Diversität

Queerfeindlichkeit nimmt zu – jetzt zählt politisches Handeln

Mehr Angriffe, weniger Akzeptanz: Die Lage für queere Menschen in Deutschland verschärft sich. Was hinter den Zahlen steckt – und warum Politik und Gesellschaft jetzt Verantwortung übernehmen müssen: ein Beitrag von Chantal Müller von unserer Partnerorganisation LSVD⁺ und Ferdinand Mirbach aus unserem Team Demokratie.

Text
Chantal Müller und Ferdinand Mirbach
Foto
Miguel Zare Enriquez / Shutterstock
Datum
11. Juni 2026

Obwohl weiterhin eine deutliche Mehrheit queere Menschen akzeptiert, hat die Akzeptanz unterschiedlicher sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen – dies zeigen die Ergebnisse der repräsentativen Studie Vielfaltsbarometer der Robert Bosch Stiftung. Erreichte die Akzeptanz der Dimension „sexuelle Orientierung“ 2019 noch 77 von 100 Punkten, so lag der Wert 2025 bei nur noch 69 Punkten.

Balkendiagramm, das einen deutlichen Rückganz von Akzeptanz von Vielfalt bezüglich sexueller Orientierung, ethnischer Herkunft und Religion veranschaulicht

Auffallend zudem: Insbesondere gegenüber trans und nicht-binären Personen hat sich die Stimmung deutlich eingetrübt. Waren in der ersten Befragungswelle des Vielfaltsbarometers noch 11 Prozent der Ansicht, dass trans geschlechtliche Menschen unter sich bleiben sollten, waren es 2025 bereits 21 Prozent. Dass es wider die Natur sei, das Geschlecht zu ändern, fanden in der jüngsten Befragung 35 Prozent – 2019 waren es mit 23 Prozent deutlich weniger. 

Dazwischen wurde jahrelang das Selbstbestimmungsgesetz diskutiert, also der Zugang von trans, intergeschlechtlichen und nicht-binären Menschen zu einer niederschwelligen und selbstbestimmten Möglichkeit zur Anpassung von Geschlechtseintrag und Namen. Dabei hat transfeindliche Stimmungsmache extrem zugenommen – womöglich eine Erklärung dafür, wieso die Akzeptanz transgeschlechtlicher und nicht-binärer Menschen heutzutage niedriger ausfällt als noch 2019.

Angriffe gegen queere Menschen nehmen zu – und die Politik reagiert mit weniger Schutz anstatt mit mehr

Eine kritischere Haltung gegenüber queeren Menschen im Allgemeinen und trans und nicht-binären Personen im Besonderen zeigt sich nicht nur in Einstellungen, sondern auch in ganz konkretem Verhalten. 2025 wurden 2.084 queerfeindliche Straftaten offiziell registriert, das ist eine Verzehnfachung der gemeldeten Fälle seit 2010. Neben verbaler Hetze und Beleidigungen sind es dabei vor allem körperliche Angriffe, Bedrohungen und Sachbeschädigungen, die zunehmen. Im Jahr 2025 wurden über 70 Christopher Street Days (CSD) in Deutschland gestört oder waren Ziel von Angriffen, insbesondere durch rechtsextreme Gruppen.

Vor diesem Hintergrund wäre es umso dringlicher, konkrete Maßnahmen zur Stärkung und zum Schutz betroffener Personen zu ergreifen. Gleichwohl werden errungene Menschenrechte von LSBTIAQ* immer öfter in Frage gestellt. Der 2022 von der Ampelregierung verabschiedete Aktionsplan „Queer leben“ wurde durch die aktuelle Bundesregierung vorzeitig beendet – nachdem die AfD bereits 2024 den Stopp des Aktionsplans gefordert hatte. Die rechte Opposition bringt nunmehr weitere Anträge zur Einschränkung der Rechte queerer Menschen ein, wie zum Beispiel zur Aufhebung des Selbstbestimmungsgesetzes (SGBB) oder der Abschaffung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes.

Zum Begriff

LSBTIAQ*

Das Akronym LSBTIAQ* soll möglichst viele Facetten des queeren Spektrums abbilden. Es steht für lesbisch, schwul, bisexuell, trans und nicht-binär, intergeschlechtlich, a_spec (asexuell, agender oder aromantisch) und queer. Das * dient als Repräsentation weiterer Ausprägungen und Identitäten. 

Derweil werden in Bayern und Baden-Württemberg Verordnungen erlassen, um im Rahmen des SGBB die automatische Datenübermittlung an Sicherheitsbehörden möglich zu machen. Betroffene Menschen werden so zwangsgeoutet und stigmatisiert. Eine weitere Verordnung im Meldewesen auf Bundesebene ist zwar bislang gescheitert, aber dennoch führen diese Entwicklungen zu einem besorgten und ängstlichen Klima in LSBTIAQ* Communitys. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes meldet dementsprechend einen weiteren Anstieg an Beratungsanfragen von trans-, intergeschlechtlichen und nicht binären Personen.

Politik und Zivilgesellschaft können queeres Leben stärken – sie müssen nur wollen

Um den Schutz queeren Lebens in Deutschland zu gewährleisten, wäre es dringend notwendig, weitere Maßnahmen aus dem Aktionsplan „Queer leben“ umzusetzen. Grundlegend ist die Ergänzung des Artikel 3 des Grundgesetzes und damit der explizite Schutz aller LSBTIAQ*. Auch weitere Reformen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes und die Stärkung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gehören dazu.

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Darüber hinaus müssen Regenbogenfamilien durch eine Reform des Abstammungsrechts abgesichert und ein Zugang von trans und nicht binären Menschen zur Gesundheitsversorgung gewährleistet werden.

Neben rechtlichen Schritten zur Gleichstellung ist es wichtig, zivilgesellschaftliche Organisationen, Projekte und Initiativen zu stärken, die im Bereich Aufklärung, Demokratieförderung und Extremismusbekämpfung arbeiten. Diese beraten, schulen und unterstützen nicht nur Betroffene, sondern auch pädagogisches Fachpersonal, Personal im Gesundheitswesen, Angehörige, Behördenmitarbeiter:innen und viele mehr. Damit erreichen sie die gesamte Gesellschaft und leisten einen unverzichtbaren Beitrag zu einer toleranten und vielfältigen Gesellschaft. Sowohl durch die Gesetzgebung als auch die Projektförderung haben politische Entscheidungen eine Vorbildfunktion und einen realen Einfluss auf die Gleichstellung von LSBTIAQ*.

Engagement gegen Queerfeindlichkeit stärkt Zusammenhalt und unsere Demokratie

Die Ergebnisse des Vielfaltsbarometers zeigen auch: In keiner anderen Dimension von Vielfalt – untersucht wurden beispielsweise auch ethnische und religiöse Vielfalt, Behinderung oder Alter – liegen die Einstellungen von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen so weit auseinander wie bei der Dimension „sexuelle Orientierung“. Die sogenannten Kosmopolit:innen, die Vielfalt per se stark befürworten, erreichen 89 von 100 Punkten. Vielfaltsskeptiker:innen hingegen zeigen ihre Ablehnung gegenüber queeren Menschen deutlich und kommen entsprechend auf nur 35 Punkte. Dies verdeutlicht, wie tief Queerfeindlichkeit in Teilen der Bevölkerung verankert ist.

Schaubild: Zu den Vielfaltsmerkmalen sexuelle Orientierung, ethnische Herkunft und Religion gehen die Einstellungen in Deutschland besonders weit auseinander

Die Politik muss deshalb die rechtlichen Voraussetzungen schaffen, um dieser Form der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit Einhalt zu gebieten. Daneben aber ist auch die Zivilgesellschaft selbst gefordert, queeren Menschen den Rücken zu stärken und breite Allianzen gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zu bilden. Nur so lässt sich ein weiteres Auseinanderdriften der Bevölkerung verhindern. Und nur so erfüllt sich der Anspruch einer liberalen Gesellschaft und einer stabilen Demokratie, in der alle Menschen gleichberechtigt teilhaben können – vor dem Gesetz und im Alltag.

Zu den Autor:innen dieses Beitrags

Dr. Ferdinand Mirbach ist Senior Expert für das Thema Demokratie sowie Vielfaltsbeauftragter unserer Stiftung.

Chantal Müller ist Projektmitarbeiterin beim LSVD+ Verband Queere Vielfalt, der zu unseren Projektpatnern gehört.

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