Think Tanks als Impulsgeber der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik

In einer globalisierten Welt, die sich dynamisch weiterentwickelt, stellen sich neue Herausforderungen für die Außenpolitik. Wie können deutsche Interessen erfolgreich eingebracht und gesichert werden? Hier setzt die Arbeit von Think Tanks an: Sie bereiten Daten auf, erarbeiten Handlungsoptionen und bringen diese in politische Debatten ein. Eine neue Untersuchung zeigt, dass die deutsche Think Tank Landschaft in den letzten Jahren größer und vielfältiger geworden ist. Dennoch sehen die Autoren Schwachstellen und Verbesserungsbedarf. Ein Interview mit Christoph Bertram und Christiane Hoffmann.

Robert Bosch Stiftung | September 2020

Die Untersuchung ist die erste umfassende Darstellung außen- und sicherheitspolitischer Think Tanks in  Deutschland.

Sie fordern einen Kulturwandel in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Wie sollte der Kulturwandel aussehen und welche Rolle können Think Tanks dabei spielen?

Die deutsche Außenpolitik muss angesichts der Umbrüche in der internationalen Politik die außen- und sicherheitspolitischen Interessen und Instrumente Deutschlands überprüfen und neu definieren. Die alten Grundfesten deutscher Außenpolitik sind Vergangenheit: die Partnerschaft  mit den USA ist unberechenbarer geworden, der EU fehlt die Geschlossenheit, die Ost-West-Entspannung von einst ist einer tiefen Entfremdung gewichen und neue Herausforderungen wie  Erderwärmung, Migration und globale Seuchen reihen sich in den Katalog der Gefährdungen  Deutschlands ein. Aber woher soll das neue Verständnis für die Interessen und Instrumente deutscher Außenpolitik kommen? Deutschland fehlt, auch wegen seiner lange eingeschränkten Souveränität, eine moderne strategische Kultur. Die Politik tut sich schwer, bisherige Annahmen infrage zu stellen und möchte am liebsten am Vertrauten festhalten. Think Tanks dagegen sind nicht auf eingefahrene Gleise festgelegt, sie können „verantwortungslos“ nachdenken. Sie sind deshalb besonders geeignet, den Anstoß zu geben, um bisherige Ansätze kritisch zu überprüfen, alternative Optionen zu entwickeln und sie streitig in die politische Debatte einzuführen. Deshalb ist dies die Stunde der Think Tanks.

Sie sehen an vielen Stellen der Think-Tank-Arbeit in Deutschland Verbesserungsbedarf. Wie genau können Think Tanks ihre Arbeit verbessern? Wie können ihre Adressaten und Partner - Politik, Verwaltung und Fördernde – sie dabei unterstützen?

Zunächst einmal müssen die Think Tanks sich bewusst dieser neuen Aufgabe stellen. Aber auch Fördernde müssten strategischen Fragen und kontroversen Themen den Schwerpunkt in ihren Programmen einräumen und die geförderten Institute bei der Umsetzung begleiten. Die Think Tanks sollten Querdenken und strittige Thesen ermutigen statt ihnen auszuweichen. Dafür ist es wichtig, bei der Rekrutierung von Mitarbeitern auf entsprechende Temperamente und Talente zu setzen und insgesamt breiter aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Medien zu rekrutieren. Darüber hinaus sollten Think Tanks Vertreter der Politik – aus Parlament und Exekutive – und der Medien stärker in ihr Nachdenken und die Debatte über die Ergebnisse einbeziehen. Um die Sachzwänge und Arbeitsweisen der Politik im Auge zu behalten, sollten sie sich auch um Mitarbeiter mit praktischer Politikerfahrung bemühen. Das verlangt umgekehrt von den Adressaten, sich mit Anregungen und Kritik stärker als bisher in die Arbeit der Think Tanks zu einzubringen.

Caroline Bertram

Zur Person

Christoph Bertram studierte Rechts- und Politikwissenschaft an den Universitäten Berlin, Bonn und Paris. Er war sechzehn Jahre lang in der Redaktion der ZEIT tätig: Als Chef des Ressorts Politik und als Diplomatischer Korrespondent. Bertram leitete von 1998 bis 2005 als Direktor die Stiftung Wissenschaft und Politik.

Die Landschaft der Think Tanks in Deutschland wächst und wird diverser. Wie können Think Tanks sicherstellen, dass ihr Rat wahrgenommen wird?

Man kann nicht alle Think Tanks über einen Kamm scheren. Nicht alle zielen auf konkrete Politikberatung ab, manchen geht es mehr darum, Anstöße für zivilgesellschaftlichen Dialog zu geben oder Erkenntnisse für die Wissenschaft zu erarbeiten. Aber auch die Think Tanks, die in erster Linie die Politik beraten wollen, haben keinen Anspruch darauf, dass ihre Analysen von der Politik geteilt, ihre Vorschläge befolgt oder von der Öffentlichkeit beachtet werden. Dafür müssen sie sich schon anstrengen: durch solide Forschung und klare, politikrelevante Empfehlungen auf sich aufmerksam machen, sich besser auf den Bedarf der Politik einstellen, ein Gespür für den Zeitpunkt entwickeln, zu dem ein Rat gebraucht wird entwickeln, oftmals schneller auf aktuelle Entwicklungen reagieren, prägnanter formulieren und allgemein ihre Präsentationsstrategien verbessern. Auch dann gibt es allerdings keine Garantie, dass ihr Rat wahr- oder gar angenommen wird.

Christian Thiel

Zur Person

Christiane Hoffmann ist Autorin des SPIEGEL mit dem Schwerpunkt Außen- und Sicherheitspolitik. Zuvor war sie unter anderem als Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Moskau und Teheran tätig. Hoffmann studierte Slawistik, Osteuropäische Geschichte und Journalistik.

Eine Empfehlung Ihrer Untersuchung lautet, in die Präsenz der Think Tanks in den sozialen Medien zu investieren und sie stärker zu nutzen. Wie können sich Think Tanks besser auf Social Media einbringen und warum sollten sie das tun?

Viele deutsche Think Tanks sind noch nicht wirklich im digitalen Zeitalter angekommen. Zwar ist der digitale Auftritt eines Think Tanks nicht unbedingt wirksamer als gedruckte Analysen oder das persönliche Gespräch mit den Adressaten. Aber ob die Nutzer in Politik und Medien die Arbeit eines Think Tanks wahrnehmen, wird in Zukunft zunehmend von dessen Auftritt in den sozialen Medien abhängen. Dazu braucht es nicht nur technische Expertise, sondern die mentale Bereitschaft, die entsprechenden Formate und Potentiale einzusetzen: mit einer professionellen redaktionellen Darstellung der Think Tank Aktivitäten und Produkte im Netz, die Aufmerksamkeit  auf sich zieht;  mit der Verbreitung von Kommentaren auf Twitter, die mit längeren Analysen verlinkt sind; mit Videos und Podcasts. Angelsächsische Think Tanks machen eindrucksvoll vor, wie dies gemeistert werden kann. Hier richtet sich unser Vorschlag auch an die Förderer, die den Einsatz der sozialen Medien und das dafür nötige Know-how aktiv fördern sollten.

Berlin braucht sich heute, was Zahl, Größe, Ausstattung und Vielfalt außenpolitischer Think Tanks anlangt, nicht mehr hinter anderen Hauptstädten zu verstecken.

Was können deutsche Think Tanks von internationalen Einrichtungen wie in Brüssel oder Washington lernen?

Berlin braucht sich heute, was Zahl, Größe, Ausstattung und Vielfalt außenpolitischer Think Tanks anlangt, nicht mehr hinter anderen Hauptstädten zu verstecken. Dennoch zeigen die vergleichenden Übersichten in unserer Studie, insbesondere im Hinblick auf Washington und London, dass die angelsächsischen Forschungsinstitute wertvolle Anregungen für die Berliner Szene bieten können. Das gilt neben der erwähnten exemplarischen Nutzung der sozialen Medien vor allem in dreierlei Hinsicht: Dem engen Austausch mit der politischen Praxis, höherer Internationalität und Sichtbarkeit in der Fachöffentlichkeit.

Enger Austausch mit der politischen Praxis: Zwar ist die Washingtoner Tradition der „Revolving Doors“, in der Staatsbedienste zu Thinktankern und diese zu Staatsbediensteten werden, auf deutsche  Verhältnisse nicht in größerem Maß übertragbar. Gleichwohl wäre es wünschenswert, wenn auch in Deutschland Außen- und Sicherheitspolitiker ihre Expertise, langjährige Praxiserfahrung und internationales Netzwerk häufiger Think Tanks zur Verfügung stellen würden. Auch das ist oft eine Frage der Finanzierung, unsere Empfehlung richtet sich somit auch an die Förderer. Darüber hinaus ist nachahmenswert, dass akademische Qualifikationen in Think Tanks anderer Länder nicht die vorherrschende Einstellungsbedingung sind, auch ehemalige BeamtInnen und SoldatInnen werden häufig als Mitarbeitende angeworben und Vertreter des politischen Betriebs in Studiengruppen und vertrauliche Gesprächsrunden der Think Tanks einbezogen.

Internationalität: Die großen Washingtoner und Londoner Think Tanks haben mit ihren Veröffentlichungen neben dem nationalen ein internationales Publikum im Blick, verfügen häufig über eine internationale Mitgliedschaft und wirken so stärker auf die internationale Meinungsbildung zu außenpolitischen Themen ein als ihre deutschen Pendants. Manche organisieren internationale „Leadership Programme“ für junge Talente.

Mehr Sichtbarkeit: An allen drei Standorten organisieren Think Tanks für ihre Mitglieder Veranstaltungen, in Brüssel und London dazu auch Jahrestagungen und öffentliche Fachtreffen, die auf erhebliches Medieninteresse stoßen.

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Forschen und Beraten in der Außen- und Sicherheitspolitik

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