Wirtschaft in der Pflicht: Unternehmen müssen sich als Demokratieakteure begreifen

Vielfalt wird von vielen Unternehmen vor allem unter wirtschaftlichen Aspekten betrachtet. Damit unterschätzen sie jedoch ihre Rolle für unsere Gesellschaft und Demokratie. Ein Appell zum Diversity Tag.

Text
Ferdinand Mirbach
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istock
Datum
19. Mai 2026

In der Wirtschaftswelt ist es inzwischen eine Binsenweisheit, dass die Berücksichtigung von und ein guter Umgang mit Vielfalt dem Unternehmenserfolg zuträglich sind. Divers aufgestellte Teams kommen zu besseren und kreativeren Lösungen. Eine vielfältige Belegschaft versteht eine breite Kundschaft und kann neue Märkte erfolgreicher erschließen. Diversity zeigt soziale Verantwortung und ist damit ein möglicher Reputationsgewinn gegenüber der Öffentlichkeit. Die in diesem Zusammenhang meistgenannte Studie ist eine Erhebung von McKinsey&Company. Demnach führen beispielsweise vielfältige Teams durch auf sie zurückzuführende Innovation zu 19 Prozent höheren Umsätzen.

Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass Unternehmen Diversity-Management häufig als Business-Case betrachten und es wohlkalkuliert und unter betriebswissenschaftlichen Gesichtspunkten einsetzen. Das ist vollkommen legitim. Was dabei aber aus dem Blick gerät: Unternehmen sind längst mehr als Marktakteure. Sie sind zentrale Orte sozialer Teilhabe, Begegnung und Integration. Arbeit strukturiert Alltag, prägt Identität und eröffnet Netzwerke. Für viele Menschen ist der Arbeitsplatz der wichtigste Ort sozialer Teilhabe – und für Zugewanderte, Menschen mit Behinderung, Alleinerziehende oder Beschäftigte aus nicht-akademischen Milieus oft der entscheidende Zugang zu Aufstieg und Anerkennung. Vielfalt am Arbeitsplatz ist deshalb nicht nur ein internes Thema, sondern eine Form gesellschaftlicher Infrastrukturleistung.

Eine inklusive Unternehmenskultur ist demokratierelevant

Einen solchen gesellschaftlichen Auftrag jenseits von Quartalszahlen und Geschäftserfolg wahrzunehmen, ist so dringlich wie lange nicht. Denn in unserer Gesellschaft verschiebt sich etwas. Die Demokratie steht unter Druck, die Uneinigkeit über den Umgang mit aktuellen Herausforderungen lässt den Zusammenhalt erodieren und neue gesellschaftliche Gräben entstehen. Laut der Studie Vielfaltsbarometer 2025 unserer Stiftung sind nur 24 Prozent der Befragten der Ansicht, dass die Politik die Herausforderungen der Zukunft bewältigen kann. In Kombination mit einem abnehmenden Vertrauen in die Meinungsfreiheit (ebenfalls ein Befund der Studie) ist das eine gefährliche Mischung. Zudem haben 51 Prozent der Studienteilnehmer:innen den Eindruck, dass die Bedürfnisse von Minderheiten ernster genommen würden als das Wohlergehen der Mehrheit.

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Wokeness – eigentlich ein positiver Begriff für Anerkennung von Vielfalt und den Einsatz für Chancengerechtigkeit – ist vor diesem Hintergrund zum Kampfbegriff verkommen. All das hat nicht nur Auswirkungen auf öffentliche Debatten, sondern auch auf das Denken und die Haltung der Menschen. Das Vielfaltsbarometer belegt: Die gesellschaftliche Akzeptanz von Vielfalt hat abgenommen. Erreichte diese Akzeptanz 2019 noch 68 von 100 Punkten, so sank der Wert 2025 auf 63 Punkte. Gleichzeitig empfinden immer weniger Befragte Vielfalt als Bereicherung für die Gesellschaft – 2019 noch 63 Prozent, 2025 nurmehr eine Minderheit von 45 Prozent. Das ist ein Problem, denn Vielfalt, Zusammenhalt und gesellschaftliche Resilienz stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang.

Wenn Akzeptanz von gesellschaftlicher Vielfalt sinkt und die Polarisierung innerhalb unserer Gesellschaft steigt, wächst die Verantwortung jener Institutionen, die Alltag gestalten. Unternehmen gehören dazu. Sie setzen Normen: wie man miteinander spricht, wie man Entscheidungen trifft, wie man Konflikte aushält, wie man fair bleibt. Eine inklusive Unternehmenskultur wird gerade in aktuellen Zeiten demokratierelevant. Wollen Unternehmen solche Demokratie- und Vielfaltsorte sein – und sie sollten es wollen – müssen sie drei fundamentale Bedingungen erfüllen.

Von Marketingkampagnen hin zu echter Diversität – auch gegen Widerstände

Entscheidend ist zum Ersten, dass Diversity-Management nicht als Kampagne verstanden wird, sondern ernst gemeint ist. Wirkung entsteht dort, wo Unternehmen strukturell arbeiten: mit klaren Zielen, messbarem Fortschritt und echter Verantwortungsübernahme. Dazu gehören beispielsweise transparente Rekrutierungs- und Beförderungsprozesse, Maßnahmen gegen unbewusste Vorurteile, die gezielte Förderung unterrepräsentierter Gruppen durch Mentoring, Sponsoring und Inclusive Leadership. Die Stärkung von queeren Menschen im Unternehmen gehört dazu, Pinkwashing als anbiederndes Marketinginstrument hingegen nicht. Vielfalt ist gesellschaftliche Realität. DEI (Diversity, Equity, Inclusion) in Unternehmen ist damit kein Zusatzprogramm, es ist Organisationsentwicklung und Beitrag zu gesellschaftlicher Kohäsion. Wer an Vielfalt spart, schwächt nicht nur Innovationskraft, sondern auch Zusammenhalt.

Unternehmen müssen deshalb zum Zweiten auch eine gewisse Resilienz gegenüber Politik und öffentlicher Meinung entwickeln, oder anders gesprochen: Sie dürfen keine Fähnlein im Wind sein. Ja, die Rahmenbedingungen haben sich nicht gerade verbessert. In den USA hat Präsident Trump vor einem Jahr ein Dekret gegen Initiativen für mehr Inklusion und Diversität in Unternehmen unterzeichnet. Einige namhafte US-Unternehmen haben ihre entsprechenden Programme daraufhin verwässert oder beendet. Und auch deutsche Unternehmen beobachten die Entwicklungen sehr genau, wollen sie doch ihr Amerika-Geschäft nicht durch ein vermeintliches Randthema wie Diversität gefährden.

„Unternehmen haben nicht nur wirtschaftliche, sondern auch eine moralische Macht. Diese drücken sie auch durch Haltung aus.“

Zitat vonFerdinand Mirbach, Senior Expert und Vielfaltsbeauftragter der Robert Bosch Stiftung

Für Unternehmen steht ihr wirtschaftlicher Erfolg an erster Stelle. Das ist nicht nur nachvollziehbar, sondern immer auch deren Auftrag. Denn nur robuste Unternehmen können dauerhaft Arbeitsplätze sichern, die die Lebensgrundlage für Menschen bilden. Deshalb ist es legitim, die Vor- und Nachteile von Vielfalt zu diskutieren. Die Konsequenz darf aber nicht sein, dass Werte und langfristige Überzeugungen durch erratisches politisches Handeln und gesellschaftliche Stimmungen diktiert werden. Unternehmen haben nicht nur wirtschaftliche, sondern auch eine moralische Macht. Diese drücken sie auch durch Haltung aus.

Unternehmen als Orte gelebter Demokratie

Das führt zur dritten Anforderung: Unternehmen müssen sich als Demokratieakteure verstehen. In Zeiten, in denen die Bindungskraft politischer Parteien verloren geht und die Mitgliedschaften in Gewerkschaften rückläufig sind, wird der Arbeitsplatz zu einem zentralen Ort der Meinungsbildung und des Austauschs. Für viele Menschen ist es auch einer der wenigen Orte, wo sie sich außerhalb der eigenen – selbst gewählten – Filterblase bewegen. Wenn sich Unternehmen dieser Tatsache bewusst sind, können sie zu Akteuren werden, die Demokratie und Zusammenhalt mitgestalten. Der Business Council for Democracy ist ein gutes Beispiel dafür. Diese Initiative aus Zivilgesellschaft, Unternehmen, Gewerkschaften und Verbänden vermittelt Arbeitnehmer:innen in einem freiwilligen Angebot Demokratiekompetenzen direkt am Arbeitsplatz. 

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Business Council for Democracy (BC4D)

Der BC4D macht Angebote, die Menschen im beruflichen Kontext Kompetenzen vermitteln, um digitale Gefahren zu erkennen und sich selbst und andere vor ihnen zu schützen.

Der Arbeitsplatz ist mehr als der Ort für den reinen Broterwerb. Er ist immer auch eine Schule des Lebens und ein potenzieller Lernort: ein Ort, an dem Unterschiede ausgehalten werden müssen, Vielfalt anerkannt und demokratische Werte eingeübt werden. Arbeitgeber:innen sollten diesen Wirkhebel nutzen und ihren Beitrag zu gesellschaftlicher Kohäsion und einer resilienten Demokratie leisten. Unternehmen tragen Verantwortung: als Arbeitgeber:innen, als Vorbilder und als Gestaltende von Gesellschaft. Natürlich können Unternehmen aktuelle Trends nicht allein umkehren. Aber sie können entscheiden, ob sie Teil des Problems oder Teil der Lösung sind.

 

Der Autor dieses Beitrags, Dr. Ferdinand Mirbach, ist Senior Expert im Team Demokratie mit Fokus auf Integration und Diversität sowie Vielfaltsbeauftragter der Robert Bosch Stiftung. 

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