„Es gibt keine Ausreden mehr“

Die Fernsehproduktion „Anthropozän“ hat den ersten Silbersalz Science & Media Award als beste internationale Dokumentationsreihe erhalten. ZDF-Moderator Dirk Steffens spricht im Interview darüber, was Fernsehzuschauer heute wollen, was noch bedrohlicher ist als der Klimawandel – und wieso er Optimist bleibt, obwohl er seit 30 Jahren Augenzeuge von Umweltzerstörung ist.

Eva Wolfangel | Oktober 2020
ZDF/Ryan Chatfield

In Australien forschen Wissenschaftler an besonders widerstandsfähigen Korallen, um die Riffe am Leben zu erhalten.

Herr Steffens, herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung Ihrer Filmreihe „Anthropozän“. Das ist ein mutiger Name für eine Fernsehdokumentation – ein Fremdwort, das für viele Menschen vermutlich abstrakt ist. Wieso haben Sie ihn dennoch gewählt?

Dirk Steffens: In der Tat widerspricht der Titel allem, was ich einst an der Journalistenschule gelernt habe. Abstrakte Fremdwörter im Titel sind eigentlich tabu. Aber womöglich ändert sich da gerade etwas: Wir beobachten, dass das Interesse an komplexen, tiefergehenden Informationen gestiegen ist. Ein Tierfilm, der noch vor 20 Jahren das Nonplusultra war, genügt dem Publikum heute nicht mehr. Wir merken das gerade an Terra X, was ein Familienprogramm ist: Themen durften oft nicht zu schwergängig sein. Doch jetzt steigen die Quoten für Sendungen, die Anthropozän heißen, oder „Migration“ oder „Evolution“. Die Menschen, vor allem das jüngere Publikum, wollen heute auch Einordnung. Sie wollen keine seichte Berieselung mit Wohlfühlwissen, sie haben einen höheren Anspruch.

Können Sie den Begriff Anthropozän für uns einordnen?

Was würde ein außerirdischer Archäologe in 100 Millionen Jahren über uns lernen, wenn er die entsprechende Gesteinsschicht ausgräbt? Was hat dieses Zeitalter am meisten geprägt? Er würde sehen, dass sich die Gesteinsschicht in diesem Zeitalter massiv verändert, neue Stoffe tauchen auf, es finden sich auf einmal sehr viele Hühnerknochen, aber viel weniger Knochen von Wildvögeln, die Vielfalt der Arten geht zurück. Und vieles mehr. Die treibende Kraft hinter diesen Veränderungen ist der Mensch. Das Anthropozän ist das Zeitalter des Menschen.

Ulip photography

Dirk Steffens, geboren 1967 in Stade, ist Wissenschaftsjournalist und Moderator der Dokumentationsreihe Terra X. Zudem ist er UN-Botschafter für die Dekade biologische Vielfalt. Seit über einem Vierteljahrhundert unternimmt er Expeditionen in alle Regionen der Welt, um über die Natursysteme der Erde zu berichten. Er ist überdies Mitbegründer der Biodiversity Foundation, die eine Petition zur Aufnahme des Artenschutzes ins Grundgesetz auf den Weg gebracht hat. Für seine Verdienste erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Bayreuth.

Inwiefern ist die Erkenntnis, dass wir in einem neuen Zeitalter leben, relevant?

Wir befinden uns in einem tiefgreifenden Wandel in der Zivilisationsgeschichte der Menschheit. Mit der Art, wie wir leben, greifen wir tief in die Ökosysteme ein. All das, was wir jeden Tag kostenlos von diesem Planeten bekommen und was es uns überhaupt erst ermöglicht, hier zu leben – wie Atemluft, Trinkwasser und fruchtbare Böden – sind Ökosystemleistungen. Und wir zerstören diese gerade. Im Film zeigen wir das an verschiedenen Stellen. Beim Boden beispielsweise: Durchschnittlich ist unser Planet von nur etwa 30 Zentimeter Erde bedeckt. Sie machen den Unterschied zwischen Leben und Tod aus: Auf dieser Erde können wir Nahrungsmittel anbauen. Gleichzeitig vernichten wir Milliarden von Tonnen fruchtbaren Bodens durch Chemie oder menschengemachte Erosion. Es gibt hunderte solcher Beispiele, wie wir solche Kreisläufe zerstören, obwohl sie die Grundlage unseres Lebens sind.

Ein weiteres dieser Beispiele ist Wasser. Diesem Thema haben Sie einen eigenen Serienteil gewidmet, in dem Sie auch den Klimawandel thematisieren. Was ist seine Rolle im Anthropozän?

Es ist falsch zu glauben, dass alles gut ist, wenn wir nur den Klimawandel in den Griff kriegen. Stellen Sie sich den Klimawandel vor wie einen platten Reifen am Auto. Wenn wir die biochemischen Kreisläufe kaputt machen, dann hat das Auto hingegen einen Totalschaden. Das zu stoppen, ist die wichtigste Aufgabe der Menschheit in diesem Jahrhundert. Alle anderen Probleme wie beispielsweise die Bedrohung von Freiheit und Demokratie sind nachrangig. Zu glauben, etwas anderes sei wichtiger, ist ein politisches Grundmissverständnis.

Inwiefern haben 30 Jahre als Umweltjournalist Sie zu dem gemacht, der Sie heute sind?

Ich bin Augenzeuge der Umweltzerstörung. Ich fahre seit 30 Jahren in Gebiete und sehe, wie sie sich verändern. Ich kann den Verfall des Great Barrier Reef mit Schnappschüssen meiner Drehreisen belegen. Ich treffe auf meinen Recherchen hunderte Feldforscher, die mir alle sagen: „Wir haben keine Zeit mehr, wir müssen jetzt handeln.“ Wenn ich weghören würde, wäre ich ein schlechter Journalist. Ich bin einst Naturfilmer geworden, weil ich über die Schönheit der Natur berichten wollte. Jetzt fühle ich mich mehr wie ein Kriegsberichterstatter. Ich stehe oft vor rauchenden Trümmern.

Jeder kann etwas tun, ganz machtlos ist niemand. Das fängt schon beim Einkauf im Supermarkt an.

Es ist nicht einfach, Menschen zu umweltfreundlichem Verhalten zu motivieren. Sind Sie optimistisch, dass Ihre Botschaft ankommt?

Eigentlich wissen wir ja, was zu tun ist. Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Handlungsproblem – und das ist eine sensationell gute Nachricht. Stellen Sie sich vor, wir wären bedroht und wüssten nicht, was zu tun ist. Wir als Journalisten müssen die richtigen Handlungsimpulse setzen. Das Medium Film hilft uns dabei: Wir können viel stärkere Emotionen wecken, als es reiner Text vermag. Wir müssen damit natürlich verantwortungsvoll umgehen. Ich bin auch optimistisch, weil ich sehe, dass sich die jüngeren Generationen für die Umwelt einsetzen. Und nicht zuletzt bin ich optimistisch, weil der Philosoph Karl Popper gesagt hat: „Optimismus ist Pflicht.“ Jeder kann etwas tun, ganz machtlos ist niemand. Das fängt schon beim Einkauf im Supermarkt an. Wenn du die Welt verändern willst, verändere dich. Es gibt keine Ausreden mehr.