Ungleichheit hat viele Gesichter

Rana Zincir Celal erklärt im Interview, warum die Arbeit an der Schnittstelle verschiedener Formen der Diskriminierung helfen kann, mehr Gerechtigkeit zu erreichen. Und warum alle davon profitieren.

Eva Wolfangel | Februar 2021
Rana Zincir-Celal

Rana Zincir Celal ist seit mehr als 20 Jahren in der Philanthropie, im Social Impact Investment und in der Wissenschaft tätig und setzt sich für soziale Gerechtigkeit und Gleichstellung ein. Sie ist Visiting Fellow am International Inequalities Institute der London School of Economics. Rana koordiniert das Förderprogramm „Reducing Inequalities Through Intersectional Practice“, das die Robert Bosch Stiftung und sie gemeinsam 2020 entwickelt haben. Im Interview spricht Rana über ihre Sicht auf Ungleichheit, den Ansatz der Intersektionalität, die Idee des Programms und den Auswahlprozess der geförderten Projekte.

Ungleichheit begleitet uns in unterschiedlicher Ausprägung in unserem Leben. Warum ist Ungleichheit ein Problem, dem wir mehr Aufmerksamkeit schenken müssen?

Wenn wir aus dem vergangenen Jahr etwas gelernt haben, dann wie wichtig es ist, Ungleichheit in der Gesellschaft ernsthaft und umfassend zu bekämpfen. Ein ganz aktuelles Beispiel: Ich bin gerade auf eine neue Studie der Northwestern University gestoßen, die in Zusammenarbeit mit der Freien Universität Berlin den besten Vorhersage-Indikator für Covid-Sterblichkeitsraten ermittelt hat. Es wurden verschiedene Länder und Regionen und alle möglichen Variablen verglichen. Und es zeigte sich: Der Faktor, der die Covid-Todesrate eines Landes am besten vorhersagt, ist die Einkommensungleichheit vor der Pandemie. 

Ist dieses Ergebnis für Sie überraschend oder eher eine Bestätigung? 

Derartige Ergebnisse bestätigen, was die große Mehrheit der Menschen auf der ganzen Welt bereits täglich erlebt und weiß: die verheerenden Auswirkungen der Ungleichheit. Was im vergangenen Jahr immer deutlicher wurde, ist das Ausmaß, in dem Ungleichheit unsere Systeme schwächt. Wir brauchen ein sehr viel entschiedeneres Eingreifen von Entscheidungsträgern, um die Ungleichheit zu bekämpfen. 

Fehlt der politische Wille?

Maßnahmen, die für mehr Gerechtigkeit erforderlich sind, wie zum Beispiel eine universelle Grundversorgung, sind mit erheblichen Investitionen verbunden. Regierungen und Entscheidungsträger, die eine langfristige Perspektive haben und sich für die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung einsetzen, sollten erkennen, dass sich die Reduzierung von Ungleichheiten auszahlt und Vorteile für alle bringt. Die Hilfsorganisation Oxfam zitiert in ihrem jüngsten Bericht eine Studie der Weltbank, laut der die Armut in nur drei Jahren auf das Vorkrisenniveau zurückkehren könnte, wenn wir Ungleichheit jetzt konsequent bekämpfen – anstatt in mehr als einem Jahrzehnt. Doch Politik basiert leider oft auf kurzfristigem Denken und Eigeninteresse. Dies gilt aktuell mehr denn je, da wir in Zeiten leben, in denen es sehr unterschiedliche Auffassungen von der Rolle des Staates, von Macht und Herrschaft gibt, die einer Entwicklung hin zu weniger Ungleichheit und mehr Gerechtigkeit entgegenwirken.

Eine nicht auf Europa zentrierte Weltkarte
Karte inspiriert von FRIDA

Die Welt steht auf dem Kopf und wirkt verzerrt? Die Karte basiert auf der "Hobo-Dyer Projection" und stellt die relative Größe der Länder zueinander korrekt dar. Mit dem Globalen Süden oben und dem Pazifik in der Mitte lädt die Karte zu einem neuen, ungewohnten Blick auf die Welt ein. In den markierten Regionen fördert die Stiftung Projekte, die Ungleichheit mit einem intersektionalen Ansatz reduzieren wollen.

Die Robert Bosch Stiftung verfolgt im Förderprogramm „Reducing Inequality Through Intersectional Practice“ einen intersektionalen Ansatz, um Ungleichheit zu verringern. Können Sie uns sagen, warum dieser Ansatz erfolgversprechend ist? 

Intersektionalität erlaubt uns, "die Ungleichheit innerhalb der Ungleichheit, die Diskriminierung innerhalb der Diskriminierung, die Minderheit innerhalb der Minderheit" zu sehen, wie Emilia Roig vom Center for Intersectional Justice es formuliert hat. Intersektionalität erkennt an, dass es eine wirklich einzigartige Erfahrung von Ausgrenzung und Benachteiligung gibt, wenn mehrere soziale Identitäten zusammenkommen. Dabei befasst sich Intersektionalität auch mit Fragen von Macht und Struktur: Verschiedene Formen von Diskriminierung zeigen, wie sich Unterdrückungssysteme – wie Patriarchat, Rassismus, Klasse, Kaste, Kapitalismus usw. – miteinander verbinden und welche Auswirkungen das auf die Möglichkeiten von Menschen hat, ein Leben in Würde zu führen. Dies schließt privilegierte Menschen ein, die sich ihrer Privilegien oft nicht bewusst sind oder sich mit ihren Privilegien sehr wohl fühlen und nicht bereit sind, ihre Macht zu teilen. 

Wie kann man möglichst viele Menschen für entsprechende Veränderungen gewinnen?

Wir müssen ein größeres Verständnis für Intersektionalität aufbauen und praktische Werkzeuge bereitstellen – sei es, um Politik zu gestalten oder um interne Organisationspraktiken umzugestalten. Es ist auch wichtig, im Hinterkopf zu behalten, dass es bei Intersektionalität nicht nur um Analyse, sondern auch um Aktion geht. Es geht darum, Solidarität zu stärken. Um das System zu verändern, muss man zudem Macht aufbauen, um eingefahrene Normen, Werte und Praktiken abzubauen. Soziale Bewegungen gibt es schon lange, aber sie waren zumeist nicht intersektional. Um weiter zu kommen, brauchen wir breitere Koalitionen, die die Erfahrungen der am stärksten Marginalisierten anerkennen und in den Mittelpunkt stellen.

Elf Projekte sind im Rahmen des Förderprogramms ausgewählt worden. Welche Art von Organisationen sind dabei und was sind deren Schwerpunkte? 

Die Stiftung ist daran interessiert, von und mit Organisationen zu lernen, die Intersektionalität praktizieren, und hat ganz bewusst versucht, die Breite und den Umfang dieser Bewegung abzubilden. Die Projekte kommen aus der ganzen Welt und arbeiten auf verschiedenen Ebenen – von der Graswurzelbewegung bis zur transnationalen Ebene, von der politischen Analyse bis zum Aufbau von Bewegungen. Thematisch konzentrieren sich mehrere Projekte auf Migrantinnen. Eine Reihe von Projekten ist darauf ausgerichtet, die Politik durch neue Rahmenbedingungen und Formen des Engagements zu beeinflussen. Und es gibt eine Reihe von Projekten, die sich mit Diskriminierung und Gewalt durch Technologie befassen sowie mit Klimagerechtigkeit. 

Wie verlief die Bewerbungsphase?

Die Resonanz auf die Ausschreibung war überwältigend – die Stiftung hat über 500 Bewerbungen aus der ganzen Welt erhalten, von allen Arten von Organisationen und unter Berücksichtigung vieler verschiedener Dimensionen der Ungleichheit. Aus meiner Sicht zeigt dies ein enormes und ungenutztes Potenzial intersektionaler Ansätze zum Abbau von Ungleichheiten. Am beeindruckendsten war für mich jedoch das Feedback, das im Rahmen der Bewerbungen geteilt wurde. Mehr als die Hälfte der Bewerberinnen und Bewerber schrieb, wie dankbar sie seien, dass die Stiftung intersektionale Arbeit unterstützt und was für einen großen Unterschied dieser Ansatz für ihre Arbeit macht. Ich finde, das ist auch für andere Stiftungen eine wichtige Botschaft.