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"So haben Integrationsprojekte eine größere Wirkung"

Einwanderung ist in vielen Ländern ein brisantes Thema – und überall gibt es zivilgesellschaftliche Akteur:innen, die sich für inklusivere Gesellschaften einsetzen. Das Projekt „Shaping Inclusive Societies“ bringt Integrationsexpert:innen aus Marokko, Kanada und Deutschland zusammen. Im Interview berichten drei von ihnen, wie der internationale Austausch ihre Arbeit voranbringt. 

Interview
Sabine Fischer
Bilder
SINGA Deutschland

Im Interview

Omar Assou

Geschäftsführer der marokkanischen Organisation „Association of Youth Tamdoult for Culture and Development“. Sie fördert Projekte für zugewanderte und lokale Unternehmer:innen. 

Tülay Ates-Brunner

Geschäftsführerin der „Tür an Tür Integrationsprojekte gGmbh" in Augsburg, die daran arbeitet, lokale Medien für die Themen Diskriminierungen und Rassismus zu sensibilisieren. 

Laura Branner

Koordinatorin des Projekts „Lethbridge Local Immigration Partnership“ in Kanada. Die Initiative will die Finanzkompetenzen Zugewanderter verbessern, damit diese finanzielle Unabhängigkeit erreichen können.

Was zeichnet die Einwanderungsgesellschaften in Marokko, Kanada und Deutschland aus – und an welchen Lösungsansätzen arbeiten Sie?

Omar Assou: Ich arbeite in der Stadt Agadir in Marokko. Vor allem für Menschen aus der Subsahara waren wir lange ein Transitland auf dem Weg nach Europa. Inzwischen bleiben aber immer mehr von ihnen hier, arbeiten in der Landwirtschaft und bauen sich Gemeinschaften auf. Für uns ist das eine neue Erfahrung – meiner Meinung nach eine, die die marokkanische Gesellschaft um neue Perspektiven bereichert, von Menschen mit anderen Werten. Aber diese Sichtweise müssen wir in der Gesellschaft erst noch verankern. Deshalb arbeiten wir im Bereich des zivilgesellschaftlichen Engagements und wollen die Vermittlung von Migrant:innen auf dem Arbeitsmarkt verbessern.

Laura Branner: Im Gegensatz dazu ist Kanada ein klassisches Einwanderungsland, das Migrant:innen von überallher willkommen heißt. Doch angesichts einer Wirtschaft im Abwärtstrend gehen die Menschen hier immer mehr in die Defensive. Wir müssen also daran arbeiten, die Gruppen besser zusammenzubringen. Ich koordiniere ein Projekt namens „Lethbridge Local Immigration Partnership“. Unser oberstes Ziel ist es, unsere Stadt inklusiver und einladender zu machen. Die Erwerbstätigkeit von ausländischen Fachkräften ist ein großes Thema, vor allem weil ausländische Qualifikationen und Arbeitserfahrung auf dem Arbeitsmarkt in Kanada oft nicht anerkannt werden.  

Tülay Ates-Brunner: Ähnliche Muster sehe ich auch in Deutschland. Augsburg, wo ich arbeite, ist eine sehr diverse Stadt in einem eher konservativen Umfeld. Fast 50 Prozent der Bevölkerung hier hat einen Migrationshintergrund. Eine unserer größten Herausforderungen: der Fachkräftemangel auf der einen Seite und Migrant:innen ohne passende Qualifikationen auf der anderen. Das Problem, dass ausländische Qualifikationen nicht anerkannt werden, ist für unsere Arbeit zentral. Grundsätzlich ist die Frage, wie wir in einer diversen Gesellschaft gut zusammenleben können, extrem wichtig. Deshalb arbeiten wir zum Beispiel an einem Projekt, das die Art und Weise verändern will, wie Diversität in den Medien und im öffentlichen Raum wahrgenommen wird. 

Shaping Inclusive Societies - Interview /Bild-in-Text

Unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen: Teilnehmende des Programms "Shaping Inclusive Societies"

Wie fördert das Programm “Shaping Inclusive Societies” Ihre Arbeit? 

Tülay Ates-Brunner: Das Programm bringt meine Arbeit wirklich voran. Mich mit Menschen zu vernetzen, die dieselben Werte teilen und an ähnlichen Herausforderungen arbeiten, hat mir viele neue Impulse gegeben. Nach einem Austausch habe ich zum Beispiel eine Idee, die mein Team und ich hatten, komplett neu überdacht. Es ging dabei um eine Social-Media-Kampagne, bei der verschiedene Religionen ihre Feiertage und Rituale vorstellen sollten. Im Gespräch mit den anderen Teilnehmenden von „Shaping Inclusive Societies“ ist mir klar geworden, dass diese Kampagne eher Stereotype verfestigen könnte. Ich schätze diesen Input sehr.

Laura Branner: Ich sehe das genauso. Jedes Mal, wenn wir uns treffen, nehme ich etwas Neues mit und blicke aus einer neuen Perspektive auf die Dinge. 

Omar Assou: Außerdem schätze ich es sehr, dass die Teilnehmenden Zeit investieren, um sich mit der Lebenswelt der anderen auseinanderzusetzen und sie darin unterstützen, etwas zu verbessern. Meine Projekte sind durch den Austausch bei "Shaping Inclusive Societies" enorm gewachsen – von kleinen Initiativen hin zu international vernetzten Projekten. Als ich von unserem Programmtreffen aus Essaouira, Marokko, zurückkam, habe ich umgesetzt, was wir dort erarbeitet hatten. Vorher waren wir eine kleine, einzelne Gemeinschaft, aber jetzt ist alles möglich. So haben Projekte eine größere Wirkung.

Tülay Ates-Brunner: Wir haben sogar überlegt, eine Allianz zwischen Marokko, Deutschland und Kanada zu gründen. Vor ein paar Wochen hatten wir ein virtuelles Meeting dazu. Wir leben in einer globalen Welt: Was in Marokko passiert, hat Einfluss auf Deutschland oder Kanada. Ein Gesetz zur Einwanderung von Fachkräften in Deutschland kann zum Beispiel die Entscheidung vieler Menschen in Marokko beeinflussen, in welches Land sie als Fachkraft emigrieren wollen. In den Bereichen, in denen wir arbeiten, ist es sehr wichtig, international vernetzt zu sein.

Shaping Inclusive Societies - Interview /Bild-in-Text 2

Austausch in beeindruckender Atmosphäre: Bei einer Tagung im marokkanischen Essaouira haben die Teilnehmenden ihre Projekte gemeinsam weiterentwickelt.

Kulturelle Diversität kann eine große Chance für eine Gesellschaft sein, birgt aber auch Herausforderungen. Was sind die größten Hürden, wenn es darum geht, wirklich inklusive Gesellschaften zu gestalten? 

Tülay Ates-Brunner: Wir müssen Narrative neu schreiben und für ein Gleichgewicht sorgen – das ist schwierig. Wir arbeiten zum Beispiel mit Hochdruck daran, das Narrativ des Rassismus auszulöschen, trotzdem ist es noch da. Durch meine Arbeit sehe ich, dass Eingewanderte oft nicht denselben Status haben wie Menschen, die schon seit Jahrzehnten hier leben. Um wirklich inklusive Gesellschaften zu schaffen, müssen diese Menschen offen sein für ein neues Mindset und Privilegien aufgeben.

Laura Branner: Das sehe ich auch so. Ich bin in einem Arbeiterbezirk mit vielen verschiedenen Nationalitäten, Akzenten und Hautfarben groß geworden. Wenn ich heute daran zurückdenke, erinnere ich mich nicht an Rassismus oder Stereotype – nur an Menschen, die miteinander gelebt, gearbeitet und sich gegenseitig unterstützt haben. Was ich durch meine Arbeit heute erlebe, ist ganz anders, und es war ein Schock für mich, zu sehen, wie Menschen miteinander umgehen. Um als Gesellschaft wirklich inklusiv zu sein, müssen wir schwierige Diskussionen anstoßen, für mehr Wissen sorgen und Wege schaffen, um Menschen nachhaltig miteinander zu vernetzen.

Omar Assou: Wir müssen unsere Gemeinsamkeiten zu schätzen wissen und unsere Unterschiede feiern. Wir sollten uns klarmachen, dass wir keine Kopien voneinander sein müssen. Wir müssen mit den Unterschieden, die wir nun einmal haben, leben – und sie als etwas sehen, das uns als Individuen einzigartig macht.

Das Programm "Shaping Inclusive Societies"

Mehr zum Projekt

“Shaping Inclusive Societies“ unterstützt die Gestaltung inklusiver Einwanderungsgesellschaften, in denen alle Menschen ihr volles Potenzial entfalten können. Das Programm vernetzt Integrationsexpert:innen aus Kanada, Deutschland und Marokko, die gemeinsam lokale Herausforderungen von Einwanderungsgesellschaften aus einer globalen Perspektive angehen. Das Programm zielt darauf ab, lokale, sektorübergreifende Teams zu stärken, die an Inklusion, Gleichberechtigung und der Vernetzung zwischen Neuankommenden und bereits Ansässigen arbeiten. „Shaping Inclusive Societies“ wird von SINGA Deutschland durchgeführt und von der Robert Bosch Stiftung gefördert. 

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