das nicht nur einem akademisch gebildeten Publikum, sondern besonders jenen Menschen, die sonst kaum mit Wissenschaft in Berührung kommen. Wissenschaftler verfügen über ein „Kapital“, das sie einsetzen sollten, um die Demokratie- und Diskursfähigkeit einer Gesellschaft zu stärken. Nämlich zwischen Meinung, Wissen und Glauben unterscheiden zu können, sich zu einer komplexen Sachlage ein Urteil zu bilden, Hypothesen aufzustellen und zu überprüfen und Plausibilität und Wahrscheinlichkeit als Entscheidungshilfen heranzuziehen. Wer könnte diese Kompetenzen glaubwürdiger vermitteln als Wissenschaftler? Durch dieses Engagement für mehr „Scientific Literacy“ im Sinne einer grundlegenden „Erkenntnis- und Wissenschaftskompetenz“ aller können Wissenschaftler einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten. Die Bürger gewinnen mehr Möglichkeiten zur Teilhabe und Mitgestaltung, weil sie sich in einer unübersichtlichen Welt im Wandel besser orientieren können.