Ein Tag an der Martinschule Greifswald

An der Martinschule in Greifswald lernen alle gemeinsam: Hochbegabte und Kinder mit geistiger Behinderung. Dazwischen gibt es viele Facetten. Wie funktioniert das, lernen für alle? Lehrerin Christine Mangel hat für uns Logbuch geführt: ein Einblick in den Alltag an der Greifswalder Schule, die 2018 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde.

Christine Mangel | November 2018
ÉRIVER HIJANO

Christine Mangel (Mitte) beim Unterricht. Was ihr wichtig ist: Den Schülern unterschiedliche Aufgaben anbieten. Zugeschnitten auf ihre Bedürfnisse.

06:00 Uhr: Der Wecker klingelt. Ich schalte das Radio an. Koche mir einen Schwarztee, wie jeden Morgen. Höre die Nachrichten, genieße den Tee, erwache langsam. Mein Sohn, fünf Jahre, ist schon längst wach und möchte ein Spiel spielen. Leider geht das nicht: Wir haben einen straffen Zeitplan. Wir müssen uns anziehen, frühstücken, und, und, und. Ich spreche meine Tochter, acht Jahre, an. „Bist du schon wach?“ Nein, ist sie nicht.

07:00 Uhr: Es wird sich bis 7 Uhr hinziehen, ehe meine Tochter endlich aufsteht, sich angezogen hat und wir in aller Eile um 7.15 Uhr loshechten. Und das fast jeden Morgen. Normalerweise fahren wir mit dem Rad. Das macht wach. Aber heute packe ich die Kinder ins Auto, da wir alle etwas kränkeln. Zuerst fahren wir zum Kindergarten, um dort meinen Sohn abzuliefern. Dann geht’s in die Martinschule, für mich und meine Tochter. Ich begleite sie in ihre Klasse – sie ist in einem anderen Gebäude als ich –, verabschiede sie und gehe in mein Büro. Auf dem Weg grüßen mich entgegenkommende Kollegen und Schüler.

 

Der Schultag beginnt mit den Morgenkreisen

07:40 Uhr: Im Sekretariat fällt der erste Blick auf die Abwesenheitsliste. „Gibt es neue Krankmeldungen?“, frage ich. Die Liste wächst momentan Tag täglich. Es fehlen zwei Integrationshelfer, aber ich denke, das schafft das Team. Im Jahrgang 6 fehlt eine Lehrkraft. Ich gehe in das Büro der Gesamtschulleitung. Das teile ich mir mit Wolfram Otto (wie ich Koordinator der Jahrgangsstufen 5-8), Johanna Hertzsch (Leitung der Jahrgangstufen 9-12), Benjamin Skladny (Schulleiter der Martinschule). Schalte den Computer an und werfe einen kurzen Blick auf die rund 20 E-Mails, die jeden Tag eintrudeln. Eine weitere Krankmeldung. Kurze Rücksprache mit meinem Kollegen, wie wir damit am besten umgehen. Wer übernimmt die Stunden? Ausfallen lassen wir sie nie. Teamarbeit wird bei uns groß geschrieben. Jeder unterstützt, wo er nur kann.

ÉRIVER HIJANO

Um 8 Uhr fängt der Unterricht an der Martinschule an. Für Christine Mangel, Koordinatorin der Jahrgangsstufen 5 bis 8, beginnt der Schultag früher.

07:45 Uhr: Ich gehe in die Jahrgangsteams und erfrage den Unterstützungsbedarf. Brauchen sie doch externe Vertretung oder ist es innerhalb des Teams kompensierbar? „Wir schaffen das heute so.“ Gut, das ist erstmal geklärt.

08:00 Uhr: Der Schultag beginnt mit den Morgenkreisen. Die Schüler planen und besprechen ihre Tagesziele gemeinsam mit ihren Stammgruppenleitern. Auf dem Weg zum Büro werde ich von einem Kollegen angesprochen: „Christine, hast du eine Minute?“. Oder auch gleich die konkrete Frage: „Ich brauche nochmal Hilfe mit den Förderplänen. Kannst du mir dabei helfen?“ Wir vereinbaren einen Termin. Ein paar Stufen weiter. „Du Christine,… Ich mache mir Sorgen um das Verhalten eines Schülers...“. Ich höre zu. Mache gedanklich Notizen. Ich komme zu euch, sobald ich kann.

Wer übernimmt die Stunden der kranken Kollegen? Ausfallen lassen wir sie nie. Teamarbeit wird bei uns groß geschrieben.

 

08:15 Uhr: Ich koche einen Tee und setze mich an den Computer. E-Mail-Anfragen beantworten, darunter Krankmeldungen, Vertretungsplanung, etc. Dann kümmere ich mich um die Terminplanung der Hörpädagogin, die für Einzeltermine mit Schülern vorbeikommt. Wann hat sie Zeit, wann passt es den Lehrkräften und Schülern am besten?

08:20 Uhr: Eine Terminvereinbarung für Beratungsgespräche steht bald an. Es geht um einen Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten, den ich seit einem längeren Zeitraum beobachtend begleite. Wir wollen uns im betreffenden Jahrgangsteam beraten, wie wir künftig am besten mit dem Schüler umgehen können. All das auf Grundlage der Methode der positiven Verhaltensunterstützung. Also herausfinden, welchen Hintergrund sein Verhalten hat und wie wir ihn am besten auf seinem Weg unterstützen können. Ich lese meine bereits im Vorab notierten Gedanken und ergänze einige Stichpunkte.

08:30 – 09:45 Uhr: Dann bespreche ich mich mit meinen beiden Kollegen der Gesamtschulleitung, Wolfram Otto und Johanna Hertzsch. Wir müssen viele allgemeine Dinge, wie Lehr- und Lernmittelanträge oder auch Fragen zur weiteren Schul- und Personalentwicklung, gemeinsam klären. Dafür nehmen wir uns Zeit.

 

Schüler, die stolz sind auf Mathe-Erfolge – solche Momente zählen

09:55 – 10:55 Uhr: Matheförderung mit einer Gruppe von sechs Schülern des Jahrgangs 6: Die Schüler entscheiden, an welchen Schwerpunkten sie arbeiten möchten, ich gebe Impulse, suche aktiv das Gespräch: „Wie hast du gerechnet?“ Ermutige. Ein Junge kommt nicht weiter: „Ich versteh‘ das nicht.“ Seine Augen werden feucht. Ich gebe sachte Impulse, frage, er findet die Lösung selbst. Und ist stolz: „Ich kann das!“. Ich freue mich mit ihm.

ÉRIVER HIJANO

Christine Mangel, 40, ist seit 2012 Lehrerin der Martinschule. Greifswald ist ihre Heimat, nach dem Sonderpädagogikstudium in Rostock und ein paar Stationen weltweit zog es sie dorthin zurück.

 

 

10:55 – 11:55 Uhr: Keine Pause: Matheförderung im Jahrgang 5 steht an. Oder vielmehr: Die Einzelförderung eines Jungen. Wir kennen uns noch nicht. Jetzt geht es um den Aufbau einer Beziehung zueinander, um Ermutigung, das Aufgreifen seiner Interessen. Vorsichtig tasten wir uns voran. Mit Erfolg: Voller Stolz und mit strahlenden Augen berichtet er später bei Mitschülern und Lernbegleiterinnen: „Ich habe mit großen Zahlen gerechnet!“. Solche Momente zählen.

12:00 – 12:30 Uhr: Mittagspause. Doch dabei immer der Austausch mit Kollegen: „Wie geht es, wie läuft es?“ Probleme und Unterstützungsbedarf werden geäußert. Oft geht es um Schwierigkeiten mit Kindern, die sich anders verhalten als erwartet. Ich höre zu, stelle Fragen, vereinbare Gesprächstermine.

 

Ein auffälliger Schüler: Ist sein Verhalten ein Hilferuf?

12:30 Uhr: Ich setze mich während der Schulpause zu dem Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten und beobachte seinen Umgang mit seinen Mitschülern. Versucht er, Zeit mit ihnen zu verbringen? Warum reagiert er wann aggressiv? Auch das ist ein wichtiger Punkt, um ihn zu unterstützen. Im Anschluss ein Gespräch mit der derzeitigen Integrationshelferin. Die Sonne scheint, wir entscheiden uns, gemeinsam das Gespräch im Freien zu führen. Die frische Luft tut gut. Und hilft uns bei der Analyse der Situation. Welches Verhalten tritt auf? In welchen Situationen? Was geschah direkt davor? Denn wir gehen davon aus: Jedes Verhalten dient einem persönlichen Zweck. Welche Bedeutung könnte das Verhalten für den Jungen somit haben? Welches Verhalten muss er als Nächstes erlernen? Aber auch: Was kann er gut? Welche Interessen hat er? Wie können wir den Kontakt wieder aufbauen? Eine gute Beziehung etablieren? Wir setzen funktionales Assessment ein, analysieren also, welche Funktion sein Verhalten hat - ist es vielleicht ein Hilferuf oder ist er aus anderen Gründen aggressiv? -, um im Anschluss gemeinsam mit dem Unterstützerteam einen Handlungsplan zu erstellen.

14:30 Uhr: Keine Zeit zu verschnaufen. Es geht zur Teamsitzung des Jahrgangs 5. Es geht darum, dass die Teams ihren eigenen Rhythmus finden, Stimmung wahrnehmen. Und immer wieder das Aufwerfen von Fragen: Funktionieren Absprachen im Team? Gibt es Konflikte? Gibt es Bereiche, in denen Unterstützung gewünscht wird? Die Erkenntnis: Das Team ist auf einem guten Weg. Mein Kollege begleitet die restliche Sitzungszeit, ich mache mich auf den Weg in den Jahrgang 7.

15:00 – 16:00 Uhr: Besprechung im Jahrgangsteam 7. Hier geht es wieder darum, die Stimmung im Team wahrzunehmen, Fragen zu beantworten, bei Bedarf Unterstützung anzubieten. Dann geht es in die Fallbesprechung. Gedanken werden ausgetauscht, präzisiert und zu einem Handlungsplan zusammengefasst.

ÉRIVER HIJANO

Die Schülern und Schülerinnen der Martinschule Greifswald lernen in ihrem eigenen Tempo. Was ihnen gut tut: Impulse der Lehrer, Ermutigungen – und frische Luft in den Schulpausen.

16:00 Uhr: Feierabend? Fast. Mein Mann hat bereits unseren Sohn mit dem Rad abgeholt und ihn zum Fußballtraining begleitet. Ich hole meine Tochter vom Hort der Martinschule, gemeinsam fahren wir nach Hause.

 

Feierabend – aber noch kein Abschalten

16:30 Uhr: Ankunft zu Hause. Einmal kurz entspannen. Durchatmen. Und ein Blick in den Kühlschrank. Was brauchen wir fürs Abendessen? Einiges. Also gehen wir einkaufen, in einer Lebensmittelkooperative direkt bei uns um die Ecke. Hier kaufen wir Bioprodukte ein, vor allem aus unserer Region. Danach Kochen mit meiner Tochter: Kartoffelbrei mit Würstchen. Meine Tochter bereitet einen Salat zu. Ganz alleine - und ist unheimlich stolz.

18:00 Uhr: Die „Jungs“ kommen vom Fußball. Müssen erstmal runterkommen von ihrem Abenteuer. Dann gibt’s Abendbrot, alle gemeinsam natürlich.

19:00 Uhr: Noch eine Gute-Nacht-Geschichte, dann schlafen die Kinder.

20:00 Uhr: Auch für mich fällt die Spannung des Tages ab, doch nur ganz kurz. Dann kehren meine Gedanken zum heutigen Tag zurück. Ich reflektiere den Tag: „Wie lief die Matheförderung? Wo gab es Knackpunkte?“ Ich kann noch nicht abschalten und mache mir Notizen und Gedanken zu dem Schüler mit dem auffälligen Verhalten. Es lässt mich einfach nicht los. Wie könnte man ihn noch besser unterstützen? Dann bereite ich den Unterricht für den folgenden Tag vor. Ich überlege, was die Schüler heute individuell geschafft haben, wo und wie sie mehr Hilfe brauchen. Wichtig ist mir dabei, ihnen unterschiedliche Aufgaben anzubieten, aus denen sie wählen können. Ganz auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten. Dann endlich: Feierabend.

21:00 Uhr: Noch einmal abschalten. Auf andere Gedanken kommen. Am besten mit einem guten Buch. Dann endlich kommt der Schlaf.

Das Magazin "Lernen" (03/2018)

Wer lernt, baut die Datenwege in seinem Gehirn aus, vom Trampelpfad zur Straße oder Autobahn. So könnte man den...