Die Rechte Indigener dürfen nicht unter Biodiversitätsschutz leiden

Wie können wir unsere Land- und Meeresflächen schützen und den anhaltenden Verlust der biologischen Vielfalt weltweit stoppen - ohne dabei indigenen Menschen zu schaden? Ein Gipfeltreffen 2022 in China wird darüber entscheiden, welche Rolle lokale Gemeinschaften bei der Verwaltung von Schutzgebieten einnehmen. Ein Meinungsbeitrag der Nichtregierungsorganisation China Dialogue, einer unserer Partner im Thema Klimawandel.

Mike Shanahan | Oktober 2021
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Jason Houston USAID Biodiversity & Forestry, flickr.com

Seit heute tagen die Vertragsstaaten der 15. Weltbiodiversitätskonferenz (UN CBD COP15), zumindest virtuell. Die zweite und entscheidende Sitzung ist für April bis Mai 2022 in Kunming, China angesetzt. COP15 wird sich virtuell und live darum bemühen, den anhaltenden Verlust der biologischen Vielfalt weltweit zu stoppen. Ziel ist es, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresflächen der Erde zu schützen („30x30“). Derzeit genießen nur 17 Prozent der Landflächen und acht Prozent der Meere einen solchen gesetzlich vorgeschriebenen Schutz.

Doch der Gipfel und seine Ziele sind umstritten: Solche Schutzgebiete können indigenen Menschen schaden, durch Zwangsumsiedlung oder Menschenrechtsverletzungen durch Sicherheitskräfte. Nichtregierungsorganisationen und andere engagierte Beobachter wie Amazon-Gründer und Philanthrop Jeff Bezos, der sich für die Rechte indigener Völker einsetzt, befürchten, dass „30x30“ zu einem Landraub führen könnte, bei dem 300 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben würden. Indigene Völker und lokale Gemeinschaften, die selbst in unmittelbarer Nähe zur Natur leben, wüssten am besten, wie die biologische Vielfalt zu erhalten sei, und sollten eine herausragende Rolle bei der Verwaltung von Land- und Meeresgebieten erhalten.

Die Rechte der indigenen Völker dürfen nicht nur ein politisch korrektes Lippenbekenntnis sein.

Eine Schutzmaßnahme für die lokale Bevölkerung, die derzeit diskutiert wird, sind „andere wirksame gebietsbezogene Erhaltungsmaßnahmen“ (other effective area-based conservation measures, OECMs). Dabei handelt es sich um Gebiete, die die biologische Vielfalt erhalten, wie heilige Haine, bestimmte Arten von Bauernhöfen, Gemeindewälder und andere wirtschaftlich produktive Landschaften und marine Gebiete. Zu den OECMs gehören Land und Meer, die von indigenen und lokalen Gemeinschaften entsprechend den lokalen Bedürfnissen und Werten verwaltet werden. Bislang sind jedoch weltweit nur kleinste Land- und Meeresgebiete als OECMs registriert.

Deshalb fordern Nichtregierungsorganisationen und andere Gruppen im Vorfeld der COP 15 die Staatengemeinschaft auf, die Rechte der lokalen Bevölkerung besser zu schützen und ihnen eine größere Rolle beim Naturschutz zukommen zu lassen. Sie wollen, dass das Konzept der „freien, vorherigen und informierten Zustimmung“ in die offiziellen Richtlinien aufgenommen wird, was den Gemeinschaften das Recht geben würde, Entscheidungen in ihrer eigenen Heimat zu beeinflussen. Die Rechte der indigenen Völker müssen im Vordergrund stehen und dürfen nicht nur ein politisch korrektes Lippenbekenntnis sein, lautet ihre Forderung. Das Ergebnis des Treffens in Kunming wird für die Verwirklichung dieses Ziels von entscheidender Bedeutung sein werden.