Der nächste Einstein kommt aus Afrika

In Kigali trafen sich afrikanische Wissenschaftler zur bislang größten Wissenschaftskonferenz ihres Kontinents, dem Next Einstein Forum. Wir haben den Stipendiaten Hamidou Tembine begleitet. Er wuchs als Sohn einfacher Bauern in Mali auf. Heute ist er Professor für Elektro- und Informationstechnik und einer der besten Wissenschaftler Afrikas.

Linda Tutmann | Juli 2018
Hamidou Tembine, NEF-Stipendiat, in Kigali
LÊMRICH

Einer von 16 ausgewählten Stipendiaten: Hamidou Tembine auf dem Next Einstein Forum in Kigali

Hamidou Tembine steht an der Seite der Bühne im Convention Centre in Ruandas Hauptstadt Kigali und atmet langsam ein und aus. Die Klimaanlage hat den Raum auf angenehme 20 Grad gekühlt, es ist Regenzeit, aber gerade scheint die Sonne vom fast wolkenlosen Himmel. Auf der Bühne steht ein Moderator, der mit fester Stimme die Redner nacheinander aufruft. Fünf Wissenschaftler, jeder von ihnen hat zehn Minuten Zeit, um seine Forschung zu präsentieren. Das ist nicht viel, das weiß Tembine. Er muss sich kurz fassen, schnell die Aufmerksamkeit der Zuschauer gewinnen.

Er tritt hinter den Vorhang, hier kann ihn das Publikum nicht sehen. Er hebt kurz die Arme wie ein Priester, wenn er um Gottes Segen bittet. Vor jedem Auftritt macht er diese Übung, ein Kollege hat ihm den Trick verraten, vor Jahren schon, gegen das Lampenfieber und um die Atmung zu beruhigen. Er drückt die Brust raus, atmet ein, atmet aus, lässt die Arme langsam sinken. Dann tritt er in das Scheinwerferlicht.

Eine Bühne für die klügsten Köpfe Afrikas

Tembine und auch die vier anderen Redner sind heute hier, weil sie zu den, wie der Moderator sie angekündigt hat, klügsten Köpfen Afrikas gehören. Sie sind Stipendiaten des Programms mit dem visionären Claim „The next Einstein will be from Africa“. 2018 wurden 16 afrikanische Wissenschaftler für das Programm ausgewählt, aus Ägypten, dem Senegal, aus Äthiopien und Südafrika, ein Klimaforscher ist unter ihnen, ein Astrophysiker, Informatiker und Humangenetiker. Das Next Einstein Forum (NEF), die bislang größte Wissenschaftskonferenz Afrikas, hat sie zusammengeführt. Mit Forschern aus der ganzen Welt, mit Politikern und Experten aus der Wirtschaft tauschen sie dort Ideen aus und sprechen darüber, wie man den Kontinent voranbringen kann.

Hamidou Tembine auf der Bühne: Das Next Einstein Forum soll auch dafür sorgen, dass afrikanische Forschung verstärkt dem afrikanischen Kontinent zugute kommt.
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Hamidou Tembine auf der Bühne: Das Next Einstein Forum soll auch dafür sorgen, dass afrikanische Forschung verstärkt dem afrikanischen Kontinent zugute kommt. 

Tembines Augen schweifen durch den Saal, er kann keine Gesichter erkennen, aber er ahnt, wer ihm gerade zuhört. Der ruandische Präsident ist da, Paul Kagame, der Nobelpreisträger Klaus von Klitzing. Das Publikum applaudiert, Tembine lächelt verlegen. Viele im Publikum sind davon überzeugt, dass er auch das Zeug dazu hat, irgendwann einmal einen Nobelpreis zu gewinnen. Hamidou Tembine, 35 Jahre, geboren in Mali, Sohn eines einfachen Bauern, in Frankreich zur Schule gegangen, heute Professor für Elektro- und Informationstechnik an der Abu Dhabi-Universität in New York. Er trägt einen schwarzen Anzug, schwarze Hose, weißes Hemd, schwarze Schuhe. Er hat sieben dieser Anzüge im Schrank hängen, für jeden Wochentag einen. Manchmal ist er wochenlang nicht in seinem New Yorker Apartment, viel Zeit, seine Anzüge reinigen zu lassen, hat er dann nicht. Bonjour Mesdames et Messieurs, begrüßt er auf Französisch und dann noch einmal auf Englisch: Ladies and Gentlemen, das Publikum klatscht wieder. Wer ist von Ihnen an Zusammenarbeit interessiert?, ruft er jetzt. Eine rhetorische Frage, er weiß, das Publikum hört ihm nun zu.

Applaus für die Stipendiaten: So viele afrikanische Wissenschaftler auf dem eigenen Kontinent zu treffen, ist für viele eine Besonderheit.
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Applaus für die Stipendiaten: So viele afrikanische Wissenschaftler auf dem eigenen Kontinent zu treffen, ist für viele eine Besonderheit.

„Ist gut gelaufen“, sagt Tembine, als er von der Bühne tritt. „Irgendwann gewöhnt man sich daran, vor Menschen zu sprechen.“ Er redet in Seoul, in London, Paris, New York oder Shanghai, also in Asien, Europa oder Amerika, aber fast nie in Afrika. Es ist paradox: Von den 60 Konferenzen, an denen er im Jahr teilnimmt, finden vielleicht 4 auf dem afrikanischen Kontinent statt. In Marokko, Ägypten, in Südafrika, manchmal auch in Äthiopien. 

Tembine steht jetzt an einem Stehtisch im Vorraum und isst das erste Mal an diesem Tag etwas. Als Kind in der malischen Steppe gab es nur selten Frühstück. Fleisch bekam seine Familie vielleicht zweimal im Jahr, die erste Mahlzeit war oft das Mittagessen. Bis heute ist es Tembines Lieblingsmahlzeit.

„Es reicht“, sagten seine Eltern zu ihm, als er vier Jahre lang zur Schule gegangen war. Über eine Stunde hin und wieder zurück musste er dorthin laufen. Er konnte ja jetzt lesen, schreiben – was wollte er mehr? Warum sollte er noch weiter zur Schule gehen? Zeit, die er auf dem Feld gebraucht wurde, als Helfer beim Hüten der Kühe und bei der Ernte. Er war der erste in der Familie, der verstand, was ein Alphabet ist, der ein A von einem O unterscheiden konnte. Nur seinem Onkel ist es zu verdanken, dass er auf eine weiterführende Schule wechseln durfte, 35 Kilometer vom Haus seiner Eltern entfernt. Sein Lebenslauf hört sich danach an wie ein modernes Märchen. Der Junge vom Land trifft bei einem Mathematik-Wettbewerb in Mali ein französisches Paar – sie sind beeindruckt von der Wissbegierde des Jungen und seinem Willen zu lernen. Später adoptieren sie ihn und holen ihn nach Frankreich. Da ist er zwölf Jahre alt, spricht kein Wort Englisch, kein Wort Französisch und hat keine Ahnung, wo Europa liegt. „Ich hatte Glück“, sagt er heute. „Ich habe zwei Elternpaare.“

Hamidou Tembine beim Next Einstein Forum 2018, Kigali
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Hamidou Tembines Lebenslauf klingt wie ein modernes Märchen. 

Tembines Forschung ist wichtig für den afrikanischen Kontinent

Wenn er später im Hotelzimmer seine Eltern aus Mali anrufen wird, wird er sagen, dass er auf Reisen ist, er wird nach seinen Schwestern fragen, nach den Kühen und der Gesundheit seines Onkels. Seine malischen Eltern denken, dass er mit Computern arbeitet, auch wenn sie niemals einen Computer berührt haben. „Irgendwo stimmt das ja auch“, er lächelt. 

Seine französischen Eltern wissen, dass er drei Master gemacht hat, in Ökonomie, Mathematikwissenschaften und Informatik, sie kennen seine Universität, die berühmte École Polytechnique in Paris – und sie haben eine Ahnung, was er in New York macht, worum es bei seiner Forschung geht: dass er sich mit Staus beschäftigt, mit mathematischen Modellen, die den Verkehrsfluss berechnen und darüber hinaus vorhersagen können, wo sich der Verkehr drängt und wo nicht.

Seine Forschung ist wichtig, gerade für den afrikanischen Kontinent, auf dem Megacitys entstehen und in den nächsten Jahren noch weiter wachsen werden. Im Jahr 2040 wird die urbane Bevölkerung größer sein als die Landbevölkerung auf dem Kontinent. Die Infrastruktur, die Wasserversorgung, der Zugang zu Elektrizität und auch der Verkehr müssen auf diese Menschenmassen ausgerichtet sein. Seine französischen Eltern sind beide Lehrer, er kann ihnen erklären, dass das Next Einstein Forum nicht nur dafür da ist, dass in Zukunft mehr Wissenschaftler aus Afrika kommen, sondern dafür, dass sie dort bleiben oder zumindest dorthin zurückkehren, sodass die afrikanische Forschung auch dem Kontinent zugute kommt – und nicht nur Europa oder den USA. Tembine soll sich auch um die Staus in Lagos, Nairobi oder Accra kümmern, nicht nur um die in New York.

Wissenschaftskonferenz Next Einstein Forum 2018 in Ruanda

Das Magazin "Afrika" (02/2018)

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