Neue Wege in der Philanthropie

Wie geht wahrhaft gerechte Förderung?

Indigene Gruppen, lokale Gemeinschaften und Frauen im Globalen Süden sind am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen – spielen aber kaum eine Rolle, wenn internationale Gelder verteilt werden. Der Global Greengrants Fund zeigt einen alternativen Weg: Wofür Gelder eingesetzt werden, entscheiden die Aktivist:innen vor Ort.

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Paul-Philipp Hanske
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GGF, Action Press

Im ostindischen Bundesstaat Jharkhand stehen alte, endlose Wälder, in denen viele indigene Menschen leben. Darunter verborgen lagern Bodenschätze wie Kohle oder Bauxit. Zahlreiche Dörfer wurden deshalb für den Bergbau bereits umgesiedelt, die Menschen vertrieben. Zwar gibt es seit 2006 in Indien den „Forest Rights Act“, ein Gesetz, das genau das verhindern soll. Aber die wenigsten Menschen wissen von ihren Rechten – und der Einsatz für diese ist gefährlich. Als im Jahr 2010 ein Anführer einer lokalen Landrechte-Bewegung vermutlich im Auftrag von Großgrundbesitzern erschossen wurde, formierte sich Widerstand auf breiter Ebene. Im Zentrum stand eine Gruppe namens Multi Arts Association (MAA), die die lokale Bevölkerung über ihre Rechte aufklärte. Die Aktivist:innen stellten Infokioske in den Dörfern auf, vernetzten die Bewohner:innen und stellten Kontakt zu Anwält:innen und Behörden her.

Unterstützt wurde die Arbeit der MAA auch durch Fördermittel des Global Greengrants Fund (GGF). In den vergangenen sieben Jahren wurde die MAA mehrfach mit Beträgen um die 5.000 Euro gefördert. Eine gute Anlage, findet Subrat, der in Indien als sogenannter GGF-Berater relevante Projekte identifiziert: Seit ihrer Gründung hat die MAA lokalen Personen, Gruppen und Gemeinschaften in mehr als 2.000 Fällen dabei geholfen, sich die Besitzrechte an dem Land zu sichern, die ihnen laut Gesetz zustehen. Nun können sie den Wald auf traditionelle und nachhaltige Weise bewirtschaften. Eine Erfolgsgeschichte, die zeigt, wie wichtig es ist, dass lokale und innovative Initiativen die notwendigen Ressourcen erhalten – und selbstbestimmt einsetzen können.

Wie kommt das Geld dorthin, wo es gebraucht wird? 

Das Hauptquartier des 1993 gegründeten Global Greengrants Fund befindet sich in Boulder, im US-Bundesstaat Colorado. Doch der Standort ist beinahe irrelevant für die Arbeit der Organisation, denn der GGF zeichnet sich durch eine besondere Struktur aus: Wohin die Gelder fließen, wird nicht im Hauptquartier entschieden, sondern durch Aktivist:innen vor Ort. „Der Großteil der internationalen Philanthropie ist immer noch paternalistisch und kolonialistisch in dem Sinne, dass Institutionen im Globalen Norden bestimmen, was die Menschen im Globalen Süden brauchen“, sagt Ursula Miniszewski, Director of Gender and Equity at GGF. „Wir wissen, dass dieses rassistische und ungerechte Modell nicht funktioniert. Und wir wissen auch, dass, wenn Macht gerecht verteilt und die Entscheidungsfindung fair geregelt ist, die Ressourcen an die richtigen Menschen gelangen – und Menschen und Ökosysteme profitieren.“

Viele Stiftungen und Entwicklungshilfeorganisationen hinterfragen deshalb gerade ihre Prozesse: Wie können alternative Formen der Finanzierung und Beteiligung historische Machtstrukturen infrage stellen? Auch die Robert Bosch Stiftung tut das und probiert neue Förderansätze aus, damit die Gelder dort ankommen, wo sie am nötigsten gebraucht und den Bedarfen vor Ort gerecht werden. Ein zentrales Stichwort lautet: „Participatory Grantmaking“. Indem die geförderten Organisationen und Vertreter:innen von Communitys in den Entscheidungsprozess einbezogen werden und die Transparenz erhöht wird, soll sichergestellt werden, dass Gelder wirklich wirksam eingesetzt werden.

Frauen mit Wassergläsern
Der GGF förderte 2021 Projekte in 80 Ländern – zum Beispiel hier eine Initiative für sauberes Trinkwasser in Uganda.

Der GGF ist einer der Pioniere dieser Bewegung und fördert über ein hyperlokales und flexibles System. In den Regionen, in denen die Organisation vorrangig fördert – Afrika, Asien, Süd- und Nordamerika sowie auf den pazifischen Inseln – ermitteln ehrenamtlich tätige Berater:innen Graswurzel-Bewegungen, die Förderbedarf haben und die finanziellen Mittel sinnvoll einsetzen können. Ein lokales Beratungsgremium – bestehend aus Aktivist:innen mit Ortskenntnis – entscheidet dann unbürokratisch. „Die Fördergelder sind ein Weg für Communitys an der Basis, ihre eigenen Lösungen zu finden“, erklärt Naomi Lanoi, Program Coordinator for Global Indigenous Grantmaking beim GGF. „Die Summen sind bewusst klein gehalten: Dass große Beträge Begehrlichkeiten wecken und Korruption nach sich ziehen können, ist schwer zu leugnen.“ Im Jahr 2021 profitierten davon 493 Projekte in 80 Ländern, insgesamt wurden mehr als 2,5 Millionen Dollar vergeben, die der GGF über Spenden und Förderungen – unter anderem von der Robert Bosch Stiftung – eingeworben hatte. 

Hilfe für Gruppen, die zu wenig Hilfe erhalten 

Seit einigen Jahren konzentriert sich der GGF auf jene Gruppen, die aus mehrfachen Gründen unter dem Klimawandel leiden: zum Beispiel indigene Völker, die in von Extremwetter bedrohten Regionen leben. Hier sind wiederum besonders die Frauen von dem Klimawandel bedroht, weil sie weniger mobil sind oder über geringere Ressourcen verfügen. Der GGF fördert deshalb vor allem Umweltschutz- und Klimagerechtigkeitsprojekte, die von indigenen Gruppen und Frauen initiiert und vorangetrieben werden. „Weniger als ein Prozent der klassischen Entwicklungshilfe kommt bei indigenen Gruppen an. Gleiches gilt für Projekte, die von Frauen initiiert wurden“, sagt Juan Mateo Martinez Abarca, der als Learning Consultant von Quito in Ecuador aus für den GGF arbeitet und sich um die Distribution projektspezifischer Erkenntnisse in der Organisation kümmert. „Und im herkömmlichen System kommt dann natürlich ein Mechanismus zum Tragen, den man intersektionale Diskriminierung nennt: Am wenigsten Geld kommt bei indigenen Frauen an.“ 

„Wenn Macht gerecht verteilt und die Entscheidungsfindung fair geregelt ist, die Ressourcen an die richtigen Menschen gelangen – und Menschen und Ökosysteme profitieren.“

Zitat vonUrsula Miniszewski, Director of Gender and Equity beim GGF

Dabei geht es dem GGF nicht nur um Gerechtigkeit, also darum, dass die am stärksten Diskriminierten besonders gefördert werden. Der Ansatz hat auch einen stark pragmatischen Aspekt: Denn indigene Gruppen und Frauen sind laut dem Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen die wirksamsten Akteur:innen im Kampf gegen den Klimawandel. Geschätzte 80 Prozent der weltweiten Biodiversität findet sich in den Tropen, also in Regionen, die traditionell von indigenen Gemeinschaften bewirtschaftet wurden oder werden. In gewisser Weise sind sie wahre Expert:innen gelebter Nachhaltigkeit. Denn das traditionelle Wissen der Indigenen sichert seit Jahrtausenden, dass die von ihnen bewohnten Biotope dauerhaft lebenswert sind. Und in diesem Kontext haben die Frauen die wichtigste Funktion inne: Sie sind oft traditionell für die Landwirtschaft und das Land zuständig.

Ein Netzwerk indigenen Wissens

Mal geht es um Wasserfilter für abgelegene Dörfer in Uganda, mal um den Kampf kolumbianischer Frauen gegen ein großes Staudammprojekt. Vielen Projekten gemein ist, dass Wissen und Techniken indigenen Ursprungs genutzt und verbreitet werden. So etwa in Indonesien. In den vergangenen Jahrzehnten wurde dort vielerorts die Landwirtschaft – angetrieben durch massive Marketingkampagnen westlicher Konzerne – auf modernes Reis- und Mais-Saatgut umgestellt. Die Pflanzen sind jedoch enorm anfällig und gedeihen nur unter Einsatz von Kunstdüngern und Pestiziden, wodurch die Böden belastet werden. Und immer häufiger auftretende Extremwetterereignisse wie Dürren führen zu lokalen Hungersnöten. Dagegen ging Maria Loretha, eine lokale Aktivistin, vor. Sie fuhr monatelang über das Land, sammelte in entlegenen Regionen Samen der alten einheimischen Sorghum-Hirsesorte – und lehrte deren Pflanztechnik in den Dörfern. Das Ergebnis: eine pestizidfreie Landwirtschaft, die die Menschen vor Ort ernährt. 

Wissenstransfer über Grenzen hinweg

Neben der konkreten Förderung solcher Graswurzel-Projekte kümmert sich der GGF auch darum, das notwendige Wissen für den Kampf gegen den Klimawandel und für lebenswerte Gemeinschaften weltweit zu verbreiten. Das ist unter anderem die Aufgabe von Juan Mateo Martinez Abarca: „Frauen stehen an der Front im Kampf gegen Umweltzerstörung. Um diesen Kampf führen zu können, brauchen sie aber ein sicheres privates Umfeld, also Schutz vor Gewalt, eine gesicherte Lebensgrundlage, im Idealfall noch Unterstützung bei der Betreuung von Kindern und Alten. Aktivistische feministische Bewegungen in Mittelamerika, etwa ‚Fondo Terra Viva‘, haben hier jahrzehntelange Erfahrung.“ Dieses Wissen wird dann über das GGF-Netzwerk – etwa in Online-Workshops – geteilt. So profitieren zum Beispiel Frauengruppen in Subsahara- Afrika, die erst am Anfang ihres Kampfes stehen, von den Erfahrungen der Frauen in Mexiko.

Indigene Frauen bei einer Demonstration
Auch die Frauenproteste in Peru gegen einen großen Staudamm wurden vom GGF unterstützt – und Lerneffekte in andere Länder weitergetragen.

Weil der GGF dafür steht, Entscheidungen auf möglichst egalitäre Weise zu treffen, werden auch latente Diskriminierungsstrukturen in einer Gesellschaft immer wieder thematisiert, wie Subrat berichtet. „In Indien arbeiten wir gegen Diskriminierungen aufgrund von Klasse, Religion oder Geschlecht“, sagt er. Und eine landestypische Art der Diskriminierung, die selbst in aufgeklärten Kreisen oft verschwiegen wird, ist: das traditionelle Kastensystem. Viele der aktivistischen Gruppen werden laut Subrat von Vertreter:innen der höheren Kasten dominiert. „Wir mussten uns in unserem Beratungsgremium fragen, ob Projekte der Dalit [Anm. d. Red.: eine Gruppe, die gesellschaftlich ganz unten steht, sogar außerhalb des Kastensystems] unterrepräsentiert sind. Um hier entgegenzuwirken, luden wir einen Vertreter der Dalit in den Kreis der Berater:innen ein“, erzählt Subrat. „Im Ergebnis werden nun mehr Dalit-Projekte unterstützt, und wir diskutieren lebendiger über das Verhältnis der Kasten untereinander.“ 

„Weniger als ein Prozent der klassischen Entwicklungshilfe kommt bei indigenen Gruppen an. Gleiches gilt für Projekte, die von Frauen initiiert wurden. Und aufgrund der intersektionalen Diskriminierung erhalten indigene Frauen am allerwenigsten Unterstützung und Förderung.“

Zitat vonJuan Mateo Martinez Abarca, GGF-Learning-Consultant in Ecuador

Und das ist vermutlich der wichtigste Grundsatz des GGF: Es geht nicht nur darum, Geld zu verteilen. Es geht darum, zuzuhören und entsprechend zu handeln. Oder wie Juan Mateo Martinez Abarca es ausdrückt: „Die Gruppen vor Ort wissen selbst am besten, wie sie gegen die Folgen von Klimawandel und Umweltzerstörung vorgehen müssen. Sie brauchen keine Ratschläge. Sie brauchen Unterstützung, um ihr Wissen umzusetzen.“

Förderprogramm

Ungleichheit mit neuen Ansätzen verringern

Die geförderten Projekte

Die Stiftung unterstützt und vernetzt Akteur:innen, die Ungleichheit mit einem neuen, intersektionalen Ansatz verringern wollen. Dafür startete sie 2020 das Förderprogramm „Reducing Inequalities Through Intersectional Practice“. Zu den Projektpartner:innen der Stiftung gehört auch der Global Greengrants Fund. In ihrer Arbeit wollen die Projektpartner:innen zeigen, wie verschiedene Diskriminierungsformen zusammenwirken, und so die Ursachen von Ungleichheit besser verstehen. 

Die geförderten Projekte
Förderung für Städte

Global Cities Fund for Migrants and Refugees

Website des Projekts

Der Global Cities Fund for Migrants and Refugees (GCF) des Mayors Migration Council wurde ins Leben gerufen, um auf den Bedarf von Städten bei der Unterstützung von Migranten, Flüchtlingen und Binnenvertriebenen zu rufen. Durch die direkte Finanzierung der Städte schafft der GCF Beispiele dafür, wie diese Gelder Stadtverwaltungen erreichen und zeigt damit neue Wege auf, die von vielen Förderern bisher kaum berücksichtigt werden. Der GCF hat einen Katalog von Lösungen für Migranten und Flüchtlinge erstellt, an deren Finanzierung sich Dritte beteiligen können und die das Potenzial haben, humanitäre und entwicklungspolitische Maßnahmen auf diejenigen zu verlagern, die am besten zu deren Umsetzung in der Lage sind: Städte. Der GCF hat sich durch die Unterstützung seiner Förderer, darunter die Robert Bosch Stiftung, die Open Society Foundations und die IKEA Foundation, zu einem Fonds mit mehreren Millionen Dollar entwickelt, der bereits über 20 Städte unterstützt.

Website des Projekts
Das Dossier zum Thema
UN-Klimakonferenz COP27

Wie Menschen in Afrika gegen die Folgen des Klimawandels kämpfen

Die Klimawandelfolgen sind bereits spürbar. Wir geben unterrepräsentierten Gruppen in Afrika eine Stimme.
24. Oktober 2022
Erfahren Sie mehr über unsere Arbeit zum Thema
Globale Fragen

Klimawandel

Wie können durch eine gerechte Transformation der Landnutzung Leben und Lebensgrundlagen erhalten werden?