Internationale Klimapolitik

„Unsere Erde hat hohes Fieber“

Die ehemalige Außenministerin Ecuadors und Präsidentin der UN-Vollversammlung María Espinosa hat viel Erfahrung in der internationalen Klima- und Umweltdiplomatie. Hier erklärt die Fellow der Robert Bosch Academy, warum all die internationalen Abkommen zum Umweltschutz noch nicht ausreichend wirken und wie die Zivilgesellschaft helfen kann, dies zu ändern.

Interview
Mia Raben
Bilder
Getty Images, dpa Pictures

Frau Espinosa, vor fast 30 Jahren fand der „Earth Summit“ in Rio de Janeiro statt, bei dem sich die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung austauschten. Er gilt als Startpunkt für die globale Klima- und Umweltpolitik...

María Espinosa: Der Nachhaltigkeitsgedanke, wie wir ihn heute kennen, ist sogar noch älter. Anfang Juni dieses Jahres findet in Schweden das „Stockholm+50“-Treffen statt, mit dem an die erste UN-Umweltkonferenz erinnert wird: Im Jahr 1972 diskutierten Vertreter:innen von 130 Staaten und der Zivilgesellschaft über den Schaden, den wir Menschen mit unserem Leben und Wirtschaften an der Umwelt verursachen. Und sie diskutierten, dass auf globaler Ebene etwas dagegen getan werden muss. Die damals verabschiedete Erklärung war der erste Appell an die Menschheit, ein Entwicklungsmodell anzustreben, das die Ökosysteme und damit unsere Lebensgrundlage bewahrt. Es war gewissermaßen der Gründungsmoment der internationalen Umweltpolitik.

War der „Earth Summit“ dann gar nicht so zentral?

Durch die Konferenz in Rio 1992 kamen einige zentrale Umweltabkommen zustande: die Erklärung zu Umwelt und Entwicklung, die Klimarahmenkonvention, die Biodiversitätskonvention und das Übereinkommen zur Bekämpfung der Wüstenbildung. Nur auf ein verbindliches Abkommen zum Thema Wald hat man sich bis heute nicht einigen können. Es gibt inzwischen mehr als 250 multilaterale Abkommen zum Umweltschutz. An Abkommen mangelt es nicht. In einigen Berichten wird sogar von mehr als 2.000 regionalen und subregionalen Instrumenten gesprochen.

María Fernanda Espinosa Garcés

Die heute 57-Jährige war Außen- und Verteidigungsministerin von Ecuador und Präsidentin der UN-Generalversammlung. Seit 2021 ist sie Fellow der Robert Bosch Academy.

Woran mangelt es dann?

Der Schlüssel liegt darin, die Vereinbarungen einzuhalten und Verantwortung zu zeigen. Unsere Produktionsweise und unser Konsumverhalten haben sich nicht grundlegend geändert. Es ist das Paradox unserer Zeit: Wir wissen, dass wir als Spezies existenziell bedroht sind – und trotzdem sind wir nicht in der Lage, die von uns selbst unterzeichneten Verpflichtungen einzuhalten. Ich frage mich manchmal, was mit unserem Selbsterhaltungstrieb geschehen ist?

Am 9. Mai startet in Abidjan, Cote d'Ivoire, die große Konferenz der UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung. Sie haben viele solcher Gipfeltreffen erlebt. Wie kann es gelingen, deren Abkommen besser umzusetzen?

Was wir jetzt brauchen, sind vor allem Kooperation und klare gemeinsame Ziele. Und eine bessere Kommunikation zwischen den Entscheidungsträger:innen in Politik und Wirtschaft, der wissenschaftlichen Gemeinschaft und den Menschen, die an der Basis arbeiten. Die Stimmen der Menschen, die vor Ort leben, die Bewahrer, müssen lauter werden – und die anderen Gruppen müssen sie auch hören wollen. Wir haben einen gemeinsamen Fahrplan, Ziele für nachhaltige Entwicklung und buchstäblich Hunderte von Umweltvereinbarungen. Wir sollten jetzt handeln.

Was man über die COP15 in Abidjan wissen muss

Das Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD) ist das einzige völkerrechtlich verbindliche Übereinkommen zu Fragen der Landnutzung und Landverödung. 197 Vertragsparteien wollen hier Methoden und Standard guter Landnutzung etablieren, die auch die Widerstandsfähigkeit gegen den Klimawandel stärken und dem Verlust der biologischen Vielfalt entgegenwirken. Die UNCCD hat ihr Sekretariat in Bonn.

Das Thema der 15. Konferenz der Vertragsparteien (COP15) lautet „Land, Leben und Vermächtnis: Von der Knappheit zum Wohlstand“. Sie findet vom 9. bis 20. Mai in Abidjan in Côte d‘Ivoire statt. „Die Pflege von Land ist mehr als eine Frage des Naturschutzes, sie ist eine existenzielle Frage“, sagt UNCCD-Exekutivsekretär Ibrahim Thiaw. Auf der COP15 sollen Maßnahmen zur Erhöhung der Investitionen in die Wiederherstellung von Land und zur Bewältigung von Dürren beschlossen werden. Außerdem werden unter anderem Landrechte insbesondere von Frauen thematisiert. Die offiziellen Verhandlungen werden durch eine Vielzahl von zusätzlichen Veranstaltungen, auch mit Beteiligung der Robert Bosch Stiftung, begleitet.

Die Robert Bosch Stiftung arbeitet mit lokalen und internationalen Partnerorganisationen in Subsahara-Afrika zusammen, um Wege zu einer klimaresilienten Entwicklung sowie regenerative, gerechte Modelle der Landnutzung und Ernährungssysteme zu unterstützen, die nachhaltige Einkommensmöglichkeiten in ländlichen Gebieten schaffen. Im Fokus unserer Arbeit stehen die Wiederherstellung (Restoration) degradierter Gebiete, der gerechte Zugang zu Landbesitz und Landnutzungsrechten sowie Beteiligungsformate, um Interessenkonflikte zu lösen und Synergien zu ermöglichen.

Die Trockengebiete dieser Erde sind extrem komplexe, empfindliche und sich stetig wandelnde Ökosysteme. Dort werden große Mengen der weltweiten Nahrungsmittel erzeugt, und sie sind Heimat für mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung. Lokale Gemeinschaften und örtliche Wissensträger verfügen über ein großes Potenzial für die Erarbeitung von Konzepten für klimaresiliente und nachhaltige Landnutzung. Wir wollen sicherstellen, dass die Stimmen dieser Gruppen auf regionaler und internationaler Ebene – unter anderem bei den UNCCD- und UNFCCC-Konferenzen – repräsentiert sind und sie die Ressourcen bekommen, die sie für die Umsetzung lokaler Lösungen benötigen.

Wie könnte eine so tiefgreifende Kooperation der verschiedenen „Communitys“ erreicht werden?

Zentral sind auch hier Übernahme von Verantwortung und Mechanismen zur Einhaltung der Vorschriften. Als erstes braucht es einen globalen Gesellschaftsvertrag zugunsten der Natur mit klaren Vorgaben, wer was machen muss. Es geht nicht nur um Regierungen. Auch die Gesellschaft, auch Unternehmer:innen, Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen, alle müssen ihren Teil der Verantwortung übernehmen. Das Zweite sind Haftungsmechanismen, wie beispielsweise Klimaklagen, die vor den Verwaltungs- und Verfassungsgerichten verhandelt werden müssen. Drittens brauchen wir einen ganzheitlichen Blick auf die Umweltkrise: Aktuell betrachten wir die Ökosysteme der Meere getrennt von den Wäldern, die Ausbreitung der Wüsten getrennt von einer nachhaltigen Strategie gegen den Wassermangel, Biodiversitätspolitik getrennt von den Bemühungen zur Anpassung an den Klimawandel – das ist eine sehr westliche Herangehensweise. Die Natur kennt solche Grenzen nicht. Ökosysteme sind miteinander verbunden.

Ein guter Punkt. Mangelhaftes Management der Ressource Land spielt in allen drei Rio-Konventionen eine Rolle. Wie kann ein ganzheitlicher Ansatz erreicht werden?

Eine interessante Initiative ist beispielsweise der Global Pact for the Environment. Die UN-Generalversammlung hat 2018 entschieden, die Verhandlungen darüber voranzutreiben, aber der Prozess ist eingefroren, und ich hoffe wirklich, dass er wieder in Gang kommt. Der Pakt würde eine Art normatives und kohärentes Dach für alle bestehenden Konventionen bieten, und er würde die politischen und strategischen Bemühungen und Investitionen der Länder erleichtern. Leider sind die Staats- und Regierungschefs der Aufforderung der UN-Generalversammlung nicht nachgekommen, weitere Schritte in diese Richtung zu unternehmen. Ich hoffe, dass „Stockholm+50“ den Global Pact wiederbeleben kann. Ich sage immer, der Klimawandel ist kein Problem, er ist ein Symptom. Wie ein Fieber. Wenn Sie Fieber haben, stimmt etwas mit Ihrem Körper nicht. Und die Erde ist unser Körper. Was wirklich nicht funktioniert, ist unser so verbrauchsintensives wie ungleiches Entwicklungs- und Wirtschaftsmodell.

Wie können wir die Erde heilen, wenn der politische Wille fehlt? 

Es stimmt, dass der politische Wille oft fehlt. Aber denken Sie einen Moment lang an ein Land wie meine Heimat Ecuador. Mehr als 40 Prozent der Exporte des Landes entfallen auf die Ölindustrie. Wenn Sie Präsidentin von Ecuador wären und Lehrer:innen und Ärzt:innen bezahlen müssten, mehr in die Infrastruktur investieren müssten, würden Sie den Ölexport angesichts der explodierenden Preise durch den Ukraine-Krieg nicht auch steigern? Ärmere Länder und der Globale Süden müssen hier sehr schwierige Entscheidungen treffen. Gleichzeitig geben die G20-Länder Billionen US-Dollar gegen die Folgen der Corona-Pandemie aus, und nur sehr wenig davon fließt in die armen Länder des Globalen Südens und den dringend benötigten ökologischen Wandel. Laut der OECD können nur 17 Prozent der Konjunkturprogramme der Industrieländer als „grün“ bezeichnet werden. Ich will damit zwei Dinge sagen: Erstens ist es jetzt an den G20-Ländern, bei sich daheim wie weltweit mehr in Klimaschutz zu investieren – vor allem in den Ländern, die durch den Klimawandel besonders verletzlich sind. Und zweitens ist die Klimakrise auch ein Symptom der globalen, sektorübergreifenden Ungleichheit, die wir aus einer ganzheitlichen, vernetzten Perspektive angehen müssen. 

COP26-Gespräche im schottischen Glasgow.
Indigene Aktivistinnen demonstrieren für mehr Klimaschutz rund um den COP26 in Glasgow.
Austausch und Proteste: 2021 trafen sich Politiker:innen und Klimaschützer:innen auf der UN-Klimakonferenz im schottischen Glasgow.

Welche Rolle können dabei lokale und indigene Gruppen einnehmen?

Am Anfang meiner beruflichen Laufbahn hatte ich das Privileg, mit indigenen Völkern im ecuadorianischen Amazonasgebiet zusammenzuleben. Viele Lösungen, zum Beispiel zu nachhaltigem Wassermanagement oder der Bewahrung von Biodiversität, kommen aus diesen lokalen Gemeinschaften. Aber die Möglichkeiten dieser Gemeinschaften, auf nationalen und internationalen Bühnen gehört zu werden, sind sehr begrenzt. Dabei brauchen wir diese Stimmen und diese Erfahrungen sehr dringend, um kluge Entscheidungen auf allen Ebenen treffen zu können. Deshalb müssen wir auf internationaler Ebene Räume für Beteiligung schaffen und dann auch handeln. Worauf warten wir? Fast 170 Länder der Welt sind mittlerweile von Dürre und Trockenheit betroffen. Wir müssen handeln, und zwar schnell.

Wo auf der Welt sieht man das Ausmaß dieser Dürre am deutlichsten? 

Ich war kürzlich in der Region des austrocknenden Tschadsees, der sich zwischen Kamerun, Tschad, Nigeria und Niger befindet. Dieser See stirbt als Folge des Klimawandels. Hunderttausende Menschen fliehen vor der Trockenheit, vor allem Frauen. Und mit der Trockenheit kommen Hunger und Konflikte. Hier sieht man die Geschlechterdimension des Klimawandels. In der Regel müssen überall dort, wo Wasserknappheit herrscht, Frauen schwere Wassercontainer kilometerweit schleppen. Es tut weh, das mitanzusehen. Und die Welt, wir alle, helfen nicht genug.

Was entgegnen Sie den Menschen, die sagen, es sei für die großen Veränderungen jetzt ohnehin schon zu spät?

Ich denke nicht, dass wir uns den Luxus des Pessimismus leisten können. Es ist ein trostloses Szenario und ein schwieriger Moment für die Menschheit. Dabei brauchen wir Hoffnung und Lösungen. Wir brauchen die Stimmen und die Macht der Menschen, Führungsqualitäten, verantwortungsvolle und fürsorgliche Politiker:innen, die an die nächste Generation denken und nicht an die nächsten Wahlen. 

Denken Sie, dass das Ausmaß der Krise der Mehrheit der Menschen bewusst ist?

Glauben Sie mir, die Frauen in Niger oder Burundi wissen besser als jede:r Wissenschaftler:in, was mit ihrer Umwelt passiert – und warum sie so weit laufen müssen, um an Wasser zu kommen. Wir alle wissen, was zu tun ist. Es sind unsere mangelnde Entschlossenheit und das Umsetzungstempo, die in Wirklichkeit eine soziale und ökologische Katastrophe anheizen. Neben der Umweltkrise haben wir es mit einer Wertekrise zu tun. Zu häufig werden heute Entscheidungen durch Gier, persönliche Interessen und Egoismus geleitet. Was wir aber brauchen sind Solidarität, Empathie, Großzügigkeit, im Grunde das Konzept radikaler Liebe, wie ich neulich von einer weisen Person gelernt habe.

Wir brauchen dringend eine neue Erzählung, um besser erklären und verstehen zu können, was mit unseren Gesellschaften in diesem vom Mensch geprägten Zeitalter geschieht. Erst danach kann man die richtigen Entscheidungen treffen. Wissen Sie, ich glaube fest an die Macht der Worte. Was uns als Menschen von anderen Arten unterscheidet, ist die Sprache. Unsere Fähigkeit, Gefühle in Sprache zu übersetzen. Auch unsere Wut. Diese Macht müssen wir nutzen, um eine andere Wirklichkeit zu erschaffen. Ich lese immer wieder die Gedichte von Maya Angelou. Einmal sagte sie auf einer Lesung in New York: „Wenn du die Welt verändern willst, dann versuche, niemals normal zu sein.“

Verlieren Sie manchmal die Hoffnung?

Es gibt schon Momente der Enttäuschung und sogar der Depression, ja. Eine Viertelmilliarde Menschen lebt in extremer Armut. Wenn ich sehe, wie viele Menschen hungern, während gleichzeitig Tonnen von Lebensmitteln verschwendet werden. Die Corona-Impfquote in Afrika liegt noch immer bei sieben bis acht Prozent, während ich bald meine vierte Impfung bekomme. Manchmal denke ich an all die Stunden, die ich gearbeitet habe, und frage mich, ob es das wert war. Die moralischen und ethischen Dimensionen der Ungleichheit machen mir Angst. Wie kann man das Sterben von Menschen in alten und neuen Konflikten, das Sterben an vermeidbaren Krankheiten oder an Hunger rechtfertigen oder erklären? Trotzdem sollten wir nicht zulassen, dass uns Verzweiflung lähmt. Wir alle haben die Verantwortung zu handeln. Wir müssen die Hoffnung und den moralischen Kompass bewahren, um den Weg fortzusetzen. 

Und was hilft Ihnen in solchen Momenten?

Die Poesie. Sie ist für mich das wirkungsvollste Schmerzmittel.

 

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