Neustart für die internationale Arbeit

Nach über 50 Jahren stellt die Robert Bosch Stiftung ihr internationales Fördergebiet neu auf. Geschäftsführerin Sandra Breka über die Notwendigkeit eines Resets, die neuen Themen der Förderung – und darüber, wie sehr sie das Engagement der Mitarbeiter beeindruckte.

Interview: Nicole Zepter | Januar 2020
Sandra Breka, Expertin für internationale Beziehungen, und Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung
Gene Glover

Frau Breka, Sie stellen Ihre internationale Arbeit komplett neu auf. Warum gehen Sie diesen Schritt?

Unser bisheriges Fördergebiet „Völkerverständigung“ geht auf das Vermächtnis von Robert Bosch zurück und hat eine lange Tradition in der Stiftung. In den letzten Jahrzehnten wurde dieses Fördergebiet strategisch weiterentwickelt, diese Veränderungen vollzogen sich aber eher in kleinen Schritten. In den letzten Jahren hat sich der internationale Kontext, in dem wir arbeiten, aber rasant verändert. Darauf müssen wir reagieren.

Sie sprechen von den globalen politischen Entwicklungen und den Veränderungen im Sektor der Philanthropie.

Ja. Unser Anspruch ist es, einen Beitrag zur Lösung der Herausforderungen unserer Zeit zu leisten. Zuletzt haben wir in unserer internationalen Förderung in zehn sehr unterschiedlichen Themen gearbeitet – eine beachtliche Breite und Vielfalt der Förderung mit vielen guten Projekten.

Allerdings war es zunehmend schwer, zu erkennen, wofür die Stiftung in ihrer internationalen Arbeit steht. Hinzu kommt, dass sich die Philanthropie in einem maßgeblichen Wandel befindet. Das Volumen globaler Philanthropie hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten mehr als verdoppelt. Viele Stiftungen entwickeln neue Arten der Förderung. Die Öffentlichkeit wird kritischer, Legitimität und Wirksamkeit werden hinterfragt. Deshalb haben wir uns neu die Frage gestellt, wie wir mit unserer Arbeit die größtmögliche Wirkung erzielen und für die Zukunft gut aufgestellt sind.

Und welche Antwort haben Sie gefunden?

Dass wir uns strategisch neu ausrichten und zum Beispiel auf wenige Themen fokussieren müssen. In den letzten 18 Monaten haben rund 100 Mitarbeiter der Stiftung am Prozess dieser Neuausrichtung mitgewirkt. Wir haben den Blick zunächst nach außen gerichtet und uns die Frage gestellt, welche globalen Trends für die Zukunft entscheidend sind. Durch Gespräche mit internationalen Experten aus Praxis und Wissenschaft, durch Studien, Workshops und Lernreisen konnten wir uns ein umfassendes Bild verschaffen.

Die neuen Themen der internationalen Arbeit werden Klimawandel, Konflikte, Migration und Ungleichheit sein. Warum gerade diese Themen?

Die Kombination dieser vier Themen erfüllt aus unserer Sicht am besten den Anspruch, den wir als Kern unserer internationalen Arbeit formuliert haben: Wir wollen künftig Themen bearbeiten, die auf ein friedliches Miteinander innerhalb und zwischen Gesellschaften hinwirken – und für die die multilaterale Zusammenarbeit verschiedener Akteure erforderlich ist. Vor allem aber bedingen die Themen sich gegenseitig. Klimawandel und Ungleichheit sind beispielsweise Treiber von Konflikten und Migration. Die Wechselbeziehungen zwischen den Themen in den Blick zu nehmen und an den Schnittstellen zu arbeiten, ist das Ziel der künftigen Arbeit.

Porträt Sandra Breka / Bildnachweis: Bildnachweis: Gene Glover
Bildnachweis: Gene Glover

Zur Person

Sandra Breka ist Expertin für internationale Beziehungen und Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung. Sie verantwortet die Fördergebiete Bürgergesellschaft, Internationale Verständigung und Kooperation sowie die Arbeit der Stiftung in Berlin.

Wie gehen Sie die neuen Themen konkret an?

Wir prüfen derzeit, in welchen Regionen und wie wir innerhalb der Themen mit unserer Förderung ansetzen können. Dabei konzentrieren wir uns auf Bereiche, die entweder wenig bearbeitet werden oder in denen wir mit unseren Mitteln einen wesentlichen Beitrag leisten können. In der Förderung werden die neuen Themen ab Januar 2020 wirksam – dann nicht mehr unter dem Titel „Völkerverständigung“, sondern als „Internationale Verständigung und Kooperation“.

Im Zuge der neuen Themen werden alle bisherigen Projekte und Programme der internationalen Förderung beendet. Warum dieser harte Schnitt?

Zunächst: Wir legen großen Wert darauf, die bisherige Förderung verträglich und verantwortungsbewusst zu beenden. Wir sprechen offen mit unseren Partnern über die Gestaltung des Ausstiegs und mögliche Aktivitäten zum Abschluss – für jedes einzelne Projekt. Trotzdem ist es ein harter Schnitt. Doch er war nötig, um Raum zu schaffen für die neuen Themen.

Wir haben uns die Frage gestellt, wie wir mit unserer Arbeit die größtmögliche Wirkung erzielen.

Wird die Stiftung auch die Art, wie sie fördert, verändern?

Die Veränderungen des internationalen Kontexts und unser Anspruch, einen relevanten Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen zu leisten, werden dazu führen, dass wir künftig auch anders, mit einer größeren Bandbreite an Instrumenten, fördern müssen. Das „Wie“ wird sich von Thema zu Thema unterscheiden. Letztlich zeigt sich immer wieder: Institutionen und Menschen verändern die Welt, nicht Projekte.

Mit Blick auf die letzten Monate des Prozesses: Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Ich habe den Entwicklungsprozess aus voller Überzeugung begonnen und bin doch von der Dynamik, die er entfaltet hat, selbst überrascht. Beeindruckt hat mich die Beteiligung und Veränderungsbereitschaft der Mitarbeiter in einer Zeit, in der wir sehr wenig Orientierung für die Zukunft geben konnten. Genauso wie das Engagement der Führungskräfte und der Zusammenhalt, der sich entwickelt hat. Diese Veränderung gestalten zu dürfen, ist ein großes Privileg. Ohne die Unterstützung unseres Kuratoriums wäre sie nicht möglich.

Wenn Sie ab jetzt ein Jahr vorausblicken: Was wünschen Sie sich für die Stiftung?

Ich wünsche mir, dass wir im Stiftungssektor als progressiver Partner gesehen werden. Ich hoffe, dass jeder im Team seinen Platz gefunden hat. Dass wir den starken Teamgeist und die Dynamik, die wir entwickelt haben, weiterführen können. Und dass wir in der Gemeinschaft derer, die an unseren neuen Themen bereits arbeiten, angekommen sind und sich ein eigenes Profil abzeichnet.

Das Magazin (02/2019)

Dieses Magazin stellt die vier neuen Themen der internationalen Arbeit der Robert Bosch Stiftung vor und gibt einen...