Ungleichheit – aktuelle Trends und Lichtblicke

Wie können wir Ungleichheit verringern? Die „Inequality Advisory Group“ bringt Expertinnen und Experten für Ungleichheit aus der ganzen Welt zusammen, die der Stiftung in ihrer Arbeit zur Reduzierung von Ungleichheit beratend zur Seite stehen. Sie alle teilen das Interesse an aktuellen Trends im Thema und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Robert Bosch Stiftung | Juni 2021
Ungleiche Häuser aus der Luft
Johnny Miller - Unequal Scenes

Für unsere Arbeit im Thema Ungleichheit möchten wir unterschiedliche Erzählungen von Ungleichheit wahrnehmen, verschiedene Formen von Wissen anerkennen und für die Bekämpfung struktureller Ursachen von Ungleichheiten über Sektorengrenzen hinweg zusammenarbeiten. Die Stiftung freut sich, dass ihr in den Jahren 2021-2023 sechs ausgewiesene Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft, internationalen Organisationen und dem Stiftungssektor als Inequality Advisory Group (IAG) beratend zur Seite stehen. Sie werden gemeinsam Strategien zur Überwindung von Ungleichheit diskutieren und aktuelle Entwicklungen sowie neue Erkenntnisse in die Arbeit der Stiftung einbringen.

Die Mitglieder der IAG und Ellen Ehmke, Expertin für Ungleichheit der Stiftung, schreiben im Folgenden darüber, welche aktuellen Trends sie zum Thema Ungleichheit weltweit beobachten und was ihnen Hoffnung gibt, diese nachhaltig zu überwinden.

Portrait Lucas Chancel

Dr. Lucas Chancel, Co-Direktor des World Inequality Lab
der Paris School of Economics (PSE)

In den meisten Ländern hat die Ungleichheit innerhalb der letzten 40 Jahre zugenommen. Die Ungleichverteilung von Vermögen ist in vielerlei Hinsicht zunehmend untragbar. Ein Trickle-Down-Effekt  hat definitiv nicht stattgefunden; stattdessen ist die Ungleichheit dort am schnellsten gewachsen, wo das Einkommen der Gruppen mit den geringsten Einkünften am wenigsten gestiegen ist. Die gute Nachricht dabei ist: Wirtschaftliche Unterschiede müssen sich nicht automatisch fatal auswirken. Wie die vielfältigen Entwicklungsverläufe innerhalb verschiedener Länder in den letzten 40 Jahren zeigen, gibt es viele Strategien im Kampf gegen Ungleichheit. Darüber hinaus zeigt ein frischer Blick auf die Geschichte, dass was heute radikal erscheint, morgen schon als normal gelten kann – wie die jüngste Geschichte beweist. 

Portrait Naila Kabeer

Dr. Naila Kabeer, Professorin für Gender und Internationale Entwicklung
an der London School of Economics and Political Science (LSE)

Ich interessiere mich für die Intersektionalität zwischen dem Geschlecht einer Person und anderen gruppenspezifischen Ungleichheiten, die sich innerhalb von Gesellschaften als dauerhaft erwiesen haben. Dazu gehört sicher in allen Gesellschaften die Schicht; aber auch Ethnie, Klasse und Nationalität spielen eine Rolle. Während internationale Daten belegen, dass sich die Geschlechterungleichheit in bestimmten wichtigen Bereichen des Lebens wie etwa Gesundheit und Bildung deutlich verringert hat, bleibt sie dennoch ausgeprägt in Bezug auf Vermögen und Chancen und ist noch größer in puncto politische Mitbestimmung, Repräsentation und Beteiligung. Fest steht zudem, dass Frauen aus den gesellschaftlich am stärksten marginalisierten Gruppen noch wesentlich deutlicher von den bisher erzielten Fortschritten ausgeschlossen sind.

Doch es gibt auch Faktoren, die mich hoffen lassen, dass Ungleichheiten überwunden werden können. Zum einen tritt immer deutlicher zutage, dass sie Schaden anrichten – und zwar nicht nur für die Gruppen auf der untersten Stufe der sozialen Hierarchie, sondern für die Gesellschaft als Ganzes. Wir sind also alle gleichermaßen von Ungleichheit betroffen. Ein weiterer Faktor ist die Globalisierung. Zwar hat sie viele neue Risiken und Gefahren mit sich gebracht, es aber gleichzeitig marginalisierten Gruppen ermöglicht, sich miteinander zu vernetzen und den gemeinsamen Nenner ihrer Erfahrungen zu erkennen. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft liegt in ihrer Solidarität.

Nicolette Naylor rund 1200

Nicolette Naylor, Internationale Programmdirektorin für das globale Programm
zu Gender und ethnischer Gerechtigkeit der Ford Foundation

Armut und Ungleichheit gedeihen durch die Spaltung entlang von ethnischer, Geschlechter- und Klassenunterschiede, welche die Kluft zwischen den Wohlhabenden und Mittellosen im globalen Norden und globalen Süden immer weiter vertieft. Ich interessiere mich besonders für die intersektionale Schnittmenge von Ungleichheit in Bezug auf Geschlecht und Ethnie. Wir müssen weiterer Fragmentierung entgegenwirken und stattdessen wirtschaftliche Ungleichheit im Zusammenhang mit geschlechtspezifischer und ethnischer Ungleichheit analysieren. Wenn wir Ungleichheit auf struktureller und systemischer Ebene bekämpfen wollen, kommen wir nicht umhin, uns auf globaler Ebene explizit mit der Intersektionalität von Geschlecht und Ethnie zu befassen.

Die Art und Weise, wie verschiedene Fachrichtungen und Bewegungen derzeit gemeinsam alternative Ansätze zur Bekämpfung von Ungleichheit auf struktureller Ebene prüfen, gibt Anlass zur Hoffnung. Aktuell besinnen sich sehr viele soziale Bewegungen, feministische Wirtschaftswissenschaftlerinnen, Anführerinnen zivilgesellschaftlicher Gruppen, kritische Ethnologen, postkoloniale Feministen, Fachleute für Dekolonialisierung und Aktivistinnen für Klimagerechtigkeit weltweit darauf, dass Ungleichheit in einem historischen und strukturellen Kontext verortet werden muss. So berücksichtigen diese Gruppen in ihrer Arbeit auch die Rolle, die Kolonialismus, Patriarchat und weiße Vorherrschaft innerhalb der Länder des globalen Nordens und Südens ebenso wie im länderübergreifenden Kontext spielen. Die transnationale Zusammenarbeit, die Bildung von Allianzen und Solidaritätsbewegungen bieten die Chance, sich von isolierten Einzelansätzen zu lösen und stattdessen im Kampf gegen Ungleichheit ganzheitlichere Ansätze zu suchen. Hinzu kommt, dass eine jüngere, ungeduldigere Generation mit neuen Ideen in den Vordergrund tritt. Dadurch gelingt es, die von Ungleichheit betroffenen Menschen in den Mittelpunkt der Debatte zu stellen, ihnen Gehör zu verschaffen und ihre Sichtweise in die globale Politik einfließen zu lassen. 

Portrait Romina Boarini

Dr. Romina Boarini, Direktorin des OECD Zentrums für Wohlergehen,
Integration, Nachhaltigkeit und Chancengleichheit (WISE)

Die Ungleichheit steigt in verschiedenen Bereichen, was sich in der wachsenden Sorge von Bürgern vor zu großen Unterschieden widerspiegelt. Seit den 1980er Jahren hat die Einkommensungleichheit stärker zugenommen als jemals zuvor, selbst in den skandinavischen Ländern. Das Vermögen der reichsten Haushalte hat sich weiter vergrößert, während das der niedrigen und mittleren Einkommen weiter geschrumpft ist. Hinzu kommt, dass sich das Vermögen auf wenige Haushalte konzentriert, und die ungleiche Vermögensverteilung sich in den meisten Ländern in den letzten zehn Jahren noch verschärft hat.

Die Chancenungleichheit hält ebenfalls weiter an. Soziale Mobilität hat sich auf vielen Ebenen verschlechtert, auch in Hinblick auf das Einkommen. Bis ein Kind aus einer einkommensschwachen Familie ein mittleres Einkommen erreicht, kann es vier bis fünf Generationen dauern. Am oberen Ende des Spektrums ist dagegen ein sozialer Abstieg selten. 

Politik kann den Trend steigender Ungleichheit umkehren. Wie es scheint, haben in einigen europäischen Ländern die Maßnahmen in Reaktionen auf die Corona-Pandemie den ärmeren Menschen mehr genützt als den reichen. Ein anfänglicher Anstieg der Einkommensungleichheit 2020 hat sich bis Anfang 2021 mehr als umgekehrt. Politische Maßnahmen zur Minderung von Ungleichheit und für mehr Chancengleichheit müssen in sechs Schlüsselbereichen greifen:

  • Bildungsangebote für einen besseren Zugang zu hochwertiger Bildung, Ausbildung und Betreuung;
  • Angemessene Gesundheitsversorgung, insbesondere für Kinder aus einkommensschwachen Familien;
  • Familienpolitik, die es ermöglicht, Erwerbs- und Sorgearbeit zu vereinen;
  • Progressive Steuer- und Sozialleistungssysteme, die Einkommens- und Vermögensungleichheiten begrenzen;
  • Angemessene Einkommensunterstützung in Kombination mit aktiver Arbeitsmarktpolitik;
  • Maßnahmen zur Reduzierung regionaler Unterschiede und räumlicher Trennung in Städten, einschließlich lokaler Entwicklung und Stadtplanung.
Portrait Wanda Wyporska

Dr. Wanda Wyporska, Geschäftsführerin
des britischen Equality Trust

Die wichtigste Erkenntnis, die sich in Großbritannien im Zuge der Corona-Pandemie durchsetzt, ist die große Bedeutung von Ungleichheit für Gesundheit. Daraus hat sich ein breiter Diskurs über den Einfluss sozialer Faktoren auf den Verlauf der Pandemie und Gesundheit generell entwickelt. Nicht immer ist es in diesen Debatten gelungen, eine Verbindung zwischen Einkommen, Ungleichheit und Gesundheit herzustellen, doch immerhin wird die Bedeutung von Herkunft, Wohnverhältnissen, Vorerkrankungen, Art der Beschäftigung und Armut hergestellt. Auch über räumliche (Einkommens-)Ungleichheit wird erfreulicherweise wieder vermehrt gesprochen. Beide Debatten verweisen einmal mehr auf die intersektionalen Verschränkungen und Überlappungen verschiedener Formen von Ungleichheit.

Ein tieferes Verständnis struktureller Ungleichheiten hat viele Organisationen dazu veranlasst, über ihr eigenes Handeln nachzudenken und darüber, wie sie Ungleichheiten in und durch ihre eigene Arbeit verschärfen. Große Hoffnung schöpfe ich aus der Kraft sozialer Bewegungen innerhalb der Gesellschaft – seien es junge Menschen, die sich für Maßnahmen gegen die Klimazerstörung engagieren, oder die Black Lives Matter-Bewegung. Es sind diese gesellschaftlichen Kräfte, die wir fördern und unterstützen müssen, wo es nur geht – nicht nur, damit Ungleichheit weiterhin ein wichtiges Thema auf nationaler und internationaler Ebene bleibt, sondern damit auch Taten folgen.

Portrai Ellen Ehmke

Dr. Ellen Ehmke, Senior Expertin Ungleichheit
der Robert Bosch Stiftung

Ungleichheit ist eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Die extreme Ungleichheit von Vermögen und Einkommen geht einher mit hochgradig unterschiedlichen Chancen auf ein langes Leben in guter Gesundheit, unter Wahrung der grundlegenden Rechte auf Bildung, soziale Sicherheit, auf einen Zugang zu sauberem Wasser und intakter Natur sowie auf die Möglichkeit, gleichberechtigt mitzuentscheiden, wenn es um die Belange des eigenen Lebens geht. In anderen Worten: Ungleichheit steht der Verwirklichung eines selbstbestimmten Lebens in Würde für alle Menschen entgegen. Für den Zugang zu und Ausschluss von materiellen und weiteren gesellschaftlich wichtigen Ressourcen sind die Herkunft, das Geschlecht, die sexuelle Orientierung, der Wohnort und weitere soziale Kategorien oftmals noch immer entscheidend. Besonders hart trifft es Menschen, die auf Grund mehrerer Merkmale diskriminiert werden. Ungleichheit, das wird hier deutlich, ist eigentlich ein Plural von ökonomischer, sozialer, politischer, ökologischer und weiteren Ungleichheiten. Diese sind in gesellschaftlichen Institutionen ebenso tief verankert wie in den Denkmustern und Alltagshandlungen Einzelner. Diese Ungleichheiten haben zudem gemeinsam, dass sie letztlich nicht nur denjenigen Schaden zufügen, die an den Rand gedrängt werden, sondern Gesellschaften als Ganzes.

Obwohl Ungleichheit im Zuge der Pandemie in mehreren Dimensionen vertieft wurde, gibt es aktuell auch Entwicklungen, die Hoffnung machen. Das Bewusstsein dafür, wie eng das Schicksal aller Menschen miteinander verknüpft ist, ist gestiegen. Gleichzeitig wächst die Erkenntnis, dass es nötig ist sich um die Schwächsten zu kümmern, dass die Bewältigung der Klimakrise eine nicht verschiebbare kollektive Aufgabe ist – und dass dies miteinander zusammenhängt. Vielerorts wird an neuen (und alten) Erzählungen gestrickt und erprobt, wie die Welt für alle besser werden kann, wenn wir Fürsorge für Mensch und Natur ins Zentrum unseres Handelns stellen.