Die Projekte

Mit unserem Förderprogramm „Reducing Inequalities Through Intersectional Practice“ unterstützen wir elf Organisationen, die es sich zum Ziel gemacht haben, Ungleichheit mit einem intersektionalen Ansatz zu reduzieren. Mit ihrem umfassenden Verständnis von Intersektionalität bieten sie Einblicke in innovative und wirkungsvolle Ansätze zur Verringerung von Ungleichheit. Das Spektrum der geförderten Projekte repräsentiert eine Vielfalt von Organisationen in aller Welt, die sich auf die Überschneidung verschiedenster Mechanismen struktureller Benachteiligung konzentrieren, von ethnischer Herkunft, Geschlecht und Migration bis hin zu Klimawandel und Technologie. Dies verdeutlicht das Potenzial darin, Intersektionalität in verschiedenen regionalen wie thematischen Kontexten anzuwenden. Darüber hinaus ermöglichen wir einen Austausch zwischen den Partnerorganisationen: So können sie ihre Praxiserfahrung mit intersektionalen Ansätzen miteinander teilen und das Wissen, das in den einzelnen Projekten gewonnen wurde, in diversen Formaten reflektieren und gemeinsam vertiefen.

Weltkarte
Karte inspiriert von FRIDA

Die Welt steht auf dem Kopf und wirkt verzerrt? Die Karte basiert auf der "Hobo-Dyer Projection" und stellt die relative Größe der Länder zueinander korrekt dar. Mit dem Globalen Süden oben und dem Pazifik in der Mitte lädt die Karte zu einem neuen, ungewohnten Blick auf die Welt ein. In den markierten Regionen fördert die Stiftung Projekte, die Ungleichheit mit einem intersektionalen Ansatz reduzieren wollen.

Lernen Sie unsere geförderten Projekte kennen:

Migrantinnen und von Rassismus betroffene Frauen kämpfen für Veränderung in Spanien

Migrantinnen sehen sich in Spanien Diskriminierungen und Rassismus ausgesetzt – aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung als Eingewanderte, aber auch wegen Geschlecht, Alter, Nationalität, sozialer Klasse, Aufenthaltsstatus und Beruf. Sie sind bislang am stärksten von der Pandemie betroffen, was sich auch in absehbarer Zukunft kaum ändern wird. Doch obwohl sie in mehrfacher Hinsicht von Unterdrückungsverhältnissen betroffen sind, finden Migrantinnen die Kraft, sich zu organisieren und sich Gehör zu verschaffen – und sie teilen ihr Wissen, ihre Handlungsfähigkeit, Stärke und Solidarität miteinander. Allerdings sind sie dabei mit beträchtlichen Hürden konfrontiert: Es fehlt an verschiedensten Ressourcen wie Geldmitteln, Fort- und Ausbildungen, politischem Einfluss oder Zeit, um die Organisations- und Community-Entwicklung voranzutreiben.

Um diesem Problem entgegenzuwirken, unterstützt der Calala-Frauenfonds migrantische Frauengruppen, die einen intersektionalen Ansatz verfolgen. Das Projekt hat es sich zum Ziel gesetzt, die organisierte Bewegung migrantischer und von Rassismus betroffener Frauen in Spanien auf unterschiedlichste Weisen zu stärken. Es unterstützt die Bewegung in ihrer Identitätsbildung und fördert dabei die generationenübergreifende Zusammenarbeit und Entwicklung eines kollektiven Selbstbewusstseins. Es bemüht sich um die Verbesserung der Ressourcenlage und Kapazitäten, indem es Weiterbildungen und Lernaustausche ermöglicht und in einem partizipatorischen Förderprozess Stipendien vergibt. In einem internen Reflexionsprozess über Intersektionalität und Antirassismus entwickelt der Calala-Frauenfonds parallel auch seine eigene Perspektive und Praxis weiter.

Mit der Schaffung neuer Kapazitäten und Bündnisse erzielt das Projekt einen Multiplikationseffekt und stärkt so nicht nur die direkt geförderten Gruppen migrantischer und von Rassismus betroffener Frauen, sondern auch die Bewegung an sich sowie weitere philanthropische Akteure.

 

Rassistische Unterdrückung und soziale Klasse zusammendenken: Ein intersektionales Narrativ für die Arbeiterklasse

Viele Gesellschaften erleben zurzeit eine entzweiende öffentliche Diskussion, die fälschlich rassistische Verhältnisse und soziale Klasse isoliert betrachtet und gegeneinander ausspielt. Diese Trennung ist auch die Ursache sozialer Spannungen, wie man sie in vielen Ländern beobachten kann, nicht zuletzt im Vereinigten Königreich, wo das Centre for Labour & Social Studies (CLASS) sitzt. Hier haben die gängigen Narrative über die Arbeiterklasse zu toxischen Spaltungen geführt, die auch bei Repressalien gegen die Black Lives Matter-Bewegung und dem Aufstieg rechtsextremer politischer Parteien eine Rolle spielten. Diese Narrative schmälern zudem die Unterstützung für Umverteilungspolitiken, die allen Arbeitern zugutekommen. Um die Ungleichheit zu reduzieren, braucht es neue und einheitsstiftende Erzählungen über die Arbeiterklasse!

Das Projekt von CLASS nimmt sich dieses immer gravierender werdenden Problems an und will Menschen mit einem narrationsbasierten Ansatz zusammenbringen. Die Initiative entwickelt und verbreitet eine neue, integrative Klassenerzählung, die das intersektionale Zusammenspiel von rassistischer Unterdrückung und sozialer Klasse aufzeigt und für Solidarität wirbt. Sie setzt bei der Basis an und hört den Communities  der Arbeiterklasse zu, insbesondere jenen mit intersektionalen Erfahrungen. So entsteht ein Netz aus neuen Bezugsgrößen, neuen Geschichten aus dem echten Leben und neuen Metaphern. Das Projekt wird Politikempfehlungen, Kommunikationsrichtlinien sowie einen Bericht für Forscher und Organisationen erstellen, der als Leitfaden für eine gute intersektionale Praxis im Kontakt mit Arbeiterklasse-Communities dienen soll.

Perspektivisch möchte das Projekt die Diskussion über die Arbeiterklasse im Vereinigten Königreich dahingehend verschieben, dass sie deren intersektionale Natur abbildet, Menschen zusammenbringt und Verbindungen knüpfen lässt. CLASS hofft, dass die Ergebnisse in anderen Ländern und Communities mit ähnlichen Spaltungen auf Resonanz stoßen und insbesondere in Europa und in den USA als beispielhafte Fallstudie dienen können.

 

Vorantreiben intersektionaler und betroffenenzentrierte Lösungen in Recht, Politik und Technologie für geschlechtsspezifische digitale Gewalt

Angesichts der weltweiten Zunahme geschlechtsspezifischer digitaler Gewalt sind Lösungen mit einem intersektionalen Ansatz, der die Betroffenen ins Zentrum stellt, entscheidend. Doch erhebliche Lücken in Politik, Technologie und Forschung führen dazu, dass die Bedürfnisse der Betroffenen nicht ernst genommen werden und sich das Gewaltpotenzial zusätzlich vergrößert. Viele Betroffene sagen aus, dass das Rechtssystem sie retraumatisiert, während Onlineplattformen ohne Abstimmung mit Betroffenen und ohne Berücksichtigung ihrer Erlebnisse gestaltet werden. Weil sie weder individuellem Handeln noch der Überschneidung verschiedener Unterdrückungsformen oder der Pluralität der Erfahrungen Rechnung tragen, richten Onlineplattformen großen Schaden an und schaffen es nicht, den Bedürfnissen der am stärksten Betroffenen gerecht zu werden. Extraktive Forschung und Datenerhebungsmethoden sowie algorithmische Verzerrung stellen zusätzliche strukturelle Probleme dar, deren Überwindung einen Systemwandel erfordert.

Mit diesem Projekt möchten Chayn und End Cyber Abuse Entscheidungsträgern einen Leitfaden für intersektionale, traumasensible, betroffenenzentrierte Antworten auf geschlechtsspezifische digitale Gewalt an die Hand geben. Der Leitfaden soll die Überschneidungen zwischen geschlechtsspezifischer digitaler Gewalt und Public Policy erklären, Designprinzipien vorstellen und Vorschläge für eine neue Richtlinienerstellung liefern. Ebenso betont dabei wird der verantwortungsvolle Umgang mit Daten: Der Leitfaden zeigt auf, welche Art von Datenerhebung Frauen und Mädchen benachteiligt und wie sich geschlechtsspezifische Daten und Datensparsamkeit auswirken können. Darüber hinaus schlägt der Leitfaden konkrete Möglichkeiten vor, um Betroffene an Prozessen zu beteiligen, und erklärt, was bei der Zusammenarbeit mit Menschen, die aufgrund ihrer Identität marginalisiert sind, berücksichtigt werden muss. Zudem gibt er Ratschläge zu einer Kultur, die Betroffenen eine Führungsrolle zuweist. Die Ergebnisse werden mit einer Praxisanleitung, einem Podcast und mehreren Seminaren einem globalen Publikum zugänglich gemacht.

Perspektivisch wollen Chayn und End Cyber Abuse einen Systemwechsel erreichen, der den Bedürfnissen verschiedener Betroffener in zahlreichen Kontexten eine angemessene Berücksichtigung verschafft. Dazu gehören wirkungsvolle Gesetze mit intersektionalem Fokus, Alternativen für Betroffene, die Verletzungen durch das Strafrechtssystem erlitten haben, Fortbildungen, die helfen, Opferbeschuldigung zu vermeiden, sowie sensiblere, im Umgang mit Traumata geschulte Rechtsberatung. All das schließt auch ein besseres Technologie-Design und nicht-extraktive Forschung ein.

 

Anstreben einer intersektionalen Wirtschaftspolitik im mexikanischen Aguascalientes

In Mexiko haben mehrere Verbände, Akademiker und sogar die mexikanische Legislative zum Ausdruck gebracht, dass es dringend mehr Intersektionalität im politischen Prozess braucht, um die Inklusivität öffentlicher Dienste zu erhöhen und sie zugänglicher zu machen. Bisher hat diese Diskussion allerdings keinerlei politische Maßnahmen gegen Ungleichheit bewirkt; der Politik gelingt es nicht, den unterschiedlichen Realitäten, Erfahrungen und Identitäten von verschiedenen Gruppen Rechnung zu tragen und somit in der Praxis andere Ergebnisse zu erzielen. Dazu kommen oftmals Beamte, die sich ihrer eigenen Privilegien und Vorurteile nicht bewusst sind und Bedürftigen den Zugang zu Leistungen verwehren. In der Folge profitiert nur ein Teil der angestrebten Zielgruppe von staatlicher Unterstützung.

Cultivando Género (CG) möchte daher mithilfe eines intersektionalen Ansatzes den Zugang aller Bürger zu öffentlichen Diensten verbessern. CG ist überzeugt, dass eine Stärkung des Problembewusstseins und der Fähigkeiten öffentlicher Bediensteter entscheidend ist, um staatliche Dienste sicherzustellen, die einer intersektionalen Praxis und den höchsten Menschenrechtsstandards entsprechen. Für das Projekt wird CG mit einer staatlichen Einrichtung in Aguascalientes (Mexiko) zum Thema pandemiebezogene Frauenarbeitslosigkeit zusammenarbeiten und Workshops und Kurse mit einem intersektionalen Schwerpunkt anbieten. CG wird auch Monitoring und eine Untersuchung staatlicher Richtlinien jenseits der üblichen Indikatoren durchführen: Dafür experimentiert CG mit ethnographischen Evaluationsmethoden, die ein besseres Verständnis und eine Berücksichtigung der Bedürfnisse jener Gruppen versprechen, die die Behörde erreichen möchte.

Perspektivisch strebt Cutivando Género an, dass die Weiterbildungsveranstaltungen der Organisation in den Bildungskatalog der Behörde aufgenommen und von anderen Organisationen und Regierungsbehörden übernommen werden.

 

Weiterentwicklung intersektionaler Ansätze zur Sichtbarmachung von Indiens  von Armut betroffenen Wanderarbeiterinnen

In Indien gilt Binnenmigration als Hauptmotor für die wirtschaftliche Ermächtigung von Frauen, da sie ihnen viele Möglichkeiten eröffnet. Die Arbeitschancen sind in Indien allerdings durch die Stellung in der sozioökonomischen Hierarchie bestimmt; das bringt insbesondere Wanderarbeiterinnen, die 70 Prozent der indischen Binnenmigration ausmachen, in eine schwierige Lage. Die vielschichtigen Erfahrungen von Wanderarbeiterinnen sind geprägt vom Zusammenwirken von Faktoren wie geographische Verortung, Soziodemographie, familiäre Dynamik, Kaste, Klasse, Beschäftigungssektor und Geschlechtsidentität. Um eine Diskussion über die spezifische Erfahrung und Lebensrealität von Wanderarbeiterinnen anzustoßen und um zu verstehen, wie ihre Verletzlichkeit in vielerlei Hinsicht ihren Handlungsspielraum einschränkt, braucht es eine intersektionale Perspektive. Jedoch gibt es trotz der sichtbaren und komplexen Auswirkungen dieser Dynamik bisher wenig Know-how darüber, wie sich Intersektionalität bei der Gestaltung von gemeinnützigen Programmen berücksichtigen lässt.

Dasra begibt sich deshalb auf eine umfangreiche Lernreise, um sich Wissen anzueignen und die eigene Praxis zu reflektieren. Dazu kooperiert Dasra mit NGOs, die sich durch ihren erfolgreichen intersektionalen Einsatz für die Verbesserung der Situation von Wanderarbeiterinnen hervorgetan haben: In einem zweitägigen Workshop wird die Organisation einen Prozess des Nachdenkens, wechselseitigen Lernens und der intersektionalen Praxis moderieren. Ausgehend von den positiven Erfahrungen der NGOs sollen konkrete Verfahrensweisen formuliert werden, die im Migrationswesen und in anderen zusammenhängenden Sektoren Anwendung finden können. So soll das Wissen um die Situation ökonomisch benachteiligter Wanderarbeiterinnen allmählich auf allen Ebenen erweitert werden.

Langfristig möchte Dasra das in Kooperation mit den NGOs erarbeitete Wissen an relevante Akteure wie politische Entscheidungsträger und Geldgeber weitergeben, und sie von der Bedeutung intersektionaler Ansätze im Einsatz gegen die Marginalisierung verletzlicher Gruppen wie den Wanderarbeiterinnen überzeugen.

 

Vertiefung der Förderpraxis, um intersektionale Bewegungen für Umweltgerechtigkeit zu unterstützen und weiterzuentwickeln

Die Menschheit sieht sich mit einer Reihe zusammenhängender Krisen konfrontiert: Klimawandel, Migration, gewaltsame Konflikte und COVID-19. Diese Krisen offenbaren die Auswirkung ökonomischer, sozialer und rassistischer Ungleichheit und verschärfen sie gleichzeitig. Viele Lösungsansätze privilegieren weiterhin die Wenigen und übersehen die Vielzahl sozialer Faktoren – vor allem Identität und geographischen Kontext –, deren Zusammenwirken das Leben von Menschen substantiell beeinflusst. Intersektionale Bewegungen, besonders diejenigen, die von den am stärksten Marginalisierten in den am stärksten betroffenen Kontexten organisiert werden, sind nötiger denn je, um die Aufmerksamkeit auf das Zusammenwirken dieser Faktoren zu lenken. Zudem spielen diese Bewegungen eine wichtige Rolle, um das Fortbestehen gescheiterter Systeme anzuprangern und eine Verschiebung hin zu einem neuen, belastbareren, gerechteren und grüneren Gleichgewicht zu bewirken.

Vor diesem Hintergrund will Global Greengrants Fund UK seine bisherige intersektionale Förderstruktur vertiefen und ausbauen. Hierbei liegt der Fokus der Stiftung darauf, besser zu verstehen, welchen Ungleichheiten sich Basisbewegungen für Klimagerechtigkeit entgegensetzen müssen. Das eigene Förderprogramm und das anderer Geldgeber soll effektiver und umfassender gestaltet werden, um wirkungsvollere Unterstützung bei der Bekämpfung systemischer Ungleichheit anbieten zu können. Um das zu erreichen, wird Global Greengrants Fund UK Lernprozesse innerhalb der Organisation und mit ihren Beratern anstoßen; insbesondere in Hinblick darauf, wie intersektionale Bewegungen für Klimagerechtigkeit unterstützt und vorangebracht werden können. Umgesetzt wird das erlangte Wissen im Rahmen von fünf ‚Seed Grant‘-Förderungen für Initiativen, die am Schnittpunkt von Ungleichheitsreduktion und Umweltgerechtigkeit arbeiten. Daneben wird Global Greengrants Fund UK seine Erkenntnisse darüber, wie und wieso Geldgeber intersektionale Ansätze zur Verringerung von Ungleichheit verfolgen sollten, auch mit anderen gemeinnützigen Organisationen teilen und vertiefen.

Das Hauptziel des Projekts ist es, durch effektivere und umfassendere Unterstützung intersektionaler Basisbewegungen für Klimagerechtigkeit einen wirkungsvollen Beitrag zur Verminderung systemischer Ungleichheit zu leisten.

 

Ungleichheit mithilfe intersektionaler Budgetierungspraxis vermindern

Südafrika ist eines der Länder mit der größten Ungleichheit. Die ungleiche Verteilung von Einkommen, Reichtum und ökonomischen und gesellschaftlichen Möglichkeiten ist zwar in rassistischen Herrschaftsverhältnissen verwurzelt, ihre Ausprägung ist aber von einer ganzen Reihe an Faktoren abhängig, darunter Ethnie, Klasse, Geschlecht und geographische Verortung. Die ungleichen Bedingungen werden gegenwärtig noch durch die weltweite Pandemie verstärkt. Die bisherige Wirtschaftspolitik hat hier jedoch keinerlei Veränderung gebracht. Ganz im Gegenteil: Die Vernachlässigung der sozialen und wirtschaftlichen Situation marginalisierter Gruppen führt mitunter dazu, dass die Haushaltspolitik bestehende strukturelle Ungleichheit noch verschärft.

Das Institute for Economic Justice (IEJ) möchte neuen Formen intersektionaler Budget-Analyse und -Advocacy (IBAA) den Weg bereiten. Diese sollen Ungleichheiten an der Schnittstelle von Geschlecht und sozialen Bedingungen thematisieren und in Budgetierungsprozessen stärker berücksichtigen. In diesem Projekt wird das IEJ daher seine bestehenden Budgetierungswerkzeuge, die zum Abbau von geschlechtsspezifischen Ungleichheiten entwickelt wurden, in Zusammenarbeit mit Partnern zu IBAA-Werkzeugen weiterentwickeln. Auch wird die Organisation bestehende IBAA selbst und mit Partnern zusammen in laufende Prozesse implementieren. So wird ein organisationsinterner Lern- und Reflexionsprozess über intersektionale Praxis in Gang gesetzt. Im Fokus steht die Frage, inwiefern die Anwendung von IBAA in der Haushaltspolitik zur Verminderung von Ungleichheit beiträgt, wie Zielgruppen und Partner auf den Einsatz der IBAA und der entwickelten Werkzeuge reagieren und wie sich klimapolitische Anliegen in die Wirtschaftspolitik integrieren lassen.

Das Projekt möchte seine Zielgruppe dazu bewegen, vermehrt intersektionale Ansätze zu implementieren, sich neue Fähigkeiten anzueignen und neue Perspektiven auf ihre Arbeit zu gewinnen. Über die direkt am Projekt Beteiligten hinaus möchte das IEJ auch die Grenzen der Haushaltsanalyse, der feministischen politischen Ökonomie und der Wirtschaftswissenschaften verschieben und die Anwendbarkeit intersektionaler Praxis im Bereich der Wirtschaftspolitik demonstrieren. Das IEJ ist überzeugt, dass daraus ein neues Wissens- und Praxisfeld entstehen kann.

 

Roma-feministische und rassismuskritische Analyse und Organisation für soziale Gerechtigkeit

Weibliche Sinti und Roma haben regelmäßig mit Unsichtbarkeit und sozialer Ausgrenzung zu kämpfen. Öffentliche Diskurse über Romnja und Sintizzi und politische Initiativen, die Partizipation fördern sollen, übersehen meist, wie divers die Mitglieder dieser Gruppen sind. Schwarze Sintizzi sehen sich schwarzenfeindlichem Rassismus, Muslimas antimuslimischem Rassismus, queere Personen Queerfeindlichkeit usw. ausgesetzt. In rassismuskritischen Selbstorganisationen von Roma werden Romnja ausgegrenzt, sobald sie feministische Anliegen vertreten, und in weißen feministischen Selbstorganisationen wiederum werden sie ausgrenzt, wenn sie sich für Romnja-spezifische Anliegen einsetzen. So bleiben sie in POC- und feministischen antirassistischen Organisationen weitgehend unsichtbar.

Um zu verstehen, welche Mechanismen auf diesen verschiedenen Ebenen gegen Romnja und Sintizzi arbeiten, und um handlungsfähiger zu werden, möchte RomaniPhen kollektive Analysen durchführen und Strategien entwickeln, um mit struktureller Diskriminierung unterschiedlicher Art umzugehen. Das Hauptziel des Projekts ist es, voneinander und von anderen feministischen POC-Organisationen zu lernen: Wie wird mit den Formen, Wirkungsweisen und Auswirkungen intersektionaler Unterdrückungssysteme umgegangen? In einem einjährigen Prozess sollen in mehreren Workshops Ideen entwickelt und den Teilnehmerinnen Möglichkeiten geboten werden, sich in Gesprächen, kollaborativen Schreib- und Aufnahme-Sessions über ihre Erfahrungen und Strategien im Umgang mit dieser Mehrfach-Diskriminierung auszutauschen. Das neu geschaffene Wissen wird anschließend über den Blog der Organisation mit der eigenen Community und allen Interessierten geteilt.

Das langfristige Ziel besteht darin, den Teilnehmerinnen und damit auch der vielfältigen Roma-Bewegung dabei zu helfen, Verhaltensnormen und Werte zu entwickeln, die dazu führen, dass sich die teilnehmenden Organisationen freiwillig für intersektionalere Richtlinien einsetzen. Dadurch möchte RomaniPhen integrativere politische Bewegungen, mehr Gerechtigkeit und einen besseren Rahmen für den Umgang mit dem Problem der Ungleichheit schaffen.

 

Feministische Technologiepolitik – Richtlinien für eine gleichberechtigte digitale Zukunft

Ob künstliche Intelligenz, Gesichtserkennung oder Kreditwürdigkeitsalgorithmen – die heutigen digitalen Technologien benachteiligen marginalisierte Gruppen. Dazu zählen breit genutzte Plattformen und Technologien, deren negative Auswirkungen bestimmte Menschen unverhältnismäßig treffen. Im Entwicklungsprozess werden die Bedürfnisse unterrepräsentierter Gruppen übersehen oder vernachlässigt. Auch dass die Entwicklerteams homogen sind und Vertreter marginalisierter Gruppen nur begrenzt in der Hightech-Branche und bei Gesetzgebungsverfahren involviert sind, ist nicht förderlich. In der Folge werden ihre Bedürfnisse und Erfahrungen beim Umgang mit diskriminierenden Technologien von den Entscheidungsträgern zu selten gehört, und eine direkte Einflussnahme auf die Technologieentwicklung ist kaum möglich.

Superrr Lab wirft deshalb einen feministischen Blick über den Tellerrand der bestehenden Tech-Diskurse und Gesetzgebungen hinaus. Die Organisation hat sich der Entwicklung wegweisender feministischer Richtlinien verschrieben und erarbeitet Zukunftsvisionen für eine gerechtere Technologie, die zu einer heterogenen Gesellschaft passt. Superrr stellt gegenwärtige Innovationsnarrative infrage und rückt Werte wie Pflege, Zugänglichkeit, Offenheit und Rücksichtnahme ins Zentrum der digitalen Gesellschaft der Zukunft. Um Empfehlungen auszuarbeiten, bringt die Organisation Akteure aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, die sich für die Rechte von Minderheiten und benachteiligter Gruppen einsetzen, zusammen. Im Zentrum dieses Projekts stehen das gemeinsame Lernen, das Verständnis der gegenseitigen Anliegen und das Schaffen neuer Möglichkeiten. Um einen langfristigen Austausch über die Themen Intersektionalität und Digitalisierung zu fördern, wird ein offenes digitales Wissensarchiv aufgebaut.

Superrr ist sich dessen bewusst, dass ein Systemwechsel Zeit braucht und hat sich dem Thema feministische Technologie langfristig verschrieben. Die Organisation vernetzt sich kontinuierlich mit anderen bereits etablierten sowie jüngeren Organisationen in diesem Feld, damit andere ihre Ideen und Konzepte übernehmen und darauf aufbauen können. Ihre feministischen Innovationserzählungen haben das Potential, ein Eigenleben zu entwickeln und Entscheidungsträgern weit über die Dauer des Projekts hinaus als Inspiration zu dienen.

 

Intersektionale und partizipative Aktionsforschung für mehr städtischen Frieden in der Siedlung Brisas de las Palmas in Cali, Kolumbien

In Kolumbien hat der bewaffnete Konflikt mehr als acht Millionen Bauern gezwungen, in Städten Zuflucht zu suchen. In Cali, einer Stadt südwestlich von Bogotá, sind 200.000 Geflüchtete mit Armut und unzureichenden Lebensbedingungen konfrontiert und haben mit zahlreichen Formen von Diskriminierungen zu kämpfen, darunter Rassismus und die Stigmatisierung als „Vertriebene“. Gerade in städtischen Gebieten mit einer so hohen Dichte an Konfliktopfern können neue Initiativen Solidarität und ein friedliches Zusammenleben fördern.

Der Fokus der Universidad del Valle liegt auf Friedensförderung in Städten mittels eines intersektionalen und partizipativen Ansatzes. Zu diesem Zweck kooperiert die Universität mit den meist afrokolumbianischen Bewohnern der informellen Siedlung Brisas de las Palmas in Cali, die häufig gewaltsame Vertreibung erlebt haben. Ziel ist die gemeinsame Entwicklung von Friedensstrategien in urbanen Kontexten. Das Team aus Forschern und Anwohnern wird untersuchen, wie sich der Begriff »Friedensförderung« intersektional denken lässt, sodass seine Bedeutung je nach Ausprägung der Verletzbarkeiten variiert. Die Universität orientiert sich dabei am Modell der partizipative Aktionsforschung, um mit den vom Konflikt betroffenen Communities eine Vertrauensbasis zu entwickeln. Ihre Arbeit nutzt das kollektive Handeln als Alternative zum konservativen Vorgehen staatlicher Akteure. Akademisch betrachtet weitet das Projekt die Verwendung des intersektionalen Ansatzes auf die Urbanistik aus und bewirkt so eine inklusivere akademische Forschungspraxis.

Das übergeordnete Ziel des Projekts ist die Entwicklung einer Methodologie und intersektionalen Forschungspraxis, die ebenso für andere städtische Siedlungen (formelle und informelle) anwendbar ist. Dafür kooperiert die Universität mit den Communities, Forschern sowie staatlichen Institutionen und entwickelt Strategien zur Verminderung von Ungleichheit – ein erster Schritt hin zu mehr städtischem Frieden.

 

An der Schnittstelle von Geschlecht und Migration: Stärkung feministisch-migrantischer Bewegungen

Die COVID-19-Pandemie hat eine Vielzahl bestehender Krisen (Gesundheitssektor, Wirtschaft, Klima, Pflege) zum Vorschein gebracht, und alle treffen Migrantinnen in besonderem Maße. Das Women in Migration Network (WIMN) ist überzeugt, dass Input von der Graswurzel-Ebene, intersektionale Analyse und mutige Vorschläge vonnöten sind, um Antworten auf diese beispiellose globale Situation zu finden. Die meisten Organisation haben jedoch weder die Zeit noch die Ressourcen, um intersektionale Modelle zu entwickeln, da sie ihre Anstrengungen darauf konzentrieren, unmittelbare Unterstützung an vorderster Front im Kampf gegen die Pandemie zu leisten.

Das WIMN wird einen intersektionalen Ansatz in die internationale Migrationspolitik einbringen und das Bewusstsein der globalen Frauenrechtsbewegung für die intersektionalen Realitäten von Migrantinnen stärken. Dazu organisiert es regionale und globale Räume, in denen ein strategischer Austausch von Wissen und Erfahrungen über Silogrenzen hinweg stattfinden kann und Analysen und Handlungsvorschläge hinsichtlich der Überschneidung von Geschlecht, Migration, rassistischer Diskriminierung, Arbeit, Klimawandel und globaler Pandemie erarbeitet werden. Diese Räume sollen migrantische, Flüchtlings-, feministische, Arbeiter-, LGBTQI- und andere verbündete Gruppen und Bewegungen zusammenbringen und ihre Mitglieder und Partnerorganisationen dazu anregen, virtuelle Dialoge auf regionaler und internationaler Ebene zu starten. Schließlich wird das WIMN zugängliche Hintergrundtexte in mehreren Sprachen verfassen, die intersektionale Leitlinien und Bemühungen stärken sollen.

Mit seiner Arbeit wird das WIMN einen direkten Beitrag zum ersten International Migration Review Forum bei den Vereinten Nationen 2022 leisten. Dafür wird es eine Auswertung des Globalen Pakts für eine sichere, geordnete und reguläre Migration erarbeiten. Darüber hinaus wird das WIMN in Zusammenarbeit mit der Association for Women’s Rights in Development nach virtuellen Möglichkeiten zur Stärkung der Position von Migrantinnen innerhalb der globalen Frauenbewegungen suchen.

Am Ende dieses dialogischen Prozesses sollen mehrsprachige Toolkits zu dem Thema verfasst und über die sozialen Medien verbreitet werden. Das WIMN wird diese Bildungsmaterialien auch im Rahmen seines zivilgesellschaftlichen Engagements und bei der Arbeit im Migrationswesen verwenden.