Potenziale der Digitalisierung nutzen

Pilotprojekte für eine bessere Gesundheitsversorgung

Dr. Ingrid Wünning Tschol leitet das Robert Bosch Center for Innovative Health (RBIH) am Bosch Health Campus in Stuttgart. In dieser Funktion wird sie in den nächsten Jahren Pilotprojekte für das Gesundheitswesen vorantreiben. Die Patientenwege durch das Gesundheitssystem zu optimieren und Erfahrungen mit den Potenzialen der Digitalisierung auszuwerten, gehört zu den ersten Arbeitsschwerpunkten ihres Teams.

Text
Paul-Philipp Hanske
Bilder
Getty Images, Plainpicture
Datum
18. Juli 2022

Frau Dr. Wünning Tschol, wie unterscheidet sich der Bosch Health Campus von anderen modernen Krankenhäusern in Deutschland?

Dr. Wünning Tschol: Der Bosch Health Campus (BHC) ist sehr viel mehr als ein Krankenhaus. Bei uns wird nicht nur Spitzenmedizin betrieben, sondern auch auf hohem Niveau geforscht und ausgebildet. Und es gibt uns, das Robert Bosch Center for Innovative Health, kurz RBIH, einen der Innovationstreiber für das Living Lab BHC. Hier werden in Zusammenarbeit mit sehr guten nationalen und internationalen Partnern neue Wege in der Gesundheitsversorgung ausprobiert. Der BHC profitiert von den Synergien seiner Aktivitäten und von seiner Nähe zur Robert Bosch Stiftung mit ihren globalen Themen und Netzwerken ebenso wie von den Kenntnissen des international agierenden Unternehmens Bosch. Der Mensch steht dabei stets im Mittelpunkt!

Dr. Ingrid Wünning Tschol

Sie leitet das Robert Bosch Center for Innovative Health am Bosch Health Campus. Die Biologin kam nach mehreren Jahren als Post-Doc am MIT in Boston und weiteren Stationen bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Bonn und der European Science Foundation in Strassburg 1999 zur Robert Bosch Stiftung. Ingrid Wünning Tschol ist Mitglied in zahlreichen nationalen und internationalen Gremien.

Wie sähe Ihrer Meinung nach eine optimale Versorgung der Patient:innen aus?

Am Bosch Health Campus verfolgen wir ganz unterschiedliche Ansätze wie etwa Translationale Forschung, also eine schnelle Übersetzung von Forschungsergebnissen in eine Behandlung am Krankenbett („bench to bedside“). Mir liegt am Herzen, dass wir Menschen optimal über das gesamte Versorgungskontinuum, von der Prävention bis zur Begleitung und Nachsorge einer medizinischen Therapie unterstützen. Große Chancen hierfür bietet das Fortschreiten der Digitalisierung. 

Was kann man sich darunter vorstellen?

Jeder Mensch muss Zugang zu Gesundheitsversorgung haben und sich im Gesundheitssystem orientieren können, am besten schon, bevor er krank wird. Das bedeutet: Prävention muss ein selbstverständliches Element der Gesundheitsversorgung werden. Wird eine Person dennoch krank, ist es unerlässlich, dass alles gut strukturiert und zugänglich dokumentiert ist und so alle Gesundheitsberufe, die an Diagnose, Therapie, Nachbehandlung und der Pflege beteiligt sind, den gesamten Menschen und seinen Gesundheitszustand samt Vorgeschichte möglichst schnell vollständig erkennen. 

Eine Gesundheitskarte wird übergeben
Wie vereint man die Datenschutz-Interessen der Patient:innen mit einer optimalen Dokumentation der individuellen Krankheitsgeschichte?

Ist das denn bisher nicht der Fall?

Leider nein. Das beginnt schon bei der Anamnese, der Erfassung der Beschwerden, der Vorgeschichte und der körperlichen Verfassung von Patient:innen. Nicht jeder potenzielle Patient versteht seinen Körper und die moderne Medizin in einem Maße, dass er den Behandelnden ein komplexes Bild von Anlagen und Vorgeschichte vermitteln kann. So bleiben wichtige Informationen über den Menschen auf der Strecke. Und es gibt ja auch oft Situationen, in denen Patient:innen gar kein Anamnese-Gespräch führen können, weil sie etwa bewusstlos sind. Da kann es lebensrettend sein, wenn die behandelnden Ärzt:innen sofort die Historie der Erkrankung, verabreichte Medikamente, Eingriffe und so weiter, einsehen können. Gleichzeitig profitiert das Gesundheitswesen davon, wenn so kostspielige Mehrfachuntersuchungen vermieden werden.  

Sie meinen redundante Röntgen- oder CT-Aufnahmen? 

Ja, das ist nur ein Beispiel. Zum einen ist es nicht gut, zu häufig Röntgenstrahlen ausgesetzt zu sein. Zum anderen fallen hunderte Euro an Kosten an. Besonders kostspielig wird es im Bereich der Genomanalyse, denn die menschliche DNA verändert sich ja nicht kurzfristig. Bei einer zunehmenden Zahl an Erkrankungen gehören diese Analysen schon zur Anamnese und das wird aufgrund der neuen Möglichkeiten der personalisierten Medizin noch stark zunehmen. Aber es macht offenkundig keinen Sinn, wieder und wieder das Erbgut einer Person zu sequenzieren. 

„Mir liegt am Herzen, dass wir Menschen optimal über das gesamte Versorgungskontinuum, von der Prävention bis zur Begleitung und Nachsorge einer medizinischen Therapie unterstützen.“

Zitat vonDr. Ingrid Wünning Tschol
Zitat vonDr. Ingrid Wünning Tschol

In Deutschland werden immer wieder Vorbehalte gegen die elektronische Patientenakte formuliert. Wie positionieren Sie sich in dieser Debatte?

Es muss klare Regeln geben: Die Daten gehören den Patient:innen, diese stellen sie dem medizinischen Betrieb zur Verfügung, um eine bessere Behandlung zu ermöglichen. Nach Einwilligung können sie – müssen aber nicht – auch für Forschungszwecke freigegeben werden. Eine kommerzielle Verwendung der Daten verbietet sich. Ebenso haben Patient:innen ein Recht darauf, dass Arbeitgeber oder Krankenkassen nichts von erblichen Krankheiten oder Risiken erfahren. Ich bin überzeugt, dass man mit derartigen Regeln und in einem offenen Gespräch die Bedenken der Menschen entkräften kann. Am Bosch Health Campus plädieren wir für einen aufgeklärten und potenzialorientierten Umgang mit Daten.

Was bedeutet das genau?

Wir alle hinterlassen freiwillig sehr persönliche Daten im Netz, etwa beim Online-Shopping, und nur die wenigsten wissen, was damit passiert. Viele Innovationen in der Medizin, etwa im Bereich der molekularen Tumortherapien, werden aber nur dann vorankommen, wenn viele Menschen anonym ihre gesundheitsrelevanten Daten zur Verfügung stellen. Das kann man als persönlichen Beitrag zur Gesundheitsversorgung der Gesellschaft betrachten. Es müssen also Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden, dass Datenspenden für die medizinische Forschung genauso selbstverständlich werden wie Blutspenden. 

Im Patient:innengespräch
Wie stellt man sicher, dass alle Ärzt:innen, Pfleger:innen und anderes medizinisches Personal alle wichtigen Informationen zur Verfügung hat?

Wie würde sich die elektronische Akte konkret auf die Verzahnung von Medizin und Pflege auswirken?

Hier sehen wir ein großes Innovationspotenzial und Vorteile für jeden einzelnen Menschen. So ist die Überlastung des Pflegepersonals nicht erst seit der Pandemie allgemein bekannt. Digitale Lösungen – etwa eine automatisierte Zusammenstellung der Medikation einzelner Patient:innen – könnten hier für eine echte Entlastung sorgen. Oder stellen Sie sich den Fall vor, dass Frau X in der Unfallchirurgie landet, weil sie aufgrund ihrer Herzrhythmusstörungen gestürzt ist und sich eine Oberschenkelhalsfraktur zugezogen hat. Das Pflegepersonal dort ist normalerweise nicht speziell darin geschult, auf andere Erkrankungen zu achten. Wenn dieses aber nun über die elektronische Patientenakte von Frau X konkrete Hinweise bekommt – etwa: doppelt so oft Blutdruck messen –, erleichtert das die Abläufe und erhöht die Patient:innensicherheit. Natürlich muss das Pflegepersonal über entsprechende digitale Kompetenzen verfügen. Zusammen mit der Careum-Stiftung bieten wir bereits Schulungsprojekte an, an denen auch Pflegepersonal aus dem Robert-Bosch-Krankenhaus teilnimmt. 

Was erwarten Sie sich von den Pilotprojekten am Bosch Health Campus?

Wir wollen damit nicht nur zum allgemeinen Erfolg unseres Krankenhauses, unserer Krankenpflegeschule und unseres Forschungsbetriebes beitragen, sondern dem Bosch Health Campus und seinen Partnern mit Pionierprojekten für ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem eine große Sichtbarkeit geben. Meine persönliche Vision ist, dass in fünf Jahren der Gesundheitsminister oder die Gesundheitsministerin von Berlin zu uns nach Stuttgart kommt, um sich die Gesundheitsversorgung der Zukunft in der Praxis bei uns anzuschauen – mit all den notwendigen Veränderungen, die die großen Herausforderungen verlangen. Dabei geht es nicht um unser Image. Wir wollen vielmehr Mitstreiter:innen aus Praxis und Politik dafür gewinnen, erfolgreich erprobte Pilotprojekte zum Wohle der Patient:innen auch anderswo umzusetzen und weiter zu denken. 

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