Wissenschaft ohne Stolperfallen

Ein Universum für Blinde, Physikunterricht hinter Gittern: Das Forum „Falling Walls Engage“ zeichnet jährlich Projekte aus, die neue Wege in der Wissenschaftsvermittlung gehen, damit Vorbilder und Netzwerke schaffen – und so Mauern zwischen Wissenschaft und Gesellschaft einreißen. Wir stellen vier Siegerprojekte vor.

Sabine Fischer | November 2020
Projekt „Amanar: Under the same sky“

Wissenschaft bringt Menschen zusammen: Im Projekt „Amanar: Under the same sky“ erforschen einheimische Schüler gemeinsam mit Kindern aus Flüchtlingscamps astronomische Phänomene.

Wer je einen wissenschaftlichen Aufsatz gelesen hat, weiß: Ohne ein gewisses Maß an Vorwissen tut man sich oft schwer, den Faden nicht zu verlieren. Hat man vom Thema zuvor noch nichts gehört, kommt man meist nicht einmal über das Inhaltsverzeichnis hinaus – und das, obwohl Wissenschaft eigentlich allen zugänglich sein sollte. Das Forum Falling Walls Engage stellt sich deshalb die Frage: Welche wissenschaftlichen Projekte gehen in ihren Vermittlungsansätzen einen neuen Weg? Wer kreiert mit seiner Vision Vorbilder und schafft Netzwerke? Wer reißt mit seinem Ansatz Mauern ein? Im Rahmen des jährlichen World Science Summits zeichnet Falling Walls Engage Projekte aus, die wissenschaftliche Erkenntnisse in den Alltag der Menschen übermitteln. Wir stellen vier der Finalisten vor – dabei geht es von der Mondoberfläche bis in die Tiefen der Seen und Flüsse Deutschlands.

Das Universum zum Anfassen

Die Milchstraße mit ihren Milliarden von Sternen, der Gasriese Jupiter, die Krater unseres Mondes: Was sonst durch ein Teleskop betrachtet wird, macht Nicolas Bonne mit seinem Projekt „The Tactile Universe“ zu fühlbaren Objekten. Auf speziell entwickelten Tafeln übersetzt er Himmelsphänomene in haptische Modelle und ermöglicht blinden und sehbehinderten Menschen so den Zugang zur Astronomie.

„Da Astronomie eine stark visuell geprägte Wissenschaft ist, haben viele Personen mit einer Sehbeeinträchtigung Hemmungen, sich damit zu beschäftigen“, sagt Bonne. Zudem gebe es kaum Material, das nicht an das Sehen gekoppelt sei – Grenzen, an die Bonne, der selbst beinahe vollständig blind ist, während seiner Forschung immer wieder stieß. Nun macht er es anderen Betroffenen einfacher, und stellt die Modelle, die er im Rahmen des Projekts entwickelt hat, kostenlos zur Verfügung. Für Schülerinnen und Schüler entwickelte er zudem spezielle Workshops, die sie an die Astronomie heranführen und ihnen den Umgang mit den Modellen nahebringen. „Was uns am meisten überrascht hat, war, dass auch viele Menschen ohne Sehbeeinträchtigung Freude an den Modellen haben“, so Bonne. „Sie erzählen uns, dass sie Dinge fühlen, die sie nicht sehen können und freuen sich über den neuen Blickwinkel.“

Portrait Nicolas Bonne
privat

Zur Person

Nicolas Bonne ist seit seiner Kindheit fast vollständig blind. Umso erstaunlicher scheint sein Berufswunsch als Achtjähriger: „Ich war besessen vom Weltraum und wollte immer Astronom werden“, sagt Bonne. Diesen Wunsch hat er sich erfüllt. Heute arbeitet er am Institut für Kosmologie und Gravitation an der Universität Portsmouth – und verändert die Disziplin durch seine Forschung und sein öffentliches Engagement nachhaltig. 

Fischer und Forscher in einem Boot

Nachhaltigkeit und Fischerei schließen sich aus? Nicht, wenn man Robert Arlinghaus fragt. Er entwickelte eine Strategie für umwelt- und klimabewusstes Fischereimanagement. Das Besondere: Statt an der Zielgruppe vorbei zu theoretisieren, tauschte Arlinghaus sein Büro an der Humboldt-Universität gegen den Alltag der Fischer und forschte gemeinsam mit ihnen vor Ort.

Die Herangehensweise des Projekts beruht auf einer unbequemen Erkenntnis: „Kaum ein Fischer hat gelesen, was wir Forscher in Fachzeitschriften veröffentlicht haben. Wir produzierten also Wissen, das nie in die praktische Welt gelangte“, sagt Arlinghaus. Sein Projekt „Co-production of knowledge with stakeholders for sustainable fisheries“ sollte daher Raum schaffen, um Ideen für nachhaltiges Fischereimanagement direkt mit den Akteuren vor Ort zu entwickeln. Inhaltlich seien die erwarteten Grabenkämpfe dabei ausgeblieben: „Viele Fischer sind gleichzeitig Naturschützer. Wir haben sie nur darin bestärkt, diesen Ansatz in ihrer Arbeit weiterzudenken“, so Arlinghaus. Gemeinsam mit den Fischern wertete das Forschungsteam Daten aus und gewann so auch selbst eine neue, praxisnahe Perspektive auf seine Forschung. Zudem produzierte das Projektteam Material, das konkret auf die Zielgruppe zugeschnitten war: Comics, Blogs, Workshops und Infoveranstaltungen, die Wissen vermitteln und den Zusammenhalt stärken sollen.

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Zur Person

Dass er kein besonders guter Fischer ist, war Robert Arlinghaus schon früh klar. Seine Faszination für den Beruf und die Herausforderungen der Fischerei führten ihn auf Umwegen dann doch knietief ins Wasser: Als Professor für integratives Fischereimanagement an der Humboldt-Universität in Berlin rief er das Projekt „Co-production of knowledge with stakeholders for sustainable fisheries“ ins Leben und kam so seinem Traum vom Fischen auch praktisch ein Stück näher.

Naturwissenschaftler hinter Gittern

Wer im Gefängnis sitzt, hat mit Chemie, Physik und Co. nicht viel zu tun – eigentlich. In Schottland ist das anders. Dort schickt Mhairi Stewart mit ihrem Projekt „Cell Block Science“ regelmäßig Wissenschaftler in sechs Gefängnisse.

„Bisher werden in Bildungszentren von Gefängnissen kaum Naturwissenschaften unterrichtet“, so Mhairi Stewart. Zum einen brauche man für den Unterricht teils gefährliche Materialien, die in Haftanstalten nicht ohne Weiteres erlaubt seien. Zum anderen habe man angenommen, dass die Disziplinen schlicht zu sperrig und kompliziert seien. Für „Cell Block Science“ stellte Stewart sich diesen Hürden gemeinsam mit den Verantwortlichen – und wurde überrascht. „Wir waren überwältigt, wie neugierig und begeistert die Teilnehmer von unseren Kursen waren“, sagt sie. Mit individuellen Lerneinheiten wurden die Strafgefangenen an naturwissenschaftliche Themen herangeführt – ein neues Terrain, nicht nur für die Häftlinge: Auch die Wissenschaftler stellte Stewarts Ansatz vor Herausforderungen. Viele von ihnen sammelten erstmals Erfahrungen mit einem marginalisierten Publikum. In Zukunft würde Stewart das Projekt gerne auf weitere Gefängnisse in Europa ausweiten.

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Zur Person

Als Kind wäre Mhairi Stewart gerne Geschichtenerzählerin geworden. Auf eine gewisse Art und Weise sei sie das heute tatsächlich. Nur, dass ihre Geschichten eben nicht fiktiv seien. Mhairi Stewart leitet die Abteilung für öffentliches Engagement an der Universität St. Andrews in Schottland. Dabei vermittelt sie einem breiten Publikum wissenschaftliche Erkenntnisse.

Astronomie im Flüchtlingscamp

Aus der Westsahara auf die kanarischen Inseln, aus dem Flüchtlingscamp in den Alltag spanischer Familien: Das Projekt „Amanar: Under the same sky“ fördert den interkulturellen Austausch zwischen dem Nomadenvolk der Saharaui und spanischen Schulkindern. Das Ziel: Perspektiven schaffen, Brücken bauen und auf beiden Seiten die Neugier für Astronomie wecken.

Seit knapp 30 Jahren ist das Volk der Saharaui auf der Flucht. Rund 160 000 Mitglieder der muslimischen Nomadengemeinschaft leben heute in Flüchtlingscamps nahe der algerischen Stadt Tindouf – ein Provisorium, das längst zum Dauerzustand geworden ist. „Die Schulen dort haben kaum Lehrmaterial. Es gibt keine Infrastruktur, die Kindern eine Zukunftsperspektive bietet“, sagt Sandra Benitez Herrera, Vertreterin des von der Bildungsorganisation Galileo Mobile initiierten Projekts „Amanar: Under the same sky“. Um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, lud das Projektteam Kinder aus den Camps auf die kanarischen Inseln ein. Zum Schlüssel der interkulturellen Annäherung wurde die Wissenschaft: Gemeinsam mit einheimischen Schülerinnen und Schülern erforschten sie astronomische Phänomene. Im Anschluss reisten Wissenschaftler und Teilnehmer ins Flüchtlingscamp: Mit speziellen Programmen versuchte man vor Ort, Menschen für die Astronomie zu begeistern – mit Erfolg.

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Zur Person

Sandra Benitez Herrera ist Astrophysikerin und Mitglied der internationalen Non-Profit-Organisation „Galileo Mobile“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, dort Wissen zu vermitteln, wo Menschen normalerweise der Zugang verwehrt bleibt. Als Mädchen verbrachte Herrera Stunden im Garten ihres Elternhauses, um mit ihrem Vater nach Sternschnuppen Ausschau zu halten – heute teilt sie die Phänomene des Nachthimmels mit Menschen in schwierigen Situationen.