Bristol als Teil eines Städtenetzwerks

Eine echte Welt-Stadt

Knapp eine halbe Million Menschen aus 185 Nationen lebt in der britischen Stadt Bristol. Bürgermeister Marvin Rees sieht das als Reichtum und Chance. Als Mitglied des Leadership Board des Mayors Migration Council sucht er gemeinsam mit Kolleg:innen aus anderen Städten nach globalen Lösungen für die Stadt der Zukunft.

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Laif, Michael-Vince Kim, ddp

Schon als Kind verbrachte Marvin Rees gern Zeit am Brandon Hill, einem grünen Hügel mitten in Bristol. Auf dem höchsten Punkt ragt Cabot Tower, gebaut im Jahr 1890, in die Höhe. Die kleinen Messingfahnen auf dessen Aussichtsplattform, auf denen die Distanzen zu verschiedenen Metropolen angegeben sind, hatten es ihm angetan. „Ich habe diesen Ort geliebt”, erinnert sich Rees. „Meine Gedanken flogen von hier hinaus in die Welt. Ich dachte, wenn ich dahin zeige, dann ist da Oslo, und da hinten irgendwo liegt Madrid.“

Heute ist er 50 Jahre alt und seit 2016 Bürgermeister von Bristol – als erster Schwarzer regiert er eine Großstadt in Großbritannien. Brandon Hill ist noch immer sein Lieblingsort.

Global und lokal – ein Widerspruch?

Der Labour-Politiker will nicht nur seine Stadt zu einem lebenswerteren Ort machen, er wendet sich bewusst auch globalen Herausforderungen wie Migration und Klimawandel zu. Weil er keine andere Möglichkeit sieht: Bristol ist eine Stadt mit großen Migrant:innen-Communities, gebaut nahe am Nordatlantik. „Die Weltbevölkerung wächst, gleichzeitig müssen wir den CO2-Ausstoß und Rohstoffverbrauch senken“, sagt Rees, „unsere einzig effektive Strategie ist es, die urbanen Räume der Welt neu zu organisieren.“

Als führendes Mitglied der Initiative Mayors Migration Council (MMC) vertritt er diese lokal-globale Perspektive – und will so auch eine bessere Politik auf nationaler und internationaler Ebene möglich machen. „Städte können in diesen globalen Politikfeldern oft agiler handeln als nationale Regierungen“, erläutert Rees. Bristol sei eine sehr progressive und aktive Stadt. „Die Leute erwarten von mir, dass ich zu den Themen Klimawandel und Migration etwas zu sagen habe“, erklärt er, „aber sie erwarten auch, dass ich bezahlbaren, nachhaltigen Wohnraum schaffe.“

Global und lokal – ist das ein Widerspruch, ein Balanceakt oder kann man das eine vom anderen gar nicht trennen?

Marvin Rees und Raphaela Schweiger bei C40
Rees spricht neben Raphaela Schweiger (links) von der Robert Bosch Stiftung und Emanuelle Pinault, C 40 Cities, auf einer Diskussionsrunde während der Klimakonferenz 2021 in Glasgow.

Rees bewegt sich selbstbewusst und selbstverständlich auf der weltpolitischen Bühne. 2018 war er der erste Bürgermeister, der bei den Verhandlungen zum globalen Migrationspakt der Vereinten Nationen sprach. Er nimmt an internationalen Treffen wie Klimakonferenzen teil und schätzt den Austausch mit Kolleg:innen aus aller Welt – wie beispielsweise Yvonne Aki-Sawyerr, Bürgermeisterin der sierra-leonischen Hauptstadt Freetown.

Aki-Sawyerr ist ebenfalls Teil des MMC und eine „zupackende, strategisch denkende Person, eine echte Leaderin, der ich überallhin folgen würde“, sagt Rees. Dieser Austausch zwischen Städten ist Zweck des MMC. „Hier kommen Bürgermeister:innen von Freetown über Kampala nach Montreal bis Zürich zusammen“, so Rees, „gemeinsam können wir Ideen und Projekte entwickeln, die Milliarden von Pfund, Dollar und Euros einsparen können.“

Rees hat hier zum Beispiel mitgenommen, dass es zentral ist, „verständlich, mehrsprachig und auf vielerlei Ebenen zu kommunizieren, damit alle Stadtbewohner:innen gleichberechtigten Zugang zu wichtigen Informationen haben.“ Auch aus diesem Grund tritt er jeden Donnerstag im städtischen Fernsehsender „Bristol TV“ auf: „Hier erreiche ich Menschen, die BBC und andere Sender nicht gucken. Ich sage einfach: ‚Ruft mich an, und fragt, was ihr wissen wollt`.“

Städte brauchen Bewegung

Die Großstädte der Welt verbrauchen 70 Prozent der weltweiten Energie und verursachen drei Viertel aller CO2-Emissionen. 2050 werden 68 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. „Städte sind Bewegung – Menschen, Waren, Kapital, Ideen“, sagt Rees, „und wenn die Dynamik abnimmt, dann beginnen Städte zu sterben.“ Aktuell neigten nationale Regierungen aber dazu, Grenzen zu ziehen und Migration einzuschränken, daher „ist die Perspektive der Städte in der globalen Migrations- und Klimapolitik so wichtig“, erläutert er.

Während Großbritannien sich von der EU entfernt, reiste Rees kurz nach dem Brexit nach Brüssel, um zu erfahren, was Städte dafür tun können, „dass die Kommunikation zwischen der EU und uns offenbleibt – zwischen den Universitäten, den Unternehmen, den Zwillingsstädten, den Menschen, die ständig hin- und herreisen.“ Er sagt: „Lokale, nationale und internationale Akteure müssen eigentlich an einem Strang ziehen.“

Marvin Rees, Bürgermeister von Bristol
Emissionsfrei in die Zukunft? Marvin Rees am Hafen von Bristol.

Wie schwierig das ist, hat er im Vorfeld der Klimakonferenz COP26 in Glasgow erfahren. Marvin Rees wollte gemeinsam mit der Regierung von Boris Johnson einen Plan erarbeiten, wie die Städte im Vereinigten Königreich CO2-neutral werden könnten. „Doch all das hat nicht stattgefunden. Zwar hat die COP26 uns wieder eine Reihe von Vereinbarungen gebracht“, so Rees, „aber die Reformen haben nicht die Größenordnung und das Tempo, die wir jetzt brauchen, um dem Klimawandel zu begegnen.“

Vielleicht ist er froh, dass er in Bristol ganz konkrete Projekte wie das Castle Park Energy Centre vorantreiben kann, die größte Wasserwärmepumpe Großbritanniens, die Geschäfte im Stadtzentrum von Bristol mit emissionsfreier Wärme und Warmwasser versorgt, und bald auch 200 neue Wohngebäude.

Natürlich gibt es Einwohner:innen von Bristol, die Rees fragen, warum er so oft in New York sei – „und die Löcher in den Gehwegen nicht repariert werden“, gibt er zu. Die Fusion von lokaler Verbindlichkeit und globaler Vordenkerrolle ist manchmal herausfordernd. Rees glaubt daran, dass es der Bevölkerung von Bristol leichter fällt, Neuankömmlinge großzügig und offenherzig zu empfangen, wenn sie sich selbst keine Sorgen über ihre materielle Sicherheit machen müssen. „Auch in unserer Stadt gibt es Kinder, die Hunger leiden”, sagt er. Und es müssten auch dringend neue Sozialwohnungen gebaut werden.

Über das Projekt

Mayors Migration Council

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Die Robert Bosch Stiftung unterstützt den Mayors Migration Council, um Städte darin zu befähigen, Migrationspolitik auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene mitzugestalten. Ziel ist es, verschiedene Instrumente der Migrationspolitik besser auf die Realitäten vor Ort abzustimmen, sodass Neuankommende und aufnehmende Kommunen gleichermaßen davon profitieren. Bürgermeister:innen nehmen in der Migrationspolitik eine Schlüsselrolle ein, da sie die örtlichen Bedingungen für alle Stadtbewohner:innen verbessern und so direkt zu den globalen Zielvereinbarungen in der Migrationsgovernance beitragen können. Damit sich die Bedingungen für Migrant:innen und Flüchtende langfristig verbessern, muss die Migrationspolitik auf nationaler, regionaler und globaler Ebene besser auf die örtlichen Realitäten und Bedarfe von Städten und Kommunen abgestimmt sein.

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Erfahren im Perspektivwechsel

Dabei hilft ihm, dass Rees aus eigener Erfahrung weiß, was es bedeutet, beengt und in Armut aufzuwachsen. Sein Vater stammt aus Jamaika, seine Mutter kommt aus einer walisisch-englischen Familie. Sohn und Tochter musste sie alleine aufziehen. Der Dokumentarfilm „The Mayors Race“ zeichnete seinen Weg aus dieser prekären Situation bis ins Rathaus nach. Rees kann sich gut einfühlen in die Situation von Neuankommenden, die sich ausgeschlossen fühlen.

Im politischen Tagesgeschäft wird er wegen seiner Herkunft immer noch mit Ressentiments konfrontiert. In den ersten Tagen nach seiner Wahl bezeichneten ihn Oppositionspolitiker als „Bürgermeister der Innenstadt" („Inner City”), was er, wie er sich erinnert, als Code für "Schwarz" verstand: „Schwarze Männer und Frauen werden immer noch als anders und als Bedrohung angesehen. Das ist sehr bedauerlich.” 

Als Bürgermeister kann er etwas dafür tun, dass sich die Gräben zwischen den Menschen in einer Stadt nicht weiter auftun. Zum Beispiel, wie der MMC empfiehlt, „die migrantische Bevölkerung aktiv ansprechen, sie anhören und einbeziehen,“ oder die Silos in der Stadtverwaltung aufzubrechen und eine ressortübergreifende, ganzheitliche Politik anzustoßen.

Auch hier geht es darum, Grenzen zu überschreiten. Das Hinterfragen der eigenen Vorurteile, die Erweiterung des Blicks, der Perspektivwechsel, diese Dinge sind ihm als Politiker und als Mensch wichtig. Seine Entscheidung, nach der Schule die Stadt zu verlassen, um im Ausland Politikwissenschaften zu studieren, hat er einmal als „Flucht“ beschrieben. Doch er ist zurück nach Bristol gekommen. Und wenn ihm alles zu viel wird, geht er an seinem Lieblingsort Brandon Hill eine Runde joggen, um „den Kopf frei zu bekommen.”

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