Shared Reading – Literatur für alle

Wo unterhalten sich Menschen über große Literatur – gerade auch Menschen, die sonst wenig Bezug zum Lesen haben? Beim „Shared Reading“: Die Idee kommt aus England und hat inzwischen auch in Deutschland viele Fans.

Regina Mennig | Juli 2018
Menschen lesen in einer Gruppe
Markus Kirchgessner

„Am Anfang denkt man, was soll ich denn jetzt sagen – ich hab‘ eine Idee, aber soll ich die jetzt äußern?“

Die zehn Menschen sind einander fremd. Aus allen möglichen Richtungen sind sie an diesem lauen Sommerabend zusammengekommen, aus allen möglichen Arten von Alltag. Da ist ein älterer Herr mit gescheitelten grauen Haaren und kurzärmeligem Hemd. Ihm gegenüber sitzt eine junge Frau im schwarzen T-Shirt mit goldenen Kreolen in den Ohren. Ein Junge mit Baseballmütze und Turnbeutel, den er über seine Stuhllehne gehängt hat. Verhaltene Blicke gehen hin und her: Wer sind wohl die anderen in dieser Gruppe? Es wird still, nur der Wind in den Bäumen ist zu hören. Die Leseleiterin teilt Blätter mit einer Kurzgeschichte aus und beginnt mit ruhiger Stimme zu lesen.

„Wer wir sind, was wir arbeiten – das alles spielt hier keine Rolle“

Ihre Worte spannen eine archaische Szene auf - eine Frau am Herdfeuer, die Frühstück zubereitet, und Arbeiter, die hungrig essen. Von der kleinen Lesegruppe auf Gartenstühlen in einem Park in Stuttgart mag die Geschichte erstmal weit entfernt sein. Doch der kurze, schlichte Text schafft etwas Erstaunliches: Innerhalb kurzer Zeit ist in der Gruppe ein reges Gespräch im Gange. Es dreht sich um Genuss und Überfluss, und um nichts Geringeres als um das Wesentliche im Leben. Als die 90 Minuten der „Shared Reading“-Session zu Ende gehen, haben die Teilnehmer einander von ihren Empfindungen und persönlichen Erfahrungen erzählt.

 „Am Anfang denkt man, was soll ich denn jetzt sagen – ich hab‘ eine Idee, aber soll ich die jetzt äußern?“, berichtet Benedikt, der Schüler mit der Baseballmütze, der zum Schluss nur so sprudelte vor Gedanken und Assoziationen.

 „Wie wir auf den anderen eingegangen sind, das war völlig wertungsfrei – das fehlt uns in der Gesellschaft sonst oft“, findet die Rechtsreferendarin Merve Gül, die junge Frau mit den Kreolen-Ohrringen. „Interessant war, dass wir nichts von den unterschiedlichen Menschen in der Gruppe wussten: Wer wir sind, was wir arbeiten, das alles spielte hier keine Rolle.“

„Normalerweise unterhalten sich wahrscheinlich nur Germanistik-Studenten über Literatur – aber dass das ganz unterschiedliche Leute zusammen tun, das ist neu!“, sagt der pensionierte Lehrer Wolfgang Strobel, der ältere Herr mit den grauen Haaren.

Markus Kirchgessner

Kerstin Graumann (2.v.r.) hat sich vorgenommen, in ihrer Heimat Bremen feste „Shared Reading“-Gruppen zu gründen. Neben ihr steht Carsten Sommerfeldt, der Shared Reading nach Deutschland holte.

Geteiltes Lesen – erstaunliche Erfahrungen aus England

Tatsächlich sind „Shared Reading“-Gruppen in Deutschland noch eine Neuheit. Sich aus dem Alltag herausziehen, gemeinsam lesen, über ein Stück Literatur mit anderen ins Gespräch kommen: Das Grundprinzip des „geteilten Lesens“ ist einfach, die Sessions folgen bewusst keinem festen Format. Und: Sie sollen auch Menschen ansprechen, die mit Literatur und Lesen eher wenig zu tun haben. „Teilnehmer, die sonst eigentlich nicht lesen, interessieren mich am meisten!“, sagt Kerstin Graumann, eine zierliche Frau aus Bremen, Biologin von Beruf.

Als sie vor ein paar Jahren zum ersten Mal von „Shared Reading“ aus England hörte, fragte sie sofort: Wie kann ich Leseleiterin werden? In Liverpool machte sie eine dreitägige Ausbildung zum „Facilitator“. Sie lernte nicht nur, wie Leseleiter auf die Gruppe eingehen und an der richtigen Stelle Impulse geben können. Sie sah auch, welchen Stellenwert das „geteilte Lesen“ in der englischen Gesellschaft hat: Rund 400 Lesegruppen gibt es dort inzwischen, in Gemeindezentren und Unternehmen, in Krankenhäusern oder Gefängnissen. Kerstin Graumann hörte zum Beispiel von einer 17-Jährigen, die von ihrer Sozialarbeiterin zum „Shared Reading“ geschickt wurde. Die junge Frau setzte sich mit verschränkten Armen in die Lesegruppe: „Unter Zwang mache ich gar nichts!“ Doch dann kam sie jede Woche.

Seit sie selbst in Deutschland Lesegruppen leitet, hat Kerstin Graumann ähnlich erstaunliche Erfahrungen gemacht: „In einer Gruppe hatten wir auch Demenzkranke dabei. Sie saßen lange scheinbar unbeteiligt dabei. Aber irgendwann fingen sie an, ihr Leben mit der Literatur in Verbindung zu bringen. Eine war früher zur See gefahren und sah in dem Text Parallelen zum Leben an Deck.“ Kerstin Graumann hat sich vorgenommen, in ihrer Heimat Bremen feste „Shared Reading“-Gruppen zu gründen.

Zu schwere Literatur gibt es nicht – eher zu leichte

In Berlin, Frankfurt und Heidelberg gibt es solche festen Gruppen bereits. Treibende Kraft dahinter war Carsten Sommerfeldt, er hat mit einem Team von Gleichgesinnten den deutschen Ableger von „Shared Reading“ gegründet. Am Anfang stand eine persönliche Auszeit: Sommerfeldt, langjähriger Verlagsleiter, wollte die Richtung ändern. „Ich war 20 Jahre im Literaturbetrieb, und der hat auch etwas sehr Hermetisches“, erzählt er im Rückblick. Was ihm vorschwebte: Literatur greifbarer, partizipativer zu machen. Inspiration brachte ihm das Buch „Lesen als Medizin“, dann erfuhr er von der „Shared Reading“-Bewegung in England und wusste: Das ist es.

Mit Freunden, Nachbarn und Bekannten probierte er „Shared Reading“ aus, sie setzten sich in Berliner Hinterhöfen zusammen. Seit 2015 ist Sommerfeldt dabei, im deutschsprachigen Raum ein Netzwerk von „Shared Reading“ aufzubauen. Inzwischen haben über 2.500 Menschen in Deutschland das „geteilte Lesen“ erlebt, es gibt über 40 ausgebildete „Facilitators“. 2016 präsentierte Sommerfeldt mit seinem Team „Shared Reading“ auf der Leipziger Buchmesse, und immer noch ist er dabei, die Idee bekannt zu machen. Auf die Frage nach der richtigen Literatur für die „Shared Reading“-Sessions meint Literaturexperte Sommerfeldt übrigens: Zu schwere Literatur gibt es nicht – eher zu leichte. „Krimis oder Unterhaltungsliteratur zum Beispiel, das lässt zu wenig Spielraum für Fantasie und Interpretation. Gerade große Literatur schafft es, dass man permanent überrascht wird.“

Eindrücke der Teilnehmer: Wie hat Ihnen "Shared Reading" gefallen?

Lesung im Park

Bei der diesjährigen "Lesung im Park" der Robert Bosch Stiftung standen neue Literaturvermittlungsformate im Mittelpunkt. Zu Gast war der Lyriker, Schriftsteller und Adelbert-von-Chamisso-Preisträger José F. A. Oliver. Über sein Werk hinaus beschäftigt sich Oliver intensiv mit dem Thema der kulturellen Teilhabe und gründete mit dem „Hausacher LeseLenz“ ein internationales Literaturfestival. Mit Fabian Burstein, selbst Autor und Leiter des Kulturbüros Ludwigshafen, sprach Oliver über sein Werk, sein gesellschaftliches Engagement und über Zukunft und Bedeutung der Literaturvermittlung.