Programm "Land.Zuhause.Zukunft."

Was Kommunen in der Integrationsarbeit jetzt helfen kann

Derzeit müssen Kommunen in Deutschland die Ankunft tausender Geflüchteter aus der Ukraine bewältigen. Die Robert Bosch Stiftung und die Universität Hildesheim unterstützen im Programm „Land.Zuhause.Zukunft“ (LZZ) schon seit 2018 Landkreise dabei, die Integration und Teilhabe von Neuzugewanderten in ländlichen Räumen zu verbessern. Hier berichten Landkreis-Vertreterinnen von Lernerfahrungen aus dem Programm.

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Mia Raben
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Reuters, dpa, Getty Images
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Räume für Austausch schaffen - und Ideen von Zugewanderten aufgreifen

Wie und wann Integration tatsächlich stattfindet, hat Yana Shykhyrina vom Amt für Integration im Landratsamt Karlsruhe im Alltag immer wieder erlebt: Dann, wenn das Landratsamt einen Raum bucht und ihn zum Austausch zwischen Neuzugewanderten zur Verfügung stellt. Oder wenn Fachstellen Neuzugewanderte regelmäßig und verlässlich einladen, um sie wirklich kennenzulernen. Oder auch, wenn öffentliche Stellen mit finanziellen oder materiellen Mitteln die Arbeit von Migrant:innen-Organisationen erleichtern.

Wichtig sei es, sich den Bedarf der Zielgruppe wirklich klarzumachen. „Stellen Sie sich vor, Ehrenamtliche laden zu einer Bergwanderung für Neuzugewanderte ein, und kein Mensch kommt”, sagt Ingeborg Bias-Putzier, Integrationslotsin im Landkreis Weilheim-Schongau. Das sorge natürlich für Enttäuschung bei den Organisator:innen. Dabei lag es vielleicht nur am Termin - oder an der mangelnden Vorstellung der Eingeladenen, was auf sie zukommt. „Ein Integrationskonzept muss im Miteinander mit Leben gefüllt werden“, sagt Ingeborg Bias-Putzier. „Nehmen Sie Ideen und Bedarfe der Neuzugewanderten in die Planung mit auf, das ist für den Erfolg eines Vorhabens sehr wichtig.”

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Unterschiedliche regionale Strukturen berücksichtigen

In Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern leben ca. 212.000 Menschen auf einer Fläche, die doppelt so groß ist wie das Saarland. „Es gibt in unserem Kreis große Unterschiede, was Integrationsaufgaben angeht“, erzählt Heidrun Dräger vom Fachdienst Gleichstellung, Generationen und Vielfalt. Im westlichen Teil des Landkreises gebe es große Arbeitgeber wie Tchibo, Oetker und Edeka, die viele Zugewanderte aus EU-Ländern anziehen – in der Mitte und im östlichen Teil hingegen Gemeinschaftsunterkünfte, in denen Geflüchtete leben.

Deshalb hat der Landkreis im Rahmen des LZZ-Programms fünf lokale Netzwerke aus Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft geschaffen, die auf die unterschiedlichen Bedürfnisse reagieren können. „Diese Netzwerke konnten wir im Frühjahr 2022 wieder aktivieren“, sagt Dräger. Die Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung sei groß, aktuell sind im Landkreis von 1.800 ukrainischen Geflüchteten 1.300 privat untergebracht.

Schüler:innen aus der Ukraine in Deutschland
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Frauen als Integrationsanker begreifen

„Wenn Frauen und Mütter sich wohl fühlen, ist viel gewonnen”, sagt Ingeborg Bias-Putzier aus dem Landkreis Weilheim-Schongau. Es sei wichtig, sie gezielt anzusprechen, um ihren konkreten Bedarf zu erfahren. „Viele Neuzugewanderte wünschen sich Kontakt zu deutschen Familien, wissen aber nicht, wie sie diesen herstellen sollen”, so Bias-Putzier.

Dank eines digitalen Tools, das wie ein lokales, soziales Netzwerk funktioniert, sollen im Landkreis Weilheim-Schongau erfolgreich Kontakte zustande kommen und Begegnungsräume geschaffen werden. „Da schreibt dann etwa die aus Nigeria stammende Mutter mit zwei Kindern: Ich möchte am Samstag eine Fahrradtour machen, kenne mich aber nicht so gut aus. Wer hat Lust?”, erzählt Bias-Putzier. „Es kommen manchmal gleich mehrere Antworten am selben Tag – und die Tour kann beginnen.”

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Migrant:innen-Organisationen mit ins Boot holen

„Viele Neuzugewanderte haben einen starken inneren Antrieb, anderen Neuzuwanderern bei der Integration in die deutsche Gesellschaft zu helfen”, berichtet Yana Shykhyrina. Das habe eine doppelt positive Wirkung: Den einen erleichtert es das Ankommen - die anderen werden selbst zu aktiven Helfer:innen und identifizieren sich dadurch oft stärker mit der örtlichen Gemeinde.

„Das ehrenamtliche, häufig hoch professionelle Engagement von Migrant:innen kann in Partnerschaften mit den Landkreisen und Kommunen produktiv verstärkt werden”, so Shykhyrina. Die Bedeutung von Migrant:innen-Organisationen wurde im Rahmen von LZZ auch in einer wissenschaftlichen Studie belegt. Wichtig sei, Migrant:innen-Organisationen auf verschiedensten Wegen zu unterstützen und sie gleichzeitig durch den deutschen Verwaltungsdschungel zu lotsen. Die Landkreise sieht Shykhyrina als Leuchttürme, die einen sicheren Weg in den „Hafen der Gesellschaft“ aufzeigen.

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Von anderen Kommunen lernen

Eine wichtige Erkenntnis aus mehreren LZZ-Landkreisen lautet: netzwerken, netzwerken, netzwerken. Auf allen Ebenen. „Treffen Sie sich, tauschen Sie sich aus, sprechen Sie miteinander!“, sagt etwa Tamara Gericke aus dem Landkreis Uckermarck. „Bilden Sie operative Gruppen, beispielsweise zwischen Jugendamt, Jobcenter, Sozialamt und Ausländerbehörde.“

Auch auf übergeordneter Ebene ist Austausch wichtig, betonen die Expert:innen aus den Landkreisen und heben dabei auch das Netzwerk hervor, das mit dem Programm "Land.Zuhause.Zukunft" entsteht. Es gibt schließlich viele Landkreise und Gemeinden in Deutschland, in denen innovative Integrationsarbeit stattfindet. „Integration passiert in den Kommunen“, sagt Heidrun Dräger aus dem Landkreis Ludwigslust-Parchim. Deshalb müssten Kommunen auch miteinander kommunizieren.

Eine Mitarbeiterin in einem Berliner Hotel, das Geflüchtete aufgenommen hat
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Negatives Framing vermeiden

Häufig wird die Thematik „Zuwanderung“ in einer sehr negativ besetzten Sprache kommuniziert. Da ist dann die Rede von „Flüchtlingskrisen“ und „unkontrollierter Zuwanderung“, bedrohliche Worte. Dabei gehört Zuwanderung zum Alltag in Deutschland. Man müsse sich genau bewusst machen, welche Sprache man in diesem Kontext anwende, sagt Ingeborg Bias-Putzier aus dem Landkreis Weilheim-Schongau. „Das bedeutet nicht, dass man die Schwierigkeiten, die Migration auch mit sich bringt, leugnen oder verschweigen soll. Aber warum wird das Negative, das Nichtgelingen oft zuerst genannt? Die positiven Bilder und Geschichten gelungener Integration müssen betont werden, die gibt es viel mehr”, so die Integrationslotsin. Dass Integration gewollt ist, müsse man hören, lesen und spüren.

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Land.Zuhause. Zukunft.

Mit dem Programm "Land.Zuhause.Zukunft" fördern wir gemeinsam mit der Universität Hildesheim innovative Ansätze zur Teilhabe und Integration von Neuzugewanderten in ländlichen Räumen. Hier geht es zur Projektseite.

Das im Programm entstandene Wissen wird in einer Reihe von Kurzexpertisen öffentlich zur Verfügung gestellt. Hier gibt es die neueste Publikation  "Arbeit ist nicht alles. Lokale Integration von EU-Migrant:innen vielfältig gestalten."

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