Die Robert Bosch Stiftung fördert den Transfer technologischer Innovationen in die Pflege – unter anderem mit dem Preis „Ideas for Impact“. In diesem Jahr wurde die Initiative ProKIP, die sich um Wissenstransfer in Sachen KI bemüht, mit einem Sonderpreis bedacht.
Der Frühdienst der Pflegekräfte im Krankenhaus beginnt um sechs. Die Übergabe ist knapp, die Nacht war unruhig. Auf dem Flur steht der Wagen mit den Infusionen, im Dienstzimmer ist die Lüftung des Stationscomputers deutlich zu hören. Pflege heißt waschen, lagern, mobilisieren, beruhigen und erklären. Aber Pflege heißt auch, jeden Schritt festzuhalten, weil Dokumentation nicht nur der Versorgungsqualität dient, sondern auch das Folgeteam informiert und vor allem die Grundlage für die Abrechnung ist. Vieles wird zunächst im Gespräch erfasst und auf Papier notiert. Nicht selten sitzt eine Pflegefachperson nach Schichtende noch im Dienstzimmer und tippt nach, wofür tagsüber keine Zeit war.
Der Pflegeberuf steht unter Druck. Schon heute sind bundesweit zehntausende Stellen in Krankenhäusern und stationären Pflegeeinrichtungen unbesetzt, und Projektionen gehen davon aus, dass bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte fehlen könnten. Wegen der alternden Bevölkerung wird der Bedarf in Krankenhäusern und Pflegestationen größer – gleichzeitig wird das Personal aber immer knapper.
Dabei gibt es längst Abhilfe. In einigen Krankenhäusern und stationären Pflegeeinrichtungen werden KI-gestützte Anwendungen bereits erfolgreich im Einsatz erprobt. Sprachassistenten können Pflegeberichte direkt am Bett erfassen und strukturieren, Dienstpläne lassen sich anhand prognostizierter Patientenzahlen dynamisch anpassen, Monitoring-Systeme können Risiken wie Wundliegen früher erkennen. KI kann den Personalmangel nicht beheben, aber sie kann Arbeitszeit zurückgeben. Theoretisch zumindest. Praktisch jedoch bleibt der Weg von der Innovation in den Versorgungsalltag steinig. Laura Wiebelitz, Expertin für digitale Transformation im Gesundheitswesen am Robert Bosch Centrum für Innovationen im Gesundheitswesen, beschreibt das Problem nüchtern: „Was technisch schon lange möglich und auch am Markt verfügbar ist, kommt leider oft nicht auf den Stationen an.“
Zwischen Pilotprojekt und Regelversorgung klafft eine Lücke, in der gute Ideen oft verschwinden. „Das kann verschiedene Gründe haben“, erklärt Laura Wiebelitz, „oft sind es systemische Hürden wie mangelnde Interoperabilität, regulatorische Hürden und vor allem Datenschutzbedenken, die Innovation ausbremsen.“ Viele Projekte seien beispielsweise im Rahmen von Förderprogrammen erfolgreich erprobt, doch für den dauerhaften Betrieb fehlten klare Zuständigkeiten und stabile Finanzierungswege. Zuletzt: Jede neue Technologie stelle erst einmal eine Hürde dar. Sie kann im laufenden Betrieb die Arbeit der Pflegekräfte später einmal enorm erleichtern. Sich in die Handhabung einer neuen Anwendung einzuarbeiten, ist aber erst einmal aufwendig – zumal, wenn der Berufsalltag stressig ist. Manche Entscheider:innen wollen ihr ohnehin schon unter Druck stehendes Team nicht noch mehr belasten. Und so läuft vieles weiter wie bisher.
Im Namen der Robert Bosch Stiftung verleiht der Bosch Health Campus den „Ideas for Impact“ – einen Preis für innovative Modelle der Gesundheitsversorgung in Deutschland. Ausgezeichnet werden Konzepte, die einen nachhaltigen Einfluss auf das Gesundheitssystem haben und insbesondere die Lebensqualität von älteren Menschen verbessern. Der „Ideas for Impact“ wird alle zwei Jahre verliehen und ist mit einem Preisgeld in Höhe von 100.000 Euro dotiert.
Hier setzt ProKIP an. Das interdisziplinär-wissenschaftliche Forschungs- und Begleitprojekt ist an der Universität Bremen angesiedelt. Ziel ist es, Akteure zu vernetzen und Wissen zu austauschen – auf dass KI-Angebote die Lücke zwischen Entwicklung und Anwendung überbrücken können. ProKIP richtet sich an Krankenhäuser und Forschungsverbünde, an Pflegeeinrichtungen und Entscheidungsträger:innen, die KI-Anwendungen in der Pflege entwickeln oder einführen wollen. Das Projekt bietet ihnen wissenschaftliche Begleitung, Evaluation, Austauschformate und praxisnahe Orientierung. Für diesen Ansatz wurde die Bremer Initiative mit dem mit 25.000 Euro dotierten Sonderpreis des „Ideas for Impact“-Awards ausgezeichnet, den der Bosch Health Campus im Namen der Robert Bosch Stiftung alle zwei Jahre vergibt. Der Preis geht aus den früheren Otto Mühlschlegel Preis zurück, der insbesondere Initiativen in der Altenpflege sowie Projekte auszeichnete, die Alter als aktive Lebensphase verstanden und bürgerschaftliches Engagement sowie die gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen stärkten. In seiner heutigen Form zeichnet „Ideas for Impact“ praxisnahe Gesundheitsinnovationen aus, die Wirkung entfalten und skalierbar sind, und richtet dabei weiterhin einen besonderen Blick auf Projekte, die älteren Menschen zugutekommen. Die Preisverleihung findet am 26. Februar 2026 in Berlin statt.
Dieses Jahr wird ein Sonderpreis in Höhe von 25.000 Euro an das Projekt „Prozessentwicklung und -begleitung zum KI-Einsatz in der Pflege – ProKIP“ unter der Leitung der Universität Bremen vergeben. ProKIP unterstützt die Integration von KI in die Pflege durch die Begleitung und Evaluation von acht Verbundprojekten. Dabei werden der Nutzen von KI-Systemen, Datenqualität, ethische Fragen und partizipativen Ansätzen untersucht. Ziel ist es, Erfolgsfaktoren für den Praxiseinsatz zu identifizieren.
Der Preis ist dabei nur ein Baustein, mit dem die Robert Bosch Stiftung den Transfer in die Praxis vorantreiben will: Am Bosch Health Campus arbeitet sie auch jenseits der Auszeichnung daran, digitale Innovationen und KI-Anwendungen so zu begleiten, dass sie tatsächlich in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ankommen. Eine zentrale Rolle spielt dabei Prof. Dr. Oliver Opitz. Er ist Professor für Medizin und leitet am Bosch Health Campus den Bosch Digital Innovation Hub, der digitale Innovationen und KI-Anwendungen von der Entwicklung bis zur praktischen Umsetzung in die Versorgung begleitet. Seine Forschung setzt dort an, wo viele Innovationen stecken bleiben: bei der Implementierung. Am Bosch Digital Innovation Hub arbeitet er an der „letzten Strecke“ zwischen Entwicklung und Versorgung, also an der Frage, wie digitale Anwendungen und KI-Innovationen unter realen Bedingungen eingeführt, getestet und angepasst werden können. Eines seiner Kernthemen ist die Gestaltung von Rahmenbedingungen wie etwa der Datennutzung, die den Einsatz von KI im Gesundheitswesen überhaupt erst möglich machen. Im Rahmen eines vom Land Baden-Württemberg geförderten „KI-Reallabors Gesundheit" sollen so KI-Lösungen beschleunigt und regulatorisch sicher, entwickelt, getestet und in die Anwendung überführt werden. „Das deutsche Gesundheitswesen noch sehr geprägt von Papier – und allenfalls von PDFs als ‚höchster‘ Form der Digitalisierung“, sagt Opitz. PDFs seien jedoch nicht auswertbar, weil es keine strukturierten Daten sind. Dabei entstehe täglich eine enorme Menge an Informationen. „Man geht von etwa 27 Seiten allein ärztlicher Dokumentation pro Patientenfall aus“, erklärt er. Diese Seiten müssen von Menschen erstmal gelesen und bewertet werden. „Das bindet bei den Gesundheitsberufen enorme Kapazitäten; hier kann KI helfen und entlasten“, wie Prof. Dr. Opitz betont. Sein Team arbeitet daher daran, mithilfe von KI Informationen aus PDFs zu extrahieren und daraus verwertbare Datensätze sowie intelligent aufbereitete Inhalte zu erzeugen. Solche Entwicklungen kommen Pflegekräften in zweifacher Hinsicht zugute: Zum einen können KI-gestützte Tools Pflegevorgänge in Echtzeit erfassen und in strukturierte Daten überführen, zum anderen unterstützen sie die Pflegeplanung. So kann das Personal beispielsweise über kurze Spracheingaben die Pflegearbeit unmittelbar dokumentieren. Dabei werden auch dann Sprachbarrieren keine Rolle mehr spielen, denn „Übersetzung ist bekanntlich die leichteste Aufgabe für KI“, erklärt Prof. Dr. Opitz. Denkbar seien sogar Systeme, die gar nicht mehr mit Sprache „gefüttert“ werden müssen, sondern zum Beispiel über akustische Auswertung oder den Einsatz von Sensorik die Pflegevorgänge direkt erfassen und dokumentieren. Das alles kann und wird das Pflegepersonal erheblich entlasten.
Der Bosch Health Campus vereint alle Institutionen und Förderaktivitäten der Robert Bosch Stiftung im Bereich Gesundheit. Behandeln. Forschen. Bilden. Fördern. Dieser Mission folgt der Campus mit seinen Einrichtungen für eine zukunfts- und patientenorientierte Gesundheitsversorgung.
Damit all das passiert, darf jedoch eine Instanz nicht fehlen. Nämlich die Menschen, die in der Pflege am wichtigsten sind: die Pflegenden selbst. Denn ob KI-gestützte Dokumentation, Sensorik oder neue Assistenzsysteme im Alltag tatsächlich genutzt werden, entscheidet sich nicht allein in Forschungsprojekten oder Leitungsetagen, sondern auch dort, wo Pflegefachpersonen lernen, ihren Beruf auszuüben. Joana Ruf verantwortet als Direktorin das Irmgard Bosch Bildungszentrum am Bosch Health Campus. Dort bildet sie angehende Pflegefachpersonen aus und beschäftigt sich mit der Frage, wie digitale Kompetenzen und der reflektierte Umgang mit KI systematisch in die Ausbildung integriert werden können. „KI in der Bildung stellt wirklich alles auf den Kopf“, sagt sie, „wir stehen heute vor dem vermutlich größten Umbruch in der Geschichte der Pädagogik.“ Wissen sei nicht mehr knapp, sondern jederzeit abrufbar. Dadurch verschiebe sich der Schwerpunkt der Ausbildung grundlegend. „Es geht nicht mehr darum, Informationen auswendig zu lernen, sondern sie einordnen, bewerten und verantwortungsvoll nutzen zu können“, erklärt Joana Ruf. „Hier ist ein komplettes Umdenken erforderlich, und ehrlich gesagt stehen wir hier erst am Anfang.“ Eine Herausforderung, klar. Aber prinzipiell sieht Joana Ruf in den neueren Entwicklungen eine riesige Chance für die Pflege. Und ein ganz ähnliches Potenzial wie bei KI sieht sie in Sachen Robotik. „Wir werden sicher so bald keine autonomen Pflegeroboter haben, die Menschen dann vollständig versorgen. Das ist Science Fiction“, sagt sie. Aber Assistenzsysteme, die körperlich entlasten, hält sie für realistisch und sinnvoll, gerade beim Heben, Umlagern oder Transportieren. Wenn Routinewege kürzer werden, wenn schwere Handgriffe nicht mehr allein getragen werden müssen und wenn körperliche Belastung sinkt, dann bleibt im besten Fall wieder mehr Zeit für das, was Pflege im Kern ausmacht: Nähe, Beobachtung, Zuwendung. Technik könne unterstützen, sagt Joana Ruf, „aber Pflege bleibt eine Beziehung. Sie findet nicht zwischen Mensch und Maschine statt, sondern von Mensch zu Mensch.“