Digitales Lernen: Schulen in Corona-Zeiten

Durch die Coronakrise mussten sich Lehrkräfte, Schüler und Eltern plötzlich komplett umstellen. Über Schwierigkeiten und Chancen des digitalen Lernens.

Text: Jan Abele | Juni 2020
Die Waldparkschule in Heidelberg-Boxberg – inzwischen ausgezeichnet mit dem Deutschen Schulpreis – hatte bei der Umstellung zum digitalen Lernen Startschwierigkeiten.
Anne-Sophie Stolz

Die Waldparkschule in Heidelberg-Boxberg – inzwischen ausgezeichnet mit dem Deutschen Schulpreis – hatte bei der Umstellung zum digitalen Lernen Startschwierigkeiten.

An der gläsernen Eingangstür des 60er-Jahre-Pavillonbaus im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld prangt ein durchgestrichenes Handysymbol. Schultafeln hängen an den Wänden. In den Klassenräumen der Max-Brauer-Schule, einer mehrfach ausgezeichneten Reformschule, die immer wieder auch für ihr progressives digitales Profil gelobt wird, kennen die Schülerinnen und Schüler das Geräusch quietschender Tafelkreide. Wie passt das zusammen? „Ziemlich gut“, sagt Stefan Zelle, der seit 2012 die Funktion des Medienbeauftragten der Schule innehat. Auf die Frage, wie das digitale Konzept der Schule genau aussehe, antwortet Zelle trocken: „Wir verfolgen eher die Konzeptlosigkeit.“ Das Arbeiten mit digitalen Endgeräten und das Nutzen sozialer Medien und Apps im Unterricht sind hier selbstverständlich. In der Hausordnung steht schon lange, dass jeder Schüler sein privates Tablet oder Laptop für den Unterricht einsetzen darf. Dazu aber hat es erst einmal kommen müssen. „Wir haben immer dann in digitale Technik investiert, wenn es ein konkretes Bedürfnis gab“, erzählt Zelle. So sei die Schule jedes Jahr digital kompetenter geworden, ohne dass dieses Ziel irgendwo einmal konkret formuliert werden musste. „Digitalisierung ist ja kein Selbstzweck. Bei uns steht am Anfang immer die Frage: Wozu eigentlich?“ 

Die Reformschule setzt auf individualisiertes und selbstständiges Lernen, und zwar schon ab der Grundschule, wo die Schüler mit ihren Lehrerinnen und Lehrern Arbeitspläne entwickeln, die sie dann eigenverantwortlich umsetzen. Da sind digitale Medien eine wichtige Voraussetzung, denn die Schüler sitzen zwar in einem Raum, arbeiten aber jeweils an dem, woran sie Interesse haben. Wie koordiniert man die individualisierten Unterrichtspläne?

Stefan Zelle, Medienbeauftragter der Max-Brauer-Schule Hamburg / Bildnachweis: Michael Kohls
Michael Kohls

„Jedes Unterrichtsmaterial, das wir entwickeln, ist prinzipiell für alle Lehrkräfte in einem digitalen Archiv verfügbar und wird Jahr für Jahr an die nächste Stufe übergeben. Das funktioniert nur, weil wir ein solidarisches Lehrerkollegium sind, das eigenes Wissen und die Ergebnisse der eigenen Arbeit teilt und bereit ist, sich in Sachen Digitalisierung fortzubilden.“

Stefan Zelle, Medienbeauftragter der Max-Brauer-Schule Hamburg 

Als das Gespräch mit Stefan Zelle in der verwaisten Schule kurz vor Ostern 2020 stattfand, war noch nicht absehbar, wann die wegen des Covid-19-Virus geschlossenen Schulen wieder öffnen würden. Eine Lehre ließ sich aber daraus schon ziehen: Bei der Herkulesaufgabe, den Unterricht innerhalb weniger Tage von Präsenz- auf dezentralen Unterricht umzustellen, hatten jene Schulen Vorteile, die bereits vorher auf digitale Technik gesetzt haben – Schüler und Lehrer waren einfach besser vorbereitet. Das bestätigen auch Matti und Ake, zwei Schüler der Max-Brauer-Schule, 12 und 14 Jahre alt. 

Ake, 14, Schüler der Max-Brauer-Schule Hamburg / Bildnachweis: Michael Kohls
Michael Kohls

„Wir mussten ja nicht erst lernen, wie die Apps funktionieren, mit denen wir von zu Hause Unterricht machen. Unsere Aufgaben werden von den Lehrkräften zum Beispiel auf der Plattform Schulcloud hochgeladen, wir Schüler erstellen in Eigenverantwortung einen Wochenarbeitsplan, in dem wir unsere Lernziele festlegen.”

Ake, 14, Schüler der Max-Brauer-Schule Hamburg
 

Matti, 12, Schüler der Max-Brauer-Schule Hamburg / Bildnachweis: Michael Kohls
Michael Kohls

„Wenn wir Hilfe brauchen, geht das auch ganz leicht über Schulcloud. Wir laden auch immer wieder Videos hoch, die zeigen, was wir in der Freizeit machen. Irgendwie hat das alles geholfen, dass wir uns der Schule und unseren Mitschülern näher fühlen. Das Lernen macht mit solchen Möglichkeiten viel mehr Spaß. Man ist dann auch viel produktiver.“ 

Matti, 12, Schüler der Max-Brauer-Schule Hamburg
 

Ende März beschloss die Bundesregierung, 100 Millionen Euro aus dem Digitalpakt für den schnellen Aufbau der Infrastruktur und die Ausweitung des digitalen Unterrichts in Zeiten bundesweit geschlossener Schulen zur Verfügung zu stellen. Das Thema hat auch eine enorme soziale Dimension. Das Deutsche Schulbarometer, eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit der ZEIT hat ergeben, dass zwei Drittel aller befragten Lehrkäfte in Deutschland nicht gut vorbereitet in den coronabedingten Fernunterricht gestartet sind. Neben mangelnder Ausstattung gaben die Befragten vor allem eigene Defizite im Umgang mit digitalen Lernformaten an. Nicht alle Schüler finden zu Hause ideale Lernbedingungen vor, und gerade in den bildungsferneren Milieus ist die digitale Teilhabe oft beeinträchtigt – genau in diesem Umfeld aber ist die Unterstützung durch eine effiziente Kommunikation und Erreichbarkeit der Lehrkräfte besonders wichtig. 

Ein Problem, das für Schulleiter Thilo Engelhardt von der Waldparkschule im Heidelberger Stadtteil Boxberg nicht neu ist. Als er 2007 an die Schule kam, war sie noch eine Grund-, Haupt- und Werkrealschule, 70 Prozent der Kinder in einigen Klassen kamen aus Familien, die Hartz IV bezogen. Das Konzept der Schule, die wie die Max-Brauer-Schule mit dem Deutschen Schulpreis der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof Stiftung ausgezeichnet wurde, zielt ebenso wie das der Hamburger Schule auf individuelles Lernen. „Wir schaffen das, indem wir neben den großen Klassenverbänden auf kleinere Lerngruppen setzen, die den Bedürfnissen des Einzelnen mehr Raum geben.“ 

Das war nicht immer so. Anfangs gab es nur den klassischen Computerraum, mittlerweile stehen den Schülern über 100 iPads zur Verfügung, dazu in jedem Klassenzimmer ein Visualizer, Smartboards sowie ein Schüler-PC.

Thilo Engelhardt, Schulleiter der Waldparkschule im Heidelberger Stadtteil Boxberg / Bildnachweis: Anne-Sophie Stolz
Anne-Sophie Stolz

„Wir mussten das Thema Digitalisierung erst mal aus der Nische holen und es demokratisieren, das heißt, die Schüler befähigen, die Medien verantwortungsvoll und kritisch zu nutzen. Auch wenn es in der allgemeinen Unterrichtssituation ein faktisches Handyverbot gibt, ist es heutzutage realitätsfern, Smartphones aus der Schule zu verbannen. Sie sind einfach zu sehr Bestandteil unseres Alltags geworden.“ 

Thilo Engelhardt, Schulleiter der Waldparkschule im Heidelberger Stadtteil Boxberg

Engelhardt ging es in den ersten Schritten darum, die Schüler dafür zu sensibilisieren, in welchen Bereichen es sinnvoll ist, ein Smartphone zu nutzen, und wann und wozu man es bewusst eben nicht tun sollte. Um die Medienkompetenz bei den Schülern zu verbessern, richtet die Schule gerade in einem Teil der Schulaula ein digitales Zentrum ein, wo Schüler iPads ausleihen und sich unter Anleitung mit verschiedenen digitalen Medien befassen können. Obwohl die Schule die Mittel bereits zusammenhat, ist es gut möglich, dass das Projekt durch die Erfahrungen, die die Schule in der Coronakrise aktuell macht, noch angepasst wird. 

Thilo Engelhardt, Schulleiter der Waldparkschule im Heidelberger Stadtteil Boxberg / Bildnachweis: Anne-Sophie Stolz
Anne-Sophie Stolz

„Durch die abrupte Schließung aufgrund der Coronakrise mussten wir wie jede andere Schule auch erst mal improvisieren. Wir nutzten zunächst die teils umstrittene App Discord, um mit den Schülern im Kontakt zu sein.“

Thilo Engelhardt, Schulleiter der Waldparkschule im Heidelberger Stadtteil Boxberg 

Der Onlinedienst für Messenger, Chats und Sprachkonferenzen ist gerade bei Computerspielern weitverbreitet, geriet aber auch schon durch Vorwürfe in die Schlagzeilen, auch Extremisten als Kommunikationskanal zu dienen. „Wir haben da in den sauren Apfel beißen müssen“, sagt Engelhardt. Die Vorteile aber überwogen: Ein Großteil der Schüler nutzt die App privat und ist damit vertraut. Und sie bietet im Gegensatz zu einer E-Mail die Möglichkeit, unmittelbar in Kontakt treten zu können. 

Es war gut zu wissen, dass die Lehrer über die App schnell erreichbar waren, wenn es hakte.

Züleyha, 15, die gerade ihren Realschulabschluss macht, um dann auf das Wirtschaftsgymnasium zu wechseln, hätte ohne Discord unter noch schwierigeren Bedingungen lernen müssen. „Es war nicht immer einfach, die Konzentration zu halten. Da war es gut, zu wissen, dass die Lehrer über die App schnell erreichbar waren, wenn es hakte.“ Dennoch plant Engelhardt zukünftig ohne Discord. „Wir arbeiten gerade an einer Software, die ähnlich funktioniert, aber auf einem sicheren Server liegt, über den allein die Schule die Hoheit hat und über den wir auch alle Eltern erreichen können.“ 

Vielleicht gibt es auch wegen Fragen der Datensicherheit noch immer erhebliche gesellschaftliche Vorbehalte gegenüber digitalen Medien. So ergab eine Studie der Wübben-Stiftung aus dem Jahr 2019, dass etwa die Hälfte der Lehrer dem Einsatz digitaler Technik im Unterricht kritisch gegenübersteht. Auch 49 Prozent der Schulleiterinnen und Schulleiter sind der Studie zufolge überzeugt, dass der Nutzen digitaler Medien deutlich überbewertet wird. 

Die Entwicklung zu einer der modernsten Schulen Deutschlands

Eine Haltung, die auch dem St. Josef Gymnasium nicht ganz unbekannt ist. Dabei ist Wandel möglich, wie die Schule im thüringischen Dingelstädt zeigt. Hier auf dem Land sind Großfernseher, Whiteboards und Beamer Standard, jeder Schüler ab der neunten Klasse verfügt über ein eigenes iPad, und der Unterricht lief auch vor der Coronakrise schon digital. Stephan Reich, Lehrer und Digitalbeauftragter, erzählt, dass er die Schule als Referendar noch ganz anders kennengelernt habe, „eben klassisch analog“. 2016 begann dann die Entwicklung zu einer „der modernsten Schulen Deutschlands“, wie es immer wieder in den Medien heißt.

Am St. Josef Gymnasium im thüringischen Dingelstädt zeigt, dass digitaler Wandel an Schulen möglich ist.
Christian A. Werner

Das St. Josef Gymnasium im thüringischen Dingelstädt zeigt, dass digitaler Wandel an Schulen möglich ist.

„Eigentlich war der Auslöser eine Diskussion über die Ausstattung der Schüer mit programmierbaren Taschenrechnern, die auch Graphen darstellen können“, erzählt Reich. „Die Schulleitung überlegte, ob ein Tablet hier nicht viel sinnvoller sei, weil es universeller und mehrwertiger im Unterricht eingesetzt werden kann.“ Das Ganze sei dann ein Rechenexempel gewesen. Statt des Taschenrechners, der etwa 150 Euro kostet, mussten die Eltern für das iPad rund das Doppelte aufwenden. Die Schulleitung überzeugte die zuständigen Behörden, bei der Digitalisierung der Schule mitzuziehen und Mittel bereitzustellen. Die Erfahrungen im Unterricht sorgten für einen Dominoeffekt.

Wenn man mich fragt, was der große Vorteil der Digitalisierung ist, dann ist es die Möglichkeit, vom Frontalunterricht wegzukommen.

Die Kollegen sämtlicher Fachrichtungen wurden nach und nach überzeugt von der Idee, das Tablet als neutrales Werkzeug zu sehen, mit dem sich Inhalte auf unterschiedliche Arten veranschaulichen und transportieren lassen. Welche Potenziale das Tablet weckt, weiß auch Jonas Schröter, 18, der den digitalen Wandel der Schule selbst miterlebt hat. „Wenn man mich fragt, was der große Vorteil der Digitalisierung ist, dann ist es die Möglichkeit, vom Frontalunterricht wegzukommen – und das effektivere und vernetzte Arbeiten der Schüler und Lehrer miteinander.“ Das iPad ermögliche individuelle Gruppenarbeit, jeder nehme an den Lernfortschritten seiner Mitschüler teil, das Medium führe oft zu viel kreativeren Lösungsansätzen. „Ich habe den Eindruck, dass ein unmittelbares Feedback vom Lehrer mithilfe der neuen Unterrichtsmittel alle Schüler in ihrem Lernprozess voranbringt. Ich glaube, dass allein das iPad und seine Kommunikationsmöglichkeiten während der Schulschließung schon dazu geführt haben, dass die Lernqualität hoch blieb.“ 

Es gebe auch noch Dinge, die weniger gut laufen. So sei die Schulausstattung bis Klassenstufe 8 noch nicht auf dem Stand der älteren Schüler, auch der höhere Zeitaufwand, den die Schüler durch das selbstbestimmte Arbeiten erfahren, führe im Homeschooling manchmal zu Überforderungen. 

Stephan Reich (re.), Lehrer und Digitalbeauftragter am St. Josef Gymnasium im thüringischen Dingelstädt / Bildnachweis: Christian A. Werner
Christian A. Werner

„Dann wäre es angezeigt, dass der Schüler den Lehrer unmittelbar kontaktieren könnte, was aber nicht immer möglich ist. Hier müssen wir noch konsequenter die Kommunikationskanäle vereinheitlichen; manche Kollegen bevorzugen noch immer E-Mails, während die Schüler auf Messenger setzen.“

Stephan Reich (re.), Lehrer und Digitalbeauftragter am St. Josef Gymnasium im thüringischen Dingelstädt
 

Noch stärker aber schränke die übliche Schulpraxis mit starren Zeiteinheiten und verordnetem Fächerstrauß die Möglichkeiten ein. „Multimedialer, interaktiver und kooperativer Unterricht funktioniert nicht in 45-Minuten-Häppchen.“ Das Gute aber sei: Alles, was jetzt noch nicht richtig laufe, liefere Erfahrungswerte für die Zukunft. „Die digitalisierte Schule ist immer auch ein Prozess. Wir alle lernen jeden Tag dazu.“