„Mit diesem Programm haben wir einen Nerv getroffen“

Sie stärken mit ihren Initiativen die Dorfgemeinschaft und beleben ganze Landstriche neu. Für das erfolgreiche Engagement der „Neulandgewinner“ interessierte sich jetzt auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Bei einem Treffen im Schloss Bellevue wollte er genauer wissen: Wer sind diese Neulandgewinner?

Alexandra Wolters | Januar 2019

Jörg Gläscher

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier tauschte sich im persönlichen Gespräch mit den Neulandgewinnern aus.

Leere Häuser, leere Straßen, keine Arbeitsplätze. Die Bushaltestelle ist der einzige Ort, an dem man sich im Dorf trifft. So sah es vor einigen Jahren noch in Wangelin in Südmecklenburg aus. Heute sind alle Häuser und Höfe bewohnt. Blühende Heil- und Wildkräuter locken Touristen in den Wangeliner Garten, sein Café und Gästehaus. Gäste aus aller Welt besuchen die hier entstandene Europäische Bildungsstätte für Lehmbauten. Auch die Wangeliner treffen sich in den Gartenanlagen, nutzen ein Tauschhaus, nehmen an Workshops teil, verkaufen Kunsthandwerk und Produkte aus der Region.

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Jörg Gläscher

„Wir sollten die Situation in ländlichen Regionen, die manche als abgehängt bezeichnen, nicht als schicksalhaft begreifen“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Ende Januar bei einem Treffen mit Neulandgewinnern in Schloss Bellevue. Dreißig Teilnehmer stellten dort ihre Projekte vor. „Denn es gibt diese Engagierten, die etwas anpacken und Veränderung schaffen, so wie Sie als Neulandgewinner das tun." Wangelin gilt inzwischen als Zuzugsort. „Heute möchten hier mehr Menschen leben, als es Wohnraum gibt“, sagt Sylvia Hirsch. Sie leitet in der Robert Bosch Stiftung das Programm „Neulandgewinner. Zukunft erfinden vor Ort“. Seit 2012 fördert die Stiftung mit diesem Programm engagierte Menschen, die durch ihr Handeln die Lebensqualität in ländlichen Räumen Ostdeutschlands verbessern und den Zusammenhalt stärken.

Bundesländer als Partner

Im Januar 2019 startet das Programm „Neulandgewinner“ mit der vierten Förderrunde, in der die Stiftung etwa 20 Akteure und ihre Vorhaben mit jeweils bis zu 50.000 Euro und einem intensiven Begleitprogramm mit vielen Treffen, Workshops und Mentoren unterstützt. Inzwischen haben sich aus den Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen insgesamt fast 1.500 Menschen beworben. Die Stiftung konnte ostdeutsche Bundesländer als Partner gewinnen. In jeder Förderrunde wählen die kooperierenden Ministerien jeweils einen „Neulandgewinner der Länder“, der dann sowohl vom Land als auch von der Robert Bosch Stiftung gefördert wird. „Mit unserem Programm haben wir ein Thema auf die politische Agenda gesetzt“, sagt Hirsch. Die Länder hätten erkannt, dass es sich lohnt, die Initiativen der Menschen auf dem Land vor Ort zu fördern und unterstützen.

Jörg Gläscher

Vom Kochen für die Kita bis zur Wiederbelebung von Kulturorten: Die Neulandgewinner gestalten Veränderungen aktiv mit und füllen Freiräume mit ihren Ideen.

Nicht jammern, sondern anpacken und Dinge verändern

Wer sind diese Neulandgewinner? Ein Großteil der geförderten Akteure sind Zugezogene und Rückkehrer zwischen 20 und 80 Jahren - vom Alter ist nahezu alles dabei. Die meisten eint der Wille, die Dinge selber in die Hand nehmen und nicht darauf zu warten, dass andere etwas tun. Viele Neulandgewinner möchten die Menschen in ihrem Ort zusammenbringen, etwas gegen Vereinsamung tun, den Austausch anregen und die Gemeinschaft stärken. Dafür engagieren sie sich mit Projekten, die in die Gemeinschaft wirken und möglichst viele vor Ort mit einbeziehen.

Ich wollte nicht in einer Geisterstadt leben.

Die Bandbreite der geförderten Projekten ist groß. Es gibt kleine Vorhaben, wie den Aufbau von Fahrdiensten, das gemeinschaftliche Gärtnern oder die Einladung zum Feierabendbier am Gartenzaun. Andere Projekte entwickeln in ihrer Umgebung eine Sogwirkung und strahlen weit über ihren Ort hinaus. So hat das durch eine Neulandgewinnerin wiederbelebte und instand gesetzte Kulturhaus in Mestlin deutschlandweit Beachtung erfahren, als es 2017 den wichtigsten Denkmalpreis in Deutschland erhielt. Eine weitere engagierte Neulandgewinnerin ist die Psychotherapeutin Corinna Köbele, die ihre Heimatstadt Kalbe in Sachsen-Anhalt in einen regelrechten Kunstrausch versetzt. „Ich wollte nicht in einer Geisterstadt leben“, sagt sie. Corinna Köbele hat einen Sommer- und Wintercampus in Kalbe etabliert. In den insgesamt 80 Tagen Campuszeit kommen Künstler aus aller Welt – zuletzt aus Chile, England und Südkorea –, um ihre Ideen umzusetzen. Jeder Teilnehmer hat einen Paten im Ort, um die Gemeinschaft zu stärken. Auch verschiedene Festivalformate sind mittlerweile fest verankert, die eine Plattform bieten für improvisierte Musik, Straßentheaterformate und Workshops - und natürlich Kunst.

Jörg Gläscher

Corinna Köbele (rechts) denkt nicht in kleinen Dimensionen. Damit Kultur einen festen Platz in ihrer Heimatstadt Kalbe bekommt, wird aktuell ein Kulturhof umgebaut. Auf 1.750 Quadratmetern entstehen Eventräume, Ateliers und Wohnungen für Stipendiaten.

„Einmal Neulandgewinner, immer Neulandgewinner“

Sylvia Hirsch hat schon häufiger die Rückmeldung bekommen, wie dankbar die Neulandgewinner für die Form der Förderung sind. „Für manche Initiativen sind wir Starthilfe, für andere ein Turbo-Beschleuniger. Oft sind wir die erste Förderung, die diese Menschen beantragen und erhalten.“ Ehemalige Neulandgewinner gründeten 2017 den Verein „Neuland gewinnen“, um den Erfahrungsaustausch nach Förderende fortzusetzen und Engagierte im ländlichen Raum weiter zu unterstützen. Der intensive Austausch im Netzwerk zeigt auch den Modellcharakter vieler Projekte, die wie eine Initialzündung zu weiterem Engagement in ihrer unmittelbaren Umgebung führen. Sylvia Hirsch spürt unter den geförderten Akteuren immer wieder einen besonderen Geist, eine Verbundenheit und einen beharrlichen Willen: „Einmal Neulandgewinner, immer Neulandgewinner“.

Weitere Einblicke in das Engagement der Neulandgewinner

Neulandgewinner Programmhandbuch 2013-2021

Kaum eine Region in unserem Land befindet sich so sehr im Wandel wie der ländliche Raum Ostdeutschlands. Die...