Von Geflüchteten geführte Organisationen

Denn sie wissen, was sie tun

Sie hatten nie vor, in der Flüchtlingshilfe zu arbeiten. Dann brach in ihrer Heimat Syrien Krieg aus. Heute leiten der Mediziner Firas Alghadban und die Marketingexpertin Yasmin Kayali zwei Hilfsorganisationen im Libanon – und versuchen Geflüchteten das zu geben, was sie am dringendsten brauchen.  

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Julia Neumann
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Julia Neumann

„Es ist wichtig, bei den Leuten zu sein und zu verstehen, was sie auf dem Herzen haben“ sagt Dr. Firas Alghadban. Die erste Frage, die er in Bewerbungsgesprächen stellt, lautet deshalb: „Bist du bereit, deine Telefonnummer herauszugeben?“ Was in den meisten Unternehmen zumindest ungewöhnlich wäre, ist bei Endless Medical Advantage (EMA) Voraussetzung zur Mitarbeit. Die zehn Vollzeitbeschäftigten sind immer erreichbar. Mit einer mobilen Arztpraxis fährt EMA von der Stadt Bar Elias aus täglich zu syrischen Geflüchteten in Camps der libanesischen Bekaa-Hochebene.
Als 2011 der Krieg in Syrien begann, flüchteten viele Menschen über die Grenze dorthin. Eine Million Libanes:innen lebt heute in dieser Region, dazu kommen 330.000 registrierte Flüchtlinge. Der libanesische Staat gerät bei ihrer Versorgung an seine Grenzen, und auch internationale Organisationen können diese Lücken nicht schließen. Geflüchtete haben daher begonnen, im Libanon selbst Hilfsorganisationen zu gründen – so wie Firas Alghadban und Yasmin Kayali. Unterstützung erhalten sie auch von einem Zusammenschluss international tätiger Nichtregierungsorganisationen, dem auch die Robert Bosch Stiftung angehört.

„Ich kenne sie alle, ich kenne ihre Geschichten.“

Es ist ein warmer Frühjahrstag, auf den Bergen in der Ferne liegt Schnee, während die Mittagssonne auf die Planen der Zelte im Camp 068 scheint. Kinder spielen auf dem Weg zwischen den Zelten und Doktor Alghadban öffnet die Bustür, die Tür zu seiner Praxis. Im Fahrzeug befindet sich eine Bank, darauf eine Box mit Medikamenten: Kopfschmerztabletten, Antibiotika gegen Infektionskrankheiten und Lutschpastillen gegen Reizhusten. Die erste Patientin steigt über die Seitentür ein. Die 6-jährige Ghafran plagen Ohrenschmerzen und Fieber. „Sag Aaahh“, bittet Firas Alghadban und drückt mit einem Holzstab behutsam die Zunge herunter, um in den Rachen zu schauen. Er misst Fieber, inspiziert das Trommelfell und hört mit dem Stethoskop Herz und Lunge ab. Ghafran bekommt flüssiges Paracetamol mit. „Ich kenne sie alle“, sagt Alghadban, nachdem sich die Tür wieder geschlossen hat. „Ich kenne ihre Geschichten.“

So wie die der 48-jährigen Fadila, die mit ihrer Familie aus Rakka geflohen ist. Seit fünf Jahren geht sie zu Dr. Alghadban. Sie hat Diabetes, seit Tagen fühlt sie sich unwohl. Nach einem kurzen Gespräch schickt Firas Alghadban sie zu einer stationären Klinik, um ein Blutbild zu bekommen. EMA wird die Hälfte der Kosten übernehmen. Fadila ist dankbar. Eine stationäre medizinische Versorgung gibt es in den Camps nicht, Arztbesuche bräuchten im Libanon in der Regel viel Zeit und Geld, so Fadila. „Manchmal behandeln sie dich auch nicht, weil du Syrerin bist“ erzählt sie.

„Es ist wichtig, bei den Leuten zu sein und zu verstehen, was sie auf dem Herzen haben.“

Zitat vonDr. Firas Alghadban, Endless Medical Advantage

Firas Alghadban lacht häufig mit seinen Patient:innen, doch in dem Leben des 37-Jährigen gab es viel Schmerz. Er floh 2017 aus seiner Heimat, einer Kleinstadt 60 Kilometer von Damaskus entfernt. Zu Fuß ging er über die rauen Berge, mit 600 US-Dollar kam er in die Bekaa-Ebene. „Vier Monate war ich traurig. Ich war weit weg von meiner Familie, hatte mein großes Haus mit großem Garten verloren." Dann beschloss er, mit einer Organisation als Freiwilliger in die Camps zu gehen und Menschen zu behandeln. „Ich dachte, es ist besser, zu helfen, als daheim rumzusitzen.“ Als das Projekt zu Ende war, machte er einfach weiter. 2018 traf er eine Freundin aus Großbritannien, die ihm einen privaten Kredit vermittelte. Damit finanzierte er den ersten kleinen Bus und gründete Endless Medical Advantage (EMA).

Mittlerweile hat EMA einen größeren Wagen, in dem zwei Ärzt:innen gleichzeitig arbeiten können. Die Zahl der Mitarbeiter:innen ist auf 25 gestiegen, darunter sind einige Freiwillige. Die Organisation betreut 40 Camps von Geflüchteten, betreibt zwei feste Kliniken außerhalb der Camps, eine Zahnarztpraxis, bietet Physiotherapie für Menschen mit Behinderungen an und versorgt so insgesamt rund 50.000 Menschen aus Syrien und dem Libanon medizinisch.

Von Geflüchteten geführte Organisationen helfen oft schneller und besser

Es ist nicht so, als hätte Firas Alghadban als Erster die Idee zu einer mobilen Praxis in Flüchtlingscamps gehabt. Andere Hilfsorganisationen haben sich zuvor ebenso daran versucht – mit mäßigem Erfolg, wie der Arzt meint. „Internationale NGOs brauchen Zeit, um auf Notfälle wie Extremwetterereignisse  zu reagieren. Wir gehen direkt los, wenn wir angerufen werden.“ Entscheidend sei die Flexibilität. „Ich entscheide spontan, je nachdem, wie viele Anrufe ich aus einem Camp bekomme, wann und wohin ich gehe. Ich gebe nicht unnötig Geld aus, um an einem Ort zu warten.“

Inzwischen leben seine Frau und seine Kinder bei ihm in Bekaa. Während er vom Camp zurückfährt, grüßt er mehrere Menschen aus dem Fenster. „Meine größte Sorge ist, dass mich Leute nach Hilfe fragen, und ich nicht helfen kann. Eine Behandlung von Krebs kostet 4.000 US-Dollar. Das können wir nicht leisten, und das belastet mich.” Dennoch will er sich über die Finanzierung von EMA nicht zu viele Sorgen machen. „Wir haben mit Freiwilligen angefangen und können die Arbeit mit Freiwilligen fortsetzen. Wenn wir morgen nicht mehr zahlen könnten, würde das Team trotzdem weiterarbeiten.“

Dr Firas Alghadban von Endless Medical Advantage spricht mit einem Kollegen im Camp 068 für syrische Geflüchtete in der libanesischen Bekaa-Ebene.

Dr. Firas Alghadban und sein Team arbeiten für die medizinische Grundversorgung der syrischen Geflüchteten im Camp 068 in der libanesischen Beeka-Ebene. 

Aus einer Grassroots-Initiative wurde eine humanitäre Organisation

Ortswechsel: Yasmin Kayali steht in einer schmalen Gasse, die Häuserwände unverputzt, die Kabel über ihrem Kopf so tief, dass sie sich ducken muss, um darunter durchzulaufen. Wenn es regnet, ist selbst die Straße mit Strom geladen, erzählt sie. Camp Shatila in der libanesischen Hauptstadt Beirut, gegründet 1949, war ursprünglich dazu gedacht, Palästinenser:innen aufzunehmen.  

Heute leben hier rund 37.000 Syrer:innen – neben 20.000 Menschen aus Palästina. Hier an diesem Ort haben Yasmin Kayali und ihre Kolleg:innen vor über zehn Jahren die gemeinnützige Organisation Basmeh & Zeitooneh gegründet. Bei Kriegsausbruch lebte die Syrerin mit ihrem libanesischen Mann in Beirut und pendelte zwischen den Ländern: In Aleppo besaß sie eine Marketingfirma. Sie wollte helfen und verteilte Lebensmittel, Medizin oder Decken an geflüchtete Landsleute im Libanon. Als immer mehr Menschen vor dem Krieg dorthin flohen, gab Kayali ihre Firma auf. Gemeinsam mit Fadi Hallisso, einem syrischen Freund, gründete sie ihre Hilfsorganisation. 2013 starteten sie ihr erstes Programm: eine Stickerei für Frauen im Lager Shatila. Die Organisation wuchs: Heute gehen hier auch rund 2000 syrische Kinder zur Schule und Basmeh & Zeitooneh ist eine der größten von Geflüchteten geführten Organisationen weltweit, mit 350 Mitarbeiter:innen allein im Libanon und weiteren Zentren in der Türkei und im Irak.

Im Schatila Studio von Basmeh und Zeitooneh besticken Frauen Taschen oder Kopfkissen.

Das Schatila Studio in Beirut war das erste Projekt der Hilfsorganisation Basmeh & Zeitooneh. Die Frauen besticken Taschen oder Kopfkissen, die sie online und in einem kleinen Laden verkaufen.

Ein Lächeln und eine Olive

Der Name Basmeh & Zeitooneh, zu Deutsch „Ein Lächeln und eine Olive“, steht sinnbildlich für die Idee der Organisation: Der Olivenbaum ist ein Symbol für Nahrung, aber auch für Frieden. Die Projekte sollen die Bedürfnisse der Menschen auffangen, letztlich aber auch Frieden in der Region fördern. Das erste Projekt und zugleich das Herzensprojekt von Yasmin Kayali ist das Shatila Studio. In dieser Werkstatt besticken Frauen eine Bandbreite von Produkten: Handtaschen, Kissenbezüge oder Jeansjacken, die sie online, auf Messen und in einem kleinen Laden im Camp verkaufen. Im nächsten Schritt soll das Shatila Studio ein eigenständiges soziales Unternehmen werden, indem die Frauen nicht nur handwerklich arbeiten, sondern auch in den Bereichen Management, Buchhaltung und Finanzen.

„Keiner von uns war vorher in der humanitären Hilfe tätig“, sagt Yasmin Kayali über sich und ihre Mitgründer:innen. „Wir waren Ingenieur:innen, Anwält:innen, oder Marketingspezialist:innen. Aber wir wollten etwas bewegen.“ Über Partnerschaften mit anderen NGOs haben sie gelernt, eine Organisation aufzubauen und zu leiten. Heute haben sie auch die Rolle des Inkubators für kleinere Initiativen inne und helfen ihnen, ihr volles Potenzial zu entfalten.
Inzwischen betreibt die Organisation Basmeh & Zeitooneh sechs Gemeindezentren im Libanon darunter zwei Schulen in Shatila und der Beeka-Ebene für knapp 3500 Kinder. Sie bietet Englisch- und Computerkurse oder Schulungen zur Medienkompetenz oder Unternehmungsführung an. Und sie gibt Menschen Zuschüsse für Projekte und Geschäftsideen. Die Überzeugung dahinter: Hilfe sollte darin bestehen, Menschen in ihren Fähigkeiten weiterzubilden, sodass sie für sich selbst zu sorgen können. „Wir haben eine offene Tür für alle“ sagt Kayali. „Jede:r kann uns mit seinen Bedürfnissen ansprechen. Die Leute stoppen uns auf der Straße und reden mit uns.“ Und wenn Basmeh & Zeitooneh nicht helfen können, verweisen sie an andere Organisationen.

„Wir haben eine offene Tür für alle. Jede:r kann uns mit seinen Bedürfnissen ansprechen."

Zitat vonYasmin Kayali, Basmeh & Zeitooneh

Um Konflikten entgegenzuwirken, hilft Basmeh & Zeitooneh auch der Aufnahmegesellschaft. Denn durch die Wirtschaftskrise und starke Inflation im Libanon sind auch viele Libanes:innen auf Hilfe angewiesen. Nach der verheerenden Explosion im Hafen Beiruts im Jahr 2020 bot Basmeh & Zeitooneh deshalb Hilfe im Arbeiterviertel Karantina an. So wie Bäcker Sleiman Fayyad, dessen Laden zerstört wurde. Er erhielt nicht nur Unterstützung beim Wiederaufbau seiner Bäckerei, sondern belegte auch einen Kurs in Management. Heute bietet er Manoushe, Pizza bestrichen mit Olivenöl und Thymian, in kleineren Portionen an – damit sich die Leute das Frühstücksgericht noch leisten und Fayyad Geld verdienen kann. Zurück in Camp Shatila, wo Yasmin Kayali stolz die Näherinnen im Shatila Studio beobachtet, die nun bald auf eigenen Beinen stehen sollen. „Ich bin tief beeindruckt von der Widerstandskraft der Menschen, die tagein, tagaus ausdauernd arbeiten“, sagt Yasmine Kayali. Es sei ein Irrtum, dass die Geflüchteten auf Hilfe warteten. „Es sind brillante Menschen, die einfach eine Chance brauchen. Wir beschäftigen in jedem Gemeindezentrum Leute aus den Camps oder Vierteln, in denen wir helfen. So sind wir nah an den Communities dran, können ihre Bedürfnisse verstehen und den Familien sowohl direkt als auch indirekt helfen.“

Über das Projekt

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Flüchtlinge und ihre Organisationen leisten würdevolle, effektive und effiziente Unterstützung in ihren Communities. Hierfür erhalten sie allerdings durch das offizielle System des internationalen Flüchtlingsschutzes, das seit Jahren angesichts einer stark steigenden Zahl von Flüchtlingen überlastet ist, kaum Anerkennung und Finanzierung. Gemeinsam mit Stiftungen und anderen Nichtregierungsorganisationen unterstützt die Robert Bosch Stiftung im Mittleren Osten und Nordafrika von Flüchtlingen geführte Organisationen dabei, ihre Arbeit auszubauen sowie ihre Rolle und Stimme im internationalen Flüchtlingsschutz zu stärken. Dieses Jahr hat die Initiative bisher 1,35 Mio. US-Dollar für von Flüchtlingen geführte Organisationen im Libanon bereitgestellt.

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