Der Tanzsaal ist ihre Arena

Kaum Zukunftsperspektiven, dafür das Gefühl, abgehängt zu sein: Jugendliche in einem Kieler Problemviertel suchen eine Antwort auf die Frage, wie sie ihr Leben meistern sollen. Schule, Einstieg ins Berufsleben und das eigene Umfeld sind eher Hürden als Hilfe. Die Suche nach einfachen Lösungen und Gemeinschaft liegt nahe. Eine häufig drohende Gefahr ist die Flucht in extremistische Ansichten und Gruppen. Wie es gelingt, Halt in schwierigen Lebenslagen zu finden, zeigt eine Krumping-Tanzgruppe des Vereins KielerKids.

Franziska Hein | November 2018
Jan Konitzki

Voller Körpereinsatz: Can Yesil (vorne) tanzt ohne Choreographie zu schnellen Bässen. Für ihn bedeutet die Zeit im Tanzsaal Freiheit und Glück - auch, wenn Krumping nicht immer so aussieht. 

In der Mitte eines Kieler Fitnessstudios steht ein runder Sportraum. Drei steinerne Treppenstufen führen in den Saal, wie in eine Kampfarena. Statt von einer tosenden Zuschauermenge im Ring begrüßt zu werden, sind es hier die Bässe, die den Körper vibrieren lassen. Im Einklang mit der Musik erzählt Can Yesils Körper in dem Saal eine Geschichte ohne Worte. Er dreht sich, springt von einem auf den anderen Fuß. Manchmal sieht es so aus, als würde er umkippen, als könnte sein Körper die Balance nicht halten, doch im nächsten Schritt wird klar: Jede Bewegung ist gekonnt, jeder Schritt sitzt. Die Arme bewegt Can kraftvoll mit ruckartigen Bewegungen, aber nicht hektisch. Im Kontrast zu den harten Beats aus den Boxen sind seine Bewegungen fließend und auf eine eigene Art sanft. „In dieser Tanzart fühle ich mich wohl, weil sie frei ist. Ich mache, was ich will“, erklärt er. 

Neben Can tanzen auch Solomon, Amir, Alika und Dilara im Sportraum. Die jungen Tänzer haben eins gemeinsam: Sie sind in Kiel Gaarden oder Mettenhof aufgewachsen, zwei Problemviertel der Stadt. Der Kieler Sozialbericht 2017 spricht eine deutliche Sprache: Bei der Wahlbeteiligung sind die Stadtteile Schlusslichter, bei der Kinderarmutsquote und der Langzeitarbeitslosigkeit auf den vordersten Plätzen. Für viele Jugendliche, die in den Vierteln aufwachsen, fangen die Probleme früh an: kaum Zukunftsperspektiven, dafür Frust und das Gefühl, abgehängt zu sein. Sie sehen sich in ihrer Jugend mit besonderen Barrieren konfrontiert, wenn es darum geht schulische Anforderungen zu meistern und erfolgreich ins Berufsleben einzusteigen. Die Suche nach einfachen Lösungen und Gemeinschaft liegt nahe. Eine häufig drohende Gefahr ist die Flucht in extremistische Ansichten und Gruppen.

Jan Konitzki

Geringes Selbstvertrauen, ungewisse Zukunft: Wo geht mein Leben hin? Die Zweifel und Gedanken von Can spielen eine wichtige Rolle beim Tanzen.

Von Gefühlen leiten lassen

Cans größtes Problem war für lange Zeit sein geringes Selbstvertrauen. Und die Fragen nach seiner Zukunft: Wo geht mein Leben hin? Wo soll es hingehen? Sein älterer Bruder hat ihn vor 12 Jahren zu einer Tanzgruppe des Vereins KielerKids mitgenommen – obwohl er nicht tanzen konnte. Heute studiert Can International Management an der HAW Hamburg, ist leidenschaftlicher Tänzer und nimmt an internationalen Tanz-Wettkämpfen teil. „Alles, was ich in meinem Leben jetzt habe, hat sich durch das Tanzen entwickelt. Mein Studium, meine Freunde, mein Job. Es macht mich als ganzen Menschen aus.“

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Jan Konitzki

So geht es auch den anderen Jugendlichen. Sie haben im Verein eine Möglichkeit gefunden mit den Belastungen des Alltags umzugehen: Die Tanz- und Sportart Krumping dient ihnen als Ventil für ihre persönlichen Herausforderungen. „Wenn ich schlechte Laune habe und nachdenke, was mit meiner Zukunft ist, zieht mich das runter und ich kann irgendwann nicht mehr. Dann mache ich meine Musik an und lasse alles raus“, erzählt der 16-jährige Amir. Krumping ist ein ausdrucksstarker Tanz ohne vorgeschriebene Choreographie, die Tänzer bewegen sich Freestyle. Hier gibt die persönliche Stimmungslage den Takt an, nicht der Wille nach einer perfekten Show. Die Bewegungen sind kraftvoll, der gesamte Körper wird gefordert: kräftiges Stampfen und Springen mit den Beinen, ruckartiges Stoßen und Schwingen mit den Armen. Die aggressiv wirkende Form des Tanzens ist Kommunikation, die den Jugendlichen hilft, sich ohne Worte künstlerisch auszudrücken.

Die Zeit im Tanzsaal powert aus, stärkt das Selbstwertgefühl und hilft so, negative Energien zu bündeln. Und nicht nur das: In dem kargen Sportraum herrscht eine familiäre Atmosphäre. Hier hat niemand das Gefühl, abgehängt zu sein. „Durch den Verein bist du jeden zweiten Tag mit den anderen unterwegs. Ich habe kennengelernt, was enge Freundschaft heißt“, sagt Can.

Jan Konitzki

Amir (links) und Solomon sind Freunde geworden, der Verein ist wie eine große Familie. Krumping bietet ihnen die richtige Balance zwischen Freiheit und Nähe.

Für andere Jugendliche ein Vorbild sein

Ihre Erfahrungen wollen die Jugendlichen weitergeben und anderen zeigen, wie sie mithilfe von Krumping und dem Engagement im Verein schwierige Lebenslagen meistern. Aktuell drehen sie gemeinsam einen Dokumentarfilm und übernehmen aktiv die Konzeption, Umsetzung und Regie. Ihre Botschaft an andere Jugendliche ist klar: Sucht euch etwas, das euch Spaß bringt und motiviert. Flüchtet euch nicht in extremistisches Gedankengut, um Halt zu finden. Sie wollen damit auch ein Zeichen setzen für eine offene Gesellschaft, die niemanden ausschließt.

Can möchte eines Tages seine Leidenschaft und seinen Beruf verknüpfen: „Andere Kulturen und Menschen zueinander bringen, das habe ich im Tanz gelernt. Das ist schwer im echten Leben.“ Sein betriebswirtschaftliches Studium soll ihm helfen, genau das umsetzen. Eine Tanzschule, die offen ist für alle Menschen einer Gesellschaft, wäre eine Möglichkeit. Bis er das erreicht hat, tanzt er weiter.