Die Subventionen für das globale Ernährungssystem müssen anders verteilt werden

Um den steigenden Nahrungsmittelbedarf zu decken und die wachsenden Auswirkungen des Klimawandels zu bewältigen, brauchen wir einen Umbau hin zu einer nachhaltigen und klimaschonenden Landnutzung. Ertharin Cousin, Fellow der Robert Bosch Academy, spricht darüber, wie dieser Wandel erreicht werden kann

Robert Bosch Stiftung | September 2021
Blick in einen vollen Einkaufswagen mit verschiedenen Lebensmittel in der Mitte eines Supermarktes
Adobestock.com/Rudmer Zwerver

Ertharin, im Mittelpunkt Ihres Fellowships steht die Frage, wie ein gerechter Übergang in eine klimaneutrale Welt, die ausreichend Nahrung produziert, aussehen kann. Welchen Stellenwert nehmen Ernährung und Landwirtschaft in der Klima-Agenda ein?

Ertharin Cousin:Der Umbau des Ernährungssystems ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, Treibhausgasneutralität zu erreichen. Er ist auch von entscheidender Bedeutung für die Bewältigung weiterer zentraler Herausforderungen, insbesondere mit Blick auf Gesundheit und Ernährung. All diese Themen sind miteinander verknüpft. Bislang haben wir jedoch alle in unseren jeweiligen Silos gearbeitet. Dies ist einer der Gründe, weshalb wir keine grundlegenden Veränderungen herbeiführen konnten. Klimaexpert:innen arbeiten zu Klima, Wasserfachleute zu Wasser, Ernährungs- und Agrarwissenschaftler:innen beschäftigen sich mit Nahrungsmitteln und Hunger. Ich freue mich sehr, dass wir nun gemeinsam Fortschritte in der Zusammenarbeit erzielen.

Sie sind nun seit drei Monaten in Deutschland und beobachten die politische Landschaft. Was ist Ihre zentrale Erkenntnis?

Noch fällt es mir schwer, ein abschließendes Fazit zu formulieren. Doch ich habe einige interessante Dinge gelernt. Erstens, Covid-19 hat nicht dazu geführt, dass sich Akteure in Deutschland – der Privatsektor, die Regierung, NGOs – weniger engagiert haben für nachhaltigen Klimaschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Ganz im Gegenteil hat sich mit der Pandemie die Bedeutung einer sektorübergreifenden und globalen Auseinandersetzung mit vielen Themen noch deutlicher gezeigt.

Zweitens habe ich gelernt, dass den Menschen in Deutschland die immer schädlicheren Auswirkungen des Klimawandels viel bewusster sind als den Menschen in den USA. Diese Einsicht ermöglicht eine andere Art von Austausch darüber, was über das jetzige Engagement hinaus zu tun ist. Doch wie lässt sich dieses Bewusstsein in politische Strategien übertragen? Ich denke, wir werden erst nach den Wahlen richtig verstehen, welchen Weg Deutschland künftig einschlagen wird.  Umfragen zeigen, und das deckt sich auch mit meinen eigenen Beobachtungen: Trotz des ausgeprägten Bewusstseins und Engagements gegen den Klimawandel scheint sich die Erkenntnis, dass mehr getan werden muss, bisher nicht in den Lebens- und Konsumgewohnheiten vieler Menschen in Deutschland widerzuspiegeln – insbesondere wenn es um Lebensmittel geht. Ich frage mich deshalb, wie sich dieser Widerspruch zwischen Denken und Handeln auf die Bereitschaft der gewählten Volksvertreter:innen auswirken wird, die notwendigen, breit angelegten und einschneidenden regulatorischen Änderungen einzuleiten.

Porträt Ertharin Cousin
Ertharin Cousin Porträt

Über die Person

Botschafterin Ertharin Cousin ist eine US-amerikanische Diplomatin und Richard von Weizsäcker Fellow der Robert Bosch Academy. Sie ist international anerkannte Expertin für Ernährung und Landwirtschaft und  Exekutivdirektorin des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen von 2012 bis 2017. Cousin wurden zahlreiche Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden verliehen und sie wurde auf der TIME's "100 Most Influential People"-Liste (2014) und der Forbes "100 Most Powerful Women"-Liste (2015, 2016) aufgeführt.

Derartige Änderungen könnten unter anderem durch eine Reform von öffentlichen Investitionen und Steuersystemen wirksamer gestaltet werden. Beispielsweise ließen sich Einnahmen aus der CO-Bepreisung zugunsten einkommensschwacher Haushalte umverteilen.

Richtig. Und wenn wir hier unterscheiden zwischen wohlhabenden Menschen und jenen, die potentiell auf finanzielle Förderung angewiesenen sind, schwingt in vielen Fällen der Gegensatz zwischen städtischen und ländlichen Gebieten mit. In Deutschland gibt es, wie in den meisten Teilen der Welt, ein Einkommensgefälle zwischen Stadt und Land. Weniger einkommensstarke Bevölkerungsgruppen finden sich eher in ländlichen Gemeinden. Eine Förderung des öffentlichen Nahverkehrs – durch finanzielle Anreize einerseits und Verteuerung der Nutzung des Autos andererseits – mag in der Stadt funktionieren, aber nicht auf dem Land. In ländlichen Gebieten führt die begrenzte Verfügbarkeit des öffentlichen Nahverkehrs zu Mobilitätsproblemen, die in der Vergangenheit durch privaten Autobesitz gelöst werden. Ein System der CO2-Bepreisung, das auf Steuererhöhungen und finanzielle Nachteile für den Besitz und die Nutzung von Kraftfahrzeugen basiert und diese Einnahmen anschließend an einkommensschwache Haushalte umverteilt, könnte absurderweise einkommensschwache Stadtbewohner belohnen, ärmere Autofahrer:innnen in ländlichen Gebieten aber benachteiligen.

Auch andere Vorschläge zur Senkung der Treibhausgasemissionen, wie kostspielige Veränderungen der landwirtschaftlichen Produktion und die Senkung des Energiebedarfs von Wohngebäuden, würden überproportional diejenigen Menschen betreffen, die in ländlichen Gebieten leben und arbeiten. Meine Gespräche und Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Themen zu den blinden Flecken und schwierigen Herausforderungen gehören, denen sich viele politische Entscheidungsträger:innen in Deutschland bisher noch nicht stellen.

Die Vergangenheit, die Datenlage und die politischen Machtverhältnisse verdeutlichen, dass wir eher einen schrittweisen als einen revolutionären Wandel erwarten sollten.

Weltweit wird das derzeitige Ernährungssystem jährlich mit etwa 600 bis 700 Milliarden US-Dollar gefördert. Wäre es möglich, diese Subventionen umzuwidmen und umzuverteilen, um die von uns allen vereinbarten globalen Ziele zu erreichen?

Wir müssen die Subventionierung des Ernährungssystems anders ausrichten. Die Erfahrungen aus der Vergangenheit, die Datenlage und die politischen Machtverhältnisse machen deutlich, dass wir eher einen schrittweisen als einen revolutionären Wandel erwarten sollten. Wer sich näher mit den weltweiten Subventionszahlungen auseinandersetzt, wird erkennen, dass die umfangreichsten Subventionen heute direkt an mächtige konventionelle landwirtschaftliche Großbetriebe und Landeigentümer gehen. Deshalb wäre es meines Erachtens naiv, hier  kurzfristig ein grundlegendes Umsteuern zu erwarten.

Nach meinen Gesprächen der vergangenen Monate bleibe ich bei meiner festen, aber nicht blauäugigen Überzeugung, dass wir die Subventionsflüsse durch unermüdliches Engagement und Aufklärungsarbeit ändern können. Weltweit setzen sich Gesetzgeber mit einer Vielzahl von Interessengruppen auseinander, darunter Landwirt:innen, Umweltschützer:innen, Verbraucher:innen sowie Akteur:innen im Gesundheitsbereich, die sich mit der  Rolle von Subventionen im heutigen Ernährungssystem und mit dessen möglichen Umbau befassen. Meine Untersuchungen haben ergeben, dass sich die verschiedenen Akteur:innen und Interessenvertreter:innen nicht auf ein konkretes regulatorisches Vorgehen einigen können. Allerdings bemühen sich die Regierungen in vielen Ländern ebenso wie die deutsche Regierung darum, ihre inkongruenten Subventionsstrategien anzupassen und diverse  landwirtschaftliche Praktiken finanziell zu fördern, insbesondere im Bereich der ökologischen und regenerativen Landwirtschaft.

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Subsahara-Afrika steht angesichts einer wachsenden Bevölkerung, geringer Ernteerträge und zunehmender Auswirkungen des Klimawandels vor besonderen Herausforderungen im Bereich der Ernährungssicherheit.

Bevor wir landwirtschaftliche Aktivitäten in Afrika untersuchen und diskutieren, müssen wir uns zunächst vor Augen führen, dass es auf dem afrikanischen Kontinent 52 Länder gibt, die sehr unterschiedlich sind - in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht sowie bei den Praktiken ihrer Agrar- und Ernährungssysteme. Alle Regierungschefs in Afrika sind sich der Bedeutung wirksamer nationaler und regionaler landwirtschaftlicher Entwicklungsprogramme bewusst. Diese Programme müssen eine optimale landwirtschaftliche Produktion im vom Klimawandel betroffenen Afrika ermöglichen und zu einem ressourcenschonenden Umbau des Ernährungssystems beitragen, das eine Versorgung mit gesunden Nahrungsmitteln und wirtschaftliches Wachstum ermöglicht. Dies ist eine große Aufgabe, die nicht nur politischen Willen, sondern auch nationale und internationale Investitionen erfordert.

Zwar hat sich die Weltgemeinschaft im Rahmen des Pariser Klimaabkommens darauf geeinigt, in die Anpassung und Widerstandsfähigkeit von Ländern zu investieren, die keine Verantwortung für die klimapolitischen  Herausforderungen der heutigen Zeit tragen. Dies wurde erst kürzlich von den G7 bestätigt. Doch bisher sind nur wenige der wohlhabenderen Unterzeichnerstaaten ihren finanziellen Verpflichtungen nachgekommen. Der Klimawandel erfordert einen gerechten Umbau des Ernährungssystems, nicht nur Investitionen in humanitäre Hilfe oder Maßnahmen im Rahmen traditioneller Entwicklungsprogramme. Um diese notwendige Transformation zu erreichen, müssen auf dem gesamten afrikanischen Kontinent unternehmerische Chancen und wirtschaftliche Möglichkeiten für ländliche Gemeinschaften innerhalb der Agrar- und Ernährungssektors geschaffen werden. Dies umfasst auch die finanzielle Förderung und Stärkung der marktbasierten Unternehmensentwicklung in den vielen verschiedenen ländlichen Gemeinschaften in Afrika. Wenn wir dieseskühn anmutenden, doch in Wirklichkeit ganz praktischen Ziele verwirklichen können, dann geht es voran.