Wenn nicht jetzt, wann dann?

Die nächste Bundesregierung muss sich endlich an den Neustart des Gesundheitssystems wagen. Ein Beitrag von Dr. Bernadette Klapper, Bereichsleiterin Gesundheit der Robert Bosch Stiftung.

Dr. Bernadette Klapper | Juni 2021
Bernadette Klapper

Zur Person

Dr. Bernadette Klapper ist Bereichsleiterin Gesundheit der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart. Nach Berufsjahren als Krankenschwester im ambulanten und stationären Bereich, dem Studium der Soziologie und wissenschaftlicher Tätigkeit in der Versorgungsforschung kam sie 2003 zur Robert Bosch Stiftung. Zwischenzeitlich arbeitete sie bei der Robert Bosch Healthcare GmbH.

So schlimm die Corona-Pandemie war und immer noch ist, so sehr hat sie schonungslos die Schwachstellen des deutschen Gesundheitssystems offengelegt: seine Fixierung auf die Behandlung kranker Individuen und seine Vernachlässigung öffentlicher Gesundheit; seine offensichtliche Behäbig- und Bräsigkeit, wenn es um schnelle Antworten auf akute Herausforderungen geht; sein sklerotisches Feststecken in und Festhalten an den Sektorengrenzen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung.

Erstklassiger Reparaturbetrieb, drittklassige Prävention

Damit kein Missverständnis aufkommt: Das deutsche Gesundheitssystem ist äußerst leistungsfähig bei der stationären Behandlung kranker Menschen in den Krankenhäusern – seien es Corona-Infizierte mit schwerem Verlauf auf der Intensivstation, Krebskranke, Unfallopfer, Infarktpatient:innen. Geht es um das akut hilfsbedürftige Individuum, mobilisiert der Apparat seine sämtlichen Ressourcen – und das ist gut so.

Geht es allerdings darum, sehr viele Menschen vorbeugend zu einem gesunden Lebensstil zu animieren, sie breit mit aufklärenden Informationen zu versorgen, ihnen gesundheitsfördernde und -erhaltende Angebote zu machen, zeigt sich das deutsche Gesundheitssystem traditionell ohne jeden Esprit und Ehrgeiz. Dass seit der Corona-Pandemie über die Gesundheitsämter und ihre Fax-Geräte gespottet wird, ist nur der jüngste Ausdruck für die seit Jahrzehnten systematisch vernachlässigte Rolle der Sozialmedizin und öffentlichen Gesundheit.

Die Folge dieses völlig unzeitgemäßen Ungleichgewichts zwischen individueller und öffentlicher Gesundheit: Im Mittelpunkt unseres so genannten Gesundheitssystems stehen gar nicht die Gesundheit und die Gesunderhaltung der Menschen, sondern die Behandlung Kranker. Flapsig formuliert könnte man sagen: Das Gesundheitswesen hierzulande ist ein erstklassiger Reparaturbetrieb, aber drittklassig, wenn es um vorausschauende präventive Fürsorge geht, damit Krankheiten erst gar keine Chance haben. Im EU-Vergleich der OECD schneidet Deutschland in wesentlichen Gesundheitsergebnissen nur durchschnittlich ab, ist aber Spitzenreiter im Anteil der Gesundheitskosten am BIP.

Notwendiger Neustart des Gesundheitswesens

Die Robert Bosch Stiftung, die sich seit Jahrzehnten mit dem deutschen Gesundheitswesen kritisch und konstruktiv auseinandersetzt, plädiert deshalb für nicht weniger als den radikalen Umbau des Systems. Und das umso leidenschaftlicher, als intime Kenner:innen es für unreformierbar und immun gegen neue Impulse halten, für eingemauert in Partikularinteressen, die nur noch pfadabhängige Lösungen zulassen. In der Bearbeitung von Einzelfragen läuft das Gesundheitssystem regelmäßig zur Höchstform auf und produziert technokratisch-kleinteilige, oft inkohärente und in vielen Fällen selbst für Fachleute unüberschaubare Regulierungen. Fehlanzeige herrscht dagegen bei strategischen Konzepten, die das System in einer alternden Gesellschaft mit immer mehr multimorbiden, chronisch kranken Menschen strukturell zukunftsfähig machen, wie die Situation der beruflichen Pflege zeigt. Bezeichnend für den massiv eingeschränkten und weitgehend aufgegebenen Gestaltungsspielraum im Gesundheitswesen ist, dass das Amt des Bundesgesundheitsministers unter Politiker:innen eher als unbeliebt und riskant gilt – und das obwohl Gesundheit für die überwältigende Mehrheit der Menschen der zentrale Wert ist.

Das hat eindrücklich die soeben abgeschlossene Reformdebatte der Robert Bosch Stiftung bestätigt, bei der fast 700 Bürger:innen und 140 Expert:innen aus Wissenschaft und Praxis über drei Jahre hinweg in vielfältigen Dialogformaten den überfälligen Umbau des Gesundheitssystems diskutierten. Das dabei entwickelte Grundsatzpapier – „Neustart! Zukunftsagenda – für Gesundheit, Partizipation und Gemeinwohl“ – ist ein eindeutiges Plädoyer für ein solidarisches, zukunftsfähiges und patientenorientiertes Gesundheitswesen. Notwendig ist die radikale Neuausrichtung des Systems auf Prävention und soziale Gesundheit im Sinne einer vorsorgenden Gesundheitspolitik. Denn nur wenn Prävention den gleichen Stellenwert genießt wie die Behandlung manifester Erkrankungen, kann der Paradigmenwechsel vom „Krankheitssystem“ zum Gesundheitssystem gelingen. Das Papier richtet sich an die nächste Bundesregierung.

Dezentralisierte Primärversorgung

Die Grundbausteine dieses neu aufzustellenden Gesundheitswesens sind Primärversorgungszentren, wie sie in etlichen Ländern bereits sehr erfolgreich etabliert sind. In diesen Zentren arbeiten (Haus)Ärzt:innen und Gesundheitsberufe, Sozialberater:innen und Anbieter:innen ehrenamtlicher Hilfs- und Betreuungsdienste interdisziplinär und multiprofessionell zusammen. Als lebendige, kommunal gut eingebundene und niederschwellige Orte in ihrer Region leisten Primärversorgungszentren medizinisch-pflegerische Betreuung ebenso wie Gesundheitsförderung und Prävention und haben das Potenzial, die immer größer werdenden Lücken der ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum – aber nicht nur dort – zu schließen (die Robert Bosch Stiftung fördert bereits seit einigen Jahren 13 solcher modellhaften Zentren in ganz Deutschland unter dem Namen PORT – Patientenorientierte Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung, die einem mehrdimensionalen Verständnis von Gesundheit verpflichtet sind).

In den Kreisen, Städten und Gemeinden verankert, müssen diese mehr Autonomie und Verantwortung für die Planung, Gestaltung und Steuerung der Gesundheitsstrukturen erhalten und entsprechend befähigt werden, ihre neue Aufgabe auszufüllen. Dem öffentlichen Gesundheitsdienst kommt dabei eine besondere Rolle zu, indem er digitale Daten generiert, vorhält, auswertet und verknüpft, um die Versorgung auf die spezifischen Bedürfnisse der Bevölkerung in der Regionen zuzuschneiden. Ein neu aufzustellendes „Nationales Zentrum für öffentliche Gesundheit“ koordiniert und vernetzt regionale Bemühungen und Ansätze bundesweit im Sinne eines Public-Health-Ansatzes: d.h. es geht darum, übergreifend den Gesundheitszustand einer Region im Blick zu behalten, statt nur auf die Zahl von Ärzten oder Krankenhäusern zu schauen.

Wann, wenn nicht jetzt, da Corona die strukturellen Mängel des deutschen Gesundheitssystems einmal mehr offengelegt hat, wäre die Gelegenheit, in einer kollektiven Anstrengung den Neuanfang zu wagen? Worauf sollen Versicherte und Patient:innen noch warten? Wir haben keine Zeit zu verlieren und dürfen uns nicht im Klein-Klein der Novellierungen hier und dort aufreiben. Gefragt ist jetzt der Mut, ohne Rücksicht auf überkommene Sektorengrenzen und Besitzstände die Versorgungslandschaft neu aufzubauen.